Den Glauben weitergeben

 

Wer Gutes entdeckt und Wichtiges erkennt, hat einen natürlichen Drang, anderen davon zu erzählen und es ihnen mitzuteilen. Man will gewonnene Einsicht, die einem kostbar scheint, nicht für sich behalten, sondern weitergeben. Und darum wird auch ein Christ von Gott nicht schweigen können. Sondern wenn er im Glauben Heimat fand und Trost und Freiheit dazu – dann gönnt er das auch seinen Freunden und Verwandten. Denn die Menschen, die uns nahe stehen, sind uns schließlich nicht egal! Wir möchten, dass ihnen dasselbe Licht aufgeht wie uns! Doch oft machen wir dann die frustrierende Erfahrung, dass sich unser Gott-Erkennen nicht so leicht vermitteln lässt wie andere Entdeckungen. Denn die Zweifler finden keinen Zugang und stellen immer dieselben Fragen: „Du meinst wirklich, ich sollte an Gott glauben? Aber bist du denn sicher, dass es ihn gibt? Und was da in der Bibel steht, woher willst du wissen, dass es stimmt? Es wäre ja schön, wenn man’s glauben dürfte! Aber hast du Beweise? Kann‘s nicht auch ganz anders sein? Und wenn sich’s doch nicht prüfen lässt – wie kannst du dann erwarten, dass ich mich drauf verlasse?“ Der Gesprächspartner sperrt sich, weil ihm die Sache nicht einleuchtet. Er findet, dass die Beweise des Gläubigen nicht ausreichen, um so weitreichende Folgerungen zu ziehen, denn die Welt lässt sich auch ganz anders deuten. Und wenn Christen dennoch behaupten, die Glaubenswahrheit sei ihnen gewiss, kann sich der Zweifler das nur so erklären, dass es den Christen wohl an der kritischen Vernunft fehlt, die ihn leitet. Er sieht keine zwingenden Argumente. Und selbst wenn’s ihn reizte, das Land des Glaubens zu betreten, könnte er doch über eine so wackelige Brücke nicht gehen. Er findet also keinen Zugang. Und selbst wenn er unsere Einladung zum Glauben höflich ablehnt, werden wir dennoch enttäuscht sein. Denn wir wollten ihm ja etwas Gutes tun, indem wir ihm etwas Gutes mitteilen. Und wenn man uns zum Dank als unkritische Träumer hinstellt, dann ärgert das auch… Woran liegt’s aber, dass wir nicht zusammenfinden? Ich meine: Christen und Nicht-Christen reden oft aneinander vorbei, weil Welt-Erkennen und Gott-Erkennen ganz verschiedene Dinge sind. Und wenn sich die Gesprächspartner darüber nicht im Klaren sind, missverstehen sie sich. Denn der Zweifler nimmt an, man wolle ihm auf der Basis allgemein zugänglicher Erfahrung Argumente vorlegen, die ihn zu christlichen Folgerungen zwingen. Er meint, dass dieser Versuch scheitert. Wir aber empfinden es nicht als Scheitern und protestieren, weil wir uns das, was er meint, gar nicht vorgenommen haben. Wir wollten unseren Glauben durchaus nicht beweisen, sondern bezeugen! Wir wollten den anderen nicht überreden, sondern einladen! Wir wollten ihn keineswegs mit Vernunftgründen zu etwas zwingen, sondern ihm eine neue Perspektive eröffnen! Und weil das verschiedene Vorhaben sind, wird man auch über den Erfolg nicht einig. Denn unser Gegenüber unterstellt, wir wollten mit ihm Schach spielen und hätten nach den Schachregeln verloren. Wir aber wollten Skat spielen und wundern uns, dass er unsere Karten ignoriert… 

Man kommt da erst weiter, wenn einem dieser Unterschied bewusst wird, dass zwar alles Welt-Erkennen vom Menschen ausgeht und unter der Kontrolle der Vernunft steht, dass aber alles Gott-Erkennen von dem Gott ausgeht, der sich darin zu erkennen gibt, wie und wann es ihm gefällt. Gott wird nicht von uns „erforscht“, sondern – umgekehrt – schlägt er uns in seinen Bann. Nach eigenem Gutdünken öffnet er unser Herz, nimmt die Gedanken gefangen, schafft sich Raum im Gemüt und pflanzt den Glauben mitten hinein. Kein anderer als Gott steuert diesen Prozess! Und das bedeutet für unser Gespräch mit den Zweiflern, dass weder sie noch wir eine Verständigung erzwingen können. So lange Gott dem anderen nicht die Ohren öffnet, ist er taub für die Musik, nach der wir tanzen. Kann er aber den Rhythmus nicht hören, der uns beschwingt, muss er auch unsere Bewegung für „unmotiviert“ und „irre“ halten, während wir nicht begreifen, wie er bei solcher Musik überhaupt stillsitzen kann. Nicht selten kommt es darüber zum Streit. Und das ist umso bedauerlicher als die Parteien eigentlich nur von verschiedenen Seiten denselben Sachverhalt beschreiben. Beide entdecken und bezeugen, dass man die Suppe des Glaubens nicht mit der Gabel der Vernunft essen kann – und sollten darüber eigentlich einen Konsens erzielen. Denn wenn sie den profanen Vergleich entschuldigen – ist es nicht wirklich so, dass wir Christen dem Zweifler die Suppe des Glaubens recht einladend vor die Nase stellen, dass der dann aber nach der Gabel der Vernunft greift, die Suppe damit essen will, dabei scheitert, hungrig bleibt – und darüber ärgerlich wird? Wir sagen ihm: Mit der Gabel der Vernunft geht es natürlich nicht. Man braucht den Löffel des Heiligen Geistes! Der Zweifler aber hält uns deshalb für Verächter der Vernunft. Wir loben die Suppe umso mehr, weil sie uns ja immer wieder satt macht! Der andere aber meint, was sich mit einer Gabel nicht essen lasse, sei in Wahrheit gar kein Nahrungsmittel, und den guten Geschmack bildeten wir uns nur ein. Da liegt Ärger in der Luft, der gar nicht nötig wäre! Denn wir haben ja nicht gesagt, dass er die Suppe des Glaubens mit der Gabel der Vernunft essen sollte! Und im Allgemeinen haben wir auch gar nichts gegen diese Gabel, die ganz prima ist für Fleisch und Kartoffeln! Sie ist halt nur ungeeignet für Suppe! Unser Gegenüber ist aber insofern im Recht, als er mit leerem Bauch natürlich nicht vom Nährwert unserer Suppe überzeugt sein kann. Er kann nicht schmecken, was er nicht in den Mund bekommt. Und wir sind nicht in der Lage, ihm den Löffel des Heiligen Geistes mal eben mitzuliefern. Wir können ihm noch so eindrücklich schildern, was der Glaube uns bedeutet – was unser Gaumen schmeckt, wird für den Anderen keine Beweiskraft haben. Und statt sich zu streiten, könnte man einfach zugeben, dass nicht jedes gute Werkzeug jeden guten Zweck erfüllt, und nicht jede Erkenntnismethode zu jedem Gegenstand passt. Weder der Suppe ist das zum Vorwurf zu machen, noch der Gabel. Denn beide sind auf ihre Weise trefflich gut! Aber sie passen nun mal nicht zusammen. Der Gläubige muss darum die Gabel der Vernunft nicht für wertlos halten. Und der Zweifler muss der Suppe des Glaubens nicht den Nährwert absprechen. Es ist kein böser Wille, wenn sie nicht zusammenfinden! Und auch der eifrigste Christ müsste einsehen, dass wer keinen Löffel hat, nur das als Nahrung anerkennt, was er mit seiner Gabel spießen kann. Wenn wir den anderen aber dennoch voranbringen möchten – was können wir dann tun? Können wir denn gar nichts unternehmen, um ihm den Weg zu ebnen, auf dem eine Seele heimkehrt in die Gemeinschaft mit Gott? Doch! Man kann dem anderen vor Augen führen, dass auch sein atheistisches Weltbild eines Beweises entbehrt. Es ist nur eine von vielen Möglichkeiten, das Weltganze zu deuten. Und es ist keineswegs denknotwendig. Man kann ihm zeigen, dass die christliche Weltsicht nicht weniger plausibel ist. Sie lässt sich durchaus gegen eine Vielzahl kritische Anfragen verteidigen. Und man kann seinem Gegenüber die Innenperspektive des Glaubens so schildern, wie man sie selbst erlebt, damit er Gelegenheit hat, sich einmal probeweise „hineinzudenken“. Man kann ihm ganz persönlich als Bote Jesu Christi die Einladung Gottes überbringen, weil Gott natürlich auch diesem Zweifler die Versöhnung anbietet. Man kann ihm davon berichten, wie man selbst misstrauisch und unsicher war, bevor der Glaube sich festigte. Und man kann erklären, warum man heute diese Denk- und Lebensweise nicht mehr missen möchte. Man darf dem anderen versichern, dass sich auf dem Weg des Glaubens nach und nach eine Gewissheit einstellt, die der Gewissheit aus Vernunftgründen nicht nachsteht. Und so lässt sich durchaus etwas tun, um Verstehens-Hindernisse zu beseitigen, damit unser Gegenüber nicht bei irgendwelchen Nebenthemen hängenbleibt, sondern möglichst direkt und unverstellt dem Evangelium – und damit Jesus Christus – gegenübertritt! Da geht so allerhand, das man nicht versäumen soll! Wir können den anderen mit Christus in Kontakt bringen, weil Christus in uns selbst lebendig ist! Und ohne aufdringlich zu sein, können wir doch versuchen, den Zweifler mit dem Heiligen Geist „anzustecken“, weil das die Flamme ist, die uns selbst belebt! Wenn wir den anderen aber dann an die Schwelle geführt haben, wo man Christus gegenübertritt – dann haben wir nicht das Recht, ihn über diese Schwelle hinüberzuschubsen, ihn zu bedrängen oder ihn geistlich zu nötigen. Denn damit würden wir die Grenzen der uns zugedachten Rolle überschreiten und durch unsere Überredungskunst dem Heiligen Geist ins Handwerk pfuschen. Oder hatten wir nicht gerade festgestellt, dass Gott es sich vorbehält, den Glauben zu wecken? Eben darum hat jeder Versuch der Manipulation oder der geistlichen Erpressung zu unterbleiben. Gotteserkenntnis geschieht nicht anders als durch Gott selbst. Und wer ihr mit Zwang oder Suggestion auf die Sprünge helfen will, erreicht nur das Gegenteil. Wir sollen zwar Botschafter an Christi Statt sein und können uns redlich darum bemühen, dass der Mitmenschen im trüben Spiegel unserer eigenen Person Gott begegnet. Wir können ihm die Spuren zeigen, die Gott bei uns selbst hinterlassen hat, die Fesseln, die er uns löste, und die Last, die er uns nahm. Wir stellen dem anderen sozusagen seinen Erlöser vor. Aber was Christus und dieser Mensch dann miteinander machen, liegt nicht in unsrer Hand. Denn ob es Gottes Ratschluss ist, diesen Mensch hier, jetzt und so zu erwählen, anders oder später, durch einen anderen Christen, durch mich – oder vielleicht auch gar nicht: das ist verborgen. Und dem Mitmenschen mit ungewaschenen Fingern in die Seele zu greifen, wäre unanständig und aufdringlich. Denn Christus hat uns nicht ausgesandt, Menschen mit faulen Tricks zu ihrem Glück zu zwingen, sie zum Glauben zu überreden oder zu verführen, sondern ihnen lediglich das Evangelium zu bezeugen. Und weil das kostbar genug ist, um seiner selbst willen angenommen zu werden, sollen wir’s auch nicht anpreisen wie saures Bier. Gewiss sollen wir jederzeit gern, fröhlich und verständlich über unseren Glauben Auskunft geben! Aber wir sind nicht die „Drückerkolonne“ des Himmels. Und wir tun dem Evangelium auch keinen Gefallen, wenn wir’s wem aufschwatzen wie ein Zeitschriftenabo, das er doch gleich wieder kündigt. Wegen seiner Skepsis auf den anderen „böse“ zu sein, wäre erst recht verkehrt, denn er kann sich den Glauben ja ebensowenig „nehmen“ wie wir ihn „geben“ können. Und ihn deshalb in der Weise schlechter Zeltmission anzudonnern, er solle sich gefälligst bekehren, ist auch theologisch falsch. Denn ich verlange dann von ihm, zu tun, was keiner kann, dem es Gott nicht schenkt. Ebenso könnte ich einen Leichnam auffordern, sich selbst aufzuerwecken und sich selbst lebendig zu machen! Es steht nicht in des Zweiflers Macht, weil Gott sich das vorbehält. Und der moralisierende Vorwurf, der andere könnte glauben, wenn er nur wollte, verfehlt sein Ziel. Denn soll er etwa mir zu liebe glauben, weil ich mich so bemüht habe? Oder soll er sich etwas einreden, nur damit ich zufrieden bin? Soll er sich zu etwas zwingen, was gegen seinen Verstand geht und hinterher gar noch meinen, das Opfer des Verstandes sei besonders verdienstlich? Wahrlich, nein! An einem abgepressten oder selbstgemachten Glauben hat Gott keinen Gefallen – da wir ihm ein ehrlicher Heide wohl noch lieber sein! Wenn uns der andere aber so am Herzen liegt, dass wir ihn in der Ewigkeit nicht missen möchten? Und wenn wir die genannten Möglichkeiten des freundlichen Nahebringens ausgeschöpft haben, ohne dass es fruchtete? Na dann gilt es wiederum zu beherzigen, was wir gesagt haben: Gotteserkenntnis geschieht, wenn Gott das will. Und wenn dem Menschen der Löffel des Heiligen Geistes fehlt, kann er die Suppe nicht essen. Was macht es also für Sinn, den armen Menschen zu bearbeiten und zu bedrängen? Viel aussichtsreicher wird es sein, Gott zu bearbeiten und ihn im Gebet zu bedrängen, weil schließlich er es ist, der die Löffel verteilt! Es ist nun mal wahr, dass man mit Zuckerbrot und Peitsche, mit Psychotricks und philosophischen Argumenten keine Christen macht. Und wenn wir dennoch um eines Menschen willen unruhig und in Sorge sind, sollten wir weniger diesen Menschen nerven als unseren himmlischen Vater, der ihn scheinbar bisher überging. Denn wenn wir schon nicht stellvertretend für den anderen glauben können, so können wir doch für ihn beten – und können Gott bitten, bei der nächsten Verteilung des Heiligen Geistes diesen einen doch mal reichlich zu bedenken und damit seiner göttlichen Macht und Gnade gerade an diesem verstockten Klotz ein Denkmal zu setzen. Gebietet nicht schon die Demut einzusehen, dass wir in fremden Seelen nichts zu regieren haben? Dem anderen ins Herz zu greifen, übersteigt unsere Befugnisse! Für ihn zu bitten aber – das gehört zu unserem Auftrag. Solches Bitten kann uns keiner verdenken. Und finden wir die Ohren des Zweiflers verschlossen, so werden doch die Ohren Gottes immer offen sein. Denn Gott weiß es ja so gut wie wir: Der Zweifler kann sich selbst nicht ändern. Und uns gelingt es auch nicht. Der Skeptiker überwindet mich mit seinen Worten genauso wenig, wie ich ihn. Gott aber kennt uns beide und versteht sich drauf, jegliche Art von Blindheit zu heilen. Warum sollten wir also die Macht des Gebets gering schätzen? Christus hat schließlich auch für die Seine gebetet! Und wie Luther einmal sagt, hat er uns damit „…gekrönt, geweiht und gesalbt mit dem heiligen Geist, damit wir alle in Christus Priester seien und priesterlich Amt ausrichten, vor Gott treten und einer für den andern bitten können. Wir können nun allesamt sagen: Christus ist mein Priester worden, hat für mich gebeten und den Glauben und Geist erworben, so bin nun auch ich ein Priester und soll weiter für die Welt bitten, dass Gott ihr den Glauben gebe“ (Pred. zu Mk 7,31-37). Wenn wir also mit Argumenten unser Möglichstes getan haben, dürfen wir uns auf die Fürbitte verlegen und Gott dann mehr zutrauen als dem eigenen hilflosen Gerede. Denn Gott hat Macht über die Herzen. Und wir sind berechtigt, bei ihm vorstellig zu werden und genauso für den Glauben anderer Menschen zu bitten, wie Christus für den unseren bat. Versäumen wir das nicht und nutzen wir diese Chance mit Zuversicht – denn solange diese Erde sich dreht, steht auch Gottes Tür noch offen. Und so lange müssen wir keinen verloren geben, wie stur und unbelehrbar er uns auch scheinen mag…