Wozu ist Kirche da?

 

Dass es um die Kirche gut stünde, kann man nur bei oberflächlicher Betrachtung behaupten. Wohl haben wir in Deutschland Religionsfreiheit und werden um des Glaubens willen nicht verfolgt. Wir haben auch materiell eine solide Grundlage, haben noch Millionen von Mitgliedern, schöne Kirchengebäude und qualifiziertes Personal. Dass es der Kirche deswegen aber schon „gut“ ginge, wird niemand behaupten, der sich näher damit beschäftigt. Denn was nützen funktionierende Strukturen, wenn man nicht mehr weiß, wozu Kirche eigentlich da ist? Von außen wird diese Frage inzwischen ganz offen gestellt. Und wer sie beantworten will, dem weht der Wind der öffentlichen Meinung heftig ins Gesicht. Denn viele Men-schen haben mit Kirche „nichts am Hut“. Sie kennen und verstehen das Christen-tum so wenig wie irgendeine andere Religion. Und da sie persönlich ohne Kirche auskommen, fragen sie, wozu der Aufwand überhaupt gut sein soll.

Erschreckend ist aber nicht dass Außenstehende so fragen, sondern dass die kirchlichen Insider darauf so schüchtern und unsicher antworten. Schauen sie sich nur mal die Broschüren an, mit denen Kirche zu werben versucht! Da heißt es, die Kirche sei doch bunt und offen für alles! Sie sei ein großer Arbeitgeber, ein Kulturträger und eine Bildungsinstitution. Sie bewahre ehrwürdige Traditionen und erhalte Baudenkmäler. Sie fördere die Geselligkeit und den Zusammenhalt der Menschen. Sie betreibe Sozialarbeit und fördere die Jugend. Natürlich stimmt das auch alles! Nur: War es das, wofür Jesus seine Jünger gesammelt, gelehrt und ausgesandt hat? Braucht uns die Welt für das, was andere Institutionen ge-nauso bieten können? Feierlich heiraten kann man heute auch auf dem Standes-amt. Und Bildung holt man sich in der Volkshochschule. Krankenpflege betreiben private Anbieter. Für die Armenfürsorge haben wir ein staatliches Sozialsystem. Und Traditionen pflegt man genauso in den Vereinen. Kultur gibt’s reichlich im Theater. Und für die Kunstgeschichte kann ich ins Museum gehen. Den Zu-sammenhalt fördert die Freiwillige Feuerwehr. Geselligkeit finde ich im Sport-verein. Unterhaltung bietet das Fernsehen. Und wer Trost und Hilfe braucht sucht heute nicht mehr den Pfarrer auf, sondern einen Psychotherapeuten. Wozu also Kirche? Wer braucht diesen gewaltigen Apparat? Wie gesagt – dass die Frage aufgeworfen wird, finde ich überhaupt nicht schlimm, sondern ganz natürlich. Und erschreckend ist allein, dass die Kirchenleute darauf nicht selbstbewusst antwor-ten und nicht auf ihre Kernkompetenz verweisen. Denn tatsächlich gibt es ein Alleinstellungsmerkmal der Kirche! Es gibt eine Aufgabe, die nur Kirche zu lösen vermag, und die das Dasein der Kirche rechtfertigt. Was war es noch gleich? Geht es nicht darum, das Wort Gottes den Menschen so nahe zu bringen, dass Gottes Geist in ihnen ein inneres Glaubensleben weckt und damit verlorene Sünder in Kinder Gottes verwandelt, die nur auf diesem Wege der Verdammnis entgehen und das ewige Leben gewinnen? Ja! Es geht um die Rückführung der Seelen in die Gemeinschaft mit Gott! Denn so hat auch Paulus unsere Aufgabe definiert: „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor 5,20).

„Versöhnung mit Gott“ ist genau das, was die Psychotherapie nicht kann, nicht die Schule und nicht der Pflegedienst. Diese Aufgabe kann der Staat nicht über-nehmen, weil nur Christen wissen, wie man zum Kind Gottes wird. Das Theater wäre damit genauso überfordert wie die Freiwillige Feuerwehr. Denn das Allein-stellungsmerkmal der Kirche ist, dass sie sich weniger mit dem irdischen Wohl als mit dem ewigen Heil auskennt. Und es ist ein Jammer, wenn sie diesbezüg-lich nicht mehr selbstbewusst auftritt, sondern sich dessen, was man Frömmig-keit nennt, fast schämt. Denn es gibt Kirche nicht, damit sie tut, was Schulen, Vereine und Sozialämter auch können. Sondern es gibt Kirche für das, was die andern nicht können. Niemand braucht Kirche, damit von den Kanzeln wiederholt wird, was Politiker und Journalisten auch schon gesagt haben! Sondern es gibt die Kirche, damit sie den Menschen ein Wort verkündigt, dass sie sich selbst nicht sagen können. Es geht wirklich um die Rückführung der Seelen in die Ge-meinschaft mit Gott – und eben nicht um all den andern Kram, der auch ohne Gott funktioniert! Will Kirche aber bei dieser ihrer Sache bleiben, darf sie nicht verschweigen, was die Rückführung zu Gott nötig macht, und muss den Schaden benennen, zu dessen Heilung sie angetreten ist. Einerseits muss man da von Sünde, Gericht und Verdammnis reden. Und andererseits von Buße, Glaube und Heiligung. Da geht es ans Eingemachte, ans persönliche Innenleben und an das Selbstverständnis des Menschen – wo das Evangelium notwendig auf Wieder-stände stößt! Und weil es heikel ist, den Menschen ins Gewissen zu reden, hört man in kirchlichen Verlautbarungen immer weniger von Gottesfurcht und Gottes-liebe, Glaube und Gehorsam, sondern hört ersatzweise gesellschaftspolitische Allgemeinplätze, gegen die niemand etwas einwenden kann. Da spricht man gern mit großen Gesten über Gerechtigkeit, weil ja garantiert jeder Zuhörer für Gerechtigkeit ist. Und man spricht über Menschlichkeit, weil auch dagegen nie-mand etwas haben kann. Man singt ein Loblied auf die Liebe, denn Liebe findet jeder gut. Und genauso gefahrlos kann man für den Umweltschutz sein, für den Frieden, für Solidarität und Menschlichkeit, Offenheit und Toleranz, Gemeinschaft und Freiheit. Über solche Dinge kann man stundenlang reden, ohne dass Wider-spruch zu erwarten wäre. Denn wer wollte schon aufstehen und sagen, er sei gegen den Frieden, gegen die Freiheit, oder gegen Menschlichkeit? Diese Ver-kündigung ist so glatt, dass sich nicht mal Atheisten daran reiben können, denn Glaubenssätze im eigentlichen Sinne kommen gar nicht vor. Diese allgemein-humane Botschaft bietet keine Angriffsfläche und ist auch für Nicht-Christen zustimmungsfähig. Aber was tragen politische Appelle bei zur Rückführung der Seelen in die Gemeinschaft mit Gott? Ich denke wir sollten zu diesem ursprüng-lichen Thema der Kirche zurückkehren und zusehen, wie die aufgeschreckten Herzen wieder in Ordnung kommen durch den Glauben. Denn es muss etwas geben, das im kirchlichen Leben den roten Faden und die erkennbare Mitte bildet, die vom Posaunenchor über den Mutter-Kind-Kreis und vom Gemeinde-brief bis zum Krippenspiel alles miteinander verbindet und das bunte Spektrum zusammenhält. Was aber sollte das verbindende Thema sein, wenn nicht die Rückführung der Seelen in die Gemeinschaft mit Gott, auf die wir mit unserem kirchlichen Tun entweder hinarbeiten (wie etwa in Glaubenskursen), oder aus der sich das kirchliche Tun folgerichtig ergibt (wie z.B. in der Diakonie)? Es gibt nur den einen kirchlichen Auftrag, der immer und überall derselbe ist, und ohne den Kirche von ihrem Thema abkommt. Denn Gottes Volk sind wir nur, soweit wir uns Gottes Ziel aneignen. Und was sollte nach biblischem Zeugnis Gottes Ziel sein, wenn nicht die Gemeinschaft Gottes mit den Menschen? Schon am Anfang schuf Gott den Menschen zu seinem Ebenbild, um mit ihm in ein inniges und liebe-volles Gespräch einzutreten. Als diese Gemeinschaft aber im Sündenfall zer-brach, und der Mensch sich von Gott ab- dem Bösen zukehrte, um künftig für sich selbst und für die Freuden dieser Welt zu leben, da unternahm Gott alles, um den Bruch wieder zu heilen. Er offenbarte sich dem Volk Israel, er teilte seine guten Gebote mit und ließ die Propheten seine Wahrheit verkünden. Er sorgte auch für Menschen, die das alles niederschrieben. Aber warum? Doch nur, um die Seelen zurückzuführen in die Gemeinschaft mit ihm! Als die Zeit gekommen war, wurde Gott selbst Mensch, teilte unser Leben, lehrte seine Jünger, tat große Wunder, starb unseren Tod und öffnete uns einen Weg ins ewige Leben! Alles, um die Seelen zurückzuführen in die Gemeinschaft mit ihm! Gott ließ die Worte und Taten Jesu niederlegen im Neuen Testament, er sandte Apostel aus in alle Welt, er stärkte die Mission durch seinen Heiligen Geist, er schütze seine Ge-meinden in aller Verfolgung und ließ sein Evangelium bis in unsere Tage weiter-tragen! Alles nur, um unsere Seelen zurückzuführen in die Gemeinschaft mit ihm! Wenn am Ende dieses langen Weges aber eine Ortsgemeinde steht, die Kinder tauft, Konfirmanden unterrichtet und zum Gottesdienst ruft – wozu wird dieser Aufwand dann getrieben, wenn nicht um die Seelen zurückzuführen in die Ge-meinschaft mit Gott? Kirche ist nicht berufen, sich in der Welt beliebt zu machen. Sie ist kein Folkloreverein, ist auch nicht für Bildung, Kultur oder Unterhaltung da, sondern sie betreibt all das nur als Mittel zum Zweck, sofern es dazu beitragen kann Menschen neugierig zu machen und zu Gott zu führen. Wenn wir aber fest-stellen, dass andere Ziele leichter zu erreichen wären als gerade dieses, dürfen wir deswegen unsere Zielsetzung doch nicht ändern. Denn Jesus wollte keine Sympathisanten, die ihm aus sicherem Abstand applaudieren, sondern er wollte Jünger, die seinen Weg mitgehen. Und ohne ein verändertes Leben ist das kaum vorstellbar. Man kann Gott nicht besser kennen lernen als durch sein biblisches Wort. Was soll das also für ein Christ sein, der seine Bibel nicht anfasst und nicht darin liest? Man kann Gott nicht näher kommen als im Abendmahl. Was soll das also für ein Christ sein, der diese Einladung jahrelang ausschlägt? Gott will, dass Menschen ihre Hände falten und mit ihm reden. Was ist das also für ein Christ, der niemals betet? Gott will uns segnen durch die Gemeinschaft mit anderen Gläubigen. Was ist das also für ein Christ, der dem Gottesdienst immer fernbleibt und sich den Segen nicht dann und wann abholt? Sind die wohl ernsthaft von Gottes Geist durchdrungen, bekehrt und wiedergeboren, versöhnt und erlöst, gerettet und geheiligt, die von alledem nichts wissen – und nichts wissen wollen? Wenn sie’s aber nicht sind, und wir sie so in Ruhe lassen, haben wir ihnen dann wohl den Dienst erwiesen, den wir ihnen schuldig sind? Natürlich können wir ihnen Bücher ausleihen, wir können ihnen den Gemeindebrief einwerfen, sie zu Orgelkonzerten und Grillabenden einladen. Aber den entscheidenden Dienst hat ihnen Kirche damit noch nicht geleistet. Wir können sie zu Gemeindefahrten mitnehmen und in der Jugendarbeit ihre Kinder bespaßen, wir können ihnen zum Geburtstag gratulieren und sie im Krankenhaus besuchen. Aber wenn’s dabei bleibt und weiter nichts erfolgt, dann haben wir ihnen den entscheidenden Dienst nicht getan. Selbst wenn sie – hoch zufrieden! – uns in aller Freundlichkeit loben und lieben würden, hätten wir unseren Auftrag dennoch nicht erfüllt. Denn Kirche dient der Rückführung der Seelen in die Gemeinschaft mit Gott. Und das ist ihr Alleinstellungsmerkmal, dass sie aus jahrhundertealter Erfahrung die Mittel und Wege kennt, auf denen diese Rückführung gelingt! Wenn sie diese Kernaufgabe aber brach liegen lässt, ist Kirche untreu geworden und hat begonnen sich selbst abzuschaffen. Kirche darf ihr Angebot nicht an der Nachfrage ausrichten, denn ihr Auftraggeber sind nicht etwa die Gemeindeglieder, sondern es ist Gott. Und der hat diese Welt geschaffen, damit wir staunend und lobend zu ihm in Bezie-hung treten. Er hat eine Geschichte mit dem Volk Israel begonnen, damit wir davon hörend zu ihm Vertrauen fassen. Er hat seinen Sohn gesandt, damit wir seine Gnade begreifend wieder mit ihm ins Reine kommen. Gott hat seiner Kirche durch Jahrtausende bewahrt, damit sie das Evangelium überliefert und damit unsere Herzen wandelt. Das alles hat Gott unternommen mit dem einen Ziel, die abgeirrten Seelen zurückzuführen und in ihrem eigensten Interesse die zerbrochene Gemeinschaft wieder herzustellen! Und da sollten wir als Kirche nicht unser Augenmerk auf die persönliche Frömmigkeit richten, auf Buße, Gebet und Versöhnung, auf Wiedergeburt und Heiligung, auf das Wirken des Geistes in Herz und Gewissen und auf jene innerste und tiefste Überzeugung, die wir Glau-ben nennen? Wenn es Gott zentral darum geht, wie kann sich seine Kirche dann in anderen Dingen verzetteln?  

Vielleicht murrt jemand und sagt: „Naja, die fromme Gottesliebe ist doch nicht alles – es gehe in der Kirche doch auch um die Menschenliebe!“ Doch dreht es sich in der Nächstenliebe etwa nicht um die Seele des Nächsten? Wenn jeder Mensch zur Gemeinschaft mit Gott geschaffen und berufen wurde, so dass sein Leben ohne den Glauben nicht gelingen kann – muss dann Nächstenliebe nicht genau darauf zielen, diesen Menschen neu mit Gott in Kontakt zu bringen? Viele wissen gar nicht, dass sie da ein Problem haben – das stimmt! Vielleicht wün-schen sie sich Hilfe ganz anderer, nämlich materieller Art. Doch wenn in der Gottesbeziehung wirklich Sinn und Ziel des Lebens liegt, kann man dann Liebe-res und Wichtigeres für einen Menschen tun, als ihm zum Glauben zu helfen? Natürlich ist es auch schön, jemand satt und gesund zu machen, ihm ein Stück Seife und ein Bett zu geben, na sicher! Doch zum irdischen Wohl könnte ihm notfalls auch der Staat verhelfen, während er zum ewigen Heil tatsächlich unser Zeugnis braucht. Und wenn Kirche sich da versagt, wo sie doch niemand vertre-ten kann (wenn sie vergisst, dass ihre wahre Lebenshilfe in Glaubenshilfe be-steht), wird sie sich kaum damit entschuldigen können, sie habe stattdessen ja Diakonie getrieben. Denn bei allem, was Jesus sonst noch tat, blieb es doch sein Hauptziel, die Saat des Glaubens auszustreuen und durch sein Wort Seelen rückzuführen in die Gemeinschaft mit Gott. Wenn er aber seine Jünger beauftragt hat, sein Werk weiterzuführen – wie wollen wir ihm dann einst gegenübertreten, wenn er wiederkommt? Wollen wir dann sagen: Nein, um das innere Leben der Menschen haben wir uns wenig gekümmert, weil die das auch gar nicht wollten. Wir haben sie aber mit Kirchenkonzerten gut unterhalten? Verkündigt haben wir zwar wenig, aber unsere Computerkurse kamen immer gut an? Jesus würde wohl sagen: Da wart ihr nicht bei der Sache. Und er wäre gewiss nicht zufrieden. Denn dazu hätte Jesus ja nicht Mensch werden und am Kreuz sterben müssen, damit seine Jünger Geselligkeit pflegen. Er hat sie nicht zum Predigen ausge-sandt, damit sie Gemeinplätze über Toleranz und Naturschutz verbreiten, über Mitmenschlichkeit, Frieden und Liebe. Darum wird es Zeit, dass die Kirche aufwacht – und sich besinnt. Denn für Kultur und Bildung, Geselligkeit, Brot und Spiele wird sie nicht gebraucht. Wenn sie aber gebraucht wird, dann eben für das, was nur Kirche kann, und was ihr keiner nachmacht. Und das ist das innere Leben des Glaubens und die Rückführung der Seelen in die Gemeinschaft mit Gott.

Ich weiß schon, dass das „fromm“ klingt. Aber wer braucht eine Kirche, die nicht mal mehr „fromm“ sein will? Die wäre doch wie Jimmy Hendrix ohne Gitarre! Darum: Stellen wir unser Licht nicht unter den Scheffel, seien wir nicht an der falschen Stelle bescheiden. Und wenn uns mal wieder jemand fragt, wozu Kirche gut ist, dann lassen sie uns selbstbewusst antworten und auf unsere Kernkom-petenz verweisen: Wir führen Seelen zurück in die Gemeinschaft mit Gott! Wir tun das durch Gottes Gnade erfolgreich seit 2000 Jahren. Und wenn du möch-test, helfen wir auch dir. Denn das ist unser Auftrag: Gott hat uns das Amt gege-ben, das die Versöhnung predigt, und so – „sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“