Gottes Wort

 

Gottes Wort Wer von Berufs wegen auf die Kanzel steigt und redet, erfährt dabei viel von der Ohnmacht des menschlichen Wortes. Und manchmal denkt er, es sei doch vieles „in den Wind geredet“, weil noch so viele Worte die nicht verändern, die nicht verändert werden wollen. Die Gedanken sind bekanntlich frei, jeder von uns kann seinen Kopf auf Durchzug stellen, und wer nicht hören mag, wird in der Regel auch nichts fühlen. Denn aus der Not heraus haben wir alle Mechanismen entwickelt, um uns vor dem Gerede der anderen zu schützen. Und wenn uns nicht gefällt, was wir hören, lassen wir Worte an uns abperlen wie Tropfen an einem Regenmantel. Wir filtern die vielen Informationen, die auf uns einstürmen, und nehmen uns bei Weitem nicht alles zu Herzen, sondern sagen: „Na ja, der redet ja bloß, das tut uns nicht weh, da kommt viel heiße Luft, aber ich denk mir meinen Teil und befasse mich innerlich mit etwas anderem.“ Worte sind rasch verklungen – und selbst wenn man sie aufschreibt, ist das Papier sehr geduldig. Gesagtes kann man ignorieren und kann es vergessen, man kann es anzweifeln und kann behaupten, man habe es sowieso nicht verstanden. Man kann Worte mit Schweigen übergehen oder sie mit noch mehr Worten zurückweisen – und ist so oder so nicht gezwungen, sie an sich heran zu lassen. Selbst wenn man uns nötigt, etwas anzuhören, entscheiden wir immernoch selbst, ob wir es zu Herzen nehmen. Und wenn wir das nicht wollen, läuft auch der größte Redeschwall ins Leere. Ist das nicht große Ohnmacht, die wir alle schon erlitten haben, weil unsere Worte nicht das Gewicht hatten, das wir ihnen geben wollten? Als Eltern können wir unseren Kindern mit Ermahnungen in den Ohren liegen, aber wir können sie nicht zwingen, unseren Rat zu beherzigen. Bei der Arbeit, im Verein oder in der Politik können wir viel Warnen und Werben, ohne dass man auf uns hört. Und wenn ein Gesprächspartner so richtig verbohrt ist, schütten wir auch die größte Weisheit in ein Fass ohne Boden. „Red‘ du nur!“ – sagt der andere. Und weil menschliche Worte dagegen machtlos sind, schätzt man sie geringer als Taten. Mit Worten stellen wir bloß etwas zur Diskussion. Taten hingegen lassen sich nicht ignorieren! Und so wünscht man sich vielleicht, die eigenen Worte hätten die Durchschlagskraft von Taten. Aber es gibt nur einen, bei dem das klappt, weil seine Worte wirklich Taten sind. Und das ist Gott. Denn wenn uns die Bibel Gottes „Wort“ übermittelt und uns als Gottes Wort begegnet, dann ist das nicht zu vergleichen mit dem ohnmächtigen Gerede von Menschen. Gottes Wort ist kein „Diskussionsbeitrag“, den er uns zu erwägen bittet. Und Gottes Wort steht auch nicht in Alternative zu „richtigen Taten“, sondern Gottes Wort ist Tat. Im Unterschied zum menschlichen Palaver gibt es bei Gott keine Worte, aus denen nichts folgte, und keine, die ihre Wirkung verfehlten. Im Unterschied zu uns bringt Gott nicht bloß Worte hervor, sondern sein Wort schafft selbst die Ohren, die es dann hören sollen. Und Gottes Wort ist auch mächtig, diese Ohren zu öffnen oder zu verschließen. Bei uns ist das natürlich ganz anders: Ein Mensch der gehört werden will, muss die anderen bitten, ihm „das Ohr zu leihen“ und ihm „Gehör zu schenken“. Gottes Wort aber kann die Ohren schaffen, die das Gegenüber haben muss, um Gottes Wort zu hören, es schafft auch den Verstand, durch den Gottes Wort verstanden wird, und das Herz, in dem es Raum findet. Gottes Wort ist auf diese besondere Weise „schöpferisch“, dass es nicht bloß Fakten beschreibt, die unabhängig von diesem Wort schon gegeben sind, sondern Fakten schafft, die erst durch dieses Wort und mit diesem Wort entstehen. Und was noch seltsamer ist: Gottes Wort richtet sich nicht an Empfänger, die unabhängig von seinem Wort existierten, sondern an Empfänger, die überhaupt nur da sind, weil Gott zu ihnen reden möchte. Bei Menschen-worten ist das völlig anders, denn wenn sie und ich nicht kommunizierten, bliebe doch jeder von uns, was er ist. Wenn Gott aber nicht mit uns kommunizierte durch sein schöpferisches Wort, gäbe es uns gar nicht! Gott schuf uns Men-schen, damit wir seine Gesprächspartner sind. Und er schuf uns durch sein allmächtiges Wort, das zu hören und dem zu antworten unsere Bestimmung ist. Gottes Wort schenkt dem, mit dem es reden will, überhaupt erst die Existenz! Und wie sehr es sich in dieser unmittelbaren Wirkmacht von Menschengerede unterscheidet, sehen wir schon im ersten Kapitel der Bibel. Denn dort im Schöpfungsbericht benutzt Gott kein anderes Werkzeug oder Instrument als nur sein Wort allein. Gott sprach: „Es werde Licht!“ Und es ward Licht. Gott sprach: „Es werde eine Feste zwischen den Wassern…“ Und es geschah so. Im ganzen Schöpfungsbericht geht das so weiter! Gott braucht weder Material (denn er schafft aus „nichts“), noch braucht er Werkzeug (weil sein Wort genügt). Es reicht, dass er einen Befehl ausspricht, und schon steht fertig da, was er ge-wünscht hat, denn Gottes Wort wirkt unwiderstehlich. Ihm wohnt die seltsame Macht inne, zu schaffen, wovon es redet. Und die Bibel bestätigt das auch, wenn wir von der Schöpfung zu Jesus Christus springen, der ja in eigener Person Gottes Wort ist und Gottes Wort redet. Denn in ihm begegnet uns genau dieselbe unmittelbar wirkende Macht wie im Schöpfungswort des Anfangs. Wenn Jesus einen Besessenen trifft, macht er keine langen Zeremonien, sondern befiehlt dem Dämon, aus dem Menschen auszufahren – und der tut’s auf der Stelle. Wenn Jesus einen Gelähmten trifft, verschreibt er ihm keine Medikamente, sondern sagt „Steh auf, nimm dein Bett und geh“ – und der Gelähmte tut’s unverzüglich. Jesus beruft Jünger durch sein Wort, und sie sind berufen. Er vergibt Sünden durch sein Wort, und sie sind vergeben. Und wenn er Tote auffordert lebendig zu werden, dann sind sie es kraft seines Wortes noch im selben Moment. Denn Jesus Christus ist Gottes Wort in Person, und alle Kreatur muss der Stimme gehorchen, die sie ins Dasein gerufen hat. Das lebensspendende Wort des Schöpfers wirkt, was es sagt. Es beschreibt Dinge nicht bloß, sondern verwandelt sie und hat damit die durchschlagende Wirkung, von der schon der Prophet Jeremia zeugt: „Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“ (Jer 23,29) Solche Verse machen deutlich, dass Gottes Wort nicht mit menschlichem Gerede auf einer Stufe steht. Denn bei Gott gibt es kein hilfloses Lamentieren. Und wenn er redet, dann sind das auch keine Vorschläge. Wenn Gott spricht, ist das nicht als Diskussionsbeitrag ge-meint. Und er fragt auch nicht, ob es dem Publikum beliebt, ihm Gehör zu schenken. Nein! Gottes Wort gilt bedingungslos, es wird niemals widerrufen, und sobald er es ausspricht, hat er damit Fakten geschaffen. Denn Gottes State-ments beschreiben keine Taten, sondern sind Taten. Und was er ankündigt, ist schon so gut wie passiert. Wenn Gott eine Absicht erklärt, geht eher die Welt unter, als das er seine Absicht nicht umsetzte. Für uns ganz konkret und per-sönlich heißt das aber: Gottes Anrede an uns schafft eine Situation, der wir uns, wenn wir gehört haben, nicht mehr entziehen können. Denn Gottes Wort an uns verklingt nicht mehr, es veraltet und vergeht nicht, sondern ist eine dynamische Macht, die uns trägt, wenn wir mit ihr gehen, und die uns überrollt, wenn wir uns entgegenstellen. Es wird uns entweder zum Schöpfungswort, das uns heilt und uns neues Leben schenkt, indem es Leben und Gerechtigkeit zusagt, oder es wird zu dem Hammer, der unseren Felsen zerschmeißt, uns das Urteil spricht und uns verdammt. Eine dritte Möglichkeit gibt es aber nicht, weil Gott, der mit uns spricht, auf Antwort wartet und Ausreden nicht gelten lässt. Er weiß, dass wir seinen Ruf gehört haben, und wir wissen, dass er es weiß! Wer von Gott angesprochen wird, kann ihn darum nicht ignorieren, sondern muss sich so oder so zu Gott in Beziehung setzen. Und wenn er sich taub stellen will und verlegen unter den Tisch schaut, wird auch diese Verweigerung einer Antwort eine deutliche Antwort sein. Auch die verweigerte Kommunikation ist dann Kommuni-kation. Denn Gottes Wort bringt uns in Zugzwang – und soll es auch. Den einen wird das Evangelium dann ein Geruch zum Leben, und den anderen ein Geruch zum Tode (2. Kor. 14-16). Aber Bedenkzeit fordern und sich Optionen offen halten – das geht nicht. Denn zu dem, was Gottes Wort in Christus getan hat, muss sich der Mensch verhalten. Wird das Wort von der Gnade dankbar auf-genommen, wird eben damit die Gnade zum Ereignis, und der, der an sie glaubt, hat sie dann auch. Wird das Wort von der Gnade aber stolz abgelehnt, ist damit die Gnade abgelehnt, und der, der sie meint nicht nötig zu haben, wird auch keine Gnade erfahren. Das eine ist mit dem anderen unmittelbar gegeben! Denn da ist nicht einerseits die Gnade, und andererseits das Wort, das von ihr redet, sondern die Gnade ist im Wort enthalten, und das Wort in der Gnade. Da ist nicht einerseits Jesus, und andererseits das Wort, das von ihm erzählt, sondern Jesus ist im Wort, das Wort ist Jesus, und er wird mit dem Wort zugleich angenommen oder abgewiesen. Da ist nicht einerseits das Reich Gottes, und andererseits die Botschaft vom Reich, sondern das Reich ist in der Botschaft enthalten, und wenn die einen Menschen erreicht, erreicht und ergreift ihn Gottes Reich und wird im Hören und Glauben zum Ereignis. Gottes Wort erzwingt auf diese Weise eine Entscheidung, die so oder so unser ganzes Leben bestimmt. Und darum sagt der Hebräerbrief: „Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“ (Hebr. 4,12) Warum ist das aber so? Warum ist Gottes Wort nie harmlos, sondern immer eine so scharfe Klinge? Es liegt einfach daran, dass die biblischen Berichte in Appelle einmünden, in Aufforderungen, oder noch klarer gesagt: in Befehle. Denn Gott macht uns in der Bibel nicht nur Mitteilung von alten Ge-schichten, die einst in Palästina geschahen, sondern er weist uns zugleich an, den Weg zum Heil zu gehen, den Christus damals eröffnet hat. Und diese Anweisung ist nicht als unverbindlicher Vorschlag gemeint. Jesus sagt: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Mt 4,17), „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit“ (Mt 6,33), „Geht hinein durch die enge Pforte.“ (Mt 7,13), „Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Joh 14,1), „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor 5,20). Das Evan-gelium ist nirgends nur Bericht – es ist immer zugleich Appell, weil Gottes uns nicht nur freundlich mitteilt, dass ein Weg zum Heil existiert, und nicht nur erklärt, wie dieser Weg zu beschreiten ist, sondern uns ausdrücklich und ernst aufruft und ermahnt, diesen Weg auch schleunigst zu gehen. Und wer sich daraufhin nicht in Bewegung setzt, muss wissen, dass er damit einen Befehl Gottes missachtet und seine Seele verloren gibt. Denn das Evangelium zu hören, ist zwar ein Vorrecht. Es ist zugleich aber auch ein Auftrag. Und für den Sünder, der das einmal begriffen hat, wird Gottes Befehl zur Pflicht. Wenn er schließlich seinen Sohn hingibt und diesen höchsten Preis bezahlt, um uns den Weg zum Heil zu öffnen, wäre es da nicht ein Schlag in Gottes Gesicht, diesen Weg nicht unverzüglich zu gehen? Gott hat es uns nicht etwa freigestellt, uns seinem Wort zu beugen und gerettet zu werden, sondern er hat uns geboten, seine ausge-streckte Hand zu ergreifen! Er weiß, dass wir gehört haben, und wir wissen, dass er es weiß! Kann man da noch lange diskutieren, ob man wohl auch Lust hat, sich erlösen zu lassen? Kann man es abweisen, wenn man mit so viel Liebe und Autorität aufgefordert wird, sich den Hals retten zu lassen? Kann man zweifeln, ob man das Recht zum Glauben hat, wenn Gott selbst uns den Glauben zur Pflicht macht? Es kann nie fraglich sein, ob einer das Recht hat, seine Pflicht zu tun! Es kann niemals ein Fehler sein, dem Schöpfer zu gehorchen! Und wenn er uns in sein Reich einlädt, haben wir kein Recht wegzubleiben. Solange wir überhaupt anerkennen, dass Gott Gott ist, gibt es da wenig zu überlegen! Wer solche Einladungen ausschlägt, beleidigt den Gastgeber! Und darum ist Gottes Wort keine belanglose Mitteilung, sondern ein Eingriff in unser Leben, der es auf Messers Schneide stellt und seine Wirkung so oder so nicht verfehlt. Gottes Wort wird tun, was es verspricht, und niemand wird den Vollzug aufhalten. Gottes Wort hat die Dynamik einer riesigen Meereswoge, die alles, was mit ihr schwimmt, bis zum Horizont davon trägt, und alles, was sich entgegenstellt, auf den Grund hinunterdrückt und unterpflügt. Wenn ich Gott seine Gnade glaube, wird sie mir auch gelten und wird mich tragen bis in Gottes Reich hinein. Wenn ich Gott aber misstraue, habe ich mich seiner Gnade entzogen und mache Bekanntschaft mit seinem gerechten Zorn. Das Evangelium kommt zu mir, damit sich durch seine Botschaft bei mir ereigne, wovon die Botschaft berichtet. Gottes Selbstmitteilung kommt einer Neuschöpfung gleich, weil sie den Menschen umdreht, überwindet und neu erschafft. Doch wo wir uns die Ohren verstopfen, da klopfen die Boten den Staub von ihren Füßen, nehmen den Segen wieder mit und lassen uns friedlos zurück. Darum verwechsle bitte niemand Menschenwort und Gotteswort! Denn das eine ist heiße Luft – und das andere eine scharfe Klinge! Durch menschliches Gerede wird die Wirklichkeit bloß beschrieben oder interpretiert. Doch durch Gottes Wort wird sie umgestaltet und verwandelt. Menschliches Stottern und Lallen bewegt sehr wenig. Gottes Wort aber hat durchschlagende Kraft. Und wo es einmal laut geworden ist, kann hinterher keiner mehr sagen, er hätte nichts gehört. Denn Gottes Wort erhebt Anspruch auf unser Leben, und wir müssen ihm gegenüber Farbe bekennen. Hat Gott gerufen, so ist keine Antwort auch eine Antwort. Und darum ist der Umgang mit Gottes Wort alles andere als harmlos. Für die einen ist es das Beste überhaupt, weil sie‘s gerne hören, dem Wort folgen, getröstet, begnadigt und gerettet werden. Für die anderen aber ist es furchtbar ärgerlich, weil sie‘s ungern hören, vergeblich gegen Gottes Wort anrennen und letztlich daran scheitern. Für die einen wird es zum Eckstein und zum Fundament, auf das sie fröhlich bauen, für die anderen aber zum Stolper-stein, über den sie stürzen und an dem sie zerschellen. Darum ist es mit dem Predigen auch eine viel ernstere Sache, als man gewöhnlich denkt. Denn es ist nicht Auftrag des Pfarrers, seine subjektiven Ansichten zu verbreiten, sondern Gottes Wort weiterzugeben. Und gelingt das, so hat er der Gemeinde nicht bloß etwas gesagt, sondern etwas getan. Wenn’s wirklich Gottes Wort war, sind die Angeredeten unter Zugzwang, dem Herrn zu gehorchen, der in seinem Wort zu ihnen kam. Dass dies für uns aber nicht nur eine kritische, sondern vor allem eine heilsame Situation sei, die uns hellwach macht und auf die Füße bringt, das schenke uns der, der taube Ohren öffnen und träge Herzen bewegen kann!