92 • Taufe

Wozu soll man (sich) taufen (lassen)?                            Dieser Text als Video 

 

Die Taufe ist ein Fest des Dankes

Wenn zwei Menschen Eltern werden, wird ihnen darin ein Geschenk zuteil. Sie sind zwar beim Werden des neuen Lebens aktiv beteiligt gewesen: Vom ersten Gedanken an ein Kind über Zeugung, Schwangerschaft und Entbindung bis zur Pflege des Säuglings. Und doch haben sie ihr Kind nicht „gemacht“. Wäre es ein „Produkt“ der Eltern, so würde es ihnen auch gehören wie ein „Besitz“ (und es gäbe keinen Grund, irgendwem zu danken). So ist es aber nicht: Kinder werden ihren Eltern geschenkt, sie werden ihnen von Gott dem Schöpfer als kostbare Gabe und als Aufgabe anvertraut. Das ist eine große Ehre und ein Vertrauensbeweis zugleich. Denn Gott hält uns für würdig, Mitarbeiter und Werkzeuge seines schöpferischen Tuns zu sein. Er beteiligt uns an dem wunderbaren Geschehen, durch das er das Leben auf dieser Erde erhält und von Generation zu Generation erneuert. Die Taufe ist eine Gelegenheit, ihm dafür zu danken.

 

Die Taufe unterstellt uns der Herrschaft Gottes

Neugeborene Kinder ähneln jenen Inseln, die nach Vulkanausbrüchen manchmal aus dem Meer emporsteigen. Sie sind neues Land – Niemandsland. Nur dass das nicht so bleibt. Denn schnell kommt jemand, um seine Fahne darauf zu errichten und dem beginnenden Leben seinen Stempel aufzudrücken. Viele strecken ihre Hände aus, um auf dem „unbeschriebenen Blatt“ erste Linien zu zeichnen und in der Seele des Kindes ihre Spuren zu hinterlassen. Und nicht alle meinen es gut. Auch der Teufel ist ganz vorne dabei. Eltern aber können durch die Taufe dafür sorgen, dass Gott als erster seine Hand auf das Kind legt. Sie geben ihr Kind Gott zu Eigen und sagen: „Hier ist unser Kind, Herr, es ist Neuland, errichte du als erster deine Fahne darüber. Nimm du diese kleine Seele in deine Obhut, bevor ein anderer sich ihrer bemächtigt.“ Wird das Kind daraufhin im Namen des dreieinigen Gottes getauft, trägt es fortan unwiderruflich und unauslöschlich Gottes Zeichen an sich. Es ist Gottes Kind geworden. Und es kann später unter Berufung auf seine Taufe die Ansprüche all derer abweisen, die zu Unrecht sein Leben bestimmen wollen.

 

Die Taufe ist ein Ersäufen des „alten Adam“

Neugeborene Kinder gelten als Inbegriff der Unschuld und Reinheit. Doch stimmt das leider nur zur Hälfte. Sie sind natürlich unschuldig, insofern sie noch keine Gelegenheit hatten, durch konkrete Taten schuldig zu werden. Sie sind deswegen aber nicht frei von dem Grundübel und der fatalen Anlage, die uns Erwachsene sündigen lässt. Die Neugeborenen sind schon infiziert mit jener seelischen Krankheit, die die Bibel „Sünde“ nennt – nur dass sich die Symptome dieser Krankheit noch nicht zeigen. Doch wer wollte (nur weil jene „Symptome“ fehlen) daran zweifeln, dass die Kinder von unserer Art und also: von der Art Adams und Evas sind? Der Taufakt mit Wasser, bei dem ursprünglich der ganze Mensch untergetaucht wurde, symbolisiert, dass das, was an dem Kind „alter Adam“ ist, „ersäuft“ werden soll. Aber das geschieht natürlich nicht zum Schaden des Kindes. Ganz im Gegenteil! Das, was dieses Kind von Gott trennt, was seine Seele belastet, und sein Leben beeinträchtigt, soll „ersäuft“, „umgebracht“, „abgestreift“ und der Vergangenheit anheim gegeben werden. Ein Heide stirbt – und ein Christ wird geboren.

 

Die Taufe ist ein Abwaschen der Sünde

So wie Wasser eine tödliche Wirkung haben kann, kann es auch eine reinigende Wirkung haben. Es spült den Schmutz von uns herunter. Und auch das kommt in der Taufe zum Ausdruck: Sie bringt das Kind in eine ganz enge Verbindung mit Christus, also in Verbindung mit dem, der durch sein Sterben am Kreuz alle Schuld überwunden hat. Christus ist frei von Sünde und ganz rein – und wer mit ihm durch die Taufe verbunden ist, wird dadurch so rein wie Christus selbst. Die Taufe ist also tatsächlich ein reinigendes Bad – nur dass nicht der Körper, sondern die Seele gewaschen wird. Das Übel, das der Seele des Täuflings anklebt, wird gelöst und abgespült, er ist befreit davon und lässt es hinter sich. Ein weißes Taufkleid ist ein sehr schönes Zeichen dafür!

 

Die Taufe ist ein Auferstehen mit Christus

Das Taufwasser hat noch eine dritte Bedeutung. Denn Wasser hat nicht nur bedrohliche und reinigende sondern auch lebensspendende Kraft. Und diese lebensspendende Kraft des Taufwassers liegt wiederum darin, dass es den Täufling mit Christus verbindet. Denn Christus ist der, der an Ostern dem Tod die Macht genommen und in seiner Auferstehung über den Tod triumphiert hat. Wer durch die Taufe zu Christus gehört, ist darum dem Tod entzogen. Denn der Tod hat nicht die Macht, jemanden aus der Hand Jesu Christi zu reißen. Natürlich muss auch der Christ irgendwann sterben. Aber dieses Sterben ist für ihn nicht Zerstörung sondern nur Wandlung – ein Durchgang zum ewigen Leben.

 

Die Taufe ist ein „Zuvorkommen“ Gottes

Der Gedanke liegt nahe, dass die Taufe, wenn sie so große Vorteile mit sich bringt, wahrscheinlich an Vorbedingungen geknüpft ist. Man fragt sich, was man wohl tun muss, um der Taufe würdig zu sein. Welche Verdienste muss man vorweisen? Doch ist es ein großer Vorzug der Kindertaufe, dass sie solche Gedanken ausschließt. Sie bringt deutlich zum Ausdruck, dass die Taufe „gratis“ ist, weil sie allem Tun des Taufkindes zuvorkommt und zu einem Zeitpunkt erfolgt, wo der Mensch noch rein gar nichts vorzuweisen hat: Keine guten Werke und keine frommen Gedanken, kein erfolgreiches Leben und keine Tugenden. Kinder stehen mit leeren Händen vor Gott. Und darin können sie uns Vorbild sein. Denn genau das ist die richtige Haltung, um etwas zu empfangen, das wirklich Gnade ist.

 

Die Taufe ist ein Geschenk, das ausgepackt werden will

Die Taufe ist ein echtes Geschenk. Der Schenker knüpft sie nicht an Vorbedingungen. Und er hat es auch nicht auf eine Gegenleistung abgesehen. Nur eines will er: Dass wir das Geschenk auspacken und uns daran freuen. Denn das ist ja ärgerlich, wenn man etwas Wertvolles verschenkt, und der Beschenkte sein Päckchen nicht öffnet, sondern achtlos in irgendeinen Schrank legt und vergisst. Gehen nicht viele Menschen so mit ihrer Taufe um? Sie sind zu Rittern geschlagen – aber sie kämpfen nicht. Sie sind zu Botschaftern ernannt – aber sie machen den Mund nicht auf. Christus hat ihnen seine Freundschaft zugesagt – aber sie leben, als würden sie ihn nicht kennen. Und sie schaden sich damit selbst. Denn wie kann ihnen die Taufe nützen, wenn nicht der Glaube hinzukommt, durch den die Taufe ihre Kraft entfaltet? Erst durch entschlossenen Glauben nehme ich das Geschenk der Taufe an, bejahe meine Taufe und schlage in Gottes ausgestreckte Hand ein.

 

Die Taufe ist eine Selbstverpflichtung der Gemeinde, der Eltern und Paten

Damit ein Mensch bewusst „Ja“ zu seiner Taufe sagen kann, muss er ein gewisses Alter erreicht haben. Aber noch mehr: Es muss ihm jemand von seiner Taufe erzählt, und es muss ihm jemand erklärt haben, was seine Taufe bedeutet. Es ist also nicht damit getan, ein Kind taufen zu lassen. Es soll auch durch eine christliche Erziehung zum Glauben hingeführt werden. Und das liegt in der Verantwortung der Eltern und der Paten. Auch die Gemeinde macht dazu entsprechende Angebote: Durch den evangelischen Kindergarten, den Kindergottesdienst, den Konfirmandenunterricht und die Konfirmation. Das Engagement der Eltern und Paten ist dadurch aber nicht zu ersetzen!

 

Die Taufe ist die Aufnahme in die Kirche Christi

Durch die Taufe wird ein Mensch Glied der christlichen Kirche. Und das ist ein Akt von rechtlicher Bedeutung. Doch ist die Taufe sehr viel mehr als der Beitritt zu einem Verein. Wer ein Glied der Kirche ist, ist ein Glied am Leibe Christi. Und so unlöslich wie ein Körperteil am anderen hängt, so unlöslich ist er mit Jesus Christus verbunden. Zugleich aber verbindet ihn die Taufe mit all den anderen Christen der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft. Er ist durch seine Taufe beheimatet in der „Gemeinschaft der Heiligen“ – nämlich in der Gemeinschaft all jener, die durch die Vergebung ihrer Schuld gereinigt und geheiligt wurden.

 

Die Taufe ist ein für alle Mal und immer wieder neu

In der Taufe handelt nicht eigentlich der Pfarrer, sondern Gott selbst handelt am Täufling. Deswegen ist die Taufe auch unwiderruflich. Was Gott tut, kann kein Mensch rückgängig machen – auch der Getaufte selbst nicht. Und das ist sehr tröstlich. Denn wie oft ich auch in Zweifel falle, wie oft ich auch Gottes Willen verfehle – meine Taufe bleibt gültig. Gottes großes Angebot bleibt bestehen, und seine Hand bleibt ausgestreckt. Er hat ein für allemal gesagt „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“. Dies ist der feste Boden meiner Taufe, auf den ich nach allen Irrwegen immer wieder zurückkehren kann. Und das ist viel wert. Denn so treu und verlässlich wie Gott ist keiner von uns. Immer wieder geraten wir auf Abwege, immer wieder entfernen wir uns von Gott. Und darum ist unsere Taufe auch immer wieder aktuell. Immer wieder muss der „alte Adam“ ersäuft werden, damit wir Raum gewinnen für das neue Leben in Christus. Der äußere Akt der Taufe muss dazu nicht ständig wiederholt werden. Aber innerlich dürfen wir immer wieder zur Taufe zurückkehren, um neue Kraft zu schöpfen aus dem Wissen: Ich bin getauft!

 

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