103 • Gebet

Lässt Gott mit sich reden?                                              Dieser Text als Video 

 

Es gibt ein Buch, das trägt den Titel „Beten ist menschlich“. Und ich finde, dass das ein schöner Titel ist. Es klingt sympathisch und einladend, wenn man sagt: „Beten ist menschlich“. Wenn man allerdings erklären soll, was damit gemeint ist – dann wird es schwierig. Denn: „Beten ist menschlich“ – soll das besagen, dass das Beten eine natürliche Fähigkeit des Menschen ist, etwas, was man eben „kann“, wie man lachen und weinen, essen, trinken und schlafen „kann“? „Beten ist menschlich“ – soll das heißen, es verhielte sich mit dem Beten so wie mit dem Laufen: Irgendwann als Kleinkind hat man es gelernt, und dann kann man es für den Rest seines Lebens?

Wäre der Buchtitel so gemeint, müsste man widersprechen. Denn laufen lernt jeder irgendwann. Aber beten lernen manche nie. Das Beten versteht sich keineswegs von selbst. Und wenn Menschen damit Schwierigkeiten haben, wenn sie sagen: „Ich kann nicht beten“, dann glaube ich ihnen, dass sie es ernsthaft versucht haben. Denn wenn man es recht bedenkt, ist das Scheitern am Gebet gar nicht verwunderlich. Was schließlich ist weniger selbstverständlich, was ist erstaunlicher als dies, dass Menschen mit Gott im Gespräch sein können? Das Beten liegt uns keineswegs im Blut. Wir sind nicht so ohne weiteres per „Du“ mit Gott. Er ist uns erst einmal fremd. Und es sind durchaus Zweifel angebracht, ob er mit sich reden lässt.

Denn: Hätte er Grund, mit Sündern zu reden? Und umgekehrt: Lassen wir mit uns reden? Suchen wir wirklich das Gespräch mit ihm? Auch für uns gäbe es Gründe, ein solches Gespräch zu vermeiden. Denn wir wissen, dass wir für Gott keine ebenbürtigen Gesprächspartner sind. Wir sind aus krummem Holz geschnitzt – sind nicht, wie wir sein sollten. Und darum suchen wir nichts weniger, als ein offenes Gespräch mit Gott. Denn wenn wir uns darauf einließen, könnte er uns ja zur Rechenschaft ziehen und könnte uns Fragen stellen, auf die wir keine Antwort wissen. Adam, als er von der verbotenen Frucht gekostet hatte, versteckte sich vor Gott – und er wusste warum. Er wollte der Frage ausweichen, die Gott ihm dann doch stellte: „Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?“ (1. Mose 3,11) Und selbst ein Mann wie der Prophet Jesaja fürchtete sich vor der direkten Begegnung mit Gott. Als ihm Gott gegenübertrat, als er vor ihm stand, da sagte Jesaja nicht etwa: „Prima, jetzt kann ich dir alles erzählen, was ich dir schon immer erzählen wollte, und fragen, was ich dich schon immer fragen wollte!“ Sondern er sagte: „Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen...“ (Jes 6,5) Sollten unreine Lippen beten können? Sollte Gott geneigt sein, Aufrührern freundlich zuzuhören? Nein. Gott verhängt über den Menschen, der ihm nicht Rede und Antwort stehen will, sein Gericht. Er hüllt sich in Verborgenheit, er offenbart seinen Zorn – und ein unüberwindlicher Graben tut sich auf. Sollte da ein Gebet von der einen Seite auf die andere dringen?

Auch Martin Luther hat mit dieser Frage gerungen. Und auch er hat gefunden, dass sich das Beten nicht von selbst versteht. Luther war zunächst Mönch gewesen. Und da hatte er in Sachen Gebet einiges durchprobiert. Er gab sich immer große Mühe dabei. Aber die Worte, die er gen Himmel schickte, die tropften von der Decke seiner Klosterzelle wieder herunter – sie kamen irgendwie nicht an. Dass es keinen Sinn hat, Gott mit vielen Worten, mit unendlichen Litaneien, mit Ave-Marias und Rosenkränzen in den Ohren zu liegen – das merkte er schnell. Die Menge der Worte macht’s nicht. Darum hat Luther versucht, besonders innig und intensiv, besonders konzentriert und diszipliniert zu beten. Aber das Ergebnis war dasselbe. Er drang nicht zu Gott durch. Und er musste lernen, dass auch die Intensität des Gebets nicht der Schlüssel ist. Auch mit den innigsten und heftigsten Gebeten kann man nichts erzwingen. Irgendwann aber begriff Luther, wo der Fehler lag. Es ist nämlich ganz gleich, ob man Gott durch die Masse der Gebete oder durch ihre Intensität beeindrucken will – es bleibt immer ein Versuch, den Graben zwischen uns und Gott aus eigener Kraft zu überwinden. Und das kann nicht gelingen. Denn es gibt keine Gebets-“Technik“, mit der das zu schaffen wäre. Mag der Beter sich in eine Mönchskutte kleiden oder in eine modernere „spirituelle“ Gewandung, mag er sich mit dem Fleiß des Vielbeters schmücken oder mit fernöstlichem Tiefsinn, sitzend oder stehend, rezitierend oder schweigend, asketisch, ekstatisch oder nüchtern – es bleibt bei Goethes Verdikt: „Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken, du bleibst doch immer, was du bist.“ – ein Sünder nämlich, einer, der keinen Zugang zu Gott hat.

Allerdings ist das in dieser Sache nicht das letzte Wort. Denn am Ende hat Luther entdeckt, dass es doch einen Weg gibt. Es gibt eine Brücke, die den Graben überspannt, die aber nicht von uns, sondern von Gott geschlagen wird. Denn ein Gewand gibt es, eine Kleidung, in der der Mensch betend vor Gott erscheinen darf. Luther sagt: „...Gott kann’s nicht leiden, dass wir mit ihm handeln ohne Christus, so wie wir Toren es gelehrt haben, als ob wir in unserem Namen zu Gott kommen müssten. Gott wird nicht anders angebetet, als ... so, dass du bekleidet bist, mit Christi Kleidern, seinem Namen und seinen Gaben, so dass du sogar selber Christus bist. Dann wirst du Erhörung finden.“ Ein seltsames Bild ist das. Aber was es bedeutet, ist klar. Zum einen: Gott kann’s nicht leiden, dass wir mit ihm handeln ohne Christus. Und das heißt: Ohne eine Vermittlung durch Christus kann man nicht beten. Er muss uns seine Kleider leihen, damit es klappt, er muss dabei sein, wenn wir Gott unter die Augen treten. Denn wenn er nicht unser Bruder geworden wäre, dürften wir es nicht wagen, seinen Vater als unseren Vater anzusprechen. Wer das nicht bedenkt und in plumper Vertraulichkeit meint, er sei mit dem lieben Gott auf Du und Du, der weiß nicht, worauf er sich einlässt.

Zum anderen ist mit jenem Bild aber gesagt, dass Gott mit uns auf Du und Du sein will. Er sucht und findet einen Weg, uns gesprächsfähig zu machen. Denn wer sich an Christus hält, wird neu eingekleidet. Christus nimmt ihm das Bettelgewand der Sünde von den Schultern, um es selbst zu tragen. Und wiederum nimmt Christus den Mantel seiner Gerechtigkeit von den Schultern und hängt ihn dem Sünder um. Bekleidet mit Christi Kleidern kann der Mensch dann Gott gegenübertreten. Seine Schuld ist getragen, seine Lippen sind rein geworden, sein Gebet dringt nun durch, es findet Gehör beim Vater. Und ob es Gott gefällt – das ist unter diesen Umständen gar keine Frage mehr. Denn das Gebet im Namen Jesu stütz sich ja nicht mehr auf des Menschen Andacht, Konzentration und Wortwahl, sondern es stützt sich allein auf Christi Verheißung. Er hat gesagt: „Wahrlich, wahrlich…: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben.“ (Joh 16,23) Und wer das nicht vergisst, wird finden, dass Beten viel einfacher ist als man denkt. Ja: So ungeschickt wir uns auch anstellen – beten wir nur in Christi Namen, so gefällt es Gott wohl. Und alle problematischen Fragen treten in den Hintergrund. Was soll ich sagen, wenn ich bete? Soll ich Gott alles erzählen, was mich bewegt? Kann ich ihm überhaupt etwas erzählen, was er nicht schon wüsste? Soll ich konkrete Bitten äußern? Weiß er nicht ohnehin besser, was gut ist? Soll ich eigene Worte benutzen oder lieber vorformulierte Gebete sprechen? Soll ich allein beten oder mit anderen gemeinsam, sitzend oder stehend, laut sprechend oder innerlich, lang oder kurz?

Das alles sind Fragen, über die man nachdenken kann. Aber wo wir im Namen Jesu zum Vater kommen, müssen wir ihnen nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Denn sie können einen Menschen so beschäftigen, dass er nicht einmal mehr weiß, wie er sein Gebet anfangen soll. Und vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, vor lauter Hemmungen und Skrupeln, lässt er es dann ganz bleiben. Das aber ist ganz unnötig und schade. Denn nicht einmal der Apostel Paulus wusste, wie man richtig betet. Er wusste es nicht, und hat es doch nicht gelassen. Denn auch er vertraute darauf, dass Gott selbst die Brücke schlägt. Im Römerbrief schreibt Paulus: „...der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.“

Das heißt nichts anderes, als dass Gottes Geist für uns einspringt. Denn Gott weiß sehr gut, dass wir uns nicht aufs Beten verstehen. Und er will unsere Versuche dennoch nicht scheitern lassen. Darum: Beten wir im Namen Jesu, so vertritt uns der Heilige Geist vor Gott, so wie es Gott gefällt. Er übersetzt dann schon, was wir nicht formulieren können. Und das heißt praktisch: Wenn wir auch bloß dasitzen, die Hände falten, und vor lauter Dumpfheit und Unruhe keinen vernünftigen Satz herausbringen, so tut’s auch ein bloßer Seufzer, denn Gott weiß, wie’s gemeint ist. Er erbarmt sich auch so und hört aus einem Seufzer mehr heraus, als wir ihm in vielen Stunden erzählen könnten. Er hat ein offenes Ohr für das Stammeln seiner Kinder. Er hört mehr, als sie zu sagen verstehen, und lässt unser Gebrabbel gelten, als sei es die schönste und geschliffenste Rede. Gott macht es uns leicht, ihn anzureden. Auf diese Einladung hin nicht viel „aber, aber...“, sondern kurz und voller Vertrauen „Amen“ zu sagen – das ist schon die ganze Kunst des Gebets.

 

9 Grundregeln des Betens

 

1. Bete immer so, dass du die Erfüllung deiner Bitten Gott anheim stellst. Du darfst zwar alle deine Wünsche und Sehnsüchte vor Gott bringen. Aber du musst bereit sein, deine Pläne den Plänen Gottes unterzuordnen. Er weiß sowieso besser, was dir und den anderen gut tut. Egal also, wie sehr dich dein Anliegen drängt: Schließe dein Gebet, wie Jesus es schloss: „Vater, ... nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ (Lk 22,42)

 

2. Versuche im Gebet nie, Gott zum Mittel eines außer Gott liegenden Zweckes zu machen. Denn das Ziel des Gespräches mit Gott ist nichts weiter, als mit Gott im Gespräch zu sein. Bete darum nicht, um eine religiöse Pflicht zu erfüllen. Bete nicht, um Gott deinen Plänen dienstbar zu machen. Sondern wie die Unterhaltung von Verliebten, deren Gespräch zu nichts dienen muss, weil die Nähe im vertrauten Gespräch sie glücklich macht, so sei auch dein Gespräch mit Gott. Es hat kein anderes Ziel, als dass du bei ihm bist, dich in ihm gründest und verankerst. Alles Weitere findet sich dann schon...

 

3. Meine nicht, du müsstest Gott erst über das informieren, was dich bewegt. Denn Christus sagt: „... euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Mt 6,8)

 

4. Bete immer im Namen Jesu Christi, auch wenn du es nicht ausdrücklich sagst. Denn ein Gebet in deinem eigenen Namen könnte nie Gehör finden. Du betest schließlich mit unreinen Lippen und mit unreinem Herzen. Nie könntest du wagen, Gott anzureden wie Deinesgleichen, nie dürftest du das vertraute Gespräch mit ihm suchen, wenn dich nicht Christus mit dem Vater versöhnt hätte. Nur in seinem Namen, als seine Brüder dürfen wir sagen „Abba, lieber Vater“.

 

5. Lass dein Gebet nicht zum Selbstgespräch verkommen. Es ist zwar wahr, dass meditative Selbstbesinnung deine psychische Balance fördern und Selbstklärungsprozesse vorantreiben kann. Doch die entscheidenden Antworten kommen nicht aus der verborgenen Tiefe der menschlichen Seele. Sie kommen von Gott. Und sie widersprechen manchmal allem, was wir empfinden. Willst du diese überraschenden Antworten nicht hören, so meditiere – aber rede nicht Gott an!

 

6. Vergiss über den Bitten nie den Dank, das Lob und die Fürbitte für andere. Denn deine Bitten halten dich bei dir selbst fest. Sie lassen dich um dich und deine Wünsche kreisen. Dank, Lob und Fürbitte aber durchbrechen alle Egozentrik und öffnen dich für Gott und deinen Nächsten.

 

7. Verliere dich nicht in der Suche nach angemessenen Worten. Denn die Worte, die du findest, werden nie angemessen sein. Und es kommt auch gar nicht so sehr darauf an. Gott nämlich, der uns besser kennt, als wir uns selber kennen, kommt uns zu Hilfe. Gottes Heiliger Geist, der in den Gläubigen wohnt, hilft unserer Schwachheit auf und überbrückt die Kluft, die menschliche Redekunst auch mit den angemessensten Worten nie überbrücken könnte.

 

8. Bete kurz, aber konzentriert. Denn durch Weitschweifigkeit und Zerstreutheit missachtet man den Gesprächspartner. Das ist schon zwischen Menschen so. Erst recht aber gilt es gegenüber Gott. Hier brauchen wir nicht viele Worte, aber einen hellwachen Geist. Darum gilt es, sich zum Gebet möglichst zurückzuziehen und eine geeignete Körperhaltung zu finden. Welche, ist nicht wichtig. Was dich ruhig und konzentriert macht, ist richtig.

 

9. Gib dich im Gebet nie anders als du bist und vermeide alle Künstlichkeit. Wer meint, er könne oder müsse Gott etwas vormachen, der hat noch gar nicht begriffen, mit wem er da redet. Gott durchschaut jede Maske. Darum stelle dich im Gebet nicht frömmer als du bist. Öffne vielmehr dein Herz vor Gott und sei zuversichtlich, dass er mit dem, was du vor ihm ausschüttest, etwas anzufangen weiß.

 

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