95 • Abendmahl

Was verpasst man, wenn man nicht hingeht?                 Dieser Text als Video 

 

Wenn Konfirmanden das erste mal zum Abendmahl gehen, kommen sie sich ziemlich komisch vor. Denn sie sind mit diesem ehrwürdigen, aber seltsamen Ritual noch nicht vertraut. Irgendwie ist alles feierlich und ein bisschen steif. Und gerade das erscheint merkwürdig. Denn auf den ersten Blick scheint es gar nicht um große und heilige Dinge zu gehen, sondern bloß um ein bisschen Essen und Trinken. Ja: Es wird uns beim Abendmahl zugemutet, unscheinbaren und alltäglichen Dinge höchste Bedeutung beizumessen und in ihnen mehr zu sehen als sie nach außen hin erkennen lassen. Denn dem Augenschein nach geht es nur um ein Stück Brot und einen Schluck Wein – und doch soll sich dem Glauben nach viel Größeres dahinter verbergen. Essen und Trinken sind sehr irdische Dinge – und doch soll auf geheimnisvolle Weise der Himmel im Spiel sein. Wir sehen neben uns am Altar Menschen aus Fleisch und Blut – und doch wird gesagt, wir seien dabei Gottes Gäste und hätten Tischgemeinschaft mit keinem Geringeren als Jesus Christus selbst. Es ist kein Wunder, wenn das Konfirmanden irritiert. Auch Erwachsene haben Schwierigkeiten damit. Das Abendmahl ist eindeutig mehr als unser Alltagsverstand begreift. Und trotzdem: Dass es ein großes Geschenk ist, eine Quelle der Kraft und des Trostes, das kann jeder verstehen, wenn er nur ernst nimmt, was Jesus damals gesagt hat:

„Als sie ... aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.“ (Mt 26,26–28)

Jene Mahlzeit am Vorabend der Kreuzigung, die eigentlich ein traditionelles jüdisches Passahmahl werden sollte, bekam durch Jesu Worte eine überraschende, neue Bedeutung. Denn er gab seinen Jüngern zu verstehen, dass er ihnen in und mit dem Brot und dem Wein nicht weniger darreicht als sich selbst. Auf geheimnisvolle Weise gibt er ihnen seinen Leib und sein Blut als Unterpfand eines neuen Bundes zwischen Gott und den Menschen – und gibt ihnen damit zugleich einen Vorgeschmack der Erlösung, die er sterbend und auferstehend für sie erwirbt. Natürlich haben sich die Jünger darüber gewundert. Denn wie kann Jesus Gastgeber und Speise zugleich sein? Wie kann er einem Schluck Wein und einem Bissen Brot so gewaltige Macht verleihen? Das ist höchst eigenartig. Und doch: Wenn Gottes Sohn es so anordnet, wenn er uns durch diese Gaben vergewissern will, dass wir dem Volk Gottes angehören, wenn er nicht nur im Wort des Evangeliums hörbar, sondern in Brot und Wein auch sinnlich fühlbar und schmeckbar werden will – warum sollte ihm das unmöglich sein? Es sind ja nicht Brot und Wein so mächtig, sondern mächtig ist die Zusage, die Jesus mit Brot und Wein verbindet. Und es sind eigentlich auch nicht die Hände des Pfarrers, aus denen wir Brot und Wein empfangen, sondern es sind eigentlich Jesu Hände.

Wenn’s aber so ist, und wenn wir daran erkennen, dass Jesus uns zu den Seinen zählt, wenn er an seinem Tisch wirklich einen Stuhl für uns freihält – sollten wir diese Feier dann nicht als etwas ganz Großes und Beglückendes erfahren? Man muss nur ernst nehmen, was Jesus gesagt hat. Denn dann ist das Abendmahl nicht bloß eine Erinnerung an die Tischgemeinschaft Jesu mit seinen damaligen Jüngern. Sondern es ist die gegenwärtige Erfahrung solcher Tischgemeinschaft zwischen Jesus und mir. Und es ist zugleich ein Vorgriff auf unsere künftige Tischgemeinschaft im Reich Gottes. Als ein solcher „Vorgriff“ auf das himmlische Ziel enthält das Abendmahl ein großes Versprechen.

Denn wer hier im Glauben herzutritt an den Tisch des Herrn, für den ist auch dort ein Platz frei im Reich Gottes. Wer hier geduldet ist, der wird auch dort nicht abgewiesen. Wer hier zeitlich Anteil hat an der Gemeinschaft Jesu, der wird dort ewig Anteil haben. Wer hier isst und trinkt, der wird dort nicht hungrig bleiben, sondern gewinnt in dieser irdischen Speise Anrecht auf die himmlische Speise. Der darf in dem Wissen getröstet weitergehen, dass das Unvollendete an ihm einst vollendet werden wird durch Jesus Christus selbst. Alle, die sich am Tisch des Herrn versammeln, sind Teil jener großen Bewegung, die mit Christus herrlich begann, die heute mühsam über Stock und Stein geht, die aber eines Tages einmünden wird in das Reich Gottes. Es ist eine Bewegung, die Raum und Zeit übergreift. Und wer dazu gehört, kann sich glücklich schätzen.

 

Das Abendmahl ist ein Mahl

der Erinnerung und des Gedächtnisses:

Es erinnert uns an den letzten Abend, den Jesus mit seinen Jüngern verbrachte. Das gemeinsame Essen von damals wird in unserem Abendmahl heute wiederholt. Und die enge Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern findet darin ihre Fortsetzung: Über viele, viele Generationen hinweg treten wir mit jener ersten Abendmahlsrunde in Verbindung und werden einbezogen in die Tischgemeinschaft all jener, die schon vor uns Gäste und Freunde Jesu sein durften. Das Abendmahl übergreift die ganze Zeit der Kirche: Es verbindet uns mit denen, die an ihrem Anfang standen. Und mit allen, die seither daran teilgenommen haben.

 

Das Abendmahl ist ein Mahl

der Vergebung und Versöhnung:

Wir empfangen dabei mehr als nur Brot und Wein. In der Gestalt von Brot und Wein empfangen wir Christi Leib und Blut. Und das heißt: Ihn selbst. Indem wir essen und trinken wird er eins mit uns – und wir werden eins mit ihm. Er übernimmt die Last unserer Schuld – wir aber bekommen Anteil an seiner Gerechtigkeit. Denn zusammen mit dem Brot und dem Wein schenkt uns Christus den „Ertrag“ seines Kreuzestodes. Er hat mit seinem Leben dafür bezahlt, dass der Fluch der Sünde von uns genommen wird. Durch ihn sind wir Kinder Gottes geworden. Und darüber kann man sich gar nicht genug freuen. Denn Christus steht für uns ein. Wer an seinem Tisch Gast sein darf, der ist frei, der ist erlöst und versöhnt mit Gott.

 

Das Abendmahl ist ein Mahl

der Gemeinschaft unter Geschwistern:

Christus ist der Gastgeber und ist zugleich die Gabe dieses Mahles. Aber die Teilnahme verbindet uns nicht nur mit ihm: Zugleich werden auch alle, die mit uns an den Altar herantreten, zu einer großen Gemeinschaft verbunden. Durch Christus sind wir Kinder Gottes. Und also sind wir untereinander Schwestern und Brüder. Mit Streit und Hass unter Christen lässt sich das nicht vereinbaren. Vielmehr sollen alle, die von Gottes Vergebung leben, auch einander vergeben. Die an Gottes Gnade Anteil haben, sollen auch miteinander gnädig und freundlich sein. Denn jeder und jede von ihnen liegt dem Gastgeber gleichermaßen am Herzen.

 

Das Abendmahl ist ein Mahl

der Hoffnung und der Stärkung:

Die Kirche ist auf einer Wanderschaft durch die Zeit. Sie geht von Jahrhundert zu Jahrhundert. Und sie kommt erst zum Ziel, wenn ihr langer Weg in das Reich Gottes einmündet. Dort werden die Christen aller Zeiten und aller Jahrhunderte gemeinsam mit Christus zu Tisch sitzen bei einem himmlischen Freudenmahl. Solange wir aber noch unterwegs sind, ist das Abendmahl, das wir feiern, eine Vorwegnahme und ein „Vorgeschmack“ dessen, was wir erwarten. Christus wusste recht gut, dass seine Jünger müde werden würden. Darum hat er ihnen das Abendmahl mitgegeben als „Wegzehrung“. Es nimmt schon auf Erden etwas von der Gemeinschaft vorweg, die wir im Himmel erwarten dürfen, und stärkt dadurch unseren Glauben.

 

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