93 • Teilhabe an Kreuz und Auferstehung

Ist die Taufe mehr als eine nette Kindersegnung?            Dieser Text als Video 

 

Der Triumph Christi ist seit Ostern vollständig, der Prozess ist unumkehrbar, die Wahrheit ist am Licht, und das Schicksal des Feindes besiegelt. Das Ende der Weltgeschichte ist seither kein Geheimnis mehr. Der Mensch aber ist bei dieser großen Wende kein unbeteiligter Zuschauer, sondern ist genau in dem Maße einbezogen wie er an Christus Anteil hat. Christi Sieg ist unser Sieg, wenn wir mit ihm verbunden sind. Sein Triumph ist unser Triumph, sein Leben ist unser Leben, sein Schicksal ist unser Schicksal – soweit und insofern wir mit Christus eins sind. Wodurch aber wären wir mit Christus eins, wenn nicht durch die Taufe? Durch die Taufe ist Christus unser, und wir sind sein. Durch die Taufe sind wir Glieder seines Leibes. Und so sehr der auferstandene Herr ewig lebt, werden auch die Glieder seines Leibes ewig leben. Durch die Taufe sind Christen einbezogen in das Leben Christi und sind dadurch so frei vom Fluch des Todes und von aller Verdammnis, wie Christus selbst es ist. Was läge also näher, als an Ostern zu taufen? Viele Gemeinden tun das und machen den Zusammenhang sichtbar, indem sie am Ostermorgen eine große Osterkerze in Dienst nehmen, an der dann das ganze Jahr über alle Taufkerzen entzündet werden. Denn wie die Taufkerzen ihre Flamme von der großen Osterkerze empfangen, so empfangen wir vom auferstandenen Herrn seine Gerechtigkeit, seinen Geist und sein ewiges Leben. Christi österlicher Sieg wäre nicht unser Sieg, wenn wir nicht durch die Taufe Glieder seines Leibes geworden wären! Sind wir aber Glieder seines Leibes, so gehen wir auch mit ihm in die Herrlichkeit ein, denn wo der Kopf hingeht, da folgt der ganze Körper nach! Die Taufe verkoppelt und verbindet uns mit dem, der durch den Tod hindurch ins Leben ging. Und was das für den Einzelnen bedeutet, hat Paulus sehr deutlich ausgeführt: „Wisst ihr nicht,“ – schreibt er – „dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit wie Christus auferweckt ist von den Toten, durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm verbunden und ihm gleichgeworden sind in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.“ (Röm 6,3–5)

Es geht bei der Taufe offenbar nicht um eine harmlose Kindersegnung, sondern es geht um Leben und Tod. Denn beides wird abgebildet durch das Wasser, das töten, das reinigen und auch Leben spenden kann. Der Täufling wird untergetaucht im Wasser und gewinnt darin Anteil am Tod Christi, denn was an ihm der alte Mensch ist, der Heide und der Sünder, wird im Wasser der Taufe ertränkt, ersäuft und umgebracht. Das reinigende Wasser spült den Schmutz fort. Wenn der Täufling aber herausgehoben wird aus dem todbringenden Wasser, geschieht mit ihm, was mit Christus geschah, als er vom Vater aus der Tiefe des Grabes und aus dem Tod herausgehoben und mit neuem Leben beschenkt wurde. Als Glied am Leib Christi geht der Getaufte seinen Weg mit durch den Tod des alten Menschen hinein in das Leben des neuen Menschen. Mitgefangen mit Christus, heißt mitgehangen – heißt aber auch mit auferstanden. Denn hinterher ist nichts mehr wie vorher, und der Mensch ist nie mehr derselbe, weil Gott im Vollzug der Taufe seine Hand auf ihn gelegt hat. Gott hat alle Getauften für sich beansprucht und rekrutiert. Er hat sie ein für allemal gekennzeichnet als künftige Bürger des Himmels. Und es gibt dafür kein besseres Bild als das Auflegen der Hand, das „Handanlegen“ und „Zugreifen“, weil diese Geste der Berührung so aussagekräftig ist.

Denken sie nur einmal an den Polizisten, der einem Verbrecher die Hand auf die Schulter legt und sagt: „Sie sind verhaftet!“ Der Polizist „legt dabei Hand an“, bringt den Anderen unter Kontrolle, beschlagnahmt ihn sozusagen und stellt ihn sicher. Aber denken sie dann auch an einen jungen Mann, der seiner Freundin den Arm um die Schultern legt. Der legt auch „Hand an“ und sagt damit voller Stolz: „Das ist meine Freundin – die gehört zu mir! Wehe dem, der sich zwischen uns stellt!“ Denken sie drittens auch noch an die Mutter, die morgens ihr Kind in die Schule schickt und ihm zum Abschied über den Kopf streicht. Auch sie „legt Hand an“ und verbindet damit einen stummen Schutz- und Segenswunsch, der sich in der zärtlichen Geste verbirgt. Was aber bedeutet die Taufe anderes, als dass Gott in diesem dreifachen Sinne „Hand an uns legt“ und uns für sich reklamiert? Es ist ganz ähnlich dem, was der Polizist tut, der junge Mann und die Mutter. Denn der unklare Status des Ungetauften wird damit ein für allemal geklärt. Wie ein herrenloser Streuner irrt der Heide durch die Welt – und der ihn verderben will ist niemals fern! Mit der Taufe aber legt Gott seine Hand auf diesen Menschen, bringt ihn unter Kontrolle und reklamiert ihn durch die Taufe als sein Eigentum. Durch die Taufe erhebt Gott unmissverständlich Anspruch auf diese Seele und ordnet sie sich zu, so dass der Getaufte nie wieder sich selbst gehört. Gott reklamiert ihn als seinen Gefolgsmann und rekrutiert ihn für Gottes Volk. Aber die Hand, mit der Gott Besitz ergreift, ist eben zugleich die segnende Hand, die er schützend über die Person hält. Denn wer verletzt und antastet, was in Gottes Hand ist, der tastet damit Gott an. Der Getaufte steht unter Gottes Schutz. Und dieselbe Hand, die ihn beschlagnahmt hat, teilt ihm auch ihren Segen mit, lässt ihm Kraft zufließen und spendet Trost. Die Füße des Getauften irren nicht mehr hierhin und dorthin, weil Gottes Hand ihn nachdrücklich in eine heilsame Richtung schiebt. Aber die väterliche Hand ist eben auch liebevoll, indem sie Nähe herstellt und Beistand gibt.

Der Getaufte wird durch die Taufe seines Lebens enteignet. Doch geschieht das zu seinem eigenen Vorteil, weil er nur so eingesenkt und einverleibt werden kann in das Leben Jesu Christi. Alles aber, was Christus an Karfreitag und an Ostern errungen und erstritten hat, wird uns durch die Taufe zugeeignet, wenn wir’s nur im Glauben annehmen und gelten lassen. Christus ist auferstanden und hat für uns die große Schlacht geschlagen, wir aber sind Trittbrettfahrer und dürfen die Siegesfahnen schwenken. Christus hat den Durchbruch vom Tod ins Leben am Ostermorgen vorweggenommen. Wir aber werden nachträglich in dieses Geschehen einbezogen und werden mit hindurchgezogen, wenn wir in der Spur des Glaubens bleiben. Den Sieg über unseren Feind hat Christus längst errungen, bevor er durch die Taufe auch in unserem Leben „vollstreckt“ wird. Und nur einen einzigen Weg gibt es, um sich doch noch unglücklich zu machen, wenn der Getaufte nämlich alledem kein Vertrauen schenkt, durch seinen Unglauben die eigene Rettung verhindert und das Geschenk der Gnade wegwirft. Aber kann man wirklich so dumm sein, dass man so viele unverdiente Vorteile missachtet und freiwillig wieder hergibt? Niemand kann einen Getauften von Gott trennen und von seinem Heil abschneiden, wenn er es selbst nicht tut! Wenn wir das aber bleiben lassen – wer kann uns dann noch schaden, und welche Ketten können uns dann noch binden? Kein Grab ist dann so tief, dass es uns festzuhalten vermag, und keine Schuld so schwer, dass sie uns verdammen könnte! Kein Ort ist so fern, dass uns Christus nicht fände, und kein Schaden so groß, das Christus ihn nicht heilen könnte! Der Tod muss uns wieder hergeben, und Satan sieht uns nur von hinten – denn wenn wir das Zeichen Christi fröhlich an uns tragen, hat auch die Hölle keine Macht mehr über uns. Kann man sein Erdenleben besser beginnen, als unter solch einer mächtigen Zusage?

 

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