Lob des Schweigens
Ich will heute ein Loblied auf das Schweigen singen. Ich will die Stille preisen. Und ich gebe jetzt schon zu, dass es einen Widerspruch birgt, wenn man zum Lob des Schweigens eine Rede hält. Es wirkt nicht sehr glaubwürdig, wenn einer darüber spricht, wie schön es ist den Mund zu halten. Denn statt zu verstummen, stört er ja die Stille mit Worten! Und doch erlauben sie, dass ich meinem Überdruss an dieser geschwätzigen Welt Luft mache. Denn warum glauben eigentlich alle, dass sie so viel zu sagen hätten, wo wir Menschen doch so wenig wissen? Mitteilungs-Müll erfüllt die Welt. Und wo bleibt die Stille, in der man Gott reden hört? Gott hätte uns ja wirklich etwas zu sagen! Aber soll er unsren Lärm etwa überschreien? Er findet kein Gehör, denn alle reden gleichzeitig. Und wer redet, tut immer so, als ob er was wüsste. Er fordert die Aufmerksamkeit der andern. Er drängt sich in den Mittelpunkt. Und selbst wenn er nur etwas fragt, erzwingt er Antworten. So oder so will der Redende, dass die anderen seine Gedanken denken, seinen Gedanken folgen und der Kraft seiner Argumente gehorchen. Im Redeschwall versucht er, den Geist der anderen zu dominieren und zu lenken. Und oft ist es nur ein Überreden und Belabern, Niederreden und Bequatschen – billige Propaganda in eigener Sache. Aber wem steht das zu? Stünde es einem demütigen Menschen nicht besser zu Gesicht, wenn er schwiege? Oder hat er Angst, wenn er den Mund hielte, verlöre er die Aufmerksamkeit der anderen? Fürchtet man das Schweigen, weil es unsre Einsamkeit offenbart? Hat man Angst vor der Stille, in der die bösen Träume kommen? Lässt man darum den Fernseher laufen, ohne hinzuschauen? Ach – wir reden nicht, weil wir einander so viel zu sagen hätten, sondern weil wir sonst den Kontakt verlören. Und wenn alle nur von dem sprächen, was sie verstehen, herrschte große Ruhe. Aber schweigend hätten wir wohl Sorge, übersehen zu werden. Unerträglich wär’s, wenn unsre so maßgebliche Meinung nicht vorkäme – ein Gespräch ist erst gelungen, wenn auch wir unsren Senf dazu gaben! Und außerdem blockiert unser Redeschwall den der anderen. Wir besetzen den akustischen Raum, um nicht hören zu müssen, was man uns fragen könnte. Denn auf keinen Fall soll der andere mich mundtot machen. Nein – der soll gar nicht erst zu Wort kommen! Und wenn, dann muss ich zumindest das letzte Wort behalten, damit keiner denkt, ich wüsste nicht weiter. Bin ich mit meiner Weisheit aber tatsächlich am Ende, rede ich dennoch, denn so bekomme ich nichts zu hören. Dabei gäbe es tausend Gründe, einfach mal den Mund zu halten. Wenn wir ehrlich sind, wurde nämlich alles Wesentliche schon gesagt. Und denen, die es nicht hören und nicht verstehen wollen, nützt auch keine Wiederholung. Längst wurde schon alles gesagt – nur noch nicht von mir! Aber wird‘s davon glaubwürdiger, dass ich nachplappere, was andere schon viel besser sagten? Ach, Jesus Christus hat doch schon geredet! Er, der das Wort und die Wahrheit nicht bloß „sagt“, sondern in eigener Person das Wort und die Wahrheit „ist“! Wenn man aber schon auf ihn nicht hören will – warum mache ich noch den Mund auf? Es ist ja nicht so, dass die Wahrheit fern und verborgen wäre. Sie liegt offen auf dem Markt und ist höchstens einen Klick entfernt. Bequemeren Zugang hat‘s nie gegeben! Wenn man die Wahrheit aber trotzdem nicht erkennt – warum halten wir nicht einfach den Schnabel? Gott selbst hat doch geredet! Wer könnte dem etwas hinzufügen? Wenn man ihm aber nicht glaubt, wer glaubt dann uns? Durch Nachplappern wird nichts einfacher oder gewisser. Es gab schon tausend bessere Zeugen, die man nicht hören wollte. Warum also nicht schweigen? Freilich, ich weiß – wir Christen sind gesandt, das Wort auszubreiten und „können‘s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4,20). Doch nur zu gern schweifen wir ab, kommen von „Hölzchen“ auf „Stöckchen“ – und wer viel redet, redet dann auch viel Unsinn. „Wo viel Worte sind, da geht‘s ohne Sünde nicht ab“ sagt das Alte Testament (Spr 10,19). Und Jesus betont, „dass die Menschen Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichts von jedem nichtsnutzigen Wort, das sie geredet haben“ (Mt 12,36). Nicht die Speise, die zum Mund hineingeht, macht den Menschen unrein, sondern die Bosheit, die aus seinem Mund herauskommt (Mt 15,11). Und zu allem Unglück tritt im Redefluss vieles zu Tage, was die Welt gar nicht wissen wollte. Wer redet, kann sich nicht nur irren – er kann auch andere verletzen und sich selbst blamieren. Er kann Geheimnisse ausplaudern, spotten, lügen und lästern. Wer viel redet, trägt sein Herz auf der Zunge. Und sollte er dumm sein, bekommen es alle mit. Denn das schlechteste Rad am Wagen macht den größten Lärm. Der Schweigende hingegen sagt nichts Peinliches und nichts Falsches. Durch Schweigen drängt sich keiner in den Vordergrund. Und Schweigen kann auch durch nichts widerlegt werden. Denn wenn einer beharrlich schweigt, kann niemand wissen, ob er‘s aus Klugheit tut, aus Rücksichtnahme oder Bescheidenheit, aus Ehrgefühl – oder weil er auf den rechten Moment wartet. Ja, Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Denn wenn einer schneller plappert, als er denken kann: Wie holt er das gesprochene Wort jemals zurück? Ist es ihm von den Lippen geschlüpft, hat er die Kontrolle gänzlich verloren, denn der Satz aus dem Fernseh-Krimi stimmt jederzeit: „Sie müssen nichts sagen, aber alles, was sie sagen, kann später gegen sie verwendet werden.“ Und so rät uns die Bibel, unsre Zunge im Zaum zu halten (Sirach 5,13-15; 20,1-8; 28,21-22; Spr 10,18-21; 13,3; 1. Tim 6,20; Jak 1,26; 3,6-8; 1. Petr 3,10). „Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen,“ sagt Paulus, „sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören“ (Eph 4,29). Und im Blick auf das Reden vor Gott mahnt Salomo, doppelt vorsichtig zu sein: „Sei nicht schnell mit deinem Munde und lass dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott; denn Gott ist im Himmel und du auf Erden; darum lass deiner Worte wenig sein“ (Pred 5,1). Das leuchtet ein. Denn wer dürfte schon sagen, dass er viel von Gott verstünde? Wir wissen nur, was er uns hat wissen lassen. Und auch davon stammeln die Gelehrten auf ungeschickte Weise. Hiob war nicht auf den Mund gefallen. Aber als Gott ihm Antwort gab, sah er ein, dass er unweise von dem geredet hatte, was ihm zu hoch war (Hiob 42,3). Und das ist nichts, was sich durch langes Studieren beheben ließe. Nein, im Gegenteil! Thomas von Aquin war einer der klügsten Köpfe, den die Christenheit hervorgebracht hat, ein tiefer Denker – und sein Leben lang ein unglaublich produktiver Autor. Tausende von Seiten hat er mit Weisheit gefüllt! Doch dann wurde er während eines Gottesdienstes innerlich so von Gott berührt und getroffen, dass er danach gar nichts mehr schreiben wollte und sich auch weigerte, etwas zu diktieren. Als man ihn drängte, sagte er nur: „Ich kann nicht, weil alles, was ich geschrieben habe, mir wir Stroh erscheint.“ Und später ergänzte er: „Gegenüber dem, was ich geschaut habe.“ Thomas von Aquin war ein Meister des Wortes. Und doch reichte alles, was er von Gott zu sagen wusste, nicht an die Wirklichkeit heran. So hielt er‘s dann für besser, zu verstummen. Und tatsächlich ist das viel angebrachter, als wenn Theologen von Gott schwatzen. Denn die Wirklichkeit, die wir da meinen, ist mit dem Netz menschlicher Worte nicht einzufangen. Und heilsames Verstummen kann dem Ausdruck geben. Die Stille, die entsteht, wenn wir den Mund halten, ist Ausdruck von Resignation – und hat trotzdem Potential. Denn verstummend sind wir endlich offen für das Wort, das Gott selbst redet. In der Stille zeigen wir uns bereit, unseren Redefluss von ihm unterbrechen zu lassen. Seine Weisheit soll an die Stelle der unseren treten. Und darum sollten wir gerade im Gottesdienst viel öfter still sein und nicht immer meinen, wir müssten den Ohren etwas „bieten“. Denn wie Bonhoeffer sagt, kommt das Wort Gottes nicht zu den Lärmenden, sondern zu den Schweigenden. Und die halten den Mund nicht, weil ihnen nichts einfiele, sondern um desto besser zu hören. „Wir schweigen allein um des Wortes willen,“ sagt Bonhoeffer, „also gerade nicht, um dem Wort Unehre zu tun, sondern um es recht zu ehren und aufzunehmen. Schweigen heißt schließlich nichts anderes als auf Gottes Wort warten und von Gottes Wort gesegnet herkommen.“ Wir schaffen im Schweigen nicht leeren Raum, um dann seine Leere zu genießen. Sondern wir werden still in der Zuversicht, dass Gott unsre Stille auf seine Weise füllen wird. Schweigend verweigern wir uns nicht dem Wort, sondern öffnen uns dem Wort. Wir schaffen Platz in unsren Gedanken, damit Gott diesen Platz einnehmen kann. Und das ist weit besser, als Gottes leise Rede unter einer Flut menschlicher Worte zu ersticken. Denn Gott verhält sich wie ein höflicher Mensch, der schweigt, solange sein Gegenüber redet, und selbst erst zu reden beginnt, wenn wir schweigen. Warum also beglücken wir die Welt mit jeder Idee, die uns in den Sinn kommt? Warum liegen wir einander in den Ohren? Haben wir Sorge, unser Kopf müsste platzen, wenn wir nicht all unsrer Weisheit einen Ausweg schaffen? Oder haben die Pfarrer etwa Angst zu schweigen, weil sie fürchten, auch Gott würde dann nichts sagen – und die Stille würde peinlich offenbaren, dass Gott gar nicht da ist? Das ist ein schrecklicher Gedanke. Aber könnte es nicht sein, dass manche Theologen so viel reden, um nicht merken zu lassen, dass Gott ihnen „nichts mehr sagt“? Wir würden dann im Gottesdienst abwechselnd reden und singen, damit keiner hört, wie laut Gott schweigt. Das Kanzelgerede und das Orgelgetöse würden nur überdecken, dass Gott verstummte. Oder, noch schlimmer – soll ihn unser Plappern etwa „zum Schweigen bringen“, damit nicht Gottes Wort (in ungefiltertem Zustand) etwas Falsches sagt und die Gemeinde verwirrt? Pfarrer präsentieren sich gern als Dolmetscher, die Gottes Wort in die Gegenwart „übersetzen“. Aber manchmal verhindert gerade die allzu bemühte „Auslegung“, dass Gott zu Wort kommt. Wir Theologen machen uns gern wichtig, als käme Gott ohne uns nicht zur Sprache – ja, als hätte er keine anderen Mittel und Wege als uns. Doch die hat er. Und vielleicht braucht er weder Dolmetscher noch Souffleure. Vielleicht lenken wir einander nur ab von dem, dem unsre Aufmerksamkeit in Wahrheit gebührte! Diese Gefahr besteht wirklich. Und so will ich denn auch endlich Ruhe geben.
Bild am Seitenanfang: Silentium,
Édouard Manet, Public domain, via Artvee
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