Kritisieren, schimpfen, fluchen

Kritisieren, schimpfen, fluchen

Kennen sie die Geschichte von dem Pfarrer, der seinen Gartenzaun repariert? Er nagelt die losen Latten fest. Und ein kleiner Junge, der vorbeikommt, schaut neugierig zu. Nach einer Weile fragt ihn der Pfarrer: „Na? Willst du lernen, wie man das macht?“ Der Junge aber antwortet: „Nein. Ich will nur mal hören, was ein Pfarrer sagt, wenn er sich mit dem Hammer auf den Daumen haut!“ Nun, der Junge wusste vermutlich, dass sein Vater in solchen Fällen kräftig flucht. Aber ein Pfarrer? Darf der Fluchen? Und – wenn er’s nicht darf: Was sagt er wohl dann? Haut er sich auf den Daumen und leidet still vor sich hin? Dass man nicht fluchen soll, ist zwar keins der Zehn Gebote. Aber die Bibel verbietet es an andrer Stelle (1. Petr 3,9; Lk 6,27-28; Röm 12,14; 1. Kor 4,12). Und man fragt sich, was das für Christen konkret bedeutet. Denn schließlich ärgern die sich nicht weniger als andere Menschen. Und im Ärger zu schimpfen, ist eine sehr natürliche Sache. Lauthals zu schimpfen ist ein Ventil, über das man Druck ablassen kann, ohne gleich jemand auf die Nase zu hauen. „Verflucht!“ ruft man, „verflixt!“ oder „verdammt!“. Denn Schimpfen erleichtert. Schimpfen tut gut. Man lässt den Ärger raus, man macht sich Luft! Und es ist sogar erwiesen, dass man Schmerzen besser erträgt, wenn man dabei kräftig fluchen darf. Was soll also daran verkehrt sein? Es sind doch nur Worte! Allerdings: In biblischer Sicht sind Worte immer auch Taten. Unser Reden bewirkt etwas. Und das gilt umso mehr, wenn darin Anrufungen Gottes oder des Teufels enthalten sind, wie das bei viele Flüchen der Fall ist. Wir verwenden sie zwar in der abgekürzten Form „Verdammt!“ und „Verflucht!“ Aber in der Langform heißt „Verdammt!“ eigentlich „Verdammt sollst du sein!“, „Gott verdamme dich!“ Und „Verflucht!“ heißt ursprünglich „Verflucht sollst du sein!“, „Gott verfluche dich!“ Sagt man: „Zur Hölle mit dir!“, „Der Teufel soll dich holen!“, hat man sich mit einer direkten Bitte an den Teufel gewandt. Und ruft man „In drei Teufels Namen!“, „Verflixt noch eins!“, „Der Blitz soll dich treffen!“ bedeutet auch das, dass man jemandem Böses anwünscht und dazu höhere Mächte bemüht, die es umsetzen sollen. Wenn ich so in Gottes Namen Unheil heraufbeschwöre, missbrauche ich seinen heiligen Namen. Und wenn ich den Teufel bitte, meine Feinde zu strafen, habe ich mich mit ihm verbündet. Um jemand zu verwünschen, wirft man mit religiösen Formeln um sich. Ohne viel drüber nachzudenken, appelliert man an höhere Mächte. Und das ist schon an sich keine gute Idee. Was ist aber die Absicht im Fluchen und Schimpfen? Auch die ist bedenklich. Denn wenn man nicht gerade auf einen Gegenstand schimpft (dem das natürlich egal ist), dient das Schimpfen meist dazu, einen anderen Menschen abzukanzeln, herabzuwürdigen und zu demütigen. Und das steht einem Christen nicht zu, weil er selbst von Gottes Liebe und Erbarmen lebt – und daher auch jedem anderen Liebe und Erbarmen gönnen muss (Mt 18,21ff.). Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass er die Beschimpfung eines Menschen als verbale Vorwegnahme des Todschlags ansieht und sie nicht weniger verwerflich findet als die vollzogene Tat (Mt 5,21-22). Jesus will generell nicht, dass sich ein Mensch als „Richter“ über den anderen erhebt, denn Gott allein ist unser Richter (Mt 7,1-2). Jesu Jünger sollen einander dienen, indem sie sich hilfreich fördern und einander voranbringen auf dem Weg zum himmlischen Ziel (Mt 20,25-28)! Doch fluchend und schimpfend wendet sich einer gegen seinen Nächsten und wünscht ihm Unglück an den Hals, obwohl der andere doch ganz wie er nach dem Bilde Gottes geschaffen ist (Jak 3,8-9), ganz wie er der Gnade bedarf und ganz wie er vom Evangelium zum Heil berufen wird. Man erlaubt sich, ein Geschöpf zu verneinen, das der Schöpfer offenkundig bejaht und gewollt hat. Gott selbst ist der Künstler – und ich verdamme das Werk seiner Hände! Gott will meinen Bruder segnen – und ich spucke Gift und Galle gegen ihn. Das kann nicht richtig sein! Und doch ist unsere Sprache in kaum einen Bereich so vielfältig, wie gerade im Schimpfen und Beleidigen: Affe, Armleuchter, Blödmann, Drecksack, Hohlkopf, Ekelpaket Esel, Hanswurst, Hundesohn, Schwachkopf, Schwein, Schnarchnase, Trampel, Trottel, Vollpfosten, Mistkerl, Narr und Nichtsnutz, Hundsfott, Kanaille, Taugenichts, Lump, Memme, Spatzenhirn, Flitzpiepe, Halunke, Hasenherz, Dösbaddel, Lappen, Schuft, Lausekerl, Lotterbube, Lügenmaul, Tölpel, Weichei, Flegel, Fatzke, Grobian, Tagedieb, Tunichtgut, Rabenaas, Rindvieh, Galgenstrick, Hornochse, Depp, Pinsel, Saftsack, Warmduscher, Prolet, Spitzbube, Schurke und Stoffel! Die Liste könnte sicher noch länger sein – da fällt jedem etwas ein! Und obwohl wir sagen würden, das sei doch nicht alles so „böse gemeint“, entwertet doch jeder diese Begriffe einen Menschen, der zur Gemeinschaft mit Gott berufen ist. Gott allein steht es zu, ein verwerfendes Urteil über einen Menschen zu fällen! Ich aber ärgere mich bloß. Und schon kocht der Zorn in meinem Herzen ein Gebräu aus bösen Gedanken, der Teufel fügt noch bittere Galle hinzu, und meine Zunge ist dann die Schöpfkelle, mit der ich das innere Gift aus meinem Herzen dem anderen an den Kopf werfe. Das kann nicht richtig sein! Aber weil Schimpfen erleichtert, wollen wir‘s nicht lassen, sondern sagen trotzig: Na, wenn’s doch wahr ist? Und wenn er’s verdient hat? Was ist denn falsch daran, einen Gauner als „Gauner“ zu bezeichnen, wenn’s doch stimmt? Darf man denn nicht mehr die Wahrheit sagen? Es mag ja unhöflich sein. Aber schimpfen wir denn ohne Grund? Und wenn das Verhalten des anderen zum Tadel Anlass gibt – ist das Schimpfen dann nicht auch nötig? Müssen wir das Schlechte nicht „schlecht“ nennen, damit es erkannt und geändert werden kann? Ist solche Kritik nicht heilsam? Und hat nicht auch Jesus selbst heftige Reden gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten geführt? In Matthäus 23 nennt er sie „Heuchler“, „Verblendete“, „Narren“ und „Blinde“, „übertünchte Gräber“, „Schlangen“ und „Otternbrut“ (Mt 23,13-33). Wo‘s nötig ist, nimmt Jesus kein Blatt vor den Mund! Er konfrontiert Sünder mit ihrer Sünde, auch wenn sie das ärgert. Und manchmal nennt er seine Gegner „Teufelskinder“ (Joh 8,44). Jesus übt heftige Kritik! Wenn er’s aber tut – wie falsch kann’s dann sein? Nun, auf den ersten Blick scheint Jesus sich selbst zu erlauben, was er uns in der Bergpredigt so streng verbietet. Doch wenn wir genauer hinschauen, ist es doch nicht dasselbe. Denn zum ersten ist zu bemerken, dass Jesu Worte nicht aus persönlichem Ärger resultieren, wie meist bei uns. Er schimpft nicht gegen die Pharisäer, um sich für eine Kränkung zu rächen oder aus Rechthaberei, sondern er tritt für den Willen Gottes ein. Und das macht einen großen Unterschied. Denn Jesus benennt das Falsche nur, damit das Richtige geschehen kann. Er will durchaus nicht beleidigen, verletzen, herunterputzen oder demütigen. Und es ist auch keine Gehässigkeit in seiner Rede. Sondern um Gottes und der Menschen willen, muss er das Übel als „Übel“ benennen und die Heuchelei als „Heuchelei“. Natürlich benutzt er dazu harte Worte. Er kämpft aber nicht „gegen“ die Pharisäer und die Schriftgelehrten, sondern – recht verstanden – kämpft er „um“ sie. Jesus will nicht über die Fehlgeleiteten triumphieren und sie „runtermachen“, sondern will im Interesse aller der Wahrheit zum Sieg verhelfen. Jesus ist kein Feind dieser Menschen, sondern nur ein Feind ihrer Fehler. Das ist schon mal ganz anders als bei uns, wenn wir uns schimpfend Luft machen und herauspoltern. Und zum zweiten ist zu beachten, dass Jesus nicht wie bei einem Fluch Böses „herbeiwünscht“ und es seinen Gegnern „anwünscht“, sondern dass er nur jenes Übel als „Übel“ bezeichnet, das schon da ist. Er nennt die Sünde beim Namen, wünscht aber keinem, dass sie ihm zum Verhängnis werde. Er sagt den Pharisäern, dass sie Böses tun, aber er wünscht ihnen kein böses Ergehen. Er sagt „Wehe euch!“, weil er weiß, wohin ihr Weg führt. Er warnt sie vor Gottes Gericht! Aber indem er sie warnt, ringt er ja um sie und will sie zur Einsicht bringen, weil’s ihm viel lieber wäre, sie kehrten um. Jesus verdammt diese Leute nicht, sondern redet mit äußerster Schärfe, um ihnen die Verdammnis zu ersparen. Und das ist kein übellauniges “Schimpfen“, wie wir es uns manchmal erlauben, und ist schon gar kein „Fluchen“, sondern eine notwendige und zugleich heftige Kritik. Wer so den Finger in die Wunde legt wie Jesus, tut nichts anderes, als dass er ein Übel als Übel bezeichnet und damit die Wahrheit spricht. Er bringt zum Ausdruck, dass, was geschieht, besser nicht geschähe. Er legt Protest ein und fordert, dass die Verursacher aufhören mögen, Übles zu verursachen. Doch sein Ziel ist dabei, dass etwas besser wird – und nicht, dass es den Tätern schlecht ergehe. Das Falsche und Unheilvolle wird in solchem Schelten mit Nachdruck abgelehnt. In scharfen Worten distanziert man sich von dem, was nicht sein sollte, und appelliert auch an andere, den nicht-sein-sollenden Zustand zu beenden. Doch auch wenn das emotional vehement und mit Härte vorgetragen wird, ist es doch moralisch ganz in Ordnung und lobenswert. Denn unmoralisch wäre ja eher das Umgekehrte – wenn man nämlich das Böse und Gottwidrige keiner Kritik unterziehen wollte und aus Scheu vor dem Konflikt dazu schwiege. Wer das Falsche nicht offen benennt und ablehnt, der toleriert es und darf sich nicht wundern, wenn sein stillschweigendes Dulden als Zustimmung gewertet wird. Wer die Werke des Teufels nicht verdammt, ist doch offenbar sein Freund! Und so ist empörte Kritik am Bösen nur ein Zeichen dafür, dass jemand das Empfinden für das Gute nicht verloren hat. Ja, empört sich einer so wie Jesus gegen die Pharisäer, dann schimpft er nicht, damit etwas schlechter werde, sondern nur, weil es schon schlecht ist. Er ruft kein Übel herbei, wie ein Fluchender das tut, sondern stellt nur fest, dass es schon da ist. Indem er den Schaden aufdeckt, führt er Gutes im Schilde. Denn der harsche Appell, das Übel schleunigst abzustellen, ist angebracht. Und in Jesu Fall liegt die Kritik auch ganz im Interesse der angegriffenen Pharisäer, die er wachrütteln will, bevor sie weiteren Schaden anrichten und noch größere Schuld auf sich laden. Indem Jesus ihnen zumutet, die Wahrheit zu hören, leistet er ihnen einen guten Dienst, ja, er schimpft tatsächlich aus Liebe. Denn im Moment verfehlen seine Gegner das ihnen von Gott bestimmte Ziel. Und als geistliche Autoritäten ziehen sie auch andere in ihren Irrtum mit hinein. Sie führen das Volk auf den falschen Weg. Und Jesus korrigiert sie daher nicht um seinetwillen, sondern um ihrer selbst willen, um der anderen Menschen und um Gottes willen. Er ist dabei unversöhnlich gegen die Sünde, aber nicht gegen die Sünder. Er möchte nicht, dass eine Person wegen ihres Tuns verloren geht, sondern sähe es viel lieber, wenn die Person von ihrem unhaltbaren Tun abließe und gerettet würde. Jesus eifert auch nicht für seine persönliche Ehre oder um Recht zu behalten, sondern er streitet uneigennützig für Gottes Ehre und für Gottes Wahrheit. Er wäscht den Pharisäern den Kopf. Aber daraus kann und soll Segen erwachsen, wie aus einem reinigenden Gewitter! „Vermaledeien“ dagegen, verfluchen und verdammen, ist etwas ganz Anderes. Denn da wünscht man Böses herbei, das über jemand kommen soll. Jesus aber schilt nur das Böse, das schon da ist, und schilt es, damit es weggehe! Er schimpft in gerechtem Zorn. Es kommt aber kein Zweifel auf, dass er viel lieber segnen würde. Bei ihm ist auch in den harten Worten nichts Gehässiges enthalten. Er hasst nur das Böse, nicht den Täter! Wie ist das aber bei uns? Ich fürchte, wenn uns jemand auf den Fuß tritt, und wir Gift und Galle spucken, läuft es anders. Wenn wir verbal um uns schlagen, wird’s bald gehässig und schmutzig. Da wird geflucht „auf Teufel komm raus“ – und ohne Zweifel kommt er auch. Wessen das Herz voll ist, dessen geht der Mund dann über – und unsre verborgene Bosheit bricht sich Bahn. Schimpfend verrät sich unsre Lieblosigkeit. Aber damit machen wir Christus dann wahrlich keine Ehre. Er will sich des Sünders erbarmen. Wir aber spucken auf die arme Seele und zeigen unsre Verachtung. Macht einer dumme Fehler, die uns kränken, sehen wir nicht mehr einen Bruder, der genau wie wir hinter seinen gottgegebenen Möglichkeiten zurückbleibt, sondern wir sehen in ihm „Abschaum“ und nennen ihn vielleicht auch so – ohne uns klar zu machen, dass Jesus uns mit Fug und Recht derselben Kategorie zurechnen könnte. Was aber hilft dagegen? Ich denke, der Neigung zu verbalen Ausbrüchen ist nur abzuhelfen, wenn wir nicht einfach unsrem Herzen Luft machen und drauflospoltern, sondern zuvor an die drei Unterscheidungen denken, die in dieser Sache wichtig sind: 

 

1. Es ist ok, wenn ich Böses feststelle und beim Namen nenne, das schon da ist. Ich decke es ja nur auf und kritisiere es, damit Abhilfe möglich wird.

 

Es ist aber nicht ok, wenn ich jemandem Böses anwünsche und Unglück herbeirufe, damit es ihm widerfahre, denn das ist gehässig und lieblos. 

 

2. Es ist ok, wenn ich auf Dinge schimpfe, auf einen ärgerlichen Sachverhalt oder eine verwerfliche Tat, die schlimme Folgen hat.

 

Es ist aber nicht ok, wenn ich die Person des Täters verdamme, ihn herabwürdige oder in die Hölle wünsche. Denn auch er ist berufen, Gottes Ebenbild und Kind zu sein. 

 

3. Es ist ok, wenn ich um Gottes und der Menschen willen eifere und mich empöre, um Gottes Wahrheit geltend zu machen und Gottes Recht zu wahren.

 

Es ist aber nicht ok, wenn ich aus gekränktem Stolz und um persönlicher Interessen willen verbal um mich schlage und andere verletze. 

Kritisieren, schimpfen, fluchen

Nimmt man diese drei Unterscheidungen zusammen, so ergibt sich ein grüner Bereich des Erlaubten und Notwendigen. Und es ergibt sich ein roter Bereich dessen, was wir als Christen unbedingt vermeiden sollten. Im grünen Bereich muss man sich durchaus nicht mäßigen. Da darf und soll man vehement auftreten und darf deutlich reden, um der Wahrheit willen. Doch im roten Bereich nützen auch feine Wortwahl, Höflichkeit und Mäßigung nichts, denn da weht allemal der falsche Geist. Ein Christ darf also reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und wenn er sich mit dem Hammer auf den Daumen haut, mag er drüber schimpfen wie ein Rohrspatz. Dem Hammer ist das egal – und Gott im Himmel wird schon nicht erröten! Aber Gehässigkeit gegen einen Mitmenschen soll der Christ weder im Herzen noch auf der Zunge tragen. Ein Christenmund sei ein „Segensmund“, sagt Luther, kein „Fluchmaul“. Als solche, die den Segen erben, sollen wir auch Segen spenden. Und müssen wir mahnen, versuchen wir dabei niemand zu verletzen. Wir wollen das Elend beim Namen nennen, wollen‘s aber nicht noch mit bösen Reden vermehren. Dass uns das aber auch rechtzeitig wieder einfällt, bevor die Galle überkocht, dazu helfe uns Gott.

 

 

Bild am Seitenanfang: The Bitter Draught

Adriaen Brouwer, Public domain, via Wikimedia Commons