Überdruss und Müdigkeit
Wenn’s einer wagt, in christlichen Kreisen von seinem Überdruss und seiner Müdigkeit zu sprechen, erntet er nicht nur Mitleid, sondern sehr bald auch Widerspruch. Denn irgendwie meint man, ein Christ müsse immer „positiv“ denken und Freude versprühen. Aber das ist großer Unsinn. Denn der Glaube ist eine durch und durch realistische Haltung. Und so viel er auch von Gott erwartet, so wenig setzt er doch auf das Glück dieser Welt und die Weisheit der Menschen. Denn schon in der Bibel wird beklagt, dass unser Erdenleben ein in großen Teilen vergebliches Bemühen ist – und dass auch fleißiges Arbeiten oft nur wenig bewirkt. Der Prediger Salomo im Alten Testament weiß davon ein Lied zu singen und bekennt sich ganz offen zu Überdruss und Müdigkeit. Man würde ihn heute gleich in die Schublade der „Depressiven“ stecken! Denn wahren Fortschritt sieht der Prediger nicht, sondern überall nur die immer gleiche Kreisbewegung: Generationen kommen und gehen, die Sonne geht auf und wieder unter, der Wind dreht sich, und alles sieht aus, als ob es sich ständig wandelte. Aber der Wandel führt zu nichts wirklich Neuem, außer, dass eben alles stumpf und dumm wieder von vorn beginnt. Alles bewegt sich wie auf einem großen Karussell. Aber trotz sausender Fahrt kommt das Karussell selbst nicht vom Fleck und gelangt an kein Ziel, keiner wird wirklich klüger und nichts wird jemals „fertig“, sondern was kommen wird erschöpft sich in der Wiederholung dessen, was früher schon mal war. Natürlich variieren die Themen – und jede Woche treibt man eine neue Sau durchs Dorf. Aber ein bleibender Ertrag ist nicht zu erkennen. Denn was ein Mensch tat, ist sehr bald vergessen. Und dass er super „originell“ und „unersetzlich“ gewesen wäre, hat immer nur er selbst geglaubt. Für kurze Frist hat er zwar Oberwasser, schmückt sich mit Weisheit, Macht und Freude – und meint, er hätte es weiter gebracht als seine Väter. Doch bald ist er genauso tot wie jeder andere Depp, und keiner fragt nach ihm. Denn was einer mit großer Mühe erringt, geht alles dahin: sein Ruhm, sein Haus, seine Familie, sein Glück. Bald ist es, als hätt‘s ihn nie gegeben. Und wofür hat er sich dann angestrengt? Der große Besen der Geschichte kommt und fegt ihn beiseite. Denn wie der Prediger Salomo sagt, hat alles seine Zeit: leben und sterben, pflanzen und ausreißen, bauen und abbrechen, tanzen und klagen, suchen und verlieren, zunähen und zerreißen, lieben und hassen. Und wenn dabei immer eins das andere wieder aufhebt – was ist am Ende gewonnen? Der Friede baut auf, und der Krieg zerstört es wieder. So hat alles seine Zeit. Aber Ewigkeit hat’s eben nicht! Was neu erscheint, ist längst schon gewesen, und was vorbei ging, kommt wieder. Dieser Film läuft in „Endlosschleife“! Und nie wird irgendwer mit irgendetwas „fertig“. Mühsam bilden wir unsre Kinder, aber mit der nächsten Generation wächst die Dummheit wieder nach. Wir putzen unsre Wohnung, aber der Staub kommt bald zurück. Heute stillen wir unser Verlangen, aber morgen ist es wieder da. Alle Wasser fließen ins Meer, aber das Meer wird nicht voller. Die Menschen strengen sich an, aber es führt zu nichts. Sie machen Erfahrungen, aber sie lernen nichts daraus. In hundert Jahren steht alles wieder auf Anfang. Und all der vergossene Schweiß, das Blut und die Tränen – wozu war‘s gut? Ein närrisches Treiben ist das, ein Haschen nach Wind! Denn was immer uns lieb und teuer ist – die Geschichte geht achtlos drüber weg. Und wenn man das weiß: Wie sollte man dessen nicht müde werden? Es ist ganz legitim. Melancholie ist unvermeidlich. Denn das Leben ist Mühe und Arbeit. Und wenn‘s wirklich auf nichts weiter hinausliefe, machte es wirklich keinen Sinn. Sondern die wären glücklich zu preisen, die gar nicht erst geboren wurden. Denn ihnen bleibt es erspart, vergeblich im Kreis zu wandern. Darin hat der Prediger Salomo recht. Und wir müssen es nicht beschönigen! Denn viele der „Depressiven“ in dieser Welt haben durchaus keine „Macke“, sondern haben bloß einen nüchternen Blick. Und sie sind darin dem Christen viel näher verwandt als die allzeit lächelnden „Coaches“ mit ihrem Motivations-Geschwätz! Wo liegt aber der Unterschied? Nun, als Christen kennen wir die Melancholie, diesen Überdruss am Vergeblichen. Wir wissen aber auch, woher es kommt, und was der eigentliche Grund ist. Denn enttäuscht werden kann immer nur, wer tief im Herzen etwas Besseres erwartet hat. Wer Sinn und Liebe, Güte, Reinheit und Vollkommenheit vermisst, der muss mit dem vertraut sein, was ihm da fehlt. Er muss mit Sinn und Liebe, Güte und Reinheit irgendwie schon bekannt sein, um sie überhaupt entbehren zu können. Das Ungenügen an der Welt setzt einen Maßstab voraus, der vielen gar nicht bewusst ist. Doch gibt es tatsächlich einen Appetit, den das Irdische nicht befriedigen kann. Etwas in unsren Herzen bewirkt, das wir beim Irdischen nicht zur Ruhe kommen. Wir haben einen Sinn und Geschmack fürs Unendliche, der uns umtreibt. Denn wie der Prediger Salomo sagt, hat Gott dem Menschen die Ewigkeit ins Herz gelegt (Pred 3,11). Und dieser angeborene Instinkt für‘s Ewige und Vollkommene, diese tiefe Sehnsucht nach dem Heiligen und Guten, macht uns kritisch gegen die Welt, die von alledem so wenig sehen lässt. Das meiste ist nur schöner Schein! Wir aber müssen mit dem vertraut sein, was besser ist, denn sonst würden wir den Betrug gar nicht merken und fühlten uns nicht getäuscht. Man nennt die Finsternis nur finster, wenn man vom Licht schon weiß. Man redet nur von Tiefen, wenn man auch Höhen kennt. Man kritisiert das Falsche nur, wenn man Ahnung hat, wie’s richtig wäre. Und man hat vom Bösen nur einen Begriff, wenn man das Gute kennt. Ohne etwas von seinem Gegenteil abzugrenzen, kann man sein Wesen gar nicht erfassen. Alles gewinnt erst Profil, wenn ich eine Alternative daneben halten und vergleichen kann. Wenn nun aber ein Mensch nicht nur der Welt und ihrer endlosen Wiederholungen überdrüssig wird, sondern sogar der eigenen Person und der eigenen dummen Fehler – womit hat er‘s dann verglichen? Doch nicht bloß mit Träumen und überzogenen Wünschen! Er muss in seiner Kritik des Vergeblichen doch eine Ahnung von dem haben, was anders wäre und von bleibendem Wert! Er empfände kein Ungenügen, ohne einen Sinn für das, was genügen könnte. Und eben das ist die Ewigkeit, die Gott dem Menschen ins Herz gelegt hat, auf dass er sich mit nichts Geringerem zufrieden geben soll, als mit Gott selbst. Man kann nichts vermissen, woran man nicht schon Geschmack gefunden hat. Man muss es kennen, um es zu suchen. Um einen schlechten Zustand zu beweinen, der mich melancholisch macht, muss ich eine Vorstellung haben von dem bleibend Gültigen, das ich nicht nur an der Welt, sondern auch an mir selbst vermisse. Und darum geschieht alles Aufbegehren im Namen eines Besseren. In jeder Negation steckt eine Position. Denn Kritik erwächst aus dem Vergleich. Und kritisiere ich das Leben selbst in Bausch und Bogen, so bedarf es dazu eines höheren Maßstabs, der nicht dem Leben selbst zu entnehmen ist, und der mir doch nicht verborgen sein kann, weil ich sonst gar nicht wüsste, dass mir etwas fehlt. Ich muss diesen Geschmack schon mal geschmeckt haben, sonst hätte ich keinen Appetit danach. Alles Heimweh setzt eine Heimat voraus, die man nicht bloß vom Hörensagen kennt. Bin ich also mit dem Prediger Salomo darin einig, dass mir die Welt nicht genügt, so liegt darin die Forderung nach Höherem. Und der Grund meiner Melancholie ist dann in Wahrheit mein Hunger nach Gott, den die Welt mir nicht zu stillen vermag. Es ist das Empfinden, Gottes zu bedürfen, aber über Gott nicht zu verfügen. Und dieses Empfinden kann auf einem Menschen lasten wie Blei. Ein Christ aber, der dies als Ursache seines Leidens versteht, verfällt darum nicht in Trübsinn, sondern wagt es, mit Leidenschaft nach Gott zu rufen und sich nach Gott zu strecken, weil Gott ja in seinem Wort selbst zugesagt hat, unsren Hunger nach Gott zu stillen. Christen erwarten nicht mehr, dass ihnen ein günstiges Geschick auf Erden Frieden geben könnte. Sie erwarten das aber umso entschlossener von Gott. Und so ist unser Erdenleben nur der Weg und ist wahrlich nicht das Ziel, um dessentwillen wir unsren Weg gehen. Genau wie alle anderen laufen und stolpern wir, werden dabei müde, schimpfen, rasten kurz und gehen dann weiter. Als Christen tun wir‘s aber nicht bloß aus Mangel an Alternativen. Und wir laufen auch nicht dem Erdenglück hinterher, sondern gehen unsrem Gott entgegen, der viel mehr zu bieten hat als diese dumme Welt. Wir umarmen den Prediger Salomo als einen lieben alten Freund, blättern dann aber in der Bibel weiter nach hinten, zum Hebräerbrief. Denn der versichert uns, dass Gott ein Versprechen gab, das er noch nicht eingelöst hat – und also noch einlösen wird. Gott hat Vollendung angekündigt, die noch nicht kam. Seine Zusage steht noch unerfüllt im Raum. Da ist noch eine Rechnung offen. Und so laufen wir als Christen nicht in endlosen Schleifen – das ist nicht das Ende vom Lied! Sondern der Hebräerbrief sagt: „Es ist für das Volk Gottes noch eine Ruhe vorhanden“ (Hebr. 4,9). Gottes hat sein Volk nicht auf die Reise geschickt, damit es in die Irre geht, sondern damit es ans Ziel kommt. Und wenn wir das bisher noch nicht erreicht haben, dann steht das große Finale noch aus. Ruhe hat Gott versprochen, Ruhe wird er schenken. Gott kann ja nicht lügen! Und daraus folgt, dass wir uns durchaus nicht unnütz im Kreis drehen, bis wir erschöpft sind und der Akku nicht mehr lädt. Sondern – nein, all unser Streben zielt auf jene große Ruhe, die wir bei Gott finden werden und die nicht ausbleiben kann. Denn Gott lässt sich nicht lumpen! Er lässt sich nicht nachsagen, er hielte nicht Wort! Er legt uns keinen Hunger ins Herz, um ihn dann ungestillt zu lassen! Sondern am Ende unsrer Wege wird das kommen, das all der Mühe wert ist. Und der Hebräerbrief beweist das aus dem Alten Testament. Den vielen Israeliten, die während der Wüstenwanderung an Gott zweifelten, hat Gott den Zugang zum gelobten Land verweigert. Sie haben die Gottesruhe nicht erlangt (Hebr 3,7-19). Aber deswegen nahm Gott seine Verheißung nicht zurück. Sondern die große Gottesruhe, dieser schöne Siegespreis, ist immernoch da und wird denen zu Teil, die bis zuletzt auf Gott vertrauen (Hebr 4,1-16). Jene Israeliten, die vor 3000 Jahren ans Ziel gelangten, konnten nicht lange bleiben. Denn Israel hatte nur drei große Könige, brach dann den Bund und musste ins Exil. Gottes Versprechen ist darum aber nicht hinfällig geworden, sein guter Plan nicht aufgegeben. Sondern die Gottesruhe wird heute in Christus auf neue Weise ergriffen und erlangt. Sie ist noch vorhanden, der Himmel wartet auf uns! Und der Zug, der dorthin fährt, hat nicht angehalten, sondern rollt immer weiter. Wohl sind manche Passagiere vor lauter Ungeduld abgesprungen, und wir sind aufgesprungen. Aber die Reise an sich geht weiter und führt zum Ziel. Denn Gottes Volk hat Heimatrecht im Friedensreich Christi. Und dort wird uns die versprochene Ruhe zuteil. Ja, die Gläubigen werden dort so wunderbar ruhen, wie Gott selbst ruhte am siebten Tag seiner Schöpfung, als sein Werk vollendet war und er sich die Zeit nahm, all die Schönheit zu betrachten (Hebr 4,3-4.10). Freilich: Die Misstrauischen und Nervösen, die an Gottes Zusagen zweifeln, die ihm die Erfüllung nicht zutrauen und darum ihre Reise vorzeitig abbrechen – die gelangen nicht ans Ziel. Doch das Leben der Vertrauensvollen mündet in die ewige Gottesruhe, wie ein kleiner Fluss in den großen Ozean. Und so bleibt ihr Leben in Gott bewahrt. Vielleicht ist es bis dahin ein hartes und hässliches Leben. Doch auch so läuft es nicht ins Leere, sondern führt zurück ins Haus des himmlischen Vaters, wo wir in Gottes Gegenwart nichts mehr entbehren, nichts mehr fürchten und an gar nichts mehr leiden. Denn Gott selbst ist der Lohn unserer Wanderung. Am Ende ruhen wir in ihm. Das wird herrlich. Und so haben wir es nicht nötig, uns die Gegenwart schön-zu-reden oder schön-zu-saufen. Nein! Diese Welt ist nicht gut. Sie wird aber mal gut! Das Leben ist oft zum heulen. Aber es bleibt nicht so! Der Mensch ist nicht gut. Doch Gott ist es umso mehr! Unsre traurigen Brüder aber, die Melancholischen, Verzagten und Mutlosen, müssen wir einfach nur drauf hinweisen, dass sie ihr Glück und ihren Frieden an der falschen Stelle suchen. Sie erwarten von der Welt, was nur Gott geben kann. Und so ist es kein Wunder, dass sie enttäuscht werden. Aber, keine Bange: es ist noch eine Ruhe vorhanden. Unsre himmlischen Wohnungen sind längst reserviert. Platz ist dort genug. Und keiner wird uns drum betrügen. Dort sind wir einst gut aufgehoben und ruhen wie der Säugling an seiner Mutter Brust. Denn Gott schickte uns auf keine vergebliche Reise. Wenn wir treu sind, nimmt er uns am Ende fröhlich in Empfang. Und das sei ihm herzlich gedankt.
Bild am Seitenanfang: Far, far away Soria Moria Palace shimmered like Gold
Theodor Kittelsen, Public domain, via Wikimedia Commons
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