Ist das Natürliche immer gut?

 

 

Es ist heute fast selbstverständlich, dass ein Mensch die Natur liebt, dass er sich gern in der Natur aufhält, dass er die Natur schützen möchte – und überhaupt dem „Natürlichen“ den Vorzug gibt vor allem „Künstlichen“. Denn wir idealisieren „Mutter Natur“ und wollen mit ihr im Einklang sein. Die natürliche Lebensweise scheint uns immer die gesündeste. Und wenn Lebensmittel nur „natürliche“ Inhaltsstoffe haben, essen wir sie doppelt so gern. Denn Natur ist doch gut – und es widerstrebt uns, etwas Natürliches „schlecht“ zu finden. Das gilt aber nicht nur für Ernährungs- und Gesundheitsfragen, sondern ebenso für Ethik und Moral. Denn auch dort wird ganz automatisch das natürliche Verhalten als normal, gut und berechtigt angesehen. Man sagt z.B., es sei natürlich, dass Menschen nach Glück streben. Also kann niemand etwas dagegen haben. Es ist natürlich, dass einer frei leben will, dass er an seiner Familie hängt, dass er Hunger hat – und neben den sozialen auch sexuelle Bedürfnisse. Ist etwas aber „natürlich“, so gilt es als normal. Und „normal“ zu sein, kann man keinem vorwerfen. Oder? Man wirft ja auch den Tieren nicht vor, dass sie tun, was in ihrer Natur liegt! Und so fühlt man sich, wenn man der Natur folgt, immer auf der sicheren Seite. Denn in unserem Denken ist tief verankert, dass das Natürliche nicht falsch sein könne. Christen ergänzen oft, die Natur sei schließlich Gottes Schöpfung. Und Gott habe gewiss nichts Schlechtes geschaffen. So wie es in der Natur sei, müsse es darum richtig sein. Und so entnimmt man der Beobachtung der Natur nicht nur Seinsurteile (dass nämlich etwas so und so ist), sondern auch das Werturteil, dass es so, wie’s ist, auch sein soll. Man beschreibt, wie das Leben natürlicherweise funktioniert, und nimmt diese Beschreibung auch gleich als Norm, weil man unterstellt, das natürliche Leben sei automatisch auch gut – denn die Natur habe doch immer Recht! Oder könnte, was der Natur gemäß ist, etwa Unrecht sein? Die Natur erscheint uns harmonisch und schön, während all das Künstliche, Hässliche und Schmutzige, das sie zerstört, kulturellen Ursprungs ist. Und auch vom Menschen selbst nehmen viele an, dass er zunächst ganz natürlich und unverdorben auf die Welt kommt und noch als Kind voller Unschuld ist, bis die zarte Seele dann durch den Zwang der Erziehung verbogen und durch den Einfluss der Gesellschaft verdorben wird. Im Gefolge Rousseaus stellt man sich vor, die Naturvölker dieser Welt hätten als „edle Wilde“ ein friedliches Leben geführt im Einklang mit der unberührten Natur – sie seien so unschuldig gewesen, wie Gott sie geschaffen hat, bis gierige Europäer kamen und sie mit den fragwürdigen Segnungen der Zivilisation ins Unglück stürzten. „Zurück zur Natur!“ ist darum das Motto vieler Aussteiger geworden. Das Natürliche scheint ihnen stets gesünder und legitimer! Aber stimmt das so? Ich halte die Idealisierung der Natur für einen Fehler und will ihr in mehreren Schritten widersprechen. 

(1) Mir fällt auf, dass der Mensch die Natur erst so toll findet, seit er sie fest im Griff hat, und die Naturgewalten nicht mehr täglich sein Leben bedrohen. Vorher war‘s nämlich normal, im Winter zu verhungern oder zu erfrieren. Und so wie die Natur eingerichtet ist, konnte man nach jeder kleinen Schnittverletzung an einer Blutvergiftung zugrunde gehen. Als die Natur noch die Oberhand hatte, sah man sie nicht so romantisch wie heute! Denn ohne Verhütungsmittel ist die Natur so eingerichtet, dass Frauen 8 bis 12 Kinder bekommen – und beim 13. an Entkräftung sterben. Ohne moderne Medizin war es ganz „natürlich“, dass von diesen Kindern höchstens die Hälfte erwachsen wurde. Und Spaziergänge im tiefen Wald vermied man schon deshalb, weil dort Wölfe und Bären hausten. Wir verklären die Natur erst, seit wir sie im Griff haben. Davor haben wir sie aus gutem Grund gefürchtet. Und auch heute kann man kaum übersehen, wie grausam die Natur ist: Man beschäftige sich nur mal mit den parasitären Fliegen, die ihre Eier in den Körpern anderer Tiere ablegen, wo sie dann unter der Haut zu Larven heranwachsen, die im Wirtstier herumkriechen und es nach und nach bei lebendigem Leibe von innen her auffressen! Auch die Malaria-Mücke, die Pest und die Cholera gehören zur Natur. Und wenn in Afrika der Regen ausbleibt, lässt die Natur auch mal zehntausend Tiere qualvoll verdursten. Die Natur, von der wir so schwärmen, kennt kein Mitleid. Und mit den Schwachen und Alten hat sie auch keinerlei Gnade – wer sich nicht wehren kann, wird aussortiert. Und dieses erbarmungslose „Fressen und gefressen werden“ idealisieren wir und rufen „zurück zur Natur“? Vom Fernsehsessel aus kann man das gefahrlos tun und kann sich für die „wilde Natur“ begeistern. Doch ihr tatsächlich ausgeliefert zu sein, würde unsere Begeisterung schnell dämpfen. 

(2) Dazu kommt dann aber als zweites Argument, dass es ein Denkfehler ist, die vorgefundene Natur schon allein deshalb, weil sie ist, wie sie ist, als „gut“, „gesund“ oder „normgebend“ anzusehen. Denn schon David Hume hat gezeigt, dass logisch nie von einem Sein auf ein Sollen geschlossen werden kann. Aus der Beschreibung eines in der Natur gegebenen Sachverhaltes folgt einfach nur, dass die Dinge so sind. Es folgt aber weder, dass sie so bleiben sollen, noch, dass sie geändert werden müssen. Aus dem natürlichen Sachverhalt ergibt sich auf dem Wege der Schlussfolgerung nie eine moralische Forderung, eine Norm, ein Appell oder eine Pflicht. Denn die Feststellung des Gegebenen ist das eine – und die Bewertung etwas völlig anders. Nur im Verhältnis zu einem zielsetzenden Willen kann etwas als „gut“ oder „böse“, „richtig“ oder „falsch“ bezeichnet werden. Steht hinter diesem Willen eine verbindliche Autorität, gilt jede Handlung als „gut“, die ihren Zielen dient, und jede als „böse“, die das Erreichen ihrer Ziele hindert. Doch normgebend ist stets der Wille – und nicht die Situation, weil die auch bei genauester Beschreibung keine ethische Forderung enthält. Wir können lange in die Welt hinausstarren, in der uns manches „natürlich“ und manches „unnatürlich“ vorkommt. Doch was von alledem „gut“ oder „schlecht“ ist, verrät uns die Beobachtung der Natur nicht.

(3) Wenn die Natur aber doch von Gott geschaffen ist, muss sie dann nicht gut sein? Muss es so, wie es Gott gemacht hat, nicht richtig sein? Das ist ein Gedanke, den wir, gerade weil er so nahe liegt, unbedingt als Irrtum erkennen müssen. Denn die Bibel unterscheidet deutlich zwischen der ursprünglichen Schöpfung Gottes (die sehr gut war) und der heute gegebenen Welt (die so viel Übles enthält). Und folglich dürfen auch Christen diese beiden Dinge nicht einfach gleichsetzen oder durcheinanderwerfen. Denn zwischen der Welt, wie Gott sie gemeint hat, und der Welt, die wir erleben, liegt der Sündenfall mit den resultierenden Strafen und der Vertreibung aus dem Paradies. Und diesen tiefen Bruch zu übersehen, wäre naiv und falsch. Denn Gottes gute Ordnung ist zwar nicht ganz aus der Natur gewichen (sie könnte sonst nicht so viel Schönes enthalten und so gut funktionieren). Doch ist dem Werk Gottes nun viel Giftiges und Verkehrtes beigemischt, das keineswegs von Gott, sondern vom Satan und aus der menschlichen Bosheit stammt. Und dieser verderbliche Anteil durchdringt und verzerrt das Gesamtbild so sehr, dass wir nicht einfach sagen können, das faktisch Gegebene sei automatisch auch gottgewollt – es wirke „natürlich“ und solle darum so bleiben! Gewiss wird die Natur auch jetzt noch von Gottes Kraft getragen und ist nach wie vor herrlich. Der Segen ist nicht etwa geschwunden! Doch unter die segnenden Kräfte mischt sich heute das Böse und Verkehrte, das Gottes gute Ordnung verdorben hat. Und für unser Auge ist das eine vom anderen nicht sicher zu unterscheiden. Denn wie Gott die Welt ursprünglich gemeint hat, können wir der gefallenen Schöpfung nicht mehr entnehmen. Eine andere als diese kennen wir gar nicht. Und in dieser, die wir kennen, ist Schönes und Schreckliches so eng miteinander verwoben, dass Natur und Geschichte nur noch zum Teil von Gottes guter Absicht zeugen. Wir können darum das Vorfindliche, auch wenn’s uns „natürlich“ vorkommt, nicht umstandslos zur Norm erheben, sondern müssen erst die andersartige und viel deutlichere Norm der Heiligen Schrift heranziehen, um dann von ihr her mit geschärftem Blick in der Ambivalenz des Gegebenen die guten Intentionen Gottes wiederzuerkennen.

(4) Sollte aber trotzdem jemand drauf bestehen, der Mensch solle „natürlich“ leben, weil das Natürliche immer das Richtige sei, so müsste der erst mal zeigen, was dem Menschen überhaupt „natürlich“ ist. Und er käme dabei in arge Schwierigkeiten. Denn anders als bei Tieren, ist beim Menschen gar nicht leicht zu sagen, welches Leben seiner Natur entspricht. Was der Natur eines Wolfes gemäß ist, und welchen Instinkten ein Zugvogel folgt – das lässt sich beschreiben und unterliegt auch keinem Wandel. Doch der Mensch ist so anpassungsfähig, dass er in seiner Natur gar nicht festgelegt erscheint, sondern stets variabel: er kann sich an höchst verschiede Lebensformen gewöhnen. Und ob das primitive Leben der Steinzeit seiner Natur wirklich besser entsprach als die technisierte Gegenwart, ist schwer zu entscheiden. Es scheint, als ob der Mensch seine wahre Natur gar nicht kennt – die Gelehrten streiten darüber seit Jahrhunderten! Und was wir so schlecht kennen, können wir logischerweise auch nicht als ethische Norm heranziehen. Denn selbst wenn zu gewissen Zeiten alle Menschen dasselbe tun und denken, wird es davon nur „normal“. Es muss aber, weil es normal ist, noch lange nicht „richtig“ sein. Und so stünde, wer sich am „Natürlichen“ orientieren wollte, ziemlich ratlos da. Griechen und Römer fanden es „natürlich“, Sklaven zu halten. Die Maja und Azteken fanden es „natürlich“, massenhaft Menschenopfer darzubringen. Und in manchen Ländern gilt es noch heute als „natürlich“, dass Männer ihre Frauen und Kinder verprügeln. Wenn dabei der Starke den Schwachen unterwirft, kann man ins Biologiebuch schauen und das „natürlich“ finden. Und doch ist es deswegen noch lange nicht in Ordnung! Vielleicht ist ein Mensch „von Natur aus“ jähzornig oder faul. Und doch gestehen wir ihm nicht einfach zu, dass er seine Veranlagung ausleben dürfte! Manche Männer haben den Drang, jeden Morgen neben einer anderen Frau aufzuwachen. Aber selbst, wenn das „natürlich“ wäre, würden wir es doch nicht gutheißen! Wenn Menschen angespuckt und beleidigt werden, haben sie den „natürlichen“ Drang, dem Täter eine reinzuhauen. Und dennoch raten wir ihnen, diesen Impuls zu unterdrücken! Sollten wir also feststellen, dass in der Natur ein Krieg aller gegen alle herrscht – würden wir uns dann die Beißordnung im Wolfsrudel zum Vorbild nehmen und der Natur ihren Lauf lassen? Spätestens da kommt die Idealisierung der Natur an ihre Grenzen. Und nur wenige wären einverstanden, ihr Kind an einem eiternden Backenzahn sterben zu lassen, bloß weil Antibiotika „unnatürlich“ sind. 

(5) Ist man aber Christ, kommt man mit der Orientierung am „Natürlichen“ erst recht nicht weiter. Denn das Neue Testament fordert ständig Dinge, die unserer Natur diametral entgegenstehen. Dass ich nicht nur meine Freunde, sondern auch meine Feinde lieben soll, geht mir völlig gegen meine „Natur“. Und mich blind auf einen Gott zu verlassen, den ich nicht sehen kann, kommt mir auch nicht sehr „natürlich“ vor. Sämtliche christlichen Tugenden erscheinen uns so „unnatürlich“ wie der Glaube und die Liebe – sonst fielen sie ja nicht so schwer! Und viel „natürlicher“ finden wir demgegenüber das Misstrauen und die eigennützige Selbstbehauptung. Wenn ich etwa mit Konfirmanden die Zehn Gebote behandle, will nicht jedem einleuchten, dass er immer die Wahrheit sagen soll. Manche erwidern, es sei doch ganz „natürlich“, dass man schwindelt, wenn man sonst in Schwierigkeiten käme! Wenn‘s aber das ist, was wir „natürlich“ finden – ja, dann steht Gottes Wort insgesamt gegen unsere „Natur“, so dass wir, was uns „natürlich“ vorkommt, immer erst am Maßstab der biblischen Gebote messen und überprüfen müssen und nur dort – in Gottes Wort – eine verlässliche Richtlinie für unser Handeln finden. Ob Monogamie dem Menschen „natürlich“ ist, kann man lange diskutieren. Und ob es „natürlich“ ist, den Wunsch nach Rache zu unterdrücken, darf man bezweifeln. Wenn das Neue Testament es aber dennoch fordert, ist der Fall geklärt. Es entspricht keineswegs unsrer Natur, den Nächsten zu lieben, oder gar demütig und sanftmütig zu sein. Und doch sagt Jesus, dass es richtig ist. Was soll man also anderes folgern, als dass uns die Natur keine ethische Orientierung bietet? Wenn mir etwas „normal“ oder „natürlich“ vorkommt, ist es deswegen noch nicht richtig. Und wenn mir etwas derart gegen die Natur geht wie die Bergpredigt Jesu, ist es deswegen noch lange nicht falsch. Wenn ein Pädophiler glaubhaft versichert, diese Neigung sei nun mal ein Teil seiner Natur, ist sie deswegen nicht „gut“. Und wenn’s der Mehrheit unnatürlich vorkommt, dass katholische Priester zölibatär leben, ist es allein deshalb noch nicht verkehrt. Denn wenn eine Veranlagung „natürlich“ ist, besagt das weder, dass sie als „gottgewollt“ bejaht und ausgelebt werden darf, noch besagt es, dass sie unterdrückt werden müsste, sondern in dieser wie in jener Richtung kann nur entschieden werden durch den Rückgriff auf das biblische Wort. Denn auch wenn etwas schon immer so war, folgt nicht, dass es so bleiben soll – es kann schon immer verkehrt gewesen sein. Und auch das „Allernormalste“ ist nicht gleich richtig, sondern kann „ganz normal falsch“ sein! So hilft uns der Blick auf das „Gegebene“ herzlich wenig. Und wir sehen uns zuletzt immer wieder auf die Bibel zurückgeworfen als auf Gottes ausdrückliches Wort, dessen Geltung gewiss ist, weil Gottes Sohn uns nicht belügt. Wollen wir ihn aber nicht fragen, können wir noch so lange in die Welt starren – denn allein vom Beobachten der Natur werden wir ethisch nicht klüger. Aus Seinsurteilen ergeben sich keine Werturteile. In dieser kranken Welt ist sehr vieles „normal“, was nicht „gut“ ist, wie auch vieles „gut“ ist, was der Mehrheit nicht „normal“ erscheint. Und so kann man tausendmal sagen, die Verkehrtheit sei dem Menschen „natürlich“, ohne dass es davon besser würde – oder gar „in Ordnung“ wäre. Denn beim Jüngsten Gericht wird die Frage nicht lauten, ob ich ein „normaler“ Mensch war, gemessen am Durchschnitt all der anderen, sondern ob ich der „gute“ Mensch war, der ich nach dem Willen Gottes sein sollte. 

(6) Sich das klar zu machen, ist aber so wichtig, dass ich es am Ende noch einmal unterstreichen will. Denn viele meinen, es sei dem Menschen „natürlich“, ein Sünder zu sein. Und sie denken, es wäre Gott gegenüber eine gute Ausrede, dass man doch nur getan habe, was einem Sünder „natürlich“ sei. Sie meinen, man könne ihnen nicht vorwerfen, was in ihrer Natur läge – denn das sei doch „normal“! Tatsächlich ist aber gerade die Normalität des Falschen der Skandal. Denn in Gottes Sicht ist unser Sünder-Sein gerade nicht „natürlich“, sondern völlig „unnatürlich“. Für Gott liegt die „Natur“ des Menschen in der aufrichtigen Unschuld, die Adam und Eva im Paradies besaßen! Und aus der herausgefallen zu sein, ist, wenn’s auch ganz normal sein mag, trotzdem falsch: es ist sozusagen der ganz-normal-falsche „Lauf der Welt“. Wie das mit dem Mensch-Sein aber „richtig“ ginge, das sehen wir einzig und allein an Jesus Christus, der uns mit seiner übergroßen Gerechtigkeit so ganz unnatürlich „gut“ vorkommt. Jesus war eben nicht „normal“, sondern „richtig“! Und genau darum bringt uns die Orientierung an ihm viel weiter als die Idealisierung der Natur. Denn nicht darin liegt das Heil, dass wir zurückkehren zur Natur, sondern dass die Natur zurückkehrt in ihren Ursprung bei Gott. Nicht darin liegt das Heil, dass wir im Einklang leben mit einer schwer gestörten Natur, sondern dass diese Natur ihrerseits wieder in Einklang kommt mit ihrem Schöpfer. Nur an Gottes Wesen wird die Welt genesen. Dass wir‘s aber erleben dürfen – zuerst an der eigenen Person und dann an der ganzen Welt – das schenke uns unser himmlischer Vater.