Sexualität

 

Es gibt kaum einen Bereich, in dem Glanz und Elend so eng beieinanderliegen, wie in der Sexualität. Denn Gott hat den sexuellen Drang mit großer Kraft versehen. Die ermöglicht hohen Flug – und entsprechend tiefen Absturz. Der Grund liegt aber einfach darin, dass der Schöpfer das Leben bejaht. Er will, dass es sich stets erneuert. Und er beteiligt Menschen an dieser immer neuen Schöpfung, indem er sie befähigt Kinder zu zeugen. 

Gott legt diese Macht nicht in die Hand des Einzelnen, sondern nur in die des Paares. Und damit jeder merkt, worum es geht, lässt er zwischen Mann und Frau die Funken sprühen. Der Mann allein genügt sich nicht. Und die Frau allein ebenso wenig! Getrennt laufen sie herum wie die Hälften eines Ganzen, das sich noch nicht gefunden hat. Und wenn’s dabei bleibt, sind sie sehr zu bedauern. Denn zum Schmoren im eigenen Saft, zu Vereinzelung und Selbstbezug sind wir Menschen nicht geschaffen. Gott mutet uns zu, aufeinander angewiesen zu sein, damit wir lernen, füreinander da zu sein. Und so ist es kein Zufall, sondern Absicht, dass wir uns geschlechtliche „Selbstverwirklichung“ nicht selbst geben oder nehmen können, sondern dazu den Gegenpol des anderen Geschlechts brauchen. 

Erst in der Paarbeziehung findet ein Mensch beim anderen Menschen zu sich selbst, findet seine Entsprechung und seine Ergänzung in dem, was er selbst gerade nicht ist. Und gelingt die Vereinigung, wird sie nicht nur oberflächlich als „lustvoll“, sondern in einem tieferen Sinne als „erfüllend“ erlebt, weil darin ein wesentlicher Teil unserer Bestimmung liegt. Wer diesen Teil nicht leben kann, vermisst viel! Denn mit dem Mann-Sein ist ohne Frau genauso wenig anzufangen wie umgekehrt. 

Die Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern ist von gottgewollter Kraft. Ihre Vitalität lässt erkennen, mit welcher Dynamik Gott das Leben will. Und „falsch“ ist daran erst mal gar nichts. Denn die Faszination, mit der ein Geschlecht auf das andere schaut, ist schließlich Begeisterung für ein vortreffliches Werk Gottes! Sexualität gehört zu den guten Gaben des Schöpfers. Und als solche ist sie zunächst nicht problematischer als irgendein anderer Aspekt der Schöpfung, sondern ist uns – genau wie alle anderen – zum freudigen und segensreichen Gebrauch geschenkt. 

Nur: warum sehen wir davon so wenig? Warum verbindet sich gelebte Sexualität so oft mit Not und Scham, Unglück und Gewalt, Untreue und Eifersucht, Missbrauch und Abhängigkeit? Es liegt daran, dass dieser Teil der Schöpfung (genau wie jeder andere!) in den Sündenfall hineingezogen und dadurch korrumpiert wurde. Von allem Guten, das Gott geschaffen hat, versucht sein Gegner einen bösen Gebrauch zu machen. Und er tut das im Miteinander der Geschlechter so erfolgreich, weil die besonders hohen Energien, die da wirken, abgelöst vom guten Willen des Schöpfers auch besonders gefährlich sind. 

Für sich genommen sind sie weder gut noch schlecht. Je nach Gebrauch können sie aber sehr gute oder sehr schlechte Wirkungen haben. Und daraus ergibt sich die dringliche Frage, was denn der „gute Gebrauch“ des Sexuellen ist, und was der „Missbrauch“.

Nun fehlt es diesbezüglich nicht an Meinungen. Denn der Eine meint zu wissen, was sexuell „natürlich“ und was „unnatürlich“ ist. Der Andere ist überzeugt, dass nichts falsch sein kann, was im Namen der Liebe geschieht. Und der Dritte denkt, dass jeder starke Drang verdient ausgelebt zu werden. Im Meinungsstreit zeigt sich schnell, dass es zu ethischen Fragen keinen „weltanschaulich neutralen“ Zugang gibt: jeder urteilt mit Hilfe von Wertmaßstäben, die er voraussetzt, ohne ihre Geltung anderen zwingend demonstrieren zu können. Doch fördert es das Gespräch, wenn alle Beteiligten ihre Voraussetzungen offenlegen. Und bei Christen beginnt das wahrscheinlich damit, dass sie (der Logik ihres Glaubens folgend) die Bibel aufschlagen und nach der Absicht dessen fragen, der den sexuellen Drang schuf. Sein Wille ist die verbindliche Norm christlichen Han-delns. Was ist also Gottes ursprüngliches Ziel, von dem gelebte Sexualität so oft leidvoll abkommt? Was hatte Gott im Sinn, als er im Menschen diesen Sturm entfesselte?

Die Bibel lässt da keinen Zweifel: Der Schöpfer will, dass Mann und Frau zusammenkommen, dass sie beieinander Hilfe, Freude und Ergänzung finden, dass einer für die Bedürfnisse des anderen da ist, und sie sich in der Ehe zu jener verbindlichen Einheit zusammenschließen, die Gott mit Kindern segnen möchte – und die dann (schon um dieser Kinder willen) in lebenslanger Treue zu leben ist, bis der Tod das Paar scheidet. Mit anderen Worten: Die große An-ziehung, die zwischen Mann und Frau waltet, hat ihr Ziel nicht in der kurzfristigen Lust, sondern in der langfristigen Bindung. Gott gönnt uns zwar auch den verliebten Rausch. Aber der soll sich auf lange Sicht zur ehelichen Liebe veredeln, damit aus freudiger Vitalität und Vertrautheit neues Leben erwächst, das Segen empfängt und zugleich ein Segen ist, weil ein Mensch, der Kinder hat, im großen Roman des Lebens kein Endpunkt mehr ist, sondern ein auf Fort-setzung verweisender Doppelpunkt. Eltern dürfen als Bindeglieder in der Kette der Generationen den unvermeidlichen Verbrauch ihrer Lebenskraft als sinnvoll erfahren. Denn genau so ist der Mensch von Gott gedacht, dass er in der Generationenfolge nimmt und gibt, Kräfte aus der einen Richtung empfängt und sie in die andere Richtung weiterreicht. Es tut dem Einzelnen nicht gut, wenn er sich ohne Not aus dieser Ordnung ausklinkt. Es tut ihm aber sehr gut, in der Ordnung seine Rolle, und in der Rolle Erfüllung zu finden. Denn jene, die im Alter ohne Familie sind, beneidet so schnell keiner… 

Es geht hier zum Glück nicht um ein lebensfremdes Ideal, das man jungen Leuten erst mühsam vermitteln müsste, sondern um eines, das sie von selbst erstreben, sobald sie positive Beispiele vor Augen haben. Jugendliche, die in funktionierenden Familien aufgewachsen sind, haben ganz von selbst den Wunsch, Familien zu gründen. Und wenn sie gute Eltern hatten, reizt sie der Gedanke, selbst einmal Eltern zu werden. Haben sie erlebt, wie Vater und Mutter in schwerer Zeit zusammenhielten, wünschen sie sich auch so einen Lebens-partner, auf den man sich unbedingt verlassen kann. Und spätestens in der Pubertät ahnen sie, wie gut es ist, wenn man wenigstens vor einem Menschen keine Masken tragen muss, sondern vor diesem einen „die Hüllen fallen lassen kann“ ohne Verletzungen fürchten zu müssen. 

Hört man über die coolen Sprüche hinweg, wollen die meisten nur bei einem verlässlichen Partner gut beheimatet sein. Und solche Beheimatung ist genau das, was Gott ihnen auch gönnt und schenken will: Gott gönnt ihnen eine Liebe, die nicht nur ein paar Nächte hält, sondern ein Leben lang. Und diese biblische Zielvorgabe deckt sich durchaus mit dem Wunsch der Liebenden. Denn wenn Liebe echt ist, will sie mit dem Partner alt werden. Und wenn sie das nicht will, ist sie nicht echt… 

Haben wir damit Gottes Intention umrissen, steht auch schon der Maßstab fest, an dem gelebte Sexualität zu messen ist. Denn unter der Voraussetzung einer positiven Höchstgeltung der Ehe ergibt sich von selbst, dass anderen sexuellen Praktiken nicht der gleiche Wert zukommt. So hat es der Schöpfer offenkundig nicht gemeint, dass ein Mensch seine Bedürfnisse am Körper des anderen abreagiert, und die beiden – nachdem sie sich gegenseitig „benutzt“ haben – wieder ihrer Wege gehen. Gemessen am gottgewollten Ziel ist das (gelinde gesagt) „defizitär“. Und andere Spielarten des Sexuellen lassen sich im Vergleich mit einer gelingenden Ehe kaum positiver bewerten. Gegen Selbstbefriedigung spricht zwar kein biblisches Gebot, es fehlt ihr aber der Bezug zum Partner. Und Pornografie ist kein Ersatz dafür. Prostitution ermöglicht Triebabfuhr, verselb-ständigt damit aber das Sexuelle jenseits der ehelichen Vertrauensbeziehung, die der Freier nicht hat, nicht will, oder durch den gekauften Sex zerstört. Und die sogenannte „freie Liebe“ verwandelt das, was Gott geheiligt wissen will, in eine unverbindliche Freizeitbeschäftigung ohne tiefere Bedeutung. Aber wenn es doch Liebe ist? Wenn es ein natürlicher Drang ist? Oder: wenn es einfach nur Spaß machen soll? Ich will auf die drei Fragen in dieser Reihenfolge eingehen. 

 

LIEBE?

Zunächst ist festzustellen, dass nicht alles gut und erlaubt ist, nur weil jemand meint, es aus „Liebe“ zu tun. Das Wort „Liebe“ scheint zwar alles zu adeln, was im Namen der Liebe geschieht. Und weil das Neue Testament sagt, Gott sei „Liebe“, folgert mancher, alle Liebe sei darum auch schon göttlich und himmlisch legitimiert. Doch die erotische Liebe, von der da so viel geredet und gesungen wird, ist durchaus nicht das, was das Neue Testament Liebe („Agape“) nennt, sondern es handelt sich meist nur um eine romantisch überhöhte und verklärte Form der Begierde. Da „liebt“ einer den anderen in demselben Sinne, wie er den Erdbeerkuchen „liebt“, den er essen möchte. Er „liebt“ ihn wegen des Genusses, den der Konsum bereitet, hat es einzig auf die Steigerung des eigenen Lebens-gefühls abgesehen – und bleibt darum innerlich ganz bei sich selbst. Er liebt das Gegenüber nicht um seiner selbst willen, sondern allein für das, was es ihm „bringt“. Und diesen Wunsch (jemanden zu konsumieren, zu genießen und zu „vernaschen“) sollte man besser nicht „Liebe“ nennen, sondern „Begehren“. Denn mag solches Begehren auch heftig sein, so ist es doch nichts Großes oder Ehrwürdiges, sondern etwas sehr Gewöhnliches. Wenn der Begehrende dann aber ungläubig fragt „Kann denn Liebe Sünde sein?“, dann muss man ihm antworten: „Na, klar!“ Denn die Begierde, die einer verspürt, verleiht ihm keinerlei Recht, sondern sollte eher zur Vorsicht mahnen, weil fast jede Sünde mit irgendeiner Art von Begierde beginnt. Es gibt kaum ein Verbrechen, das nicht schon (vorgeblich oder wirklich) „aus Liebe“ begangen wurde! Der Begriff ist daher viel zu diffus und dehnbar, als dass man ihn als Maßstab in sexual-ethischen Fragen gebrauchen könnte… 

 

NATUR?

Aber kann es falsch sein, wenn ein Mensch seinen natürlichen Neigungen folgt? Kann es gesund sein, den natürlichen Bedürfnissen Gewalt anzutun, statt frei zu entfalten, was im Menschen liegt? Der Einwand ist populär, weil viele Menschen davon träumen „im Einklang mit der Natur“ zu leben. Sie meinen, das „Natürliche“ könne niemals falsch sein. Sie unterstellen, Gott habe sie doch mit dieser oder jener Neigung geschaffen – und also müsse es auch gut sein, sie auszuleben. Doch wird dabei vergessen, dass vom gegebenen Zustand der Welt und des Menschen nicht auf ihre ursprüngliche Bestimmung geschlossen werden kann. Die ursprüngliche Natur, die Gott schuf und ausdrücklich für gut befand, kennen wir gar nicht, denn sie wurde durch den Sündenfall entstellt. Und die heute vorfindliche Welt ist darum auch kein unmittelbarer Ausdruck des göttlichen Willens, sondern als „gefallenen Schöpfung“ eine schwer zu durchschauende Mischung aus „Gottes Werk“ und „Teufels Beitrag“. Nicht alles, was darin biologisch „gegeben“ ist (und darum „natürlich“ im Sinne von „normal“ erscheint), ist deswegen auch schon ethisch „gut“. Denn das Faktische in dieser Welt ist niemals normativ. Aus einem gegebenen Zustand lässt sich nur ableiten, was ist – und nicht, was sein sollte. Darum mag es zwar stimmen, dass manchen Menschen problematische sexuelle Neigungen „angeboren“ sind. Es folgt daraus aber nicht, dass sie schon deshalb „gut“ wären, und ausgelebt werden sollten. Vielmehr erwartet Gott von solchen Menschen, dass sie das Problematische an ihren Neigungen erkennen, damit ringen und in dieser Prüfung ihren Glauben bewähren. Der Mensch darf ja auch sonst nicht alles, wozu ihn seine „Natur“ drängt! Nicht jede Möglichkeit, die von Geburt an in mir liegt, ist wert „entfaltet“ zu werden. Viele dieser Möglichkeiten verdienen verworfen zu werden. Was hilft also in ethischen Fragen der Hinweis auf die „Natur“? Nach christlicher Über-zeugung befindet sich die menschliche Natur nicht in ihrem Urzustand, sondern ist schwer korrumpiert. Und in dieser „kranken“ Verfassung kann sie kein ver-lässlicher Maßstab der ethischen Orientierung sein.

 

SPASS?

Warum soll es aber verboten sein, die Lust um der Lust willen anzustreben? Was ist falsch am „Spaßprinzip“? Man sollte sich über diese Frage nicht empören. Denn sexuelle Enthaltung bedeutet für junge und gesunde Menschen große „Unlust“. Und es ist schwer zu verstehen, warum man die nicht vermeiden soll, wenn‘s doch – dank effektiver Verhütung – ohne Folgen bleibt. Bei allem Verständnis ist dann aber doch eine unverblümt Antwort zu geben: Wer sich wirklich vom Spaßprinzip leiten lässt, taugt nicht zum Vater, nicht zur Mutter und noch nicht mal zum Lebenspartner. Denn der Lustgewinn ist kurz – und das Familienleben lang. Wer Unlust nicht aushalten kann, ist als Partner unzu-verlässig und als Elternteil nicht zu gebrauchen. Wenn er ständig Spaß braucht, um sich zu motivieren, sollte er besser keine Kinder haben. Denn die kosten Kraft, Nerven und Zeit – und verdrängen damit eine Menge anderer, viel „spaßigerer“ Beschäftigungen. Natürlich „lohnt“ sich dieser Verzicht in einem tieferen Sinne! Aber wer sich früh daran gewöhnt, Unlust aus dem Wege zu gehen, wird nicht lang genug durchhalten, um den Lohn zu empfangen: vorher flieht er aus einer Beziehung in die nächste, bindet sich um des Kitzels willen und trennt sich, weil der Kitzel geschwunden ist, bleibt in dieser Hinsicht aber stets ein ein Kind. Und wie sollte der Kinder erziehen, der sich selbst weigert erwachsen zu werden? Es gibt überhaupt keine kulturelle Leistung ohne die Fähigkeit zum Triebaufschub. Keine Firma, keine Armee, kein Krankenhaus kann nach dem Lustprinzip funktionieren. Und ein gelingendes Familienleben ist in dieser Hinsicht die Königsdisziplin. Wer die Lust zum Prinzip erhebt, kann für seine Familie nie eine verlässliche Stütze sein. Und so liegt es auf der Hand, dass „Spaß“ als Maßstab ethischer Orientierung noch weniger taugt als „Liebe“ oder „Natur“. Diese Begriffe sind zu unscharf, als dass sie uns helfen könnten. 

 

Wenn man aber trotzdem wissen will, was im Sexualleben „gut“ oder „schlecht“ ist? Als Christ kann man sich erneut der Bibel zuwenden. Denn die leitet ihre Maßstäbe nicht von „natürlichen“ Gegebenheiten ab, sondern von „geistlichen“. Die geistliche Wesensbestimmung eines Christen ist aber, dass er durch seine Taufe ein Glied am Leib Christi geworden ist. Christen sind in Christus regelrecht „hineingetauft“! Mit Körper, Geist und Seele gehören sie so sehr zu ihm, dass die Teilhabe an Christus sie rechtfertigt und heiligt. Sie sind Christus „übereignet“ und sollen diesem geistlichen Tatbestand in ihrem äußeren Leben entsprechen. Christen sind bestimmt, das Reich Gottes zu erben, und haben darum ein ureigenes Interesse, alles abzulegen, was für Gottes Reich nicht taugt. Sie sind mit Gottes Geist beschenkt und sollen diesem Geist gemäß handeln, damit die Glieder am Leib Christi nichts tun, was dem Haupt widerstrebt. Natürlich sind auch Christen zeitlebens „in“ der Welt. Aber sie sind nicht „von“ der Welt. Sie leben „im Fleisch“, sollen aber nicht „fleischlich“ leben, sondern „geistlich“. Und infolgedessen gibt es keinen Lebensbereich, der von der Herrschaft Christi auszunehmen und „eigenen“ Gesetzmäßigkeiten zu überlassen wäre. Christ-Sein spielt sich nicht nur im Kopf ab! Es schließt den ganzen Menschen ein, der auch nach seiner leiblichen Seite Gott übereignet ist, um Wohnung und Tempel des Heiligen Geistes zu sein. Und darum sollen auch in seinem Geschlechtsleben keine „Dämonen“ spuken. Mit Worten des Paulus gesagt: „So lasst nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, und leistet seinen Begierden keinen Gehorsam. Auch gebt nicht der Sünde eure Glieder hin als Waffen der Ungerechtigkeit, sondern gebt euch selbst Gott hin, als solche, die tot waren und nun lebendig sind, und eure Glieder Gott als Waffen der Gerechtigkeit.“ (Röm 6,12–13) 

Was heißt das konkret? Was kann man jungen Leuten raten, wenn sie in Bedrängnis kommen? Zunächst einmal sollten sie sich für jede Sexualität zu schade sein, die das Körperliche vom Seelischen trennt. Denn es ist nicht gut, wenn ich den Körper eines Menschen, dessen Seele mich nicht interessiert, zum Instrument meines Lustgewinns degradiere – oder den eigenen Körper von anderen entsprechend degradieren lasse. Auch wenn zwei sich darin einig sind, wird es davon nicht besser. Denn wenn sie übereinkommen, einander zur wechselseitigen Bedürfnisbefriedigung zu „benutzen“, trennen sie den leiblichen und den seelischen Aspekt, die in der Sexualität unbedingt zusammengehören. Es herrscht dann körperliche Intimität ohne menschliche Nähe. Und infolge-dessen steht das Schamgefühl nicht mehr unter dem Schutz einer vertrauens-vollen Beziehung. Sexualität ohne seelische Hingabe verkommt so zur Viecherei. Sie nimmt den Beteiligten die Würde. Und darum ist es ein guter Rat, den Charlie Chaplin seiner Tochter gab: „Dein nackter Körper sollte nur denen gehören, die auch deine nackte Seele lieben.“ 

Wenn sich zwei aber ernstlich und dauerhaft lieben? Auch denen darf man zunächst sagen, dass voreheliche Enthaltsamkeit kein Unglück ist. Niemand muss frühzeitig „Erfahrungen sammeln“, um für die Ehe vorbereitet zu sein. Denn es hat zwar seinen Reiz alles auszuprobieren – Pflicht ist es aber nicht. Und es tut auch nicht jedem so gut wie er denkt. Wenn sie aber um keinen Preis warten wollen? Dann müssen sie sich darüber klar sein, dass Verhütung nie zu 100% sicher ist – und das Problem im Falle einer Schwangerschaft nicht auf Kosten des Kindes gelöst werden darf. Es ist unverantwortlich, ein ungeborenes Kind für die Verhütungsfehler der Eltern mit dem Leben bezahlen zu lassen. Abtreibung ist da keine legitime Option! Wird ein Kind aber geboren – so hat es selbst-verständlich Anspruch darauf, bei seinem Vater und seiner Mutter in stabilen familiären Verhältnissen aufzuwachsen. Und das heißt wiederum: nur die sollten miteinander Verkehr haben, die im Zweifelsfall auch bereit sind, für ein gemein-sames Kind Verantwortung zu übernehmen und eine Familie zu gründen. Um das abschätzen zu können, müssen sie das nötige Alter haben und in einer längeren vertrauensvollen Beziehung stehen, die Grundlage einer gemeinsamen Zukunft sein könnte. Und das schließt dann unverbindlichen Sex genauso aus wie Geschlechtsverkehr in schnell wechselnden Partnerschaften… 

Ist das nun typisch restriktiv und verklemmt – wie es viele Kritiker von christlicher Sexualethik erwarten? Wer dieses Vorurteil pflegen will, wird davon nicht ab-zubringen sein. Alle anderen können sich aber durch einen Blick in die Bibel davon überzeugen, dass die christlichen Grenzziehungen gerade nicht aus einer Geringschätzung des Geschlechtlichen herrühren, sondern – ganz im Gegenteil – aus einer besonderen Hochschätzung. Man lese nur einmal das Hohelied Salomos und dazu Hosea 1-3, Eph 5,32, Offb 19,7-9 oder Joh 3,29! An all diesen Stellen wird die Verbindung von Mann und Frau als Gleichnis herangezogen für die Verbindung Gottes mit seinem Volk, bzw. für die Verbindung Jesu Christi mit seiner Braut, der Kirche. Und es wäre höchst ungeschickt, wenn die Heilige Schrift dabei etwas Verächtliches als Bild des Höchsten gebrauchte! Was man geringschätzt, wäre nie „gleichnisfähig“ für das Heilige. Doch die Bibel schätzt das geschlechtliche Leben von Mann und Frau überaus hoch und adelt es, indem sie es als Metapher für die höchsten geistlichen Zusammenhänge verwendet. Eben diese Hochachtung ist der Grund, weshalb die Bibel das geschlechtliche Leben durch Gebote schützt und reguliert. 

Dass es aber auch anders geht – was beweist das schon? Natürlich kann man ein Tuch aus feinster Seide benutzen, um tote Fische darin einzuwickeln. Natür-lich kann man ein goldenes Gefäß verwenden, um darin einen Rettich zu kochen. Natürlich kann man mit einem handgeschmiedeten Schwert aus feinstem Stahl Brennholz hacken. Und doch wird, wer den wahren Wert dieser Dinge kennt, davor zurückschrecken. Sie sind einfach zu kostbar und zu schade, um – ihrer eigentlichen Bestimmung entfremdet – niederen Zwecken zu dienen. Und genau das geschieht, wenn man das Gottesgeschenk der Sexualität auf den Austausch von Körperflüssigkeiten reduziert und so vom Willen des Schöpfers löst. Dafür sollte uns Gottes großes Geschenk einfach zu schade sein!