Der eingeborene Sohn

 

Mitten im Glaubensbekenntnis steht ein Wort, dass meist unverstanden bleibt, obwohl man es jedesmal mitspricht. Und nur die lange Gewohnheit erklärt, dass wir nicht darüber stolpern. Weil’s schon immer da stand, löst es nicht mal Fragen aus. Aber was besagt das eigentlich, wenn wir bekennen, Jesus sei Gottes „eingeborener“ Sohn? „Eingeboren“ – was heißt denn das? Ist Jesus „nur einmal geboren“ statt zweimal? Oder wurde er in irgendetwas „hineingeboren“? Ist er von mehreren Söhnen der eine, der „geboren“ wurde? Oder ist er gar ein „Eingeborener“, wie es auf Südsee-Inseln „Eingeborene“ gibt? Man kann lange herumrätseln und wird doch nicht annehmen, der Begriff sei unwichtig, da er direkt aus dem Neuen Testament ins Glaubensbekenntnis übernommen wurde. Wir lesen bei Johannes im ersten Kapitel: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Joh 1,14). Und wenig später heißt es: „Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt“ (Joh 1,18). Im dritten Kapitel folgt es noch einmal: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh 3,16). Was ist also gemeint? „Eingeboren“ ist die nicht sehr glückliche Übersetzung des griechischen Wortes „monogenetos“ und meint den „einzig“ oder „allein“ Geborenen, der also nicht etwa einer unter vielen Söhnen, sondern Gottes „einziger“ Sohn ist. Der Ausdruck will besagen, dass es so ein Verhältnis wie zwischen Gott dem Vater und dem Sohn kein zweites Mal gibt. Die Stellung Jesu Christi ist einzigartig und unvergleichlich, weil der Sohn mit dem Vater „eines Wesens“ ist. Er steht nicht irgendwie “unter“ Gott, sondern ist selbst Gott. Und von keinem Engel oder Menschen kann Ähnliches gesagt werden. Denn die Sohnschaft des „Ein(zig)geborenen“ ist weder „biologisch“ zu verstehen noch so, dass der Vater den Sohn „geschaffen“ hätte, sondern sie meint seine volle Einheit mit dem Vater im Wesen, im Willen und in der Würde. Christus ist nicht in dem allgemeinen Sinn „Sohn Gottes“, wie man alle Geschöpfe als „Kinder Gottes“ bezeichnen kann. Sondern er ist so mit dem Vater „eins“, wie es sonst nur noch Gottes eigener Geist ist. Und da der Heilige Geist nicht als Mensch „geboren“ wurde, ist Jesus Christus Gottes einziger Sohn. Er ist nicht weniger „Gott“ als der Vater. Und beide miteinander lassen sich vom Hl. Geist so wenig trennen, dass der Vater alles, was er tut, mit und durch den Sohn und den Geist tut. Das gilt insbesondere für das Werk der Erlösung. Darum ist in Christus (und in keinem anderen) die Welt mit Gott versöhnt. Und niemand wir des Heils anders teilhaftig als durch den Heiligen Geist. In Gottes Sohn dürfen alle Sünder Vergebung finden, vollen Trost und tiefen Frieden. Aber ohne ihn gelangt keiner an dieses Ziel, weil allein Christus durch sein Leben, Sterben und Auferstehen den Weg in den Himmel gebahnt hat. Nur in ihm ist das Heil. Und so ist uns kein anderer Name gegeben, durch den wir sollen selig werden (Apg 4,12). Wenn das aber sowohl im Neuen Testament als auch im Glaubensbekenntnis ausdrücklich betont wird, ist es kein dekorativer Schnörkel, der fehlen könnte. Sondern die Benennung als „eingeborener“ Sohn dient der kritischen Abgrenzung gegen alle anderen, die sich vor oder nach Christus als Heilsbringer ausgegeben haben – oder als solche missverstanden wurden. Natürlich gab es vor und nach Christus viele herausragend fromme Menschen: Wanderprediger und Wunderheiler, Propheten und Weise, Gottsucher und Glaubenshelden, Heilige und Wohltäter, moralische Vorbilder und religiöse Genies. Aber das Wort von dem „einzigen“, dem „eingeborenen“ Sohn Gottes hindert uns, Jesus Christus unter sie einzureihen, als wäre sein Name nur eine Ergänzung zu der langen Liste imposanter Menschen. Denn Jesus Christus war kein Mensch, der Gott nahe kam, sondern er war Gott, der in Menschengestalt den Menschen nahe kam. Gott beugte sich nur einmal so unendlich tief herab! Und genau darum ist der Sohn „einzig“. Er ist kein Vertreter einer „Gattung“, die noch weitere Exemplare derselben Sorte enthielte – weshalb sich das Neue Testament auch dagegen wehrt, Jesus einer schon bekannten Kategorie zuzuordnen. Denn welcher Prophet wäre selbst das Wort Gottes, das er redet? Welcher Priester wäre selbst das versöhnende Opfer, das er darbringt? Und welcher König legte jemals die Krone beiseite, um seinen Dienern zu dienen? Johannes der Täufer (der letzte und größte Prophet) stellt klar, dass Jesus nicht ein weiterer Prophet ist, sondern viel mehr als das (Joh 1,26-27). Und im Hebräerbrief wird betont, dass auch die herrlichsten Engel nicht mit Jesus zu vergleichen sind (Hebr 1,1-14). Jesus steht weit über Mose, dem Übermittler des Gesetzes (Mt 5,21-48). Und so, wie er über Naturgewalten, Dämonen und sogar über den Tod gebietet, hat es vor und nach ihm niemand getan (Mt 8,23-34; Joh 11,1ff.). Nur der eingeborene Sohn kann tun, was er tut, weil einem Geschöpf dazu alle Voraussetzungen fehlen. Nur weil Jesus Gott selbst ist, kann er Gottes Werke wirken und mit göttlicher Vollmacht über Heil und Unheil entscheiden. Nur darum ist Gott durch Jesu Wort gebunden, weil es sein eigenes ist. Nur darum ist Jesu Opfer von unendlichem Gewicht, weil Gottes Sohn zu sterben nicht schuldig war. Und nur darum kann er die Macht der Hölle brechen, weil er mit dem Allmächtigen „eins“ ist. Kein Geschöpf hätte das vermocht! Wenn uns das Neue Testament also anleitet, von Gott zu denken wie von Jesus, und von Jesus wie von Gott, dann nicht etwa, weil Jesus der „fleißigste“ Sohn Gottes wäre, der „freundlichste“ oder der „stärkste“, sondern weil er der „eingeborene“ und einzige Sohn ist, neben dem es keinen anderen gibt. Bedeutenden Menschen wird damit nichts von ihrer Größe genommen. Denn Buddha war ein interessanter Mann, und Sokrates überaus weise, Mohammed war immerhin eifrig, und Konfuzius höchst ehrenwert. Es mangelt auch der Gegenwart nicht an eindrucksvollen Persönlichkeiten! Doch mehr als begabte Menschen sind sie eben nicht. Man kann sie hoch schätzen und viel von ihnen lernen. Aber der Unterschied bleibt doch ewig bestehen, dass sie von unten nach oben unterwegs sind, während Christus von oben nach unten geht. Jene bewunderten Menschen strecken sich dem Himmel entgegen und kommen dabei weiter als der Durchschnitt. Doch Jesus war im Himmel und stieg zur Erde herab. Das ist ein ganz anderer Vorgang! Denn jene sind Menschen, die sich der Wahrheit Gottes nähern. Jesus aber war die Wahrheit Gottes, die in Menschengestalt geboren wurde. So eine Menschwerdung der Wahrheit geschah genau einmal! Und sie ist nichts, das wiederholt werden müsste. Denn ein Erlöser ist das, was die Welt gebraucht hat. Und mehr als den Einen braucht sie nicht, weil sich das Problem, das Christus auf endgültige Weise löste, kein zweites Mal stellt. Eine Überbietung seines Werkes ist gar nicht denkbar. Und darum vertritt der christliche Glaube denselben exklusiven Anspruch, den wir im Neuen Testament finden, weil es Jesu eigener Anspruch ist. Er sagt bei Matthäus: „Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will“ (Mt 11,27). Denselben Anspruch erhebt Jesus, wenn er (jeweils im Singular!) sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh 14,6). Die Apostelgeschichte bestätigt das und sagt: „In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden“ (Apg 4,12). Und Paulus warnt ausdrücklich davor, auf andere Menschen oder Mächte zu vertrauen, denn in Christus „wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Kol 2,8-9). Gibt sich Gott in seinem Sohn aber „ganz“ – wer bräuchte noch weitere Offenbarungen? Welcher Ergänzung wäre fähig, was vollständig ist? Oder was sollte einer, der in Christus „alles“ hat, dieser Fülle noch hinzufügen? Was die Erlösung betrifft, lässt Christus keine Frage offen. Wer ihm glaubt, braucht also keine anderen Heilsbringer. Und wer meint, noch andere zu brauchen, der glaubt ihm offenbar nicht. Denn wenn Christus sein rettendes Werk nicht nur halb, sondern ganz erledigt hat, bleibt anderen „Rettern“ nichts mehr zu tun übrig. Wer sie dennoch ins Spiel bringt, raubt Christus seine Ehre, um sie anderen zu geben. Und dem haben die Reformatoren völlig zu Recht ihr kompromissloses „solus Christus“ („Christus allein“) entgegengesetzt. Sie unterstrichen damit, was auch das Neue Testament schon völlig klar bekennt: „Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung...“ (1. Tim 2,5-6). Ihm verdanken wir unser Heil. Und keinem anderen soll nachgerühmt werden, er habe daran mitgewirkt. Denn weder Maria noch die Heiligen oder die Engel sind für die Sünde der Welt ans Kreuz gegangen. Anders als Christus sind sie allesamt Geschöpfe. Und so ist es grundfalsch, sie mit religiöser Hingabe anzurufen, sie zu verehren oder Hoffnungen auf sie zu setzen. Denn was Christus als Mittler des Heils für uns tut, vermag kein anderer. Hätte es ein anderer gekonnt – und wäre somit ein anderer Weg zur Erlösung der Menschheit gangbar gewesen – würde Gott seinem Sohn den qualvollen Tod am Kreuz sicher erspart haben! Wäre Erlösung durch das Gesetz des Mose möglich gewesen, durch einen der vielen antiken Kulte, durch eine fernöstliche Religion, durch Aufklärung, Moral oder Esoterik, so hätte es des Kreuzes nicht bedurft. Und Gott hätte gewiss nicht seinen Sohn geopfert, um zu vollbringen, was auch anders zu bewerkstelligen war! Hätte es einen leichteren Weg gegeben, wäre Gott nicht diesen schweren gegangen! Ging er ihn aber, dann weil keine anderer Glaubensweg zum Ziel führt. Natürlich gab es zu jeder Zeit religiöse Menschen, die sich mit menschlicher Weisheit, Inbrunst, Willenskraft und Tugend das Heil verschaffen wollten! Aber keiner, der das versprach, konnte jemals Wort halten. Und so musste Christus kommen, um sein schweres Werk zu tun. Das Versagen aller anderen Heilswege ist der Grund seines Kommens! Und wär’s „billiger“ gegangen, hätte Christus bestimmt nicht so „teuer“ dafür bezahlt! Tat er‘s aber, dann gewiss, weil unsere Erlösung anders nicht möglich war. Und war sie anders nicht möglich, so ist Christus nicht einer von mehreren Rettern und Vermittlern des Heils, sondern der alleinige und einzige: „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1 Kor 3,11). Niemand kommt zum Vater denn durch ihn. Kein anderer ist das „Lamm Gottes“, das der Welt Sünde trägt (Joh 1,29). Und wenn‘s für die Menschen auf der anderen Seite der Welt einen anderen Erlöser gäbe, hätte Jesus sich nicht für sie zuständig gefühlt. Er befiehlt aber ausdrücklich, „alle Völker“ zu Jüngern zu machen und sein Evangelium bis an das Ende der Erde zu tragen, weil außer ihm keiner da ist, der helfen kann (Mt 28,19; Apg 1,8; Apg 11,1-18). Die Sendung Christi ist so „universal“, weil er so „einzig“ ist. Kein Mensch wird anders erlöst als durch ihn. Und wer auf einen anderen Heiland wettet, wird dabei den Einsatz seiner Seele verlieren. Martin Luther schreibt darum: „Von diesem Artikel kann man nicht weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erde oder was nicht bleiben will; denn es ist kein anderer Name den Menschen gegeben, dadurch wir können selig werden“. Auch die anderen Reformatoren stimmen dem „solus Christus“ zu. Und keiner erlaubt sich in diesem Punkt Vorbehalte. Denn fragt ein Mensch nach Reinheit und Gnade, so ist Christus die Antwort. Und geht es um Erlösung, Vergebung, Segen oder Befreiung, so gilt dasselbe. In Christus haben wir Versöhnung und ewiges Leben, Heiligkeit und Gerechtigkeit, Zuversicht und Barmherzigkeit, Liebe und Hoffnung. Wir haben das alles um Christi willen. Aber anders als durch ihn, hat es keiner. Denn nur in ihm wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig. Ist er aber die helle Sonne, wer braucht dann noch eine Lampe? Ist er die klare Quelle, wer trinkt dann noch aus Pfützen? Ist er das offenbare Wort des Vaters, wer befragt noch menschliche Orakel? Andere Religionen mögen noch so bunt sein – wenn sie Christus nicht haben, führen sie ihre Anhänger nicht zum Ziel. Philosophen mögen noch so tiefsinnig und klug sein – solang sie von Christus nicht wissen, kennen sie die Wahrheit nicht. Und wenn uns die Esoterik noch so schöne Gefühle beschert – ohne Christus wird sie nicht mal eine tote Fliege erlösen. Nun ist mir klar, wie empörend das klingt. Denn wie kann einer so intolerant sein, allen Nicht-Christen das Heil abzusprechen? Wie ist das so unzeitgemäß, für einen einzigen Glauben die alleinige Wahrheit zu beanspruchen! Woher will der wissen, dass nicht auch buddhistische, muslimische und esoterische Wege in den Himmel führen? Doch habe ich lediglich Konsequenzen aus dem Neuen Testament gezogen. Und wenn die jemandem nicht gefallen, muss er darüber nicht mit mir, sondern mit Jesus streiten. Denn es ist Jesu Anspruch, der so provozierend alle anderen ausschließt. Er verlangt, dass wer ihm folgen will, jedem anderen Weg abschwört. Er ist es, der keine halbherzigen Nachfolger akzeptiert. Er ist kompromisslos und stellt uns vor die Entscheidung, ob wir uns ihm ganz verschreiben, oder keinen Anteil an ihm haben. Denn dazwischen gibt es nichts. Christus ruft alle. Aber wer ihm nicht folgt, lernt ihn nicht kennen. Wer ihn nicht kennt, gehört nicht zu ihm. Und wer nicht zu ihm gehört, wird auch nicht gerettet. Christus ruft alle. Aber wer andere Heilswege und Götter nicht um seinetwillen verlässt, ist seiner nicht wert. Christus ruft alle. Aber er ruft sie auf, eine Wahl zu treffen. Und halbe Sachen macht er nicht. Christus ruft alle. Und wer ihn mit der Hand des Glaubens ergreift, der hat in ihm das Heil. Doch ist das nicht eine Chance unter vielen, sondern die einzige. Denn mehr als den einen Erlöser gibt es nicht. Mehr als einen Erlöser braucht auch keiner. Wer aber an diesem vorbeigeht, muss auf einen anderen nicht mehr warten. Gewiss gab es beeindruckende Menschen, die Gott eifrig suchten und ihm dabei näher kamen als andere. Christus aber war Gott, der in Menschengestalt den Menschen nahe kam! Das ist ein ganz anderer Vorgang. Es ist die umgekehrte Bewegung, die nicht von unten nach oben führt, sondern von oben nach unten! Und diesen Weg ging Gott nicht mehrfach. Nur einmal hat er sich so tief herabgebeugt. Darum ist sein „eingeborener“ Sohn auch „einzig“. Und zu dem, was „einzig“ ist, gibt es keine Alternative. An Christus vorbei führt kein Weg in den Himmel. Lassen wir uns also nicht einreden, dass alle Religionen „irgendwie“ Recht hätten oder alle im Grunde dasselbe sagten. Sondern bleiben wir mit heilsamer Klarheit und Schärfe bei dem, was die Barmer theologische Erklärung so deutlich bekennt: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“