58 • Christi zwei Naturen

Gott und Mensch zugleich – geht das überhaupt?           Dieser Text als Video 

 

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ Dieser Satz steht im Johannesevangelium. Und er geht einem leicht von den Lippen. Er ist ja auch nicht kompliziert und enthält kein Fremdwort. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ – jedes Kind kann das sagen. Doch muss ich bei solchen Sätzen immer an einen meiner Professoren denken, der mich einst ermahnte: „Junger Mann, es genügt nicht, wenn man etwas mit Worten sagen kann, es muss sich bei den Worten auch etwas denken lassen.“ Und da wird es freilich schwierig, mit unserem so einfachen Sätzchen „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“.

Denn: Lässt sich dabei etwas denken? Das Wort ward Fleisch, Gott wurde Mensch, haben wir eine klare Vorstellung davon, was das bedeutet? Ich fürchte nein. Wie sollten wir auch? Denn diese Sätze beschreiben die Menschwerdung Gottes. Und die sprengt unser Vorstellungsvermögen. Wir erkennen das schon daran, dass das Kind von Bethlehem in kein Raster passt und sich in keiner Schublade unterbringen lässt. Für den gesunden Menschenverstand gibt es da nämlich klare Alternativen:

Entweder göttliches Wort – oder menschliches Fleisch. Entweder Schöpfer – oder Geschöpf. Entweder Gott – oder Mensch. Weiß nicht jeder, dass zwischen Ewigem und Endlichem ein großer Abstand ist – so groß wie der Abstand zwischen Himmel und Erde? Doch Jesus Christus fügt sich nicht in diese Alternativen. Er gibt unserer Vernunft Rätsel auf, weil er weder in die Schublade „Mensch“, noch in die Schublade „Gott“ passt. Die Kirche versucht dem gerecht zu werden. Sie räumt Christus eine Sonderstellung ein und lehrt, dass er wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich ist. Aber gegen diese Zumutung sträubt sich unsere Vernunft aus verständlichen Gründen. Denn was soll das auch heißen: „Das Wort ward Fleisch“, „der Schöpfer erscheint als Geschöpf“, „Gott wird Mensch“? Gibt es denn hölzernes Eisen, gibt es warme Kälte, gibt es trockenes Wasser und helle Finsternis? Die Kritiker riefen laut: „Das ist Unsinn, das geht gar nicht. Es kann niemand wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich sein, denn der wäre wie ein eckiger Kreis. Entweder hat etwas Ecken, dann ist es kein Kreis, oder es ist ein Kreis, dann hat es keine Ecken. Entweder ist einer ein Mensch, oder er ist Gott – aber einen Gott, der Mensch ist, gibt es so wenig wie einen eckigen Kreis!“

Die Theologen der frühen Christenheit mussten solcher Kritik gegenüber oft mit den Schultern zucken. Sie gaben unumwunden zu, dass Gott in Bethlehem etwas getan hatte, was über unseren Verstand geht. Niemand wusste das besser, als die christlichen Theologen. Sie fanden ja selbst kaum passende Worte, um das Geheimnis der Person Christi angemessen zu umschreiben. Aber was sollten sie tun? Sie waren nun einmal gebunden an das Zeugnis der Evangelien. Und die zeigen an Jesus zugleich menschliche und göttliche Züge. Gehen wir einige Lebensstationen Jesu durch!

Denken sie nur einmal an die Geburtsgeschichte. Christus liegt in Windeln gewickelt in der Krippe – das ist eindeutig menschlich. Aber er ist einer Jungfrau Kind – und das ist gewiss göttlich. Denken sie an die Versuchung Jesu durch den Teufel. Dass Christus wirklich und ernstlich in Versuchung geführt werden kann – ist das nicht eindeutig ein menschlicher Wesenszug? Ja. Aber dass er der dreifachen Versuchung des Teufels widerstand – ist das nicht ein Zeichen göttlicher Kraft? Ja. Christus konnte zornig werden, wie bei der Vertreibung der Händler aus dem Tempel. Emotionen zu haben und zornig zu werden – das verbindet ihn mit uns Menschen. Doch Christus konnte sich frei machen von berechtigtem Zorn und konnte später für seine Feinde beten „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun“. Soviel Liebe zu Feinden, das überschreitet menschliches Maß – das ist göttlich. Hunger und Durst hat Jesus empfunden. Er hatte einen Leib wie wir und Bedürfnisse wie wir – das macht ihn menschlich, damit steht er auf unserer Seite. Doch konnte er Wunder tun, über Wasser gehen, Kranke heilen, Tote auferwecken und Sünden vergeben – und mit alledem gehört er klar auf Gottes Seite. Christus hatte Angst vor dem Tod. Im Garten Gethsemane schwitzte er Blut und Wasser und bat seinen Vater, dass ihm das Kreuz erspart bleiben möge. Das war sehr menschlich. Aber er sagte am Schluss: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“. Und das war göttlich. Schließlich starb Christus. Er fühlte alle Qualen des Todes und rief „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen..?“ Gibt es einen klareren Beweis, dass er Mensch war? Nach drei Tagen aber stand er auf von den Toten. Gibt es einen klareren Beweis, dass er Gott war?

Wir könnten noch lange so fortfahren. Wir würden noch viele Belege finden, dass Christus einer von uns war, ein Mensch, einer „von unten her“. Und ebensoviele Beweise könnten wir dagegenstellen, dass Christus ganz anders war als wir, eben Gottes Sohn, eben einer „von oben her“. Was also sollte die Kirche anderes lehren, als dass Christus wahrer Mensch und wahrer Gott ist? Es blieb ihr gar nichts übrig, als den Evangelien zu folgen und dies Geheimnis zu bezeugen, dass Gottes Wort Fleisch wurde und dabei doch Gottes Wort blieb. Der gesunde Menschenverstand freilich empörte sich und nahm Anstoß an jenem hölzernen Eisen – an jener seltsamen Verquickung von Göttlichem und Menschlichem in Jesus. Und so war es kein Zufall, dass die Kirche in den ersten vier Jahrhunderten immer wieder mit Strömungen zu kämpfen hatte, die das spannungsvolle Geheimnis zu einer Seite hin auflösen wollten. Die einen wollten Jesus ganz auf die kreatürliche Seite ziehen. Sie gestanden Jesus wohl zu, dass er der edelste aller Menschen, der größte Prophet und beinahe ein Engel gewesen sei. Als das höchste der Geschöpfe wollten sie ihn ansehen. Aber eben nicht als Gott. Das klang vernünftig und kam gut an, bis man merkte, dass damit zugleich die Erlösung zweifelhaft wurde. War Christus nicht Gott, so ist Gott gar nicht unser Bruder geworden. Dann ist Christi Wort nicht Gottes Wort gewesen, und Christi Passion war nicht Gottes Passion – dann ist überhaupt zweifelhaft, ob dieser Christus uns erlösen und mit Gott versöhnen konnte. War Christus nur einer von uns, so kann er uns nicht mehr nützen als irgend ein anderer frommer Lehrer auch.

So machte man den Versuch, das Geheimnis Jesu zur entgegengesetzten Seite hin aufzulösen, Jesus also ganz der göttlichen Seite zuzuordnen. Da musste man freilich alle menschlichen Wesenszüge Jesu leugnen, von denen uns die Evangelien berichten, und alles bestreiten, was nicht zu Gott zu passen schien. So lehrte man dann, Christus habe nur zum Schein einen menschlichen Leib gehabt, er habe auch nur zum Schein Zorn, Trauer, Hunger und Verzweiflung gezeigt – und vor allem habe er am Kreuz nicht wirklich gelitten und sei nicht wirklich gestorben, sondern nur scheinbar, weil Gott von Natur aus gar nicht leiden und sterben könne. Auch das klang vernünftig und ging den Leuten zunächst gut ein. Doch wieder kamen Zweifel auf. Denn wenn Gott nur zum Schein Mensch geworden ist, wenn er nur so tat, als wolle er unser Bruder sein, ohne sich wirklich die Finger schmutzig zu machen – stellt das dann nicht unsere Erlösung in Frage? Ja. Denn wenn Gott nur scheinbar leidet und nur scheinbar für uns stirbt, dann hat er uns auch nur scheinbar erlöst – nicht wahr? Wenn Gott den Weg vom Himmel bis zur Erde nur halb gegangen wäre, und sich gescheut hätte, den Fuß in unseren irdischen Schlamm zu stellen, dann wäre er nicht wirklich bei uns angekommen, und wir wären immer noch allein in Gottverlassenheit und Schuld.

Nun, das alles war jahrhundertelang umstritten, bis sich die Kirche entschloss, mit ihrer Lehre von der Person Jesu Christi weder links noch rechts vom Pferd zu fallen. Man hat irgendwann begriffen, dass ein Mensch, der nicht wirklich Gott war, uns ebensowenig erlösen konnte wie ein Gott, der nicht wirklich Mensch wurde. Und man fand schließlich den richtigen Weg darin, die Menschheit und die Gottheit Christi gleichermaßen festzuhalten, und hat dies in der sogenannten „Zwei–Naturen–Lehre“ dogmatisch festgeschrieben.

Das ist freilich schon lange her. Und das Verständnis für die alten dogmatischen Formeln ist so sehr geschwunden, dass viele Christen sie als Belastung empfinden, als etwas Verstaubtes, Lebensfremdes und Entbehrliches. Doch ist das ein großer Irrtum. Denn Christus ist unsere Brücke zu Gott – und wie das bei Brücken so ist: Sie nützen nur, wenn der Brückenbogen, der sich auf einem Flussufer erhebt, auch auf dem anderen Ufer wieder niederführt. Eine halbe Brücke, eine unvollständige Brücke, die in der Mitte des Flusses zu Ende ist, ist nicht zu gebrauchen, weil sie die Ufer nicht verbindet. Und genauso wäre Christus zu nichts zu gebrauchen, wenn er nur Mensch oder nur Gott wäre. Er stünde dann nur auf der Seite der Geschöpfe, oder nur auf der Seite des Schöpfers, er würde aber keine Verbindung herstellen, könnte also auch nicht unsere Brücke zu Gott sein. Und das wäre tragisch für uns. Denn eine andere Brücke, die Himmel und Erde verbindet, gibt es nicht. Wir sind darauf angewiesen, dass an einer Stelle in unserer Welt Himmel und Erde sich verbinden. Darum hat der Glaube vitales Interesse am Geheimnis Christi und freut sich der Einheit von Göttlichem und Menschlichem in seiner Person – selbst wenn diese Einheit nicht in Lehrsätzen einzufangen ist. Entscheidend ist nämlich nicht, dass wir das Wunder der Menschwerdung bis ins letzte verstehen. Entscheidend ist, dass es geschah. Verlieren wir uns also nicht in Spekulationen über das Geheimnis der Person Christi. Denn schließlich hat Gott die Brücke zwischen Himmel und Erde nicht geschlagen, damit wir sie als Bauwerk bestaunen, sondern damit wir hinübergehen…

 

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