Maria

 

Für evangelische Christen ist Maria kein Gegenstand religiöser Verehrung. Und viele finden es befremdlich, dass die katholische Frömmigkeit ihr so viel Aufmerksamkeit schenkt. Denn wir Evangelischen haben eine Glaubensbeziehung zu Christus – haben aber keine zu seiner Mutter. Und das Neue Testament sagt auch nirgends, dass wir eine haben sollten. Denn als Christen glauben wir an Gott, den Schöpfer. Maria aber ist eines seiner Geschöpfe. Und es kann nicht gut sein, diesen Unterschied zu verwischen, indem man dem Geschöpf Altäre errichtet, vor Bildern der Maria niederkniet und die Hände faltet. Doch jenseits der Vorbehalte: was wissen wir von dieser Frau? Wir wissen von ihrer sehr überraschenden Erwählung zur Mutter des Heilands, von der Verkündigung des Engels und von der Bereitwilligkeit, mit der sich Maria für Gottes Pläne zur Verfügung stellt. Es kommt ihr denkbar ungelegen, dass sie Gottes Kind austragen soll. Und da sie Jungfrau ist, versteht sie auch nicht, wie es möglich sein kann. Aber statt zu klagen oder sich dagegen zu sperren antwortet sie dem Engel voller Demut: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast“ (Lk 1,38). Darüber hinaus wissen wir, dass Marias Verlobter Joseph der plötzlichen Schwangerschaft mit verständlichem Misstrauen begegnet, bis ihn ein Engel über die wahren Zusammenhänge aufklärt. Und natürlich kennen wir die Begleitumstände der Geburt: den beschwerlichen Weg nach Bethlehem, die vergebliche Herbergssuche und die armselig-improvisierte Niederkunft im Stall. Maria erlebt gleich dort, wie sehr sich Menschen für ihren Sohn begeistern. Denn da kommen Hirten vom Feld. Und es kommen Weise aus dem Morgenland, um Geschenke zu bringen. Zugleich erlebt Maria aber, wie sehr ihr Sohn von Anfang an gehasst wird. Denn kaum sind die Weisen weg, trachten Soldaten des Herodes ihrem Kind nach dem Leben. So unfreundlich wird Gottes Sohn in der Welt willkommen geheißen! Josef und Maria müssen mit ihm nach Ägypten fliehen, während hinter ihnen der Kindermord zu Bethlehem geschieht. Und es dauert dann eine Weile, bis die Familie ins heimatliche Nazareth zurückkehren kann. Dort aber entspannt sich die Lage. Und Maria wird froh gewesen sein, dass Normalität einkehrt. Denn über viele Jahre wächst Jesus heran, wie ein gewöhnlicher Junge – und Maria dürfte sich an ihm gefreut haben, wie sich eben eine Mutter an ihrem Erstgeborenen freut. Vielleicht dachte sie gar nicht mehr viel an die ungewöhnliche Vorgeschichte und schob diese Erinnerung beiseite, um ein möglichst „normales“ Familienleben zu führen. Wir hören nur einmal etwas aus der Jugend Jesu, weil er zwölfjährig in Jerusalem verlorengeht und in den Tempel läuft, den er als das Haus seines wahren Vaters erkennt. Ansonsten vergehen aber dreißig Jahre, in denen nichts Besonderes geschieht, weil Jesus von Joseph das Handwerk eines Zimmermanns erlernt. Und Maria wird wenig Zeit gehabt haben, über die Umstände seiner Geburt nachzudenken. Denn schließlich kamen nach Jesus noch vier weitere Jungen zur Welt – und auch einige Mädchen. Die Brüder und Schwestern Jesu werden Maria gut beschäftigt haben! Jesus aber muss ihr als ältester Sohn umso mehr eine Stütze gewesen sein, als ihr Ehemann Joseph anscheinend früh verstarb. Wir hören jedenfalls nichts mehr von Joseph. Und wenn das tatsächlich bedeutet, dass Maria bald verwitwet war, ist Jesus danach „der Mann im Haus“ gewesen. Er war dann der Stammhalter, Rechtsbeistand und Versorger seiner Mutter. Und es scheint, als hätte sie ihn nur ungern für Gottes Werk hergegeben. Doch Jesus war nicht vorrangig für seine Familie da, sondern für die ganze Menschheit. Und so kam es in der „heiligen Familie“ durchaus zu Konflikten. Die idyllischen Krippenbilder lassen das nicht erahnen. Aber zwischen Jesus, seiner Mutter und seinen Brüdern gab es richtig „Stress“. Denn mag Maria auch stolz gewesen sein auf die Wundertaten ihres Sohnes und auf seine öffentlichen Reden, die immer mehr Hörer anzogen – der Rummel um Jesus nahm doch solche Formen an, dass seine Familie ihn tatsächlich für verrückt hielt. Im Markusevangelium steht, das Gedränge um Jesus sei manchmal so groß gewesen, dass er nicht mal essen konnte. Und als die Familie das hört, machen sie sich auf, wollen ihn festhalten und sagen: „Er ist von Sinnen“ (Mk 3,21). Jesus versteht natürlich besser, worauf alles hinausläuft. Er weiß, dass er seinen Weg weiter gehen muss. Er muss predigen und lehren, muss Jünger sammeln und mit Pharisäern streiten, muss Dämonen austreiben und Sünden vergeben. Das Evangelium ist zweifellos wichtiger, als was aus Josephs Werkstatt in Nazareth wird! Aber wie das so ist – die universale Bedeutung Jesu kann gerade das engere familiäre Umfeld am wenigsten begreifen. Und wenn Jesus in Nazareth ist, wundern sich die Leute, weil sie ihn doch von Kindesbeinen an kennen. Sie sagen: „Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns? Und sie ärgerten sich an ihm“ (Mk 6,3). Den Einwohnern von Nazareth scheint es, als sei dem Nachbarsjungen der Erfolg zu Kopf gestiegen! Er tritt mit einem Anspruch auf, der zu seiner bescheidenen Herkunft nicht passen will. Jesus aber möchte nicht auf seinen irdischen Familienzusammenhang reduziert werden und sagt mit gewisser Bitterkeit: „Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland und bei seinen Verwandten und in seinem Hause“ (Mk 6,4). Tatsächlich findet Jesus überall Anhänger. Doch zuhause in Nazareth versteht man ihn nicht. Und das Johannesevangelium vermerkt ganz offen, dass auch seine Brüder nicht an ihn glaubten (Joh 7,5). Hätte es da nicht wenigsten Maria besser wissen müssen – wo sie doch mehr als jeder andere Mensch über seine Herkunft informiert war? Die Erwartung wird aber enttäuscht. Und zeitweise herrscht zwischen Maria und Jesus ein ziemlich rauer Ton. Bei der Hochzeit zu Kana trifft die Mutter auf ihren Sohn. Und als sie ihn darauf hinweist, dass der Wein ausgeht, gibt er ziemlich grob zur Antwort: „Was geht's dich an, Frau, was ich tue?“ (Joh 2,4). Das sind nicht gerade liebevolle Worte. Es ist eher eine schroffe Distanzierung. Und es klingt, als habe Jesus seine Mutter in diesem Moment als Belastung empfunden. Lukas berichtet auch von einem Zwischenfall, bei dem die Mutter mit den Brüdern zu Jesus möchte, wegen der Menschenmenge aber nicht zu ihm durchkommt. Jesus wird davon unterrichtet. Jemand sagt: „Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen.“ Jesus aber antwortet mit Blick auf die ihm Lauschenden: „Meine Mutter und meine Brüder sind diese, die Gottes Wort hören und tun“ (Lk 8,20-21). Die familiären Bande sind ihm in diesem Moment ziemlich egal. Er lässt seine Mutter ungerührt vor der Tür stehen. Denn schließlich lehrt er auch seine Jünger, der Sache Gottes unbedingten Vorrang zu gewähren: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert,“ sagt Jesus, „und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert“ (Mt 10,37). Für den starken Familiensinn der damaligen Zeit müssen solche Aussagen empörend gewesen sein. Aber für Jesus ist Blut eben nicht dicker als Wasser, sondern das Reich Gottes hat Vorrang vor allem anderen. Jesu wahre Verwandte sind die, die Gottes Willen tun. Und seine Mutter bringt er auf Distanz. In Lukas 11 erhebt eine Frau ihre Stimme zum Lobpreis der Maria und ruft Jesus zu: „Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast.“ Jesus aber bricht dem Lob seiner Mutter sofort die Spitze ab und antwortet: „Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren“ (Lk 11,27-28). Das klingt nicht, als wäre zwischen Jesus und Maria immer alles „rund gelaufen“. Vielleicht hat die Mutter ihn nicht besser verstanden als viele seiner Jünger. Aber wer könnte das nicht nachvollziehen? Ist‘s nicht für die leibliche Mutter besonders schwer, in ihrem irdischen Sohn den überirdischen Herrn zu erkennen? Und ist’s verwunderlich, wenn sie das nicht zusammenbringt, dass jener, den sie gewickelt und in den Schlaf gesungen hat, der Herr des Himmels sein soll? Mütterlicher Stolz ist eine Sache – Glaube noch etwas ganz Anderes! Und vielleicht sind Maria diese Empfindungen durcheinandergeraten. Verständlich wär’s auch, wenn sie sich als verwitwete Frau an den ältesten Sohn geklammert hat. Jesus aber durfte sich nicht zurückhalten lassen, sondern musste den Weg gehen, der keiner Mutter recht sein kann, weil er direkt ans Kreuz führt. Als Jesus nach Jerusalem wandert, und die Katastrophe sich abzeichnet – musste Maria sich da nicht in ihrer Sorge bestätigt fühlen? Hatten ihn nicht schon die eigenen Brüder für verrückt erklärt? Und tritt er nicht förmlich den Beweis an, wenn er sich in die Höhle des Löwen begibt, im Jerusalemer Tempel die höchsten Autoritäten provoziert und damit sein Unglück heraufbeschwört? O, was muss Maria durchgemacht haben in dieser Zeit! Unter dem Kreuz erfüllt sich, was Simeon vorausgesagt hatte, dass nämlich ein Schwert durch Marias Seele dringen würde (Lk 2,35). Ihr ältester Sohn wird ihr genommen und hingerichtet. Doch bevor er stirbt, beweist Jesus noch einmal die Liebe des Sohnes zu seiner Mutter, indem er sie dem Jünger Johannes anvertraut. Sterbend sorgt Jesus dafür, dass seine Mutter im Alter versorgt ist (Joh 19,26-27). Und wenig später muss mit Maria und den Brüdern Jesu eine Wandlung vorgegangen sein. Denn nach dem Ostermorgen gehören sie wie selbstverständlich zur christlichen Gemeinde in Jerusalem (Apg 1,14). An die Stelle privater Vertrautheit tritt Glaube. Der Familiensinn weicht dem Heiligen Geist. Und der früheren Konflikte wird zu Recht nicht mehr gedacht. Denn welche Mutter wäre nicht überfordert gewesen mit diesem Sohn? Viel wichtiger ist Marias bleibender Ruhm, dass sie bereit war, dieses Kind zu empfangen, als Gott ihrer bedurfte. Als der Erzengel Gabriel ihr zumutet, den Sohn des Höchsten auszutragen, fügt sie sich in Gottes seltsamen Plan und spricht: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast“ (Lk 1,38). In noch jungen Jahren bringt Maria den spontanen Mut und auch die Demut auf, ihre eigenen Interessen dem Willen Gottes unterzuordnen. Und dafür verdient sie wahrlich, als strahlendes Vorbild des Glaubens in Erinnerung zu bleiben! Doch mit Verlaub – dazu muss man ihr kein „Ave-Maria“ singen und muss die gehorsame Magd Gottes nicht zur Himmelskönigin stilisieren. Denn ich fürchte, dass es der bescheidenen Frau gar nicht recht ist, wenn man sie in den Himmel hebt, als stünde sie mit Vater, Sohn und Heiligem Geist auf einer Ebene. Man weiht ihr Kirchen, faltet vor ihren Bildern die Hände und erfleht ihre Hilfe. Aber darf man denn zu Menschen beten? Maria selbst dürfte das sehr peinlich sein. Denn vieles, was der Katholizismus von ihr lehrt, ist ohne jeden Anhalt im Neuen Testament. Dass sie bis zur Geburt Jesu Jungfrau war, meine ich damit nicht. Denn das kann man den Evangelien unmittelbar entnehmen (Mt 1,24-25; Lk 1,34). Und um der wahren Gottheit Jesu willen, darf man Maria auch „Mutter Gottes“ oder „Gottesgebärerin“ nennen. Doch zu den Mariendogmen der römischen Kirche gehört weiterhin, Maria sei auch nach Jesu Geburt noch Jungfrau gewesen und es zeitlebens geblieben – obwohl das Markusevangelium ausdrücklich Brüder und Schwestern Jesu erwähnt. Man lehrt, Maria sei vom ersten Augenblick ihrer eigenen Zeugung an vor der Befleckung durch die Erbsünde bewahrt worden und während ihres ganzen Lebens ohne jede persönliche Sünde geblieben. Die römische Kirche lehrt zudem, Maria sei nicht (wie sonst ein Mensch) gestorben und begraben worden, sondern Gott habe sie am Ende ihres Lebens unmittelbar mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen. Und als wäre diese „Himmelfahrt“ nicht genug, hat man Maria auch noch zur „Miterlöserin“ erklärt. Denn nach katholischer Lehre verdanken Christen ihr Heil nicht Christus allein, sondern mittelbar auch Maria, weil sie bereit war, Gottes Sohn zur Welt zu bringen. Dadurch, so heißt es, habe sie zum Heil der Menschheit mitgewirkt und sei auch bis heute eine himmlische Fürsprecherin, die um Vermittlung der Gnade Gottes angerufen werden kann. Doch steht von alledem keine Silbe im Neuen Testament. Diese Mariendogmen sind menschliche Erdichtung. Sie haben keinen Grund in Gottes Wort. Und so meine ich, dass wir als evangelische Christen Maria vor ihren römischen Verehrern in Schutz nehmen müssen. Wir sollten sie als unsere liebe christliche Schwester auf den irdischen Boden zurückholen, auf den sie gehört, und unsere Bewunderung auf das beschränken, was sie nach biblischem Zeugnis wirklich getan hat. Denn das ist durchaus nicht wenig. Die Mutter dieses Sohnes zu sein, war von Anfang an kein leichtes Ding. Maria wird als junge Frau von ihrer Schwangerschaft überrumpelt. Gott bringt sie in große Schwierigkeiten. Nicht nur Marias guter Ruf ist gefährdet, sondern hochschwanger muss sie auch noch eine beschwerliche Reise auf sich nehmen. In einem dreckigen Stall bringt sie ihren Sohn zur Welt. Und kaum ist er da, muss die Familie nach Ägypten fliehen. Später beruhigen sich die Dinge. Aber eben nur, bis Jesus anfängt öffentlich aufzutreten. Von da an muss Maria mit ansehen, wie sich ihr Sohn mehr und mehr Feinde macht. Sie muss erleben, wie er sich mit allen anlegt, die Macht und Einfluss haben. Und vermutlich hat sie um seinetwillen viele schlaflose Nächte gehabt. Denn warum lässt Gott sie dieses Kind austragen und großziehen, wenn sie dann mit ansehen muss, wie Jesus in sein Unglück rennt? Am Ende steht Maria unter dem Kreuz und muss erleben, wie ihr Sohn kaum 30-jährig auf qualvolle Weise hingerichtet wird. Das war gewiss ihre schwärzeste Stunde. Und vielleicht hat sie für einen Moment gemeint, Gott habe ein böses Spiel mit ihr gespielt. Doch hat Maria ihrem Gott nicht abgesagt, sondern ist der Gemeinschaft der Gläubigen treu geblieben. Und darin liegt ihre wahre Größe – dass sie nämlich Gottes seltsame Wege geduldig mitgegangen ist. Dafür verdient sie unsere Bewunderung. Und darin kann sie als Vorbild dienen. Doch sie beinahe zur vierten Person des dreieinigen Gottes zu stilisieren – das ist ein Irrweg. Die Größe Marias liegt nicht in ewiger Jungfräulichkeit. Die wäre bloß ein seltsames Mirakel. Sie liegt nicht in ewiger Sündlosigkeit. Denn die gab es nur bei Jesus. Maria ist auch nicht ungestorben gen Himmel gefahren. Sie hat uns nicht (mit-)erlöst. Und sie kann uns keine Gnade vermitteln. Von alledem findet sich kein Wort in der Bibel! Doch eine liebe Schwester und ein Vorbild im Glauben ist sie allemal. Und als solches wollen wir ihrer dankbar gedenken.