62 • Unser Schmutz und Jesu Reinheit

Warum durchlief Gott ein irdisches Leben?                     Dieser Text als Video  

 

Manchmal fehlen mir die guten Ideen, die man braucht, um eine Predigt zu schreiben. Und ich denke dann, es wäre besser, wenn Jesus selber käme, um zu erklären, was ich nicht erklären kann. Ich sitze am Schreibtisch und komme ins Träumen. Einmal aber träumte ich mir zurecht, wie das wohl wäre, wenn er wirklich käme. Ich stellte mir vor, wie Jesus bei mir im Arbeitszimmer erschiene und wie strahlend schön seine Gestalt sein müsste. Schon die Engel werden in der Bibel so beschrieben, dass sie strahlend weiß gewandet sind. Und ebenso lichterfüllt, so rein weiß, glänzend und heilig stellte ich mir Jesus vor. Er aber ließ mir nicht viel Zeit zu schauen, sondern verlangte, durch meine Gemeinde geführt zu werden. Und so nahm meine Träumerei eine unerwartete Wendung. Denn Jesus wollte vor allem dorthin, wo etwas nicht in Ordnung war. Ich wandte ein, ich könnte ihm doch in dieser Stadt auch etwas Schönes zeigen. Aber er ließ sich darauf nicht ein, und so zogen wir los – und machten eine wirklich greuliche Runde.

Zuerst kamen wir in eine Küche, wo Mann und Frau sich anschrien und unter vielen verletzenden Worten ihre Liebe begruben. Ohne dass sie es merkten, legt Jesus ihnen die Hand auf die Schultern. Als wir aber hinausgingen, schien es, als habe er etwas von der Traurigkeit dieses Paares mitgenommen. Gleich darauf betraten wir das Schlafzimmer eines alten, kranken Mannes, der sich in bösen Träumen auf seiner Matratze wälzte und stöhnte. Jesus trocknete ihm den Schweiß von der Stirn, und als wir gingen, haftete an Jesu Gewand noch der Schweiß dieses Unglücklichen. Wir kamen in einen Partykeller, wo Jugendliche sich sinnlos betranken, weil sie meinten, das sei das wahre Leben. Jesus weinte um diese Kinder. Und als wir hinaustraten, hing in seinem Mantel noch der Geruch von Alkohol und Erbrochenem.

Mir hätte das längst gereicht. Schließlich hatte ich eine Predigt zu schreiben – und dies war nichts als ein Traum. Aber Jesus wollte noch mehr und verlangte sogar das Bordell zu sehen, wo einsame Männer ihr Geld und ihre Würde eintauschen gegen ein bisschen verzweifelten Spaß. Als Jesus wieder auf die Straße trat, umwehte ihn der Geruch von billigem Parfüm. Wir waren dann noch im Hinterzimmer eines gescheiterten Geschäftsmannes, dem nur noch eine Fassade aus großen Sprüchen geblieben war. Die Angst vor dem Ruin stand ihm ins Gesicht geschrieben, und auch Jesu Angesicht wurde immer düsterer. Ich fragte mich, wie das alles enden sollte. Aber Jesus bestand darauf, in ein Altenheim zu gehen, wo die Vergessenen auf ihre Kinder schimpfen und niemanden finden, der etwas über ihr Leben hören will. Jesus ging mit mir in ein Schulzimmer, wo die Lehrerin genauso verzweifelt war wie die überforderten Kinder, die hier für den Ehrgeiz ihrer Eltern büßten. Jesus besuchte mit mir einen Landwirt, der seinen Hof aufgeben muss, obwohl sich schon fünf Generationen dafür kaputtgeschuftet haben. Und sogar die Abtreibungsklinik wollte Jesus sehen, wo man täglich Kinder tötet. Hier blieb er am längsten – und weinte. Ich konnte ihn dort einfach nicht wegbekommen. Wie ich ihn aber so ansah, erschrak ich fürchterlich. Denn von seiner anfangs so herrlichen Erscheinung war fast gar nichts mehr übrig. Es war, als habe sich der ganze Schmutz dieser Welt an ihn gehängt, und auf seinem ehemals so weißen Gewand war kaum mehr eine weiße Stelle zu entdecken. In all diese Löcher des menschlichen Elends war er hineingekrochen ohne Scheu vor Schmutz und Blut und Tränen. Sein Gewand stank nach Rauch und billigem Schnaps, es roch gleichzeitig nach Krankenhaus und Schweinestall. Und was Jesus gesehen hatte, das hatte in seinem Gesicht so tiefe Falten hinterlassen, als hätten ihn die paar Stunden um viele Jahre altern lassen.

Ehrlich gesagt sah er nun schlimmer aus und armseliger, als all die unglücklichen Menschen, die wir besucht hatten. Es schien fast, als habe der ganze Dreck dieser Welt auf ihn abgefärbt. Er sah jetzt aus wie einer von uns – und blutete sogar an den Händen, an den Füßen, und an der Seite. Aber, das war das Merkwürdige: Er schien trotzdem irgendwie zufrieden. Ich rief: Um Himmels willen, Herr, lass uns diesen Schmutz von dir abwaschen! Er aber lächelte mich an, es blitzte Etwas in seinen traurigen Augen, und er fragte mich: „Was meinst du wohl, was sich am Ende durchsetzen wird – euer Schmutz oder meine Reinheit?“ Ich war verwirrt und schwieg, wie einer, der seinen eigenen Traum nicht mehr versteht. Er aber erklärte mir, dass es für das, was er wollte, keinen anderen Weg gegeben habe. „Wohl ist es schlimm, wie ihr lebt“, sagte er. „Da sind Gier und Geiz, Hass und Feigheit, Lüge und Schamlosigkeit. Ihr schändet und missbraucht das Gute, das mein Vater in euch gelegt hat, und ihr merkt es noch nicht einmal. Aber wenn ich mich deshalb von euch abwenden wollte und euch fern bliebe, würdet ihr doch nur immer tiefer sinken. Darum bin ich in eure Haut geschlüpft und habe eure Kleider getragen, bin durch eure Häuser gegangen und habe von euren Tellern gegessen. Eure Not ist dadurch meine Not geworden, und eure Verzagtheit habe ich mit euch getragen.

Ich habe mit euch geschwitzt und mit euch geblutet und habe mir euren Schmutz zu eigen gemacht. Ich habe euer Leben von Anfang bis Ende durchlaufen, um es mit euch zu teilen. Wenn ich aber eure Lage mit euch teile, meinst du, dass sie dann noch aussichtslos ist? Nein, mein Lieber! Wo Gott zu Gast ist, da wird über kurz oder lang der Himmel sein – und alle, die mich heute beherbergt haben, werden das erfahren. Ich bin in euren Schuhen gelaufen und habe auf euren Stühlen gesessen, ich bin durch eure Paläste gegangen und durch die einsamen Kammern. Und die Berührung mit mir, hat jeden dieser Orte geheiligt, so dass euer Weg nun mit meinem Weg zu einem verschmilzt. Ich wurde Mensch, damit ihr einmal himmlisch werdet, und ohne mich an euch schmutzig zu machen, wäre das nicht gegangen. So hast du richtig gesehen, dass in jedem dieser Zimmer etwas von euch an mir haften blieb. Euren Schweiß, euer Blut und eure Tränen nehme ich mit mir. Aber was du nicht gesehen hast, das ist viel wichtiger. Denn ich habe auch in jedem Raum etwas von mir dagelassen. Spuren sind geblieben, von Hoffnung, Glaube und Liebe. Und diese Saat wird aufgehen.“

Jesus ging. Mein Traum war zu Ende. Ich saß immer noch vor dem Computer und ärgerte mich, dass ich, statt zu arbeiten, solchen Phantasien nachgegangen war. Aber immerhin wusste ich wieder, was die Menschwerdung Christi bedeutet: Jesus eignet sich unser Leben an, geht durch unsere Wohnungen, erträgt unsere Nähe, nimmt unser Elend in sich auf – und versenkt unsere Not tief hinein in seine Liebe…

 

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