In Christus verschwinden

In Christus verschwinden

 

Manchmal ist es besser, nichts zu haben. Denn wer viel hat, kann auch viel verlieren. Wer aber nichts hat, reist mit leichtem Gepäck. Wer viel besitzt, muss aufpassen, dass ihm nichts gestohlen wird oder kaputtgeht. Das „drum kümmern“ macht ihm viel Kummer. Doch einem nackten Mann greift keiner in die Tasche. Weil er keine Aktien hat, machen ihm die Kurse keine Sorgen. Und da er nirgends „an der Spitze steht“, will ihn auch niemand verdrängen. Ganz entsprechend gibt es aber auch eine „erstrebenswerte Armut“ in geistlichen Dingen, die ich empfehlen möchte. Denn in dem Eifer, „gute Christen“ zu sein, laden sich manche auf, was gar nicht ihre Sache ist. „Ich brauche einen starken Willen,“ sagen sie, „um mich eindeutig für Gott zu entscheiden. Ich brauche eiserne Disziplin, um endlich meine Sündenlast zu reduzieren. Ich brauche einen starken Glauben, um meine Zweifel niederzuringen. Und ich muss noch ganz viel über die Bibel nachdenken, um ihre Wahrheit gegen jedes Argument zu verteidigen. Gute Werke brauche ich, um mich in der Nächstenliebe zu üben. Ich will ausdauernd beten – und zudem andere Menschen für den Glauben gewinnen!“ Solcher Eifer ist lobenswert und verständlich. Als Christ möchte man vorankommen und nicht mit leeren Händen dastehen. Doch kann man gerade so in eine Falle laufen. Denn wer die Bedingungen seines Heils selbst gewährleisten will, nimmt diese Verantwortung Christus aus der Hand. Und er wird bitter erfahren, dass er sie selbst nicht tragen kann. Denn unser Zustand als Christ bleibt immer anfechtbar. Und immer steht ein Kritiker bereit, der unsre Fortschritte madig macht. Er sagt: „Was denn, ist das schon alles, was du drauf hast? Dein angeblich so entschiedener Wille ist doch gar nicht so fest – das kannst du ruhig zugeben. Denn wenn du im Glauben vorangekommen wärst, würdest du nicht immer dieselben Fehler begehen. In Wahrheit hast du in all den Jahren gar nichts erreicht. Beim Beten bist du immer noch unkonzentriert. Wenn du deine Bibel liest, verstehst du vieles nicht. Und keiner deiner Freunde hält dich für ein großes Vorbild der Nächstenliebe. Es ist sehr wenig, was du vorweisen kannst!“ Unsere Reaktion ist vielleicht, dass wir uns ärgern und uns noch mehr anstrengen wollen, um jeden Zweifel am eigenen Christ-Sein zu zerstreuen. Aber – ist das der richtige Weg? Wir kommen da nie an einen Punkt, wo es „genug“ wäre. Und ich empfehle darum, die Verantwortung für den eigenen Gnadenstand schleunigst wieder in die Hand Christi zurückzulegen. Denn da gehört sie hin. Und nur wenn sie bei Christus liegt, finden wir Frieden, weil wir für unsere Erlösung tatsächlich nicht zuständig sind. Zur eigenen Erlösung bewusst keinen (!) Beitrag zu leisten, das ist die „erstrebenswerte Armut“, die ich empfehle. Denn dass ein Mensch bei Gott „gut ankommt“, ist keine Frage des Trainings, sondern im Gegenteil – Gott gegenüber werden wir besser, je weniger wir uns selbst und je mehr wir ihm zutrauen. Die Aktivität, die uns geistlich voranbringt, ist nicht unsre, sondern seine Aktivität. Und menschlicher Leistungswahn stört dabei mehr, als dass er etwas nützt, weil das Evangelium in diesem Punkt völlig klar ist: Nicht wir erwählen Gott zu unserem Herrn durch unsere Entschiedenheit, sondern er erwählt uns in völliger Freiheit zu seinem Volk. Und die Festigkeit der Bindung beruht dann auch gar nicht auf unsrer, sondern auf Gottes Willensstärke. Tatsächlich glaubt nicht unser Menschengeist (der in diesen Dingen völlig blind und vernagelt ist), sondern Gottes heiliger Geist glaubt in uns. Und derselbe Geist Gottes vertritt uns auch im Gebet. Christliche Gewissheit wird nicht von unsresgleichen logisch „demonstriert“ und argumentativ „abgesichert“, sondern stellt sich ein, wo Gott sie schenkt. Und über die Macht, unsere Sünde zurückzudrängen, verfügen auch nicht wir, sondern Christus allein. Die Gerechtigkeit, die vor Gott etwas gilt, ist Christi eigene Gerechtigkeit, die Gott uns zugute hält. Und die guten Werke, die wir zu Wege bringen, werden von Gott in uns gewirkt. Soweit unsere Erkenntnis etwas taugt, stammt sie aus Gottes Weisheit. Unser irdisches Vermögen ist uns vom Schöpfer geliehen, alle Kräfte und Begabungen hat er uns gegeben. Und das Evangelium, von dem wir leben, ist erst recht nicht unser Wort, sondern Gott hat’s geredet und er allein garantiert auch seine Wahrheit. Darum – was von alledem gehört uns oder verdankt sich unserem Bemühen? Wir haben nichts anders als durch Gottes Gnade, und haben nichts von uns selbst, sondern haben alles Gute nur, weil Gott uns an seinem Gut teilhaben lässt. Wir leben komplett auf seine Rechnung und sind Gäste seines Hauses. Wir selbst haben keinen Cent in der Tasche – und werden dennoch gut versorgt. Denn Christus stellt sicher, dass wir alles nutzen dürfen, was nicht uns, sondern ihm gehört – sei es nun seine Gerechtigkeit, Heiligkeit oder Ewigkeit. Und eben das ist die Lebensform des Christen, dass wir uns keines Dinges rühmen, außer, dass wir unter Gottes Schutz stehen. Auf uns selbst gesehen sind wir bettelarm, und die Welt findet an uns wenig, das sich zu rauben lohnte. Doch eben diese Armut ist erstrebenswert. Denn je ärmer wir in uns selbst sind, desto besser kann Christus für uns sorgen. Wer als Gast im Haus seines Freundes und von den Gütern seines Freundes leben darf, muss sich über seine persönliche Armut keine Gedanken machen, sondern wird „freigehalten“ und kann bei jeder Anfrage auf seinen Freund verweisen, dem das Haus gehört. Kommt aber einer mit böser Absicht um die Ecke und will ihn angreifen, so läuft er ins Leere. Denn was dem Gast nicht gehört, kann man ihm auch nicht rauben. Der Böse, der mich angreift, findet vielleicht, mein Wille sei schwach. Und ich gebe es zu, er hat mich ertappt! Aber das einzugestehen, macht mir nichts aus, denn meine Zuversicht ruht ja nicht auf meinem, sondern auf Gottes Willen. Und der ist für alles stark genug. Mein Gegner findet vielleicht, ich sei ein ganz mieser Christ und stecke immer noch fest in mancherlei Lastern und Sünden. Und ich fürchte, er hat recht! Doch Christus hat all meine Schuld auf sich genommen. Er will nicht, dass sie mich weiter bedrückt. Und so darf mich niemand verdammen. Mein Gegner spottet vielleicht, ich könnte das ja gar nicht beweisen, was ich da glaube. Und er hat recht! Aber ich muss auch nichts beweisen, denn alles, was ich glaube, beruht auf Gottes Wort. Das ist genauso verlässlich wie der, der’s geredet hat. Und wenn einer dagegen stänkern will, weil es seinem Verstand nicht einleuchtet, so muss er das mit Gott ausmachen und muss ihn zwingen, dass er sein Wort zurücknimmt. Weil das aber keinem gelingt, erwarte ich den Ausgang der Sache ganz gelassen. Mein Gegner lacht vielleicht, weil meine Tugenden kümmerlich sind, meine Einsicht gering und meine Werke kläglich. Und leider hat er recht! Doch beruht meine Zuversicht gar nicht auf dem, was ich tue, sondern auf dem, was Christus für mich tat. Und das war ein- für allemal genug. Der Gegner droht vielleicht, ich würde eines Tages trotzdem sterben. Und er hat recht! Aber wenn Christus doch will, dass ich mit ihm auferstehen und mit ihm ewig leben soll – ist Christus dann nicht „vital“ genug für uns beide? Sie sehen, was an der geistlichen Armut so reizvoll ist. Ich muss da keinen Besitz verteidigen, weil ich von fremdem Besitz lebe. Ich muss nicht Stärken simulieren, wo ich keine habe. Und ich muss mich im Kampf auch gar nicht bewähren, denn ich lasse mich überhaupt nicht drauf ein und nehme die Herausforderung nicht an, sondern erkläre mich für unzuständig. Der Teufel wirft mir den Fehdehandschuh hin, ich aber reiche ihn direkt an Christus weiter. Denn wer mein Heil, meinen Trost und meinen Frieden ins Wanken bringen will, muss sich an Gottes Sohn halten, der mir das alles übereignet hat. Den Streit mit Christus wird er aber bald verlieren und wird gar nichts erreichen, weil Gottes Sohn nicht zurücknimmt, was er versprach. Nicht mit mir muss der Feind fechten, sondern mit meinem Gott, der mir erlaubt hat, von seiner Gnade zu leben. Und weil der Ausgang dieses Streits schon feststeht, bin ich ohne Sorge. 

Freilich – hinge auch nur der geringste Teil meiner Erlösung von mir selbst ab, wär’s bald um mich geschehen. Ich würde es garantiert verbocken und verderben. Mein Heil würde mir entgleiten wie ein glitschiges Stück Seife, ich würde es fallenlassen und hätte Christi Plan ruiniert! Aber eben, weil er das weiß, hat Gott mir in weiser Voraussicht alles aus der Hand genommen. Er hat mir die Entscheidung über mein Heil nicht überlassen, sondern hat sie lieber selbst getroffen. Er wollte verhüten, dass mir meine Dummheit weiter schadet. Darum hat er mich gleich bei meiner Taufe für sich reklamiert und mir die Zugehörigkeit in jedem Abendmahl neu bestätigt. Wenn ich diese Zuwendung aber nicht verdiene, was ändert das schon? Wenn es Gott gefällt, dass Gnade vor Recht ergeht, wer will ihn eines Besseren belehren? Man mag noch so viele Fehler an mir finden – ich leugne sie nicht! Aber statt mich zu rechtfertigen, verweise ich auf Christus. Und da ich nichts Eigenes vorweise, beweise oder verteidige, kann’s mir auch keiner wegnehmen, widerlegen oder aus der Hand schlagen, sondern im Gegenteil – je ärmer man mich findet, um so klarer tritt zu Tage, worin mein Reichtum besteht. Christus selbst ist mir Weg, Wahrheit und Leben, er ist mir Gerechtigkeit, Friede und Ruhm. Und nichts davon kann mir genommen werden, solange man mir nicht Christus nimmt. Dem aber steht Christi Treue entgegen. Und wenn auf die Verlass ist – was soll dann noch passieren? Natürlich wird in Stürmen der Krankheit und des Todes etwas vom Christen untergehen. Aber es wird nur das sein, was er langfristig nicht mehr braucht. Was an der Person „von Adam“ war, muss und soll verschwinden. Doch das andere, das „in Christus“ neu geboren wurde, wird mit Christus ewig leben. Und daraus folgt die herrliche Gelassenheit dessen, dem nichts Wesentliches genommen werden kann, solange ihm Christus bleibt. Seine Seele hat sich (je länger, je mehr) in Christus hinein gerettet und ist nach und nach ganz in Christus verschwunden. In der Welt findet man aber nur noch Reste, die sie auf ihrem Weg zu Christus verloren und zurückgelassen hat, wie abgelegte Kleider. Sie sind der Seele entbehrlich geworden und werden nicht vermisst. Sondern im Gegenteil – je mehr die Seele schon im Leben einbüßte, desto leichter fällt ihr das leibliche Sterben. Denn was ihr die Zeit schon nahm, muss sie am Ende der Zeit nicht noch „loslassen“. So eine Seele ist beneidenswert „arm“ und „leicht“ geworden. Sie hat in Christus an allem genug. Und jenseits dessen macht sie keine Ansprüche geltend. Sie ist in Christus hinein verschwunden – und wer ihr übel will, findet keine Angriffsfläche. Denn egal, aus welcher Richtung er sie angreift, er trifft doch immer nur auf Christus. Und von dem muss er die Finger lassen. Freilich, wer darf sagen, er sei diesen Weg schon zu Ende gegangen? Wer ist in sich selbst schon ganz „arm“ und in Christus „reich“ geworden? Nur, wer sich und das Seine wirklich zurückgelassen und den „alten Menschen“ verleugnet hat. Denn sich vor Gott „arm“ zu stellen und heimlich „reich“ zu bleiben – das funktioniert natürlich nicht (Apg 5,1-11). Auf Gottes Willen setzen und auf den eigenen, Gottes Weisheit folgen und der eigenen, Vergebung erbitten und doch stolz bleiben – das kann nicht gelingen! Und so ist die geistliche Armut kein ganz leichter Weg. Wer in sich arm ist, dem wird zwar Christus zu seinem Reichtum. Doch wer in sich reich bleiben will, der hat an Christus keinen Teil. Und möchte einer beides verbinden, um zugleich vor der Welt und vor Gott etwas zu gelten, wird er beides verfehlen. Gewiss fällt es uns schwer, uns gerade da herauszuhalten, wo unser Heil auf dem Spiel steht. Aber die umfassende Stellvertretung durch Gott darf der Mensch nicht stören. Es ist nicht nur Stellvertretung in Fragen der Schuld (wie wir das zu denken gewöhnt sind), sondern auch Stellvertretung in Fragen der Erkenntnis, der Macht und der Lebendigkeit. Und überall, wo ich mich naseweis in Gottes Werk hineinmische, stehe ich ihm im Weg, nehme ihm Dinge aus der Hand und werde dann in allem angreifbar, worüber sich mein Eigensinn erstreckt. Was wollen wir also bitten? Wollen wir darum bitten, in uns selbst und durch uns selbst stark zu sein? Wollen wir nicht lieber bitten, dass Gott stark sei in uns? Mache uns also arm, Herr, und entleere uns gründlich von allem Eigendünkel, von allem Geltungsdrang und aller Aufgeblasenheit. Fülle aber die entstehende Leere restlos mit deiner Gegenwart. Denn solche Armut macht uns dann reich. Und von solcher Armut kriegen wir nicht genug. 

 

 

Wer mit Luthers Sprache zurecht kommt, findet hier in Kürze,

was ich oben in eigenen Worte entfaltet habe:

 

„Die Heiligen müssen sich mit dem Teufel raufen, und mit dem Tode beißen, es schaffe der Verfolger Krieg oder Pestilenz und andere Krankheit und Gefahr des Lebens. Es ist aber in solchem Kampfe das Allerbeste und Nächste zum Siege, dies Liedlein der Heiligen lernen singen, das ist, sich selbst verleugnen, und an die rechte Hand Gottes sich hängen. So geschieht dem Teufel eine große Schalkheit, dass er leer Stroh zu dreschen findet; nämlich also: Ich will nichts sein, alle meine Macht soll der Herr sein, wie droben gesagt ist. Wenn ich das tue, so bin ich rein ausgeleert von mir selbst und alle dem, das mein ist, und kann sagen: Was sichtest du, Teufel? suchst du gute Werke, und meine eigene Heiligkeit zu tadeln vor Gott? Je, habe ich doch keine; meine Macht ist nicht meine Macht, der Herr ist meine Macht. Lieber, räuf mich in der Hand, oder zähle Geld aus ledigem Beutel. Suchst du aber meine Sünde zu verklagen? Je, habe ich doch auch keine. Hier ist die Macht des Herrn, die magst du immerhin verklagen, bis du satt werdest; ich weiß weder von Sünden noch von Heiligkeit in mir; nichts, nichts weiß ich, denn von Gottes Kraft in mir. Gar fein wäre es (sage ich), wer so von sich selbst lassen könnte, und den Teufel spotten mit der leeren Tasche; gleichwie jener arme Hauswirt den Dieb spottete, den er bei der Nacht in seinem Hause ergriff, und sprach: Ach, du törichter Dieb, willst du bei finsterer Nacht etwas hierin finden, und ich kann bei lichtem Tage nichts hinnen finden. Denn was will der Teufel machen, wo er so eine ledige Seele findet, die ihm weder auf Sünde noch Heiligkeit antworten will? Da muss er lassen alle seine Kunst, beide Sünde aufblasen und gute Werke schänden, und wird gewiesen auf die rechte Hand Gottes, die muss er wohl mit Frieden lassen. Fällst du aber von diesem Liede, und er ergreift dich in deinen Sünden oder guten Werken, und gestehest ihm seiner Disputation; dass du ihm zusehen und hören willst; so soll er dich zurichten, wie er dich nach seinem Wunsch gerne hat, dass du Gott mit seiner rechten Hand, und alles vergessest und verlierest (...).“

 

Martin Luther (Walch 2. Ausg. Bd. 5, Sp. 1225-1226)

 

 

Bild am Seitenanfang: The Pilgrim of the Cross at the End of His Journey

Thomas Cole, Public domain, via Wikimedia Commons