Die Selbstkritik des Glaubens

Die Selbstkritik des Glaubens

 

Kennen sie die Geschichte von der angebundenen Katze? Sie erzählt vom Abt eines Klosters, der seine Mönche jeden Abend zu einer Andacht versammelt, um sie die Meditation und das stille Gebet zu lehren. Er bemerkt aber, dass es immer wieder zu Störungen kommt, weil die Katze des Klosters den Mönchen um die Füße streicht, ihnen auf den Schoß springt und sie dadurch ablenkt. Der Abt findet eine einfache Lösung für das Problem, indem er anordnet, die Katze während der Andacht am Eingang der Kapelle anzubinden. Damit ist die Konzentration wieder hergestellt – und die Mönche haben Ruhe zum Gebet. Nach langen Jahren verstirbt der Abt. Viel Zeit vergeht, und ein Nachfolger kommt. Das Abendgebet wird treulich fortgesetzt, und die Katze weiter angebunden. Sobald die Katze aber stirbt, besorgte man eine neue, denn schließlich kennt jeder die ehrwürdige Tradition, dass beim Abendgebet eine Katze angebunden sein muss. In späteren Generationen werden sogar theologische Abhandlungen verfasst über die Bedeutung der Katze fürs Gebet! Das Abendgebet selbst hat man irgendwann eingestellt, weil das Interesse an stiller Meditation geschwunden war. Aber den guten Brauch, abends an der Klosterkapelle für eine Stunde eine Katze anzubinden, hat man noch lange fortgeführt. Nun, man kann über die Sache herzlich lachen. Denn sie zeigt, wie es in Glaubensdingen zu Missverständnissen kommt. Der alte Abt führt bloß eine praktische Regel ein. Spätere Generationen aber meinen, sie müsse von tief-symbolischer Bedeutung sein. Aus Ehrfurcht vor der Tradition setzt man fort, was keiner mehr versteht. Und weil sich niemand vorstellen kann, das Ritual sei sinnlos, denken man sich eine theologische Begründung aus. So wird eine praktische Notwendigkeit zur Gewohnheit. Und die lebt dann viel länger als nötig, weil man ihren Ursprung vergessen hat. Man lacht darüber. Doch was wäre, wenn es so nicht nur mit religiösen Bräuchen ginge, sondern auch mit Glaubenssätzen und Überzeugungen? Schließlich wird so manches als „christliches Erbe“ übernommen und fortgeführt, ohne dass man es ganz versteht. Und je weniger man die Glaubenstradition begreift, umso größer ist die Gefahr, dass man in den Dingen zu viel oder zu wenig sieht. Denn wenn man‘s mit so einer „angebundenen Katze“ zu tun bekommt, kann man ja auf zweierlei Weise „dumm“ verfahren: Man kann mit dem alten Brauch ewig weitermachen, ohne zu wissen, warum. Und man kann damit aufhören, ohne zu wissen, warum überhaupt jemand damit begonnen hat. Beides ist „dumm“, denn so oder so weiß man nicht, ob man etwas Unnützes fortführt oder vielleicht etwas Sinnvolles abschafft. Und in jedem Fall verhält sich klüger, wer zunächst dem alten Brauch oder der alten Lehre auf den Grund geht, um dann entweder (wenn die Begründung einleuchtet) die Katze weiter anzubinden oder (wenn sie nicht einleuchtet) damit aufzuhören. Ein Sprichwort sagt, es sei nicht klug, einen Zaun abzureißen, bevor man weiß, warum er errichtet wurde. Und das stimmt. Man muss erst herausfinden, wen der Zaun wovor schützen soll – sonst könnte man später sehr bereuen, ihn voreilig entfernt zu haben! Dasselbe gilt aber von Glaubenssätzen, Bräuchen, Dogmen und Traditionen. Auch die sollte man nicht niederreißen, bevor man verstanden hat, aus welcher Einsicht sie mal entsprungen sind. Und so liegt die Aufgabe der Theologie zu einem guten Teil darin, dass sie den Glauben selbstkritisch durchdenkt und ihn nötigenfalls von Ballast befreit. Der Rückblick auf die Reformation zeigt, wie notwendig und heilsam das ist! Denn was haben die Reformatoren anderes getan, als dass sie ganz viele „angebundene Katzen“ hinterfragten – wie etwa das Weihwasser und die Marienverehrung, den Beichtzwang und das Papsttum, den Zölibat und das Ablasswesen? Es war schmerzlich, aber gut, sich von allem zu trennen, was dem Evangelium widersprach. Und seither gehört die Selbstkritik des Glaubens zum Wesen und zu den großen Stärken der evangelischen Kirche. Denn um das, was einer Prüfung nicht standhält, ist es nicht schade. Und das andere, das sich in der Prüfung bewährt, kann man hinterher mit umso größerer Überzeugung fortführen und vertreten. Erst wenn man etwas hinterfragt hat, kann man es begründet beibehalten oder begründet verwerfen! Wir wollen unser Glaubensbekenntnis nicht nachplappern wie ein Papagei, sondern möchten begreifen, was es sagt! Denn erst im Durchdenken wird das von früheren Generationen Ererbte als persönlicher Besitz angeeignet. Und nur so kann man anschließend auf gläubige Weise verstehen und auf verständige Weise glauben. Die fortgesetzte Selbstprüfung des Glaubens ist also um des Glaubens willen notwendig – sie hält ihn gesund. Und dass Gottes Wahrheit durch eine kritische Prüfung in Gefahr geraten könnte, darf man von vornherein ausschließen, weil ja Gott selbst die Wahrheit ist – und uns folglich eine Annäherung an die Wahrheit nie von Gott entfernen kann. Allerdings, das ist wichtig: Es muss vorher geklärt sein, anhand welcher Maßstäbe das überkommene Glaubensgut sachgemäß geprüft werden kann. Man muss vorher fragen, welche Instrumente dazu taugen. Und von der Antwort hängt viel ab. Denn manche sagen: „Bestand darf nur haben, was sich der menschlichen Vernunft erschließt“. Und andere widersprechen: „Nein, Bestand soll nur haben, was im Neuen Testament geschrieben steht“. Die erste Gruppe presst alles durch den Filter des „gesunden Menschenverstands“ und lässt nichts gelten, was nicht einleuchtet. Sie will nicht in Verdacht geraten, Unsinniges zu glauben! Und die zweite Gruppe verweist darauf, dass die Inhalte des christlichen Glaubens keineswegs von Menschen „erdacht“, sondern von Gott offenbart wurden – und also an Gottes Wort zu messen sind. Wer hat nun aber Recht? Die Vermutung liegt nahe, dass wir in der Selbstkritik des Glaubens weder auf die Vernunft noch auf die Bibel verzichten können. Denn das eine gehört zum Mensch-Sein, das andere zum Christ-Sein. Und so können wir keines dieser Instrumente entbehren. Wir brauchen sie beide. Und da beide im Vollzug der Prüfung zu positiven oder negativen Ergebnissen kommen können, ergibt sich eine Tabelle mit vier Feldern:

Die Selbstkritik des Glaubens

 

Mit dem ersten dieser Felder (A) wird man schnell fertig. Denn wenn etwas der biblischen Grundlage entbehrt und sich gleichzeitig auch der Vernunft nicht erschließt, bedarf es keiner langen Diskussion. So etwas gehört in die Gottesbeziehung nicht mit hinein, sondern muss als Ablenkung und Störung daraus verbannt werden! Doch zeigt die Geschichte der Reformation, wie schwer das ist, wenn eine Tradition erst mal für lange Zeit als „fromm“ und „ehrwürdig“ galt. Der Unvoreingenommene sieht heute auf Anhieb, dass sich die Mariendogmen der katholischen Kirche nicht aus Gottes Wort begründen lassen. Mit der Lehre vom Fegefeuer, dem Primat des Papstes, dem Beichtzwang, dem Zölibat, dem Ablasswesen, dem Messopfer, der Heiligenverehrung und dem Reliquienkult steht es nicht besser. Und obwohl diese Dinge weder „biblisch“ noch „vernünftig“ sind, tut man sich bis heute schwer damit. Ein selbstkritischer Glaube muss aber nach eingehender Prüfung sagen: „Das kann weg! Es lenkt nur ab und verstellt den Blick auf das Wesentliche“. 

 

Ebenso eindeutig – aber im positiven Sinne! – stehen die Dinge im vierten Feld (D). Denn wo ich einen Glaubenssatz in Gottes Wort (als dem Dokument seiner Offenbarung) klar ausgesprochen finde und ihn dann (Gottes Gedanken nach-denkend) auch noch verstehen darf – wo ich also erkenne, warum es so sein muss, und wie dieser spezielle Glaubenssatz mit dem Rest des Evangeliums harmoniert: Da stimmt alles zusammen, und für Zweifel bleibt kein Platz. Natürlich kann es Zeit und Mühe kosten, Einsichten dieser Art zu gewinnen. Denn warum z.B. Jesus sündlos sein musste und wie sich das mit der Erwählung verhält, wie Glaube und Werke zusammengehören, worin Gottes Gerechtigkeit besteht und wie sich seine Dreiheit mit seiner Einheit verträgt – das sind keine leichten Fragen. Um so schöner ist es aber, wenn es uns nach etwas Kopfzerbrechen einsichtig wird, so dass wir anschließend gläubig verstehen und verständig glauben. Wir sehen dann, warum sich die Dinge gerade so und nicht anders verhalten. Wir können es auch unseren Kindern erklären. Und wir freuen uns über diese Erleuchtung, die es nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen „hell“ macht. Denn besser geht‘s ja gar nicht, als wenn Vernunft und Offenbarung zusammenstimmen! 

 

Was ist aber mit dem zweiten Feld (B), wo nur die Vernunft ihre Zustimmung gibt, die Heilige Schrift aber schweigt? Kann es Überlieferungen geben, die das Glaubensleben in legitimer Weise fördern, obwohl sie im Neuen Testament nicht vorkommen? Man wird erst mal skeptisch sein. Und doch findet sich viel Gutes, das wir diesem Feld zuordnen können. Denn die Konfirmation z.B. (obwohl sie im Neuen Testament nicht vorkommt) ist trotzdem eine sinnvolle und segensreiche Tradition, an der wir festhalten, weil sie einen wichtigen Zweck erfüllt. Die Konfirmation ist gewiss nicht „göttlichen Rechts“ – und daher auch kein Sakrament. Sie hat aber einen klaren Bezug zur Taufe und zur Unterweisung im Glauben, so dass wir begründet daran festhalten, ohne deswegen einen Glaubensgegenstand draus zu machen. Auch die Kerzen auf dem Altar, die Orgelmusik im Gottesdienst, der Gemeindegesang, der Adventskranz und das Amt des Taufpaten sind in keinem Sinne „heilsnotwendig“. Und doch dürfen wir an diesen Dingen festhalten, weil sie (recht verstanden) dem Glauben Ausdruck verleihen. Wir müssen nicht aufhören Glocken zu läuten, Blumen auf den Altar zu stellen und Choräle zu singen, bloß weil von alledem nichts im Neuen Testament steht – nein! Es gibt mancherlei von Menschen Erdachtes, an dem wir vernünftigerweise festhalten, weil’s entweder aus dem Glauben kommt oder auf den Glauben zielt. Und nur dann würde es gefährlich und schädlich, wenn sich jemand zu der Behauptung verstiege, an so etwas hinge des Menschen Seligkeit. Nein, haben wir diesbezüglich von Gott keinen Befehl und kein Verbot, so können wir‘s tun oder lassen. Und wenn die Nachbargemeinde beim Vaterunser lieber kniet als zu stehen, muss man darüber nicht streiten. Nur dass man eben, was nicht zum Evangelium selbst gehört, auch nicht in den Rang eines Glaubensgegenstands oder einer Christenpflicht erheben darf. Denn mag uns eine menschliche Idee noch so vernünftig und nützlich erscheinen, ist doch der christliche Bruder nicht daran gebunden, sondern immer nur an das, was ihm das Neue Testament sagt.

 

Übrig bleibt noch Feld (C). Und an dem zeigt sich, welche Art von Theologie man betreibt. Anders als viele Kollegen halte ich auch an dem fest, was ich im Neuen Testament nicht verstehe, und lasse mich keinesfalls hinreißen, darin „überholte“ oder „der Gegenwart nicht zumutbare“ Lehren zu sehen. Nein. Es fällt mir gar nicht ein, Gottes Wort am Maßstab meines Verstandes messen zu wollen, sondern, wenn die beiden nicht zusammenfinden, gehe ich davon aus, dass der Fehler nicht bei Gottes Wort liegt, sondern bei mir. Denn anderenfalls erhöbe ich meinen menschlichen Verstand zum Richter über Gottes Wort. Ich versetzte damit den Schüler in die Rolle des Lehrers. Und das wäre ein schwerer Fehler. Wenn also etwas „geschrieben steht“, das ich beim besten Willen nicht begreife (sei es, wie Christus im Brot und im Wein sein kann, sei es, wie Freiheit und Vorsehung zusammengehen, sei es die Wirkweise des Heiligen Geistes, die Jungfrauengeburt, die leibliche Auferstehung der Toten oder ein anderes Wunder) – völlig egal, wie „blöde“ ich davor stehe, mache ich doch nicht den Fehler, darum die Hl. Schrift für „blöde“ zu halten, sondern suche die Schwäche auf meiner Seite, wie auch Luther bei dunklen Schriftstellen empfahl, voller Ehrfurcht vor ihnen den Hut zu ziehen. Ich lasse das Geheimnis als Geheimnis stehen und bitte Gott, mich eines Tages vielleicht doch noch so weit zu erhellen, dass ich es begreifen darf. Denn „stumpf“ ist sicher nicht die Schrift. Sondern „stumpf“ bin höchstens ich. Und wenn auch jemand drüber lachen mag: Wenn Christus geboten hätte, täglich eine Katze anzubinden, dann sollten wir das tun. Denn das ist doch die Lebenserfahrung jedes Menschen, der etwas lernen durfte, dass die Ausdehnung der Wirklichkeit die Reichweite des eigenen Verstandes übersteigt. Rückblickend sehe ich, dass mein geistiger Horizont im Alter von 10 Jahren nur einen geringen Teil dessen umfasste, was wirklich ist. Ich durfte erleben, wie mein Horizont nach und nach immer weiter wurde. Aber werde ich deshalb mit 60 Jahren annehmen, jetzt hätte ich alles begriffen, was begriffen werden kann? Nein, die Erfahrung legt etwas anderes nahe! Und wenn ich in der Zwischenzeit schon bei ganz vielen „Bohrungen“ im Neuen Testament erfahren durfte, dass ich irgendwann in der Tiefe auf Wahrheit stieß – werde ich dann dasselbe klare Wasser nicht auch dort vermuten, wo ich es in meinem Brunnenschacht vorläufig noch nicht fließen sehe? Und – sollte ich wirklich für eines der Geheimnisse Gottes bis ans Ende meiner Tage „zu blöd“ sein – wär‘s deswegen weniger wahr? Sicher nicht! Mein Verständnis ist nicht die Bedingung dafür, dass Gottes Wort gilt und Recht hat. Denn wenn ich von Gottes Geboten auch kein einziges seiner Absicht nach begreifen könnte, wären sie dessen ungeachtet immer noch verbindlich. Und wenn ich von Gottes Verheißungen nur jede dritte verstünde, nähme das den übrigen nichts von ihrer Geltung. In diesem Sinne darf der Glaubende auch seiner Vernunft gegenüber kritisch bleiben – und darf in Feld C alles versammeln, was er vorläufig nicht versteht, und doch zu verwerfen nicht berechtigt ist, sondern in Ehren hält. 

 

Nun kann man einwenden, die hier vorgeschlagene „Vier-Felder-Wirtschaft“ sei ein sehr grobes Instrument. Und in der Tat liefert sie in den Sachfragen keine schnellen Antworten. Mit der Klärung der Vorfragen fängt die selbstkritische Arbeit gerade erst an! Aber die vier Felder können immerhin helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Und zugleich führen sie uns vor Augen, wie viele der theologischen Gegensätze ihren Ursprung im Schriftverständnis haben. Es gibt heute viele Theologen, die das biblische Zeugnis nur insoweit für verbindlich halten, wie es mit der Vernunft und der „modernen Weltanschauung“ übereinstimmt. Sie haben damit das reformatorische Schriftprinzip stillschweigend abgeschafft. Und folgerichtig verwerfen sie gemeinsam mit Feld A bedenkenlos auch das gesamte Feld C, während sie zwischen den Feldern B und D kaum einen Unterschied machen, weil sie das, was Menschen „gut erfunden“ haben, ebenso (und aus demselben Grund!) schätzen wie das, was sie in der Bibel noch „zeitgemäß“ finden – weil es ihnen nämlich „vernünftig“ vorkommt, und sie die Hl. Schrift schon längst nicht mehr auf Gottes Geist zurückführen, sondern ebenso auf menschlichen Geist wie ihre eigenen Gedanken. Nach den Maßstäben der Reformation haben sie damit aufgehört, evangelische Theologen zu sein. Aber sie sorgen dafür, dass es der Öffentlichkeit nicht auffällt.

 

 

Bild am Seitenanfang: Katze und Vogel

Paul Klee, Public domain, via Wikimedia Commons