Gottesbeweise

 

Sie kennen sicherlich den Ausspruch „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“. Und vielleicht haben Sie den Satz auch selbst schon oft gesagt. Denn tatsächlich ist es klug, sich nicht blind auf andere Menschen zu verlassen. Bei einer Inspektion sollte die Werkstatt natürlich auch den Reifendruck prüfen. Aber es schadet nicht, vor einer längeren Fahrt selber noch mal nachzusehen. In den Regalen eines Geschäfts sollten selbstverständlich keine abgelaufenen Lebens-mittel liegen. Aber wer sich der Haltbarkeit vergewissert, geht auf Nummer sicher. Natürlich sollte ich meiner Bank und ihren Buchungen vertrauen. Aber es schadet nicht, die Kontoauszüge sorgfältig zu lesen. Denn menschliches Ver-sagen und Schlamperei gibt es überall, und wenn ich nach dem Motto verfahre „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“, dann nimmt mir das auch meine Werkstatt nicht übel, nicht der Lebensmittelhändler und nicht der Bankange-stellte. Da ich diese Menschen nicht näher kenne, erwarten sie auch nicht, dass ich ihnen blind vertraue. Wenn es aber der Ehepartner ist, ein Elternteil oder ein guter, alter Freund: Ist es dann noch dasselbe? Würde ich da auch nach der Regel verfahren: „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“? Oder setze ich damit die Beziehung aufs Spiel? Wenn der Ehemann eifersüchtig ist und den Be-teuerungen seiner Frau nicht glaubt, sondern ihr einen Privatdetektiv hinterher-schickt, um ihre Treue zu prüfen: Wird sie ihm sein Misstrauen nicht vielleicht übel nehmen? Wenn der eigene Vater etwas Wichtiges für uns erledigt hat (und sagt auch, es sei wunschgemäß erledigt), wir aber fordern Beweise: Wird ihn das nicht zu Recht empören? Oder wenn die halbwüchsige Tochter beteuert, dass sie nicht raucht, und die Eltern wollen dennoch ihr Zimmer nach Zigaretten durch-suchen: Könnte sie ihnen da nicht berechtigte Vorwürfe machen? Da zieht der Spruch dann nicht: „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“. Denn Kontrolle kann in solchen Fällen schlechter sein! Die Ehefrau, der Vater und die Tochter können erwarten, dass man ihnen so vertraut, dass jede Kontrolle überflüssig ist! Und wer sie trotzdem kontrolliert, dokumentiert damit nur, dass sein Verhältnis zu diesen Personen nicht ist, wie es sein sollte. Man kontrolliert nur den, den man verdächtigt oder für unzuverlässig hält. Und bei Vertrauenspersonen kommt es darum einer Beleidigung gleich. Ein Fremder würde es mir nicht verdenken, weil ich ihn ja nicht kenne. Doch wer sich schon hundert Mal bewährt und seine Treue bewiesen hat, darf etwas anders erwarten…

Wie aber ist das mit Gott? Zu welcher Gruppe gehört er? Zähle ich ihn zu den Altvertrauten und Bewährten, die ich durch Misstrauen beleidigen würde? Oder gehört er zu den Fremden, die sich meine Prüfung gefallen lassen müssen? Ist Gott gegenüber Vertrauen gut – oder wäre Kontrolle vielleicht besser? Ist sie überhaupt möglich? Was gläubige Menschen betrifft, dürfte die Antwort klar sein. Denn die sehen ja ihr ganzes Leben von Gottes Führung und Gottes Beistand getragen und vertrauen ihrem Schöpfer aufgrund dieser langjährigen Erfahrung. Ein gestandener Christ würde es wohl auch anmaßend finden, Gott prüfen zu wollen, so als hätte er je Anlass gegeben, ihm zu misstrauen. Wer wirklich im Glauben steht, braucht Gottesbeweise so wenig, wie der Fisch Beweise braucht, dass es Wasser gibt! Nur kommen wir eben nicht als gläubige Menschen auf die Welt, sondern sozusagen mit natürlichem Unverstand. Und könnte – angesichts dieser Schwäche – der Wunsch nach Beweisen nicht berechtigt sein? Vielleicht erleichtert es ja den Einstieg in den Glauben, wenn man fehlendes Vertrauen erst mal durch Gründen der Vernunft ersetzt? Man kann keinen starken Glauben erwarten, wo Gott noch keine Gewissheit schenkte. Und so ist es verständlich, dass suchende Menschen schon immer Gottesbeweise forderten – und gläubige Menschen ihnen mit solchen Beweisen aus ihrer Skepsis herauszuhelfen ver-suchten. Darf ich Ihnen einige ihrer Argumente vorführen?

Cicero war z.B. der Meinung, dass sich die Existenz Gottes schon allein daraus ergibt, dass es weit und breit auf der Welt kein religionsloses Volk gibt. Denn wenn rund um den Globus so viele Menschen in so vielen Jahrhunderten unab-hängig voneinander Gott oder Gottheiten anrufen: Wie wahrscheinlich ist es dann, dass sie allesamt irren, dass sie Gespenster jagen und sich mit etwas beschäftigen, das es nicht gibt? Der Konsens so vieler Völker will schon etwas besagen!

Anselm von Canterbury geht die Sache ganz anders an und beweist, dass Gott (als das höchste Wesen, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann) notwendig auch da sein muss. Denn sonst fehlte ihm ja die Eigenschaft zu existieren. Der Stärkste hätte darin dann eine Schwäche! Man könnte sich dann über das denkbar Größte hinaus noch Größeres denken! Und das ist genauso widersprüchlich wie die Vorstellung von etwas Vollkommenem, dem zur Voll-kommenheit das Dasein fehlt. Wenn ein nicht existierender Gott aber ein Unge-danke ist, den man nicht mal vernünftig denken kann, muss Gott dann nicht existieren?

Thomas von Aquin kommt auf anderem Weg zum selben Ergebnis. Denn er stellt (1.) fest, dass in der Welt überall Bewegung ist. Er bemerkt (2.), dass alles Be-wegte von einem anderen bewegt wird, das ihm den Anstoß gibt. Und er folgert daraus, dass diese ganze bewegte Welt einen von ihr verschiedenen Beweger voraussetzt. Denn von nichts kommt ja nichts. Wenn man dasselbe mit Ursache und Wirkung sagen will, heißt es (1.), dass in der Welt nichts existiert, ohne eine Ursache zu haben, dass (2.) in der Welt nichts zu finden ist, das die Welt (oder auch nur sich selbst) verursacht haben könnte, und dass darum notwendig die Welt eine Ursache außerhalb ihrer selbst haben muss, die wir Gott nennen.

Ein anderer Gottesbeweis desselben Theologen geht von der Beobachtung aus, dass einige Geschöpfe, obwohl sie wenig Erkenntnis haben, doch zielgerichtet sinnvolle Dinge tun, wie z.B. ein Eichhörnchen im Herbst Nüsse vergräbt, obwohl es gar nicht genug Verstand hat, um vorausschauende Pläne zu verfolgen. Das Tier hat keine bewusste Vorstellung von Zukunft, Winter, Hunger oder Vorrats-haltung! Es tut einfach nur, was im Herbst seinen Instinkten entspricht, und sichert, ohne es selbst zu verstehen, sein Überleben! Muss man da nicht eine höhere Vernunft annehmen, die das vernunftlose Tier genau so geschaffen hat, dass es auch ohne eigene Einsicht das Richtige und Nötige tut – die höhere Vernunft Gottes nämlich, die auch sonst alles in der Natur so zweckmäßig, grandios und planvoll eingerichtet hat? Ist die Welt nicht ein Kunstwerk, das in seiner genialen Konstruktion auf einen genialen Künstler schließen lässt?

Immanuel Kant setzte noch einmal ganz anders an. Er war der Meinung, Gottes Dasein sei aus dem moralischen Gesetz zu erschließen, das jeder in sich spürt, weil unsere Vernunft und unser Gewissen eine sittliche Weltordnung und letztendlich Gerechtigkeit fordern. Wenn wir Gerechtigkeit aber in diesem Leben schmerzlich vermissen, weil es auf Erden keineswegs den Guten gut, und den Schlechten schlecht geht – wer soll dann garantieren, dass alles zuletzt seinen Lohn und seine Strafe findet, wenn nicht ein allwissender und allmächtiger Gott und Richter, dessen Dasein man schon allein deshalb voraussetzen muss, weil unser Gewissen und unser Gerechtigkeitsgefühl ihn fordern?

Es gibt noch viel mehr Gottesbeweise! Ein moderner Philosoph namens Swin-burne ist der Meinung, dass man einen Sachverhalt nicht kompliziert erklären sollte, wenn es auch eine einfache Erklärung gibt. Und er zeigt dann, dass es für unsere so merkwürdige und wundervolle Welt zwar viele komplizierte Erklärun-gen gibt, die theoretisch richtig sein könnten, dass der Befund insgesamt aber durch nichts so einfach und einleuchtend erklärt werden kann, wie durch die Existenz eines allmächtigen Schöpfers. Und er meint, dass diese einfachste Hypothese dann nach wissenschaftlichen Maßstäben auch als die wahrschein-lichste zu gelten hat.

Zuletzt hat der Mathematiker Kurt Gödel einen raffinierten mathematischen Gottesbeweis aufgestellt, den ich als Nicht-Mathematiker leider nicht erklären kann, der aber offenbar so unerschütterlich ist, dass ihn bisher kein noch so ungläubiger und kritischer Mathematiker widerlegen konnte.

Wie gesagt: Es gibt noch viel mehr Gottesbeweise – und sie sind in der Argu-mentation natürlich viel anspruchsvoller, als ich es hier wiedergeben kann. Es macht Spaß, sich mit ihnen zu beschäftigen! Nur hat die Sache einen großen Haken, und ihr Nutzen ist begrenzt, weil die, die an Gott glauben, solche Beweise eigentlich nicht nötig haben. Und weil die Anderen, die nicht an Gott glauben, sich auch durch Beweise nicht dazu zwingen lassen. Gläubigen Menschen leuchtet wahrscheinlich jeder der genannten Beweise ein, weil für sie so ziemlich alles im Leben ein Hinweis auf Gott ist. Die Skeptiker aber, die ganz grundlegend an Gott zweifeln, finden immer Gründe, auch an noch so klugen Beweisen zu zweifeln, weil dieselbe Vernunft, die solche Beweise aufstellt, sie auch wieder zu erschüttern vermag. Wer nur der eigenen Vernunft vertraut, kommt darum (auch mit noch so viel Nachdenken) nicht über die Einsicht hinaus, dass seine Vernunft Gott nicht erreichen oder sicherstellen kann. Wer skeptisch bleiben will, findet dafür immer Gründe. Er kann durch Logik nicht zum Glauben gezwungen wer-den. Wen aber wird das wundern, wenn Gott sich doch nicht der Vernunft er-schließen wollte, sondern dem Glauben? Das Neue Testament sagt es deutlich genug:

„Weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben.“ „Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache.“ Und so soll es dann auch gepredigt werden, damit der Glaube „nicht stehe auf Menschenweisheit sondern auf Gottes Kraft.“ (1. Kor. 1,21.27 u. 2,5).

Gott will offenbar nicht „bewiesen“ werden. Doch heißt das nicht, unser Vertrauen müsste „grundlos“ sein. Denn wenn jemand ernsthaft Gott kennen lernen will – was sollte den wohl hindern? „Probieren geht über Studieren“ ist hier das passende Motto! Denn niemand verlangt, dass einer glauben soll, wo er keine Erfahrung hat. Und niemand muss etwas glauben, bloß weil‘s die Kirche sagt! Sondern im Gegenteil ist jeder eingeladen, Erfahrungen mit Gott zu machen – und dann seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Matthias Claudius sagt:

„(Es) ist nicht zu begreifen, wozu man sich mit den Freigeistern und Zweiflern so weitläufig in Demonstrationen abgibt und von ihrer Freigeisterei und Zweifelsucht soviel Aufhebens macht. Christus sagt ganz kurz: »Wer mein Wort hält, der wird inne werden, ob meine Lehre von Gott sei.« Wer aber diesen Versuch nicht machen kann oder nicht machen will, der sollte eigentlich, wenn er ein vernünfti-ger und billiger Mann wäre oder nur heißen wollte, kein Wort weder wider noch für das Christentum sagen…“

Das klingt ein wenig grob. Aber im Grunde ist es nur wahr. Denn dass der Weg des Christentums richtig ist, kann mir keiner vorab beweisen, wenn ich nicht bereit bin, auf diesem Weg Schritte zu machen und ihn auszuprobieren. Will einer den Weg aber nicht gehen, ja, was redet er dann groß über die Vorzüge oder Nachteile dieses Weges, von denen er doch keine Erfahrung hat – und auch keine haben will? Ein jeder kann sich in Gottes Hand geben und darf hinterher urteilen, ob dieser Gott Vertrauen verdient. Wer’s aber gar nicht versucht, wie kann der sich ein Urteil erlauben, oder wie könnte man dem im Vorhinein beweisen, die Sache sei ohne Risiko? Mögen die Gottesbeweise noch so schön sein: Kein Mensch hat objektiv-zwingende Gründe dafür, dass er glaubt. Und genausowenig hat jemand zwingende Gründe, nicht zu glauben. Argumente nehmen uns die persönliche Entscheidung nicht ab. Aber eben so will Gott es haben. Und eben so ist es auch angemessen, dass wir Gott nämlich nicht begegnen wie Prüfer und Schulmeister, sondern umgekehrt in der Begegnung mit ihm geprüft werden. Das Wort vom Kreuz überwindet nicht unseren Verstand mit Argumenten, es besticht auch nicht mit greifbaren Vorteilen, aber es prüft unsere Herzen, ob sie sich glaubend Gott ergeben, oder sich ihm verschließen. Gott drängt sich nicht auf – er gibt dem Zweifel Raum. Aber wenn das zunächst nach argumentativer Schwäche aussieht, so als wäre der Glaube eine ungewisse Sache, ist es doch weise eingerichtet. Denn dass der Glaube strittig bleibt, das soll und muss so sein, damit wir – auf die Grenze und in die Entscheidung gestellt – unser Innerstes verraten und über uns selbst Klarheit gewinnen. Wäre der Glaube in dem Sinne „beweisbar“, dass jeder denkende Mensch glauben müsste, so würden um der Beweise willen alle Menschen glauben, und es käme nicht ans Licht, wer Gott um Gottes willen sucht. Würde Glaube sich in dem Sinne „lohnen“, dass den Glaubenden nie etwas Schlimmes passierte, so würden um dieses Vorteils willen alle Menschen glauben, und es würde nicht offenbar, wer es aus freiem Herzen tut. Träte Gott unverhüllt vor unsere Augen, so müsste seine offenkundige Macht jeden Zweifel niederschlagen, und alle täten nur noch das Gute. Aber es bliebe dann verborgen, wer das Gute aus Liebe zum Guten tut, und wer aus Angst und Berechnung. Eben darum ist die Welt so eingerichtet, dass sie für den Glauben und den Unglauben Spielraum lässt. Denn nur so – in einer zweideutigen Situation – verrät sich des Menschen Herz. Nur so zeigt sich, wohin es von sich aus neigt. Und darum, sagt Blaise Pascal, offenbart sich Gott in so zurückhaltender Weise: Er wollte sich denen zu erkennen geben, die ihn von ganzem Herzen suchen, und wollte denen verborgen bleiben, die ihn von ganzem Herzen fliehen. Darum gibt es in geistlichen Dingen genug Licht für jene, die Gott ersehnen, und genug Finsternis für jene, die der Finsternis den Vorzug geben. Nur auf diese Weise kann das Leben aufdecken, was in uns steckt. Und darum muss der Einsichtige das Zwielicht, das die Glaubensfragen umgibt, auch nicht bedauern. Die Argumente für den Glauben sind nie so zwingend, dass der Unwillige sich ihnen nicht entziehen könnte. Und zugleich wiegen sie schwer genug, um einem tieferen Geist, der glauben will, ausreichend gute Gründe zu liefern. Genau so aber ist es gewollt, denn so muss unsere Situation beschaffen sein, damit an den Tag kommt, wer Gott von Herzen braucht, und wer auf ihn verzichten kann. In der Weltgeschichte findet nicht nur eine Offenbarung Gottes statt, sondern es findet zugleich eine Offenbarung des Menschen statt, weil seine Möglichkeiten zu Tage treten. Gott offenbart sich deutlich genug, um jeden denkenden Menschen zu einer Stellungnahme zu zwingen. Aber er offenbart sich nicht so deutlich, dass er damit unsere Stellungnahme vorwegnähme. Gott bleibt im Halbdunkel und zwingt damit uns, zum Vorschein zu kommen und uns dabei selbst zu erkennen. Denn das Leben zwingt heraus, was in uns steckt. Und am Ende liegt offen, wer wir sind. Das aber nicht, damit Gott Neues erführe, sondern damit wir erfahren, wer wir sind, und mit Einsicht den Weg gehen, der uns zuletzt gewiesen wird. Es ist genau der Weg, auf den uns unser Herz gezogen hat!