Man kann nicht "nichts" glauben
Herkules am Scheideweg

Man kann nicht "nichts" glauben

Bevor man näher betrachtet, was und woran Menschen glauben, darf man die noch grundsätzlichere Frage stellen, ob denn nur manche etwas glauben, oder ob es vielleicht alle tun. Ist „Glauben“ etwas, das man tun oder lassen – und also auch vermeiden kann, wenn’s einem zu unsicher erscheint? Oder ist es vielleicht unvermeidlich, etwas zu glauben, so dass man nur die Wahl hätte zwischen verschiedenen Inhalten und Formen des Glaubens? Kann ein Mensch das Glauben umgehen, wenn er sich nur an Fakten hält, die offensichtlich sind? Oder glauben insofern alle, als ja auch die vehemente Leugnung religiöser Wirklichkeit ein Glaube ist – nämlich eine Überzeugung, die von anderen bestritten werden kann, weil sie sich nicht als zwingend demonstrieren lässt? Eben das Letztere will ich hier vertreten. Denn in diesem allgemeinen Sinne kann ein Mensch tatsächlich nicht „nichts“ glauben. Und diese Unmöglichkeit ergibt sich nicht etwa aus religiösen Gründen, sondern gerade aus Gründen der Vernunft. Wenn die Vernunft nämlich davon überzeugt ist, dass sie über Gott nichts Verlässliches erfahren kann, hört der Glaube deswegen nicht auf, sondern fängt an diesem Punkt gerade an. Da fängt nämlich jeder Mensch an, auf die eine oder andere Weise etwas zu glauben, das er verstandesmäßig nicht restlos begründen kann – und muss das tun, ob er will oder nicht. Denn das konkrete Leben nimmt keine Rücksicht auf verbleibenden Klärungsbedarf, sondern will gelebt werden! Die Vernunft entledigt sich nie ihrer Zweifel. Sie verrät uns zu wenig über den Grund, den Sinn und das Ziel unseres Daseins. Das Leben verlangt aber täglich Entscheidungen von uns, die weltanschauliche Voraussetzungen haben. Und unter konkretem Handlungsdruck wird da keine Bedenkzeit eingeräumt. Denn man kann nicht leben, ohne das eigene Dasein auf die eine oder andere Weise zu deuten und „aufzufassen“ – erst daraus ergibt sich ja unsere Rolle in der Welt! Da aber keine Deutung und kein menschliches Selbstverständnis seine Richtigkeit rein rational zu erweisen vermag (die Vielfalt einander widersprechender Philosophien beweist das zur Genüge), kommen auch die A-Religiösen und Anti-Religiösen nicht zu ihrem Standpunkt, ohne damit einen Glaubensakt zu vollziehen. Denn sie glauben ja nur, dass Gott nicht existiert. Auch mit noch so viel Vernunft können sie es nicht ausschließen. Und wenn sie dennoch unterstellen, was sie kraft ihrer Vernunft nicht wissen können – was tun sie dann anderes als religiöse Menschen? Auch wenn Atheisten fest daran glauben, dass aller „Glaube“ Unsinn sei, glauben sie damit doch nicht „nichts“, sondern glauben zumindest, der Religion gegenüber im Recht zu sein. Die blanke Vernunft kann ihnen das weder sicher belegen noch kann sie’s dementieren – sonst hätten 3000 Jahre philosophischer Debatten diesbezüglich zu irgendeinem Konsens geführt. Die Vernunft zuckt da hilflos mit den Schultern. Und doch sind alle Menschen gezwungen, in ihren täglichen Entscheidungen entweder mit Gott zu rechnen – oder das nicht zu tun. Weder das eine noch das andere lässt sich durch eine „objektive“ Prüfung absichern. Und kluge Köpfe gibt es auf beiden Seiten. Weil das Leben aber nicht wartet, bis wir zu Ende gegrübelt haben, sondern gelebt werden will, ist jeder Mensch gezwungen, sein Dasein auf eine letztlich ungesicherte Weise zu deuten. Jeder muss sich auf die Gegebenheiten des Lebens so oder so einen Reim machen. Und er wird zwangsläufig sein Denken und Tun auf Überzeugungen stützen, die andere nicht teilen, sondern für rein hypothetisch halten. Jeder wird in diesem Sinne etwas „glauben“. Und das in mehrfachem Sinne: 

 

• Ob der Mensch will oder nicht: seine Handlungen haben eine moralische Dimension. Und wenn es Gott gibt, dann ist Gottes Wille der Maßstab, anhand dessen sich „gut“ und „böse“ unterscheiden lassen. Wenn es Gott aber nicht gibt, muss eine andere Instanz normgebend sein – z.B. die öffentliche Meinung, die Tradition oder der Staat. Doch kann irgendwer beweisen, dass die sich nicht irren oder dass sie in ethischen Fragen überhaupt relevante Größen sind? Nein – das eine wie das andere wird geglaubt! 

 

• Ob der Mensch will oder nicht: er wird in den Wechselfällen des Lebens immer etwas suchen, worauf er sich verlassen kann und das ihm Halt gibt, weil er fest darauf vertraut. Wenn es Gott gibt, übernimmt er diese Rolle, ist des Menschen Rettungsanker und sein festes Fundament. Wenn es Gott aber nicht gibt, muss eine andere Instanz dem Menschen Halt geben – z.B. seine eigene Stärke, seine Freunde oder sein Geld. Doch kann irgendwer beweisen, dass ihn diese Dinge weiter tragen als Gottes Beistand? Nein – das eine wie das andere wird geglaubt! 

 

• Ob der Mensch will oder nicht: er muss in seinem Leben Sinn finden, er muss ein höchsten Wert haben, ein lohnendes Ziel, auf das er aus ist, eine Hoffnung, die ihn aufrecht hält und beflügelt. Wenn es Gott gibt, wird des Menschen Ziel ein gelingendes Leben sein, das in Gottes Reich und damit in selige Gemeinschaft mündet. Wenn es Gott aber nicht gibt, muss der Mensch in der Hingabe an etwas anderes selig werden – z.B. an seine Familie, seine Firma oder seine Karriere. Doch kann irgendwer beweisen, dass dies Zeitliche seine liebende Hingabe mehr verdient und besser lohnt als das Ewige? Nein – das eine wie das andere wird geglaubt! 

 

• Ob der Mensch will oder nicht: er hat sich nicht selbst geschaffen und er gewährleistet auch nicht selbst die Bedingungen seines Daseins. Wenn es Gott gibt, ist er der Schöpfer, der uns gewollt hat und unser Schicksal bestimmt. Wenn es Gott nicht gibt, muss der Mensch sein Dasein auf ein absichtsloses Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit zurückführen. Aber kann er beweisen, dass hinter seinem Leben nicht mehr steckt als dies? Nein – auch hier wird das eine wie das andere geglaubt! 

 

Keine Seite kann zwingende Gründe vorweisen. Und doch ist es unmöglich, neutral zu bleiben. Denn indem der Mensch handelt, nimmt er zu all den Fragen, die sein Leben aufwirft, so oder so Stellung. Und auf diese Fragen nicht zu reagieren, wäre auch eine Reaktion. Selbst wenn man sich dafür entschiede, ewig unentschieden zu bleiben, nähme man damit den Standpunkt ein, den man für den vergleichsweise „richtigsten“ hält. Und so mag unser Kopf immerzu behaupten, er wolle „das mit Gott“ in der Schwebe lassen. Faktisch dokumentiert unser Leben eben doch, von welchen Voraussetzungen wir ausgehen – und verrät damit unser Herz. Denn sonntags läuten die Glocken zum Gottesdienst, und der Mensch macht sich auf den Weg zur Kirche – oder er tut’s nicht. Faktisch scheut er das Böse – oder er scheut es nicht. Er versucht die Bibel zu verstehen – oder er lacht über das „angestaubte Buch“. Er nimmt sich Zeit für benachteiligte Menschen – oder er geht ihnen aus dem Weg. Er sammelt Schätze auf Erden – oder im Himmel. Er faltet ab und zu die Hände – oder er lässt es bleiben. Und all dies, womit er sein Leben hinbringt, zeigt viel deutlicher, welchem Glauben er anhängt, als das, was er wortreich als seine Meinung präsentiert. Denn Glaubensfragen werden nicht theoretisch, sondern praktisch beantwortet. Und niemand lässt sie wirklich offen. Denn jeder hat eine Weltanschauung und eine Hierarchie von Werten, die seine Entscheidungen bestimmt. Jeder hat eine Auffassung von seiner Rolle in der Welt – wie schlicht sie auch sein mag. Und wenn er über sich Auskunft gibt, zählt er nicht bloß biographische Fakten auf, sondern verknüpft sie zu einer sinnvollen Erzählungen. Erst durch die Deutung seiner persönlichen Geschichte gewinnt der Mensch überhaupt ein Selbstverständnis! Dieses Selbstverständnis wird aber nicht zwingend „abgeleitet“ und ist nicht unstrittig wie ein mathematischer Beweis, sondern es wird gewagt und geglaubt: Die Auffassung, die einer von seinem Leben hat, wird immer so sein, dass andere sie nicht teilen müssen. „Glauben“ also nur manche? Nein! In diesem allgemeinen Sinne etwas zu glauben, kann der Mensch so wenig vermeiden wie das Atmen – keiner kommt drumherum. Denn auch, wenn er von Gott nichts wissen will, bedeutet das nur, dass er die von Gott hinterlassene Lücke mit anderen Dingen füllt. Auch ohne Gott hat er eine Ansicht über das „Woher“ und „Wohin“ seines Daseins. Auch ohne Gott nutz er zur Orientierung irgendwelche Maßstäbe des Moralischen und Ziele zur Sinnfindung. Auch ohne Gott braucht er einen Gegenstand liebender Hingabe, ein Gegenüber seiner Verantwortung und einen verlässlichen Halt, an dem er nicht rütteln lässt. So kann der Mensch zwar sein Grundvertrauen von Gott abziehen. Er muss es dann aber auf andere Instanzen richten, die für ihn entsprechende Funktion übernehmen. Und denen so große Bedeutung zu verleihen, heißt fest daran zu glauben, dass sie dem Menschen leisten können, was er ihnen zutraut. So mag einer die Rolle, die Gott zukommt, irdischen Instanzen zuweisen, um dann z.B. an sich selbst zu glauben oder an Mutter Natur, an den Sozialismus oder an die Nation, an das Recht des Stärkeren oder an das Gute im Menschen. Aber „glauben“ muss er an diese Dinge eben auch, insofern er ihnen viel zutraut und sie sehr wichtig nimmt. Andere finden das falsch – und seine Argumente nicht zwingend. Und so wird seine Wahl keineswegs rationaler, vernünftiger oder besser gesichert sein als die eines Christen. Denn hier wie dort wird Vertrauen gewagt. Jeder setzt auf das Pferd, das er für das richtige hält. Und so glauben nicht nur einige Menschen, während andere sich das sparen. Sondern faktisch glauben alle unausweichlich – und die Frage ist nur, woran. Ein Christ wird vielleicht einwenden, damit sei über den Glauben längst nicht alles – und nicht einmal das Wichtigste – gesagt. Das ist auch völlig richtig. Doch als erste Annäherung an den Glauben (äußerlich und vorläufig) darf das Gesagte gelten. Denn es ging hier lediglich um die Feststellung, dass die Beweislasten völlig gleich verteilt sind: Nicht-religiöse Menschen sind auf ihre Weise auch Gläubige. Sie halten sich nicht allein an „Fakten“, sondern an eine – durchaus nicht zwingende – Interpretation der Fakten. Und das ist nichts anderes, als was religiöse Menschen auch tun. 

 

 

 

Bild am Seitenanfang: Hercules at the crossroads

Domenico Beccafumi, Public domain, via Wikimedia Commons