Mystik

 

Haben sie schon mal von „Mystik“ gehört – oder von „Mystikern“? Der Begriff taucht immer mal wieder auf. Man sagt, etwas sei „mystisch“, und das klingt dann düster und geheimnisvoll. Aber was der Begriff eigentlich meint, bleibt unklar. Und nur wenige wissen, dass es sich bei „Mystik“ um eine spezielle Ausprägung von Religion handelt. Der gemeinsame Nenner der Mystiker ist, dass sie nicht als menschliches „Ich“ dem göttlichen „Du“ gegenüberstehen, sondern in der Anbetung mit Gott „eins“ werden möchten. Und man munkelt von Zuständen der frommen Entrückung, in denen so etwas gelingt, und die Seele regelrecht mit Gott verschmilzt. Das liegt dann außerhalb aller gewöhnlichen Erfahrung. Man denkt an Mönche in fernen Klöstern. Und schon folgt unsere Phantasie dem Klischee der Mystik, demzufolge es um geheime Mysterien geht, die nicht jeder versteht, sondern nur der Eingeweihte, der nach strenger Askese und langer Meditation diese übernatürliche Erfahrung macht. Dem Klischee nach ist Mystik etwas für spirituell „Hochbegabte“, die – in frommer Versenkung der Welt entrückt – „innere Erlebnisse“ haben, die man nicht in Worte fassen kann. Sie werfen sozusagen einen kurzen Blick in den Himmel hinein. Und diese Vorstellung ist faszinierend. Denn scheinbar ermöglicht der mystische Weg, ohne das mühsame Grübeln über den Buchstaben des biblischen Textes zu einer viel intensiveren, ganz unmittelbaren Gotteserfahrung zu gelangen. Scheinbar kann man da die Heilige Schrift beiseitelegen, um ohne alle Zwischeninstanzen Gott selbst zu „erspüren“. Und man denkt, das müsste doch toll sein: Statt immer nur zu glauben, was man nicht sieht, könnte man Gott direkt „erfahren“. Und obendrein soll man dabei über sich hinauswachsen und in beglückendster Weise mit Gott verschmelzen! Muss das nicht grandios sein, wenn man mit Gott nicht bloß versöhnt ist, sondern mit ihm „eins“ wird? Bekommt man da nicht Lust, auch selbst höhere Bewusstseinszustände zu erreichen, etwas von der Seligkeit vorwegzunehmen und schon auf Erden ein klein wenig vom Himmel zu naschen? Der Wunsch ist verständlich. Und doch ahnt man schon, dass die Sache einen Haken hat. Denn einerseits entspricht dieses Klischee gar nicht dem, was die wirklichen Mystiker lehren und praktizieren. Man tut ihnen Unrecht. Und andererseits steht jenes Klischee der Mystik im Widerspruch zum christlichen Glauben. Erstens ist Christentum keine elitäre Angelegenheit für „Eingeweihte“ oder spirituell „Begabte“, sondern für jedermann. Wir machen kein mysteriöses Gemunkel, sondern legen das Evangelium ganz offen dar, so dass es auch Kinder und schlichte Gemüter verstehen können. Und zweitens setzt das Christentum kein Vertrauen auf Stimmungen, Gefühle oder „innere Erlebnisse“, sondern vertraut allein dem Evangelium. Christen bauen nicht auf ihre eigenen Gemütszustände, auf Erscheinungen, innere Stimmen oder Erfahrungen der Trance, die ebenso gut der Phantasie entspringen können, sondern sie bauen auf das klare Wort der Hl. Schrift. Und drittens haben Christen zu viel Ehrfurcht vor Gott, als dass sie je den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf verwischen oder vergessen könnten. Gott nahe zu sein, ist zwar unser Glück. Aber deswegen fangen wir nicht an, uns mit ihm zu verwechseln. Wir werden dem Heiligen gegenüber nicht plump „vertraulich“. Wir träumen auch nicht davon, selbst „vergottet“ zu werden. Und viertens geht es im Christentum überhaupt nie darum, die eigene fromme Erregtheit zu genießen, sich an der eigenen Ergriffenheit zu berauschen oder aus der bösen Welt hinaus in eine fromme Entrückung zu fliehen, sondern es geht darum, nüchtern, wach, treu und geduldig auf dem Weg der Nachfolge zu bleiben. Wenn Mystik also dem Klischee entspräche, müssten wir darin eine Form von Esoterik sehen, müssten sie als Schwärmerei rundweg ablehnen und wären damit fertig. Doch ist das nur die halbe Wahrheit. Denn einerseits trifft das Klischee auf die wahren Vertreter der christlichen Mystik gar nicht zu: Meister Eckhart z.B., Johannes Tauler und die „Theologia deutsch“ machen sich der genannten Fehler keineswegs schuldig. Und andererseits kommt das Grundmotiv der Mystik in der Bibel vor. Denn das Neue Testament redet ganz selbstverständlich von einer Vereinigung Gottes und des Menschen im Glauben. Und das zwingt uns, noch mal gründlicher hinzuschauen. Denn was sonst wäre die Botschaft des Evangeliums, wenn nicht, dass Gott in der Welt erschien, um eine glaubende Erkenntnis Gottes möglich zu machen, die dann auch zur Teilhabe am Erkannten und so zur Erlösung führt? Wer das Evangelium wirklich von Herzen aufnimmt, wird nicht bloß darüber informiert, dass es Gemeinschaft mit Gott gibt, sondern wird zugleich auch in diese Gemeinschaft überführt. Erkennt einer wirklich Gott, wird er durch das Erkannte so grundlegend verwandelt, dass er anschließend am Erkannten Anteil hat. Indem er die Botschaft des Neue Testaments aufnimmt, wird er ein Teil der darin beschrieben heilvollen Gemeinschaft. Durch das Wort Gottes wird zum Ereignis, was Gottes Wort sagt. Und wenn der Mensch dann durch den Heiligen Geist die Einheit von Vater und Sohn bekennt, hat er auch selbst an dieser Einheit teil. Kraft seines Glaubens gehört er zu dem, an den er glaubt, und die wechselseitige Liebe zwischen Vater, Sohn und Hl. Geist schließt ihn mit ein, so dass unser Neues Testament urteilt, dieser Mensch sei nun „in Gott“, und Gott „in ihm“. Jesus sagt: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“ (Joh 14,23). Und auch Paulus setzt voraus, dass Christus durch den Glauben in den Herzen der Christen wohnt, und sie erfüllt werden „mit der ganzen Gottesfülle“ (Eph 3,17-19). Christus und seine Gemeinde sind so eng verbunden wie Braut und Bräutigam (Eph 5,32), wie die Rebe mit dem Weinstock (Joh 15,4-5) und das Haupt mit den Gliedern (Eph 1,22-23; Eph 5,30; 1. Kor 6,15). Jeder Gläubige ist ein Tempel, in dem der Geist Gottes wohnt (1. Kor 3,16; Röm 8,9.14). Christen sind überhaupt die, die „in Christus sind“ (Röm 8,1; Röm 16,11; Eph 2,13) und in denen Christus „lebt“ (Gal 2,20). Darum betet Jesus für seine Gemeinde und sagt: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein...“ (Joh 17,21). Er sagt: „Ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen“ (Joh 17,26). Der 2. Petrusbrief spricht sogar davon, dass die Gläubigen durch die Erkenntnis Christi Anteil bekommen an der göttlichen Natur (2. Petr 1,3-4)! Wer könnte also behaupten, Mystik hätte im Christentum keinen Platz? Tatsächlich hat sie ihr gutes Recht, weil das Neue Testament selbst von der mystischen Vereinigung mit Gott spricht. Und die evangelische Theologie bekennt das auch in Lehrsätzen und Definitionen. Adolf Hoenecke sagt z.B.:

„Die mystische Vereinigung der Gläubigen mit Gott besteht darin, dass der dreieinige Gott durch den Heil. Geist dem Wesen nach dem Wesen des gläubigen Menschen gnadenvoll beiwohnt, wodurch die also mit Gott Vereinigten nicht nur selig erfreut und mit Trost und Frieden erfüllt, sondern auch in der Gnade beständig gewisser gemacht, in der Heiligung gestärkt und zum ewigen Leben bewahrt werden.“

(A. Hoenecke, Ev.-Luth. Dogmatik, Bd. III, S. 409)

Weil es aber manchem komisch vorkommt, dass jeder rechte Christ zuinnerst mit Gott „vereint“ sein soll, will ich versuchen den Vorgang zu beschreiben. Denn – in der Tat: In dem gewöhnlichen Zustand, in dem Gott uns vorfindet, sind wir keineswegs „eins“ mit ihm, sondern sind himmelweit getrennt von ihm! Im gewöhnlichen Zustand sündhafter Verblendung kreist der Mensch um sich selbst und versucht die Welt so zu gestalten, dass er Unlust vermeidet und Lust gewinnt. Ein höheres Ziel haben wir erst mal nicht! Und so muss uns Gott zunächst die Augen öffnen. Er macht sich uns bekannt durch sein Wort und seinen Hl. Geist. Er lässt von sich wissen durch die Verkündigung, die unser Ohr erreicht, und schenkt uns zugleich mit dem Glauben auch Einsicht in seine göttliche Wahrheit. Doch reicht seine Absicht viel weiter. Denn Gott will uns nicht bloß „informieren“, sondern selig machen. Und darum ist die durch Gottes Wort mitgeteilte Erkenntnis von der Art, dass, wer sie wirklich „hat“, nicht bei ihr stehen bleibt, sondern sich unter ihrem Eindruck notwendig „wandelt“. Das ist nicht bei jeder beliebigen Erkenntnis der Fall, da viele Informationen mich selbst gar nicht betreffen. Doch die Gotteserkenntnis im Glauben ist anders. Sie zieht unausweichlich auch Selbsterkenntnis nach sich. Denn wer Gott wahrheitsgemäß erkennt, erkennt in ihm das maßgebliche Gegenüber seines Lebens – und sieht damit auch sich selbst in einem neuen Licht. Gottes Wollen und Handeln ist schließlich der große Zusammenhang, in den meine eigene kleine Existenz eingebettet ist! Und erst wenn ich lerne, mich selbst im Zusammenhang mit Gott zu sehen (erst in dieser Perspektive!), verstehe ich mich und mein Dasein richtig. Man kann Gott gar nicht erkennen, ohne zugleich zu erkennen, in welchem Verhältnis man zu ihm steht! Und so wandelt die Gotteserkenntnis automatisch auch die Selbstwahrnehmung des Menschen. Er wird nicht bloß über Gott „aufgeklärt“, sondern zugleich über sich und seine Lage. Und das verändert den Menschen. Wenn er Gott kennen lernt, sieht er auch sich selbst in einem neuen Licht. Was er dann sieht, ist aber zunächst nicht schmeichelhaft. Denn angesichts der hohen Maßstäbe und Erwartungen, mit denen Gott ihm gegenübertritt, wird dem Sünder erst so richtig sein eigener Unwert und seine vielfache Schuld bewusst. Mit dem Heiligen konfrontiert, erkennt er die eigene Nichtigkeit. Und in der Erkenntnis seiner Armut und Bedürftigkeit beginnt er dann, sich nach Gottes Gnade auszustrecken. Denn an Gott entdeckt er all die Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Güte und Vollkommenheit, die ihm selbst fehlt. Der Mensch erkennt Gott als das wahrhaft höchste Gut und wichtigste Ziel, neben dem alles andere völlig verblasst. Und hat Gott sein Herz gefangen genommen, begreift der Mensch auch, wie eitel und nichtig die Güter dieser Erde sind. Gott bekommt die Priorität, die ihm schon immer zustand. Und der Mensch beginnt, ihm hingegeben zu leben. Denn die Verwandlung, die mit ihm vorgegangen ist, setzt sich sowohl nach ihrer zerstörenden wie nach ihrer aufbauenden Seite immer weiter fort: Aus der Erkenntnis Gottes in seinem Gesetz ergeben sich notwendig das Erschrecken über mich selbst und die Buße (als Abwendung von der alten sündhaften Lebensform „in Adam“). Und aus der Erkenntnis Gottes in seinem Evangelium ergeben sich notwendig Glaube, Liebe und Hoffnung (als Hinwendung zur neuen Lebensform „in Christus“). Denn niemand kann Gott erkennen, wie er in Wahrheit ist, ohne dabei demütig zu werden und sich ihm liebend hinzugeben. Statt gedanklich um sich selbst zu kreisen, kreist er künftig um Gott. Und statt dem Glück dieser Erde hinterherzujagen, strebt er nach voller Übereinstimmung mit dem Willen Gottes. Er misst nun alle Dinge an Gottes Maßstäben. Er liebt, was Gott liebt, und verabscheut, was Gott verabscheut. Und da er sich so im Konsens mit Gott Gottes Pläne zu Eigen macht, trennt ihn auch nichts mehr von dem, dem er sich verschrieben hat. Gottes Wille ist sein Wille! Steht der Mensch aber mit Gott innerlich in Gemeinschaft – was fehlte ihm noch zur Seligkeit? Durch Christus mit Gott versöhnt wird er nicht erst in ferner Zukunft erlöst, sondern ist es schon jetzt. Glaubend ist er durch das Gericht hindurchgedrungen. Mitten in der Zeit ist er schon der Ewigkeit teilhaftig. Und wenn der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf auch weiter besteht, ist da doch nichts mehr, was die beiden trennte. In der wechselseitigen Liebe „verschmilzt“ der Christ zwar nicht mit Gott, steht aber in voller Gemeinschaft mit ihm. Er hat schon hier auf Erden Anteil an allem, was unvergänglich und ewig, heilig, wahrhaftig und gut ist. Er hat die Seligkeit, die Gott jenen schenkt, denen er sich selbst schenkt. Und eben das ist der Kern der wahren Mystik. Denn Gottes Hl. Geist erleuchtet nicht bloß unseren Verstand, sondern er wandelt uns durch Einsichten, die man nicht haben kann, ohne durch sie ein anderer zu werden. Gott berührt unsere kranken Seelen, um sie mit seiner Gesundheit anzustecken. Und er formt dabei die Missgestalteten zu seinem schönen Ebenbild. Er nimmt Wohnung in den armen Hütten unserer irdischen Existenz. Und die Seelen, denen er nahe ist, werden ihm mit der Zeit immer ähnlicher und vertrauter. Wenn sie keiner Liebe wert waren, verleiht er ihnen Wert, indem er sie dennoch liebt. Und mit dem Ewigen durch Liebe vereint (von Gott umarmt), werden sie in ihm und mit ihm ewig leben. Das ist christliche Mystik. Ich hoffe, ich konnte es halbwegs treffend beschreiben! Wenn’s aber gelungen ist, bin ich zuversichtlich, dass ihnen auch der Unterschied zur falschen Mystik nicht entging. Denn mit jenem Klischee, das ich anfangs skizzierte, hat christliche Mystik sehr wenig zu tun. Es gibt in unserem Glauben keine Geheimniskrämerei und kein esoterisches Geraune, sondern alles liegt offen zu Tage. Und die Vereinigung mit Gott ist auch keine elitäre Sache für religiös „Hochbegabte“, sondern etwas für jeden Christen ganz „Normales“. Sie wird nicht etwa künstlich durch irgendwelche Übungen oder Techniken herbeigeführt, sondern ist mit dem Glauben selbst gegeben. Und vor allem entfernt sie uns nicht vom biblischen Wort, um Gott auf dem vermeintlich „direkteren“ Weg der religiösen Einfühlung nahe zu kommen – nein! Christlicher Glaube hält sich ans Wort und vereint den Gläubigen auch dann mit Gott, wenn er gar nichts Besonderes spürt! Als Christ wartet man keineswegs auf tolle „innere Erlebnisse“, um darin zu schwelgen oder hinterher damit anzugeben, man sei mit Gott so intim. Der christliche Glaube braucht das alles nicht. Er stützt sich weder auf gefühlsmäßige Erfahrung noch auf kluge Überlegung, sondern allein auf Gottes Zusagen. Und wenn sich ein Christ auch danach sehnen mag, Gottes Nähe stärker zu spüren, bescheidet er sich doch mit genau dem Maß an Vertraulichkeit, das Gott für angemessen hält. Denn niemand braucht einen Rausch religiöser Gefühle, wenn er Gottes Wort hat. Und wenn die angeblich „höheren“ Bewusstseinszustände dazu führen, dass sich jemand mit Gott zu verwechseln beginnt, dann ist es allemal besser, auf dem Teppich zu bleiben. Gewiss freuen wir uns an dem, was die Schrift zusagt – dass nämlich Gott „in uns“ ist, und wir „in ihm“. Aber dass wir’s auch ständig fühlen müssten, steht nirgends geschrieben. Wenn es Gott gut erscheint, uns seine Nähe stark empfinden zu lassen, wollen wir’s ihm herzlich danken. Empfinden wir’s aber nicht, so ist Gott trotzdem da – und unseren spröden Seelen geht rein gar nichts verloren. Denn wer im Glauben die Einheit von Vater und Sohn bekennt, hat damit selbst die Einheit mit Gott gewonnen – und zugleich auch die Teilhabe an Gottes Wahrheit und Lebendigkeit. Wenn das einer spürt, ist es schön. Wenn er‘s aber nicht spürt, ist es trotzdem so. Und das sollte uns genügen. Denn die Gemeinschaft Gottes auszukosten und zu genießen, haben wir im Himmel noch Zeit genug. Hier auf Erden haben wir Gott erst einmal in der Gestalt seines Wortes. Und daran festzuhalten, bringt uns schon ans Ziel. Denn im Glauben mit Gott vereint zu sein, ist für Christen kein seltener Glücksfall, sondern der Normalfall. Wo wirklich Glaube ist, da sind wir auch mit Gott vereint. Und dabei lassen wir es ruhig bewenden, bis Gott selbst den Moment für gekommen hält, uns den Himmel zu zeigen in all seiner Pracht und Herrlichkeit.