Kommt man über sich hinaus?

Kommt man über sich hinaus?

Oft sind es gerade die alltäglichen Begriffe, die wir am wenigsten verstehen. Sie sind zu geläufig, als dass wir sie noch groß hinterfragten. Und so ein scheinbar klares Wort, das wir ständig gebrauchen, ist das „Ich“. Wir sagen „Ich“ – und denken, jeder müsste wissen, was gemeint ist. Aber, mal im Ernst: Kennen wir den, der da so selbstverständlich „Ich“ sagt? Trauen wir ihm? Und mögen wir ihn? Na klar, werden sie sagen – „Ich“ bin doch schließlich „Ich“! Jeder scheint mit sich selbst am besten vertraut. Denn „Ich“ bin schließlich das Subjekt, dem ich all meine Handlungen zuschreibe. „Ich“ gehe und stehe, „Ich“ sitze und liege, denke und fühle, kann und will. Und wenn meine Person auch viele Facetten und eine lange Geschichte hat, trete ich doch als Einheit auf und beanspruche, heute noch mit dem identisch zu sein, der ich gestern war. Mal erscheint das als Segen – und mal als Fluch. Aber mein „Ich“ will mit keinem anderen verwechselt werden. Es reklamiert bestimmte Aufgaben als „meine Aufgaben“, bestimmte Kinder als „meine Kinder“ und bestimmte Rechte als „meine Rechte“. Und sich selbst gegenüber ist der Mensch auch ziemlich loyal. Er kritisiert sein „Ich“ nur in stillen Stunden und bringt auch dann für sich selbst viel Verständnis auf. Denn, nun ja – wenn schon auf die anderen kein Verlass ist, muss doch wenigstens ich in Treue zu mir stehen! Schließlich liebt mich keiner so sehr, wie ich mich liebe! Nur ich weiß, warum ich nicht anders handeln kann! Ich bin mir selbst der treueste Freund! Und wär’s da nicht verrückt, wenn ich zu mir selbst auf Distanz ginge und über mich selbst hinaus wollte? Selbstverneinung ist für viele ein gruseliger Gedanke. Es scheint ihnen an Wahnsinn zu grenzen, wenn einer seinem „Ich“ die Gefolgschaft kündigt und sich dann selbst nicht mag. „So einer geht besser zum Therapeuten!“ sagen sie. Denn wenn er gegen sich selbst Partei ergreift, scheint seine Person in feindliche Lager zu zerfallen, wir ein Land im Bürgerkrieg. Wie kann also einer sein „Ich“ verleugnen und sich selbst verlassen wollen, um über sich hinaus zu gelangen? In wessen Namen tut er’s denn? Und wenn er zu seinem „Ich“ auf Distanz geht, ihm die Treue kündigt und es preisgibt – was will er dadurch retten? Was will er denn werden, wenn er nicht mehr der Alte ist? Kann er dem eigenen „Ich“ misstrauen, ohne dass seine Psyche in ihre Bestandteile zerfällt? Kann er sich den Abschied geben, um einem andren mehr zu trauen als sich selbst? Seiner Familie etwa? Einem guten Freund? Oder am Ende – Gott? Man glaubt es kaum, aber ausgerechnet Karl May hat in diese Richtung gedacht und hat ein Gedicht geschrieben, in dem er mit seinem „Ich“ hart ins Gericht geht („Das Ich“). Es lautet so: 

 

„Ich bins!“

 

Jawohl, du bists, mein Ich;

Gestatte mir, dich zu erkennen!

Du rühmst und lobst und brüstest dich,

Stets fertig, dich mein Ich zu nennen.

Doch, seh ich dich mir in dem Licht

Der Wirklichkeit genauer an,

So bist du es und doch auch nicht.

Du weißt, was ich nicht sagen kann!

 

„Ich wills!“

 

Jawohl, du willsts, mein Ich;

Gestatte mir nur, dich zu kennen!

Du rühmst und lobst und brüstest dich,

Stets fertig, dich mein Ich zu nennen,

Du hast schon viel, schon viel gewollt,

Doch, sah ich mirs genauer an,

So war es nie, was ich gesollt.

Du weißt, was ich nicht sagen kann!

 

„Ich kanns!“

 

Jawohl, du kannsts, mein Ich;

Gestatte mir nur, dich zu kennen!

Du rühmst und lobst und brüstest dich,

Stets fertig, dich mein Ich zu nennen.

Du hast schon viel, schon viel gekonnt,

Doch, sah ich mirs genauer an,

So hast du dich in mir gesonnt.

Du weißt, was ich nicht sagen kann!

 

„Ich schweig!“

 

Jawohl, mein liebes Ich;

Gestatte mir, dies klug zu nennen!

Du bist nur Staub, nur Staub für mich,

Und von dem Staub muss ich mich trennen.

Denn, seh ich dich mir in dem Licht

Der Ewigkeit genauer an,

So brauche ich dich einstens nicht.

Das ists, was ich dir sagen kann!

 

Seltsam, denkt man. Beschuldigt der Verfasser sein eigenes „Ich“ der Hochstapelei und des Versagens? Es „rühmt“ und „lobt“ und „brüstet“ sich, kann dann aber doch nicht liefern, was es zu liefern versprach. Sein „Ich“ nimmt offenbar den Mund zu voll. Es bläst sich gern auf. Und, was soll ich sagen – das kommt mir bekannt vor. Denn in hellen Momenten habe auch ich gegen mein „Ich“ so einiges einzuwenden und gehe kritisch auf Distanz. So wie das von Karl May, ist auch mein „Ich“ nicht durchgängig sympathisch, sondern oft erschreckend egozentrisch. Meist bewertet es die Dinge nur nach dem Effekt, den sie auf meine eigene Person haben. Den Schmerz und die Freude der anderen spürt es gar nicht. Es hat eine sehr verengte Perspektive! Und außerdem ist mein „Ich“ ziemlich wehleidig und feige. Sobald Leib und Leben in Gefahr geraten, wird es panisch, jammert – und tut alles, um seine Haut zu retten. Im Übrigen neigt mein „Ich“ zu Heuchelei und Doppelmoral. Es will stets von seiner Schokoladenseite gesehen werden, vertuscht seine Fehler und belügt sich selbst. Mein „Ich“ ist stolz und schnell gekränkt, wenn‘s keine Beachtung findet. Es will sich jederzeit „gut“ fühlen und für „gut“ gehalten werden. Es redet gern anderen rein – und will sich doch selbst nichts sagen lassen. Mein „Ich“ kommt laufend zu kurz, ergreift immer für sich selbst Partei, kennt alle seine Rechte, vergisst aber gern seine Pflichten. Es liebt nur wenige, will aber von allen geliebt werden. Und so kann man ihm weder trauen, noch ist es mir wirklich sympathisch, sondern (wie Karl May) habe ich große Vorbehalte gegen mein „Ich“. Und manchmal denke ich sogar, es sei nur provisorisch gemeint und sei nur der Platzhalter für ein besseres „Ich“, das leider noch nicht geliefert wurde. Freilich – zitieren sie mich nicht. In der Regel verteidige ich mein „Ich“ mit Zähnen und Klauen! Doch insgeheim scheint mir, es sei vielleicht nur ein erster Entwurf, in dem noch wichtige Details fehlen. Es ist wie die vorläufige Skizze für ein Gebäude in Planung, das man noch nicht wirklich zu Ende gedacht hat. Nun soll das nicht undankbar klingen. Denn mein „Ich“ als Geschöpf Gottes ist gewollt und bejaht! Selbstverliebt wie ich bin, treffe ich auch nur selten einen Menschen, dessen „Ich“ mir lieber wäre als mein eigenes! Aber ich weiß doch (und Gott weiß), dass es von seiner Vollendung noch weit entfernt ist. Mein „Ich“ ist gut gemeint, könnte man sagen, aber noch lange nicht gut gemacht. „Ich“ bin noch in Arbeit, bin sozusagen ein nicht ausgereifter Prototyp meiner eigenen Person. Gott ist längst nicht fertig mit mir! Doch sage ich das nicht kleinmütig oder verächtlich, sondern in einer Mischung von Demut und Zuversicht. Eine Menge Demut gehört dazu, weil mein aktuelles „Ich“ dringend überwunden werden muss, weil ich das auch weiß – und ausdrücklich mein Einverständnis dazu gebe. So wie mein „Ich“ jetzt ist, kann niemand wollen, dass es verewigt würde. Nichtmal ich selbst kann das wollen! Eine Menge Zuversicht ist aber auch dabei, weil die Vollendung des Provisoriums in Gottes Händen liegt. „Ich“ bin sein Projekt, das er nach wie vor nicht aufgibt, sondern weiter verfolgt. Irgendwann tritt zu Tage, was sich heute nur dunkel andeutet. Meine Gegenwart verhält sich zur Zukunft, wie die Skizze des Architekten zum fertigen Haus. Und die Skizze vermag sich selbst nicht auszuführen – sie zeigt bloß die Umrisse der Idee, die Gott vorschwebt! Doch er kann alles, was er will. Und wenn er mich eines Tages zu Ende denkt, werden meine Mängel vergessen sein. Der erste Entwurf meines „Ichs“ ist dann Geschichte. Aber das geht in Ordnung. Denn auch Karl May sagt am Ende seines Gedichts, sein „Ich“ sei bloß Staub. Im Lichte der Ewigkeit hofft er, darüber hinaus zu kommen und dies aktuelle „Ich“ nicht mehr zu brauchen. Denn das Provisorium ist nur dadurch zu rechtfertigen, dass bald etwas Besseres an seine Stelle tritt. Es soll und muss überwunden werden, wie ein Korn in die dunkle Erde fallen muss, um dort begraben zu verschwinden, um zu keimen, um sich grundlegend zu wandeln und in neuer Gestalt wieder ans Licht zu kommen (Joh 12,24; 1. Kor 15,35-49). Ohne dieses Ende gibt es keinen Anfang. Und denken sie nicht, das sei Poesie. Denn die beschriebene Überwindung des „Ichs“ gehört zum biblischen Glaubensgut und ist ein notwendiger Teil der christlichen Lehre. Wovon schließlich redet Jesus, wenn er sagt, der Mensch müsse von neuem geboren werden aus Wasser und aus Geist (Joh 3,3-5)? Und was sonst meint Paulus, wenn er betont, ein Christ werde in Christi Tod hinein getauft, um einst mit Christus aufzuerstehen und auf neue Weise zu leben (Röm 6,3-5)? Warum sonst sagt Jesus, ein Jünger müsse sich selbst und sein altes Leben hassen und verlassen, um das Reich Gottes zu erlangen (Lk 14,26-27; Joh 12,25)? Und warum sonst steht im Neuen Testament der „alte Adam“ in Kontrast zu dem „neuen Menschen“, der in Christus werden soll (1. Kor 15,21-22; Röm 5,12ff.)? Es ist immer dieselbe Zumutung, dass wir zu unsrem aktuellen „Ich“ auf Distanz gehen müssen, weil es nicht hält, was es verspricht. Und es wäre kein christliches „Ich“, wenn es zur eigenen Überwindung nicht einwilligen wollte. Denn wir sind wie abgeschossene Pfeile, die in Gottes Zukunft fliegen. Als Christen sind wir eindeutig nicht mehr von dieser Welt. Wir sind aber auch noch nicht in der Ewigkeit angekommen, sondern sind noch Pfeile im Flug. Wir haben unsrem alten „Ich“ schon Ade gesagt und ihm die Treue gekündigt. Aber unser neues „Ich“ hat noch nicht Gestalt gewonnen. Es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden (1. Joh 3,2). Und nur soviel ist klar, dass die Kinder Gottes nach dem Vorbild Christi gestaltet werden. Zu diesem Ziel sind wir unterwegs. Wir sind aber noch nicht da. Wir tragen noch peinliche Reste des Vergangenen an uns. Aber immerhin – zu jenem alte „Ich“, das sich ständig rühmt und lobt und brüstet, stehen wir nur noch in gebrochener Loyalität. Und was Gott daran nicht gefällt, geben wir ausdrücklich preis. Denn im Grunde ertragen wir uns mehr, als dass wir uns mit unsrem alten „Ich“ noch identifizierten. In Gottes Augen sind wir schon drüber hinaus. Gott sei Dank! Das Alte hängt uns nur noch an wie eine schlechte Gewohnheit. Wenn aber der Heilige Geist den Feinschliff vollendet, sagen wir mit Paulus: Nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir (Gal 2,20). Bis dahin haben wir allerdings noch keinen Frieden, sondern in der Tat – ein Teil von uns verwirft den anderen. Christen liegen mit sich selbst im Streit. Das kann nicht anders sein. Und auch wenn‘s uns wohlmeinende Menschen raten, schließen wir doch keinen Frieden mit dem, was an uns falsch ist. Wir wollen, sollen und müssen über uns hinaus – das ist Gottes ausdrücklicher Wille! Und so sind wir mit uns selbst entzweit, bis unser altes „Ich“ vollständig gewandelt wurde. Anders gelangen wir nicht in Gottes Reich, denn wer dem Adam noch zu ähnlich sieht, kommt am Türsteher nicht vorbei. Doch fühle sich darum keiner überfordert. Denn den nötigen Wandel zu vollenden, ist Sache des Heiligen Geistes – und genau das hat der Geist versprochen zu tun. Es ist sein Part im Erlösungswerk. Und dazu brauchen wir ihn so dringend. Denn er schafft in uns jene Instanz, die das alte „Ich“ verwerfen kann. Gottes Geist lehrt uns den distanzierten Blick auf das Alte und die Sehnsucht nach dem Neuen. Und mag es auch mühsam sein, als Zeuge gegen sich selbst zu stehen – der Heilige Geist bringt unsre Sache doch gut zu Ende. Er hilft uns vom alten „Ego“ Abschied zu nehmen und verwandelt es in ein neues, das Gott entspricht und Gott gefällt. Wir werden dabei keine „andere Person“, sondern bleiben mit uns identisch, denn Gott hat uns ja beim Namen gerufen (Jes 43,1). Aber bei aller Kontinuität der Person, die diesen Namen trägt, werden wir doch völlig „anders“ sein. Am Ende werden wir sein, wie Gott uns von Anfang an gemeint hat. Wir werden mit Gott im Einklang sein – und nur so dann auch mit uns selbst. Den nötigen Umbau unsrer Person aber nicht zu beklagen, sondern zu begrüßen und zu erbitten, macht einen Christen aus. 

 

 

Bild am Seitenanfang: Geknickte Leiter,

Egon Schiele, Public domain, via Artvee