Gottesfurcht ist keine Phobie

Gottesfurcht ist keine Phobie

Ist Gott zum Fürchten? Sollte man Angst vor ihm haben? „Gottesfurcht“ scheint das zu fordern. Und so hat mancher Probleme mit dieser geistlichen Tugend. Denn „Gottesfurcht“ scheint zu verlangen, dass ich mich vor Gott in Acht nehme und mich ängstlich vor ihm ducke. Sie setzt anscheinend voraus, dass Gott unberechenbar und gefährlich ist, so dass man ihm nicht trauen kann. Aber – passt das zur Botschaft Jesu? Es scheint ganz das Gegenteil! Denn sich ängstigend hätte man ja eine „Gottesphobie“, wäre voller Scheu und Misstrauen, und müsste auch die anderen warnen: Passt bloß auf, man weiß nie, was Gott vor hat, dem ist alles zuzutrauen, hütet euch, ihm nahe zu kommen! Aber wenn das gemeint wäre, wie vertrüge es sich mit der Liebe zu Gott, die uns doch auch geboten ist? Und warum sollte ein Christ regelmäßig in Gottes Haus kommen, wenn er vor Gott Angst hätte? Nein, Gottesfurcht muss etwas ganz anderes sein als eine „Phobie“. Denn die Gottesfürchtigen der Bibel treibt es gerade nicht von Gott weg, sondern es zieht sie zu ihm hin. Die Gottesfürchtigen sind gar nicht ängstlich oder zurückhalten, sondern sind von Gott fasziniert! Statt sich zu verstecken, wollen sie Gott sehen und von ihm gesehen werden! Nicht ihm nahe zu kommen, macht ihnen Angst, sondern seine Nähe zu verlieren, machte ihnen Angst! Sie wollen von Gottes Macht bestimmt und getragen werden, wollen ihm aber (eben darum) nicht in die Quere kommen. Sie möchten den faszinierend Überlegenen auf keinen Fall gegen sich haben. Und darum respektieren sie voller Ehrfurcht, dass Gott nach seinen eigenen Regeln spielt und sich dabei von Menschen nicht reinquatschen lässt. Die Gottesfürchtigen messen Gott den höchsten Wert bei. Dem entspricht die große Sorgfalt, in der sie mit ihm umgehen. Und so ähnelt Gottesfurcht nicht einer Phobie, einer heillosen Angst oder einem Grauen vor Gott, sondern eher dem Verhältnis des Seemanns zum Ozean. So ein rechter Seemann liebt das Meer. Er ist von ihm fasziniert. Und es täte ihm unendlich weh, wenn er das Meer nicht mehr befahren dürfte. Er sucht das Meer, er braucht es, ist ganz und gar vertraut damit. Und doch schließt das nicht aus, dass er gehörigen Respekt davor hat. Sondern es verhält sich umgekehrt: Eben weil der Seemann es liebt, zur See zu fahren, passt er sich sorgsam den Regeln an, die dort gelten! Er erwartet nicht, dass sich das Meer ihm anpassen müsste. Denn das Meer ist nun mal, wie es ist, und wird sich dem Schiffer zuliebe nicht ändern, sondern, wenn der übermütig wird oder sich dumm anstellt, wird das Meer ihn töten. Und weil der Seemann das weiß, nimmt er sich in Acht und verliert nie den Respekt vor den Naturgewalten. Er fürchtet das Meer, das er liebt. Und natürlich tut das seiner Liebe überhaupt keinen Abbruch. Genauso geht‘s aber dem Bergsteiger mit dem Gebirge! Er liebt die Berge innig. Er wäre tief unglücklich, wenn er sie nicht besteigen dürfte. Und doch hat er gehörigen Respekt davor und passt sich den Regeln an, die dort gelten. Er erwartet nicht, dass sich die Bergwelt ihm anpassen müsste – das fällt ihm nicht ein! Und er weiß immer: Wenn er in falschem Ehrgeiz sein Können überschätzt, endet es tödlich. Der Berg verzeiht keine Fehler. Und weil das dem Alpinisten klar ist, und er doch auf das Bergsteigen nicht verzichten will, nimmt er sich in Acht, ist mit dem Berg ganz vertraut, liebt ihn und fürchtet ihn zugleich – ohne, dass es seiner Liebe Abbruch täte. Vielleicht geht es so auch dem Elektriker mit dem Starkstrom und dem Sprengmeister mit dem TNT. Sie alle haben es mit überlegenen Kräften zu tun, die sich nur begrenzt kontrollieren lassen und auf ungeschickte Menschen keine Rücksicht nehmen. Darum spielen sie nicht mit der Gefahr, diskutieren und hadern auch nicht mit ihrem Gegenüber, sondern passen sich an. Genau das macht der Gottesfürchtige aber auch. Denn sowenig sich das Gebirge und das Meer dem Menschen beugen, sowenig tut es Gott. Er ist nicht in meiner Hand, ich bin in seiner. Und so werde ich mich auf ihn einstellen – oder den Kürzeren ziehen. Wenn mir der Respekt fehlt, so dass ich Gott querkomme und in der Kollision mit ihm untergehe, liegt der Fehler auf meiner Seite. Ich muss nach seinen Regeln spielen, denn sonst kann ich ihm nicht nahe sein. Gott wird seinen Willen meinetwegen nicht ändern. Und wenn ich das nicht sehe, gerate ich unter die Räder. Mit heilloser „Angst“ hat das aber wenig zu tun, und „Panik“ ist schon gar nicht dabei. Denn bedenklich ist nicht Gottes Verhalten, sondern nur mein Leichtsinn. Nicht das macht mir Sorge, dass ich Gott etwas Böses zutraute, sondern nur, dass ich mir selbst Böses zutraue. Nicht das fürchte ich, dass Gott mir zu nahe träte, sondern dass ich so dumm sein könnte, mich von ihm zu entfernen. Ihm traue ich allemal, nur mir selbst traue ich nicht! Denn Gott ist darin treu und völlig „berechenbar“, dass er immer Recht hat und richtig handelt. Doch ich Trottel – ich bin schwankend und könnte ihm in die Quere kommen. Gott ist freundlich. Aber ich könnte den Anschluss verlieren. Er ist die Wahrheit. Aber ich könnte der Blindheit verfallen. Und das wäre zu blöd. Denn nichts Irdisches ist wert, dafür in die Hölle zu gehen! Nur vergesse ich das oft. Und so fürchtet sich der Gottesfürchtige weniger um Gottes willen als um seiner selbst willen. Nicht etwa, weil er Gott Schlechtes zutraute, sondern weil er es sich selbst zutraut – und darum sorgsam drauf achtet, nicht von Gottes Wegen abzuweichen oder sein Missfallen zu erregen. Aus Gottesfurcht hütet man sich vor allem, was Gott verabscheut. Denn im Streiten, Gieren und Raffen, im Lügen, Spotten und Hassen kann man den Konsens mit Gott nicht bewahren. Darum sucht man Wege zu gehen, die ihm gefallen, man gedenkt jederzeit, dass Gottes Auge auf uns ruht – und sieht zu, dass man ihm keine Schande macht. Gott soll sich meinetwegen nicht ärgern müssen, darum lasse ich bleiben, was ihm missfällt. Und ist es mir doch passiert, bitte ich schleunigst um Vergebung. Einen Konflikt mit der Welt kann der Gottesfürchtige gut aushalten. Er muss nicht jedem gefallen, muss bei den Mächtigen nicht beliebt sein, redet auch keinem nach dem Munde, braucht keinen Applaus und scheut nicht den Streit um die Wahrheit. Aber mit Gott will er jederzeit im Reinen sein! Mögen ihn alle hassen, Gott soll nicht missbilligen, was er tut! Sich mit ihm zu entzweien, damit käme er nicht klar! Und so macht ihm das Gerede der Menschen keine Sorge, solange er nur vor Gott aufrecht ist und vor ihm bestehen kann. Der Gottesfürchtige spricht nicht von jedem mit Respekt, von Gott aber allemal. Denn was er liebt, will er nicht beleidigt sehen – und will es noch viel weniger selbst beleidigen. Mögen die Freunde lachen, mag die Familie zürnen. Zuletzt zählt nur Gottes Urteil. Und so hütet er sich vor allem, was Gott zuwider ist, und hat größte Scheu, seinen Willen zu verletzen. Ansonsten fürchtet der Gottesfürchtige sehr wenig. Aber, was ihn von Gott trennen könnte, das fürchtet er über die Maßen. Seine ganze Sorge ist, nicht aus der Gemeinschaft mit Gott herauszufallen. Und das heißt: Gottesfurcht meidet sorgsam das Trennende, um der erwünschten Nähe willen. Den Gottesfürchtigen treibt es nicht von Gott weg, sondern zu ihm hin. Was er liebt, will er nicht riskieren, eben weil er’s liebt. Die Verbindung zu Gott setzt er nicht aufs Spiel! Und alle Scheu, die nicht aus solcher Liebe kommt, ist nicht „Gottesfurcht“, sondern bloß Angst und Schrecken. Auch so eine Angst vor Gott kann begründet sein, wo Glaube und Respekt fehlen. Sie ist es sogar immer (!), wenn Glaube und Respekt fehlen. Denn da ist Gott wahrlich zum Fürchten – und die „Heidenangst“ nur zu begründet! Nur ist dieser heillose Schrecken zu gar nichts nütze, während die Gottesfurcht ein direkter Ausdruck der Liebe ist, die Gott um keinen Preis entbehren will. Gottesfurcht meidet das Trennende, um der erwünschten Nähe willen. Nur darum verdient sie diesen Namen. Verdient sie ihn aber, so ist sie eine wahrlich schöne Tugend und adelt den Menschen. Sie ist dann aller Weisheit Anfang (Ps 111,10; Spr 1,7; 9,10). Und wo sie fehlt, kann man sicher sein, dass da auch kein Glaube ist.

 

Bild am Seitenanfang: Moses vor dem brennenden Dornbusch

Gebhard Fugel, Public domain, via Wikimedia Commons