Buße

 

Das Neue Testament kennt viele Begriffe, die uns fremd geworden sind, und die mit ihrem altertümlichen Klang entweder gar nicht verstanden oder regelmäßig missverstanden werden. Und ganz oben auf der Liste der befremdlich-frommen Ausdrücke steht das Wort „Buße“. Denn wir wissen zwar noch, dass uns Buße in der Bibel des Öfteren empfohlen wird, und dass der Bußruf sogar die Botschaft Jesu zusammenfasst: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Mt 4,17). Aber es sind nur wenige, die sich dabei etwas Positives denken können. Denn was fällt einem zur „Buße“ schon ein? Jenseits des christlichen Sprachgebrauchs ist es am ehesten das Bußgeld, das ich zahlen muss, wenn ich „geblitzt“ wurde. Wenn sich jemand rächen will, sagt er vielleicht: „Das sollst du mir büßen!“ Und wenn sich einer im Frühling mit einer Diät quält, dann „büßt“ er darin den guten Appetit, den er in den Wintermonaten hatte. Aber in jedem Fall muss ich etwas ausbaden, was ich angestellt habe, und wofür mir andere (oder auch ich selbst) eine „Buße“ auferlegen. Ich werde bestraft oder bestrafe mich selbst, ich bekomme etwas „heimgezahlt“ – und soll auch noch einsehen, dass ich es verdient habe, weil ich mit dem Auto zu schnell fuhr oder weil’s mir zu gut geschmeckt hat. Ist es da ein Wunder, dass niemand „Buße“ mag, und keinem etwas Positives dazu einfällt? Ein Verbrecher muss seine Gefängnisstrafe „abbüßen“ – ihm werden schmerzliche Einschränkungen aufgezwungen! Und da sollten wir fröhlich den Ruf Jesu hören „Tut Buße?“ 

Die natürliche Reaktion ist erst mal Abwehr. Und darum bin ich froh, dass jenes Wort, das wir mit „Buße“ übersetzen, im Griechischen etwas anderes meint und eine viel positivere Bedeutung hat. Denn „Metanoia“ – „Buße“ – bedeutet gar nicht, etwas „auszubaden“, sondern viel eher ist der Begriff mit „Umkehr“ zu übersetzen. Man fordert uns nicht auf, mit saurer Miene eine verdiente Strafe zu erleiden, sondern einen dringend nötigen Richtungswechsel zu vollziehen, der uns diese Strafe erspart! Jemand sieht, wie wir auf einen Abgrund zulaufen und blind in unser Unglück rennen – und der ruft uns zur „Umkehr“, damit wir den gefährlichen Weg nicht einfach weitergehen, sondern kehrtmachen und vor Unheil bewahrt bleiben. Und genau in diesem freundlichen Sinne ist auch Jesu Bußruf zu verstehen. Er sieht, wie wir dabei sind uns selbst zu schaden! Er sieht, dass es ein böses Ende nehmen muss, wenn wir so weitermachen! Und darum ruft er ganz fürsorglich „Halt – keinen Schritt weiter! Diese Richtung ist euer sicherer Untergang, darum macht auf dem Absatz kehrt, dreht euch um 180 Grad und rettet damit eure Haut!“ Jesus sagt das nicht, damit wir uns schlecht fühlen, sondern damit es uns langfristig besser geht! Und er muss es uns sagen, weil er Zusammenhänge sieht, die uns offenbar nicht klar sind. Jesus sieht, dass wir ohne Kurskorrektur, ohne Sinneswandel und Neuorientierung garantiert untergehen! Denn wenn wir einfach nur tun, was alle tun, bewegen wir uns in einer Abwärtsspirale. Wo nämlich keine Buße ist, da denkt man nicht viel an Gott. Und denkt man nicht an ihn, so auch nicht an seine Gebote. Wo man nicht an Gottes Gebote denkt, merkt man nicht, wie sehr man von ihnen abweicht. Und wenn man das nicht merkt, kann einem die Abweichung auch nicht Leid tun. Tut mir meine Sünde aber gar nicht leid, wie kann ich sie dann bereuen? Wenn ich sie aber nicht bereue, wie kann sie mir dann vergeben werden? Macht mir meine Sünde keine Gedanken, so treibt mich meine Not auch nicht zu Christus hin. Und treibt mich nichts zu Christus, vertraue ich mich ihm auch nicht an. Sich Christus anvertrauen – das wäre Glaube! Wenn mir der aber fehlt, wird mich nichts mit Christus verbinden. Und bin ich unverbunden – wie könnte mir dann nützen, was Christus am Kreuz für die Seinen tat? Mit Christus unverbunden kann ich meine Schuld nicht an ihn abgeben und von ihm seine Gerechtigkeit nicht empfangen! Ich habe dann also weder Frieden mit Gott noch Vergebung oder ein ruhiges Gewissen. Ich kreise weiterhin in Sorge um mich selbst. Ich versuche vergeblich, an der Welt meinen Hunger zu stillen. Und weil ich dabei Gott den Rücken zukehre, bleibt mir auch Gottes Geist fern. Ohne Gottes Geist habe ich aber keinen Anteil an Gott. Und ohne Anteil an Gott natürlich auch kein ewiges Leben und kein Heimatrecht im Himmel! Wo landet also der Unbußfertige? Die Fortsetzung seines Weges führt ihn immer nur weiter der Verdammnis entgegen! Und wenn er die Richtung nicht ändert und eine Kehrtwendung vollzieht, bleibt er in der Abwärtsspirale gefangen! Jesus aber sieht das böse Ende, von dem der Mensch noch nichts ahnt, und weil Jesus Mitleid hat, will er’s verhindern. Er will die Verirrten stoppen und befiehlt ihnen nachdrücklich umzudrehen. Denn in der anderen Richtung kommt der Mensch zuverlässig in eine Aufwärtsspirale hinein. 

Wo ich Jesu Bußruf höre, werde ich an Gott erinnert und an seine guten Gebote. Denke ich an die Gebote, wird mir bewusst, wie oft ich von ihnen abweiche. Und merke ich erst, was ich damit mir und anderen antue, werde ich darüber erschrecken und Reue empfinden. Damit ist meine Wunde dann aufgedeckt, der Schaden liegt offen zu Tage, und ich spüre, dass ich jemanden brauche, der so etwas heilen kann. Meine Not treibt mich also zu Christus, dem ich sie anvertraue. Ich zeige ihm meine Wunde und gestehe, wie sehr ich seiner Hilfe bedarf. Vertraue ich mich damit aber Christus an, so ist das schon Glaube! Und durch solchen Glauben bin ich dann auch gleich mit Christus verbunden. Denn in seiner großen Barmherzigkeit kann er gar nicht anders – er nimmt sich meiner an! Und sogleich vollzieht sich jener selige Austausch, dass Christus meine Sünde auf sich nimmt und sie ans Kreuz trägt, um sie zu tilgen, und mir im Gegenzug dafür seine Gerechtigkeit schenkt. Habe ich aber Christi Gerechtigkeit, wie sollte mir da nicht vergeben sein? Ist mir aber vergeben – bin ich dann meine größte Sorge nicht los und habe Frieden mit Gott? Habe ich aber Frieden, bin ich dann meiner Verstrickung in die Welt nicht entkommen, weil ich ihres faulen Trostes nicht mehr bedarf? Ist mein Gesicht erst einmal zu Christus gewandt, nimmt er sich meiner an und beschenkt mich mit seinem Geist! Durch den Heiligen Geist habe ich dauerhafte Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott. Und wer den hat, der hat in ihm auch Seligkeit und Liebe, Gnade und ewiges Leben. Das ist ganz zwangsläufig – darauf läuft es notwendig hinaus! Und das bedeutet, dass jener Weg, der mit dem kleinen Schritt der Buße beginnt, direkt in den Himmel führt! So scheint Buße zwar nur eine kleine Wendung zu sein: man ändert mal eben die Marschrichtung! Doch langfristig verändert diese Kurskorrektur dann alles. Denn wenn uns der Ruf Christi aufschreckt, wenn wir vor uns den Abgrund sehen und die Richtung wechseln, bringt uns das in jene Aufwärtsspirale hinein, die erst bei Gott selbst endet. Solche „Metanoia“ ist die lohnendste Neuorientierung, die man sich denken kann, und für unser Leiden die einzig wahre Therapie. Denn wer Jesu Weisung folgt, dem ist Heilung garantiert. Wer sich und Gott eingesteht, dass er in erbärmlichem Zustand ist und darum des göttlichen Erbarmens bedürftig, befindet sich damit schon auf dem Wege der Genesung. Und so wäre es ganz falsch, wenn wir den Ruf zur Buße als Drohung hörten oder als Aufforderung, sich schlecht zu fühlen. Denn dass wir dazu Grund haben, setzt Jesus schon voraus. Und er will lediglich, dass wir uns dessen bewusst werden und uns nichts mehr vormachen, um den unerlösten Zustand dann von Herzen Leid zu sein und ihn entschlossen hinter uns zu lassen. Jesus will nicht, dass wir wegen unserer Versäumnisse Trübsal blasen, sondern dass wir uns aufraffen und ihm nachfolgen. Diese Nachfolge Jesu aber ist die Heimkehr zum himmlischen Vater, der seine Kinder schon lange vermisst und ihre Rückkehr herbeisehnt. Mit dem Bußruf Jesu werden wir also gar nicht gescholten, sondern eingeladen – er will uns nichts „heimzahlen“, sondern will reinen Tisch machen. Und für jene, die zögern und zaudern, weil sie viel auf dem Kerbholz haben und sich der Gnade unwürdig fühlen, eigens für die erzählt Jesus die Geschichte vom verlorenen Sohn. Denn dieser verlorene Sohn ähnelt ihnen ja sehr. Der bildete sich auch nicht bloß ein, er sei unwürdig, sondern war es wirklich und wurde doch nicht verstoßen. Noch zu Lebzeiten des Vaters hatte er sein Erbe verlangt, als könnte er‘s nicht abwarten, bis der „Alte“ tot ist. Und er bekam sein Erbe tatsächlich ausbezahlt. Statt es aber klug und vorsorglich anzulegen, verplempert er das Vermögen im Ausland und verprasst es in kürzester Zeit mit käuflichen Frauen, falschen Freunden und rauschenden Festen. Bald ist er pleite, und als eine Hungersnot kommt, muss er dort in der Fremde als Schweinehirt arbeiten. Er hungert und darf sich nicht mal an dem Schweinefutter satt essen, das er den Tieren gibt! Ganz unten angekommen kann er dann aber sein dummes Scheitern nicht mehr verleugnen – und dass ist der Moment der ganz konkreten „Metanoia“ und „Buße“! Denn der verlorene Sohn entschließt sich, reumütig umzukehren und zum Vater zurückzugehen, damit der ihn wenigsten als Tagelöhner beschäftigt und so vor dem Hungertod rettet. Der Sohn sieht seine Fehler ein und erwartet mit gutem Grund, dass ihm zuhause erst mal „der Kopf gewaschen wird“. Der Vater aber, als er die abgerissene Gestalt kommen sieht, freut sich unbändig, läuft seinem Sohn entgegen und sagt kein einziges Wort über dessen dummes Verhalten, sondern nimmt ihn freudig wieder als seinen Sohn auf und lädt auch den (wenig begeisterten) älteren Bruder ein, diese Heimkehr zu feiern. Denn, so sagt der Vater: „…dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden“ (Lk 15,32). Nun – Jesus erzählt dies Gleichnis gewiss nicht als pädagogisches Lehrstück. Sondern er tut’s, damit wir uns darin wiederfinden und zur Buße ermutigt werden. Denn der Vater im Gleichnis steht natürlich für Gott, und wir dürfen uns in jenem Schweinehirten wiedererkennen. Wir alle hatten ja mal Geburtsrecht im Hause des Vaters! Aber diese erste Kindschaft haben wir durch den Sündenfall verwirkt und sind auf Abwege gekommen. Wir waren einst mit Gott im Frieden und ehrenvoll berufen, als seine Ebenbilder zu leben. Aber dieses reiche Erbe haben wir nicht bewahrt, sondern haben‘s in der Fremde verplempert und die himmlische Seligkeit gegen ein bisschen irdische Freude eingetauscht. So sind wir bei den Schweinen gelandet, sind der Sünde Knechte geworden und wegen dieser Torheit hätte der himmlische Vater allen Grund, uns die Tür des Elternhauses vor der Nase zuzuschlagen! Aber genau dieser naheliegenden Erwartung widerspricht Jesus und bestätigt durch sein Gleichnis einen Satz des Alten Testamentes: Gott hat kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe! (Hes 33,11). Wer zu Gott zurückkehrt, wird nicht abgewiesen, sondern findet die Tür weit offen! Eine freundlichere Einladung ist kaum denkbar! Und damit keiner meint, sie gelte ihm vielleicht nicht, redet Jesus noch öfter von der Freude, die im Himmel herrscht, über jeden Sünder, der Buße tut. Jeder, der den Schweinestall satt hat und ihm den Rücken kehrt, um zuhause anzuklopfen, soll wissen, dass ihn die Engel im Himmel nicht schief anschauen werden, sondern ihn mit fröhlichem Applaus empfangen und in ihre Reihen aufnehmen (Lk 15,7 und 15,10). Ja, für jeden, der Satan durch die Lappen geht, feiert der Himmel eine Party! Und alles, was dazu nötig ist, ist Buße. Denn die ist der erste Schritt in die richtige Richtung, dem die weiteren dann wie von selbst folgen. Wo einer Buße tut und sich selbst realistisch sieht, wird er bald Abscheu und Reue empfinden. Und ist er dann nicht mehr stolz auf seine vermeintlichen Verdienste, wird er sich nach Gnade ausstrecken. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig, als vor Gottes Strenge zu Gottes Liebe zu fliehen! Jesus Christus aber ist Gottes Liebe in Person. Und wer sich Christus anvertraut, der wird nicht abgewiesen, sondern dem wird durch seinen Glauben alles zu Teil, was Christus geben kann. Wo Buße ist, wird darum Glaube folgen, der Glaube empfängt Vergebung – und wer die hat, ist schon gerettet! So wird uns in der Buße unsere Not bewusst, die Not treibt uns zu dem, der allein helfen kann, und finden wir Jesus Christus, so finden wir in ihm Erlösung, Heil und Leben. Es sind dies Glieder einer festen Kette, und wer am ersten Kettenglied zieht, bekommt notwendig das zweite und das dritte in die Hand. Und zieht er nur konsequent weiter, gelangt er ganz sicher ans andere Ende der Kette, wo die Seligkeit auf ihn wartet. Lässt sich einer auf die Buße ein, weckt sie seinen Hunger nach geistlicher Nahrung. Der Hunger aber lässt ihn nicht ruhen, bis er Christus findet. Und hat er den gefunden, ist er schon auf der sicheren Seite. Sollte also das Wort „Buße“ nicht süß klingen in unseren Ohren? Buße ist der Anfang des Weges, der im Paradies endet! Und ausgerechnet das Wort „Buße“ sollte uns bitter schmecken? Natürlich ist Buße nicht schmeichelhaft. Denn ich finde ja nichts Gutes in mir. Aber eben darum suche ich es dann in Gott! Und was ich bei ihm finde, ist überaus tröstlich. Denn sind meine Fehler auch groß, ist Gottes Güte doch größer. Meine Kraft ist gering, aber seine ist unwiderstehlich. Meine Gedanken irren, aber seine sind voller Weisheit. Was ich tue, macht mir Not und Angst, aber was er tut, schafft Sicherheit und Frieden. Mein Gewissen verklagt mich, aber Christus ist ein Rechtsanwalt, der mich erfolgreich verteidigt. Bringt mich also die Buße auf direktem Wege in seine Obhut – was kann mir dann Besseres passieren? Der Weg, der mit der Buße beginnt, endet mit meinem Freispruch! Und wir sollten ihn hoch schätzen, weil kein anderer Weg mit einem Freispruch endet, als nur dieser. Denn das hat Johann Gerhard völlig zu Recht festgehalten. Er sagt: „Gott verbindet deine Wunden nicht eher, als bis du sie erkennst und beweinst; er deckt nicht eher zu, als bis du deine Blöße offenbarst; er verzeiht nicht eher, als bis du anerkennst; er rechtfertigt nicht eher, als bis du dich verdammst; er tröstet nicht eher, als bis du alles Trostes dich entledigst.“ Umgehen oder vermeiden lässt sich die Buße also nicht. Sie ist zu unserem Heile durchaus nötig. Wird sie uns aber zu unserem eigenen Vorteil ans Herz gelegt, wollen wir uns nicht lange zieren, sondern wollen vielmehr Gott bitten, dass er in uns wahre und kräftige Buße wirke, durch seinen heiligen Geist.