Gottes Sohn ist ohne Anfang
Manche Irrlehren sind wie infektiöse Krankheiten. Man kennt sie aus den Lehrbüchern, weil sie längst identifiziert, bekämpft und widerlegt wurden. Sie gelten seit Jahrhunderten als ausgestorben – wie etwa die Pocken „ausgestorben“ sind. Und dann trifft man junge Theologen, die die Pocken wieder im Gesicht tragen und die alte Irrlehre freudig vertreten, als wär’s der neueste Trend. So geht es derzeit mit der längst überwundenen Ketzerei der adoptianischen Christologie. Das ist die Vorstellung, Jesus Christus sei nicht schon immer Gottes Sohn gewesen, sondern der Mann aus Nazareth sei erst irgendwann im Laufe seines Lebens in diesen Rang erhoben worden. Die Idee ist, der himmlische Vater habe aus der Masse der Menschen Jesus ausgewählt und ihn dazu berufen, dass er künftig Gottes Sohn und somit die zweiten Person des dreieinigen Gottes sein soll. Doch ist das ein abwegiger Gedanke. Denn das Neue Testament berichten nicht von der Gottwerdung eines Menschen, sondern von der Menschwerdung Gottes. Und dass man eins mit dem anderen verwechselt, ist nur erklärlich, wenn jemand meint, Gottes Sohn zu sein sei ein „Amt“, das man verliehen bekommt. Natürlich kennt die Bibel solche Ämter. Denn, bevor Aaron zum Priester wurde, bevor Jesaja zum Propheten wurde und David zum König, waren sie gewöhnliche Leute. Erst im Laufe ihres Lebens wurden sie von Gott in ihre spezielle Funktion berufen und mit den nötigen Gaben ausgestattet. Nur ist eben, Gottes Sohn zu sein, kein solches „Amt“, sondern es ist Christi Natur. Er ist nicht nachträglich „adoptiert“ worden, so dass seine Sohnschaft einen Anfang hätte, sondern er ist Gottes Sohn von Ewigkeit. Denn so wird es im Neuen Testament klar gesagt. Der Philipper-Hymnus lehrt, dass Christus „Gott gleich“ war, lange bevor er sich seiner Herrlichkeit „entäußerte“ und Mensch wurde in Fleisch und Blut (Phil 2,6-11). Und auch Johannes lässt keinen Zweifel daran, dass Christus als das „Wort Gottes“ schon vor aller Schöpfung „bei Gott“ und selbst Gott war (Joh 1,1-14). Der Kolosserbrief berichtet, dass alles im Himmel und auf Erden „in“ Christus geschaffen wurde, „durch ihn“ und „zu ihm“. Christus wurde also nicht vom Geschöpf zum Gottessohn „erhoben“, sondern ist eins mit dem Schöpfer, der allem Geschaffenen vorausgeht (Kol 1,15-20). Dem Epheserbrief zufolge hat uns Gott schon vor Grundlegung der Welt in Christus erwählt, gemäß dem Ratschluss, den er in Christus gefasst hatte (Eph 1,3-14). Und als dann die Zeit erfüllt war, sagt der Galaterbrief, hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt (Gal 4,4-5). Doch nirgends lesen wir, Gott habe Jesus zum Gottessohn „befördert“. Und selbst wenn es dastünde, wär‘s logisch nicht zu halten. Denn dass Christus Gottes „Sohn“ ist, besagt ja nichts über eine biologische Verwandtschaft (die es bei Gott nicht geben kann), sondern es drückt aus, dass der Sohn mit dem Vater eines Wesens ist. Und wer Gott-Vater in seinem Wesen vollkommen „gleicht“, der muss dann auch „ewig“ sein, weil Gott nun mal ewig ist – das ist Teil seiner Natur. Und wenn einer „ewig“ ist, kann er logischerweise keinen Anfang haben, weil er sonst vor diesem Anfang noch nicht da gewesen – und folglich nicht „ewig“ wäre. Ist Christus „eines Wesens mit dem Vater“, steht er nicht auf der Seite des Geschaffenen, sondern auf der Seite des Schöpfers. Und weil der Schöpfer, der von ihm geschaffenen Zeit nicht unterworfen ist, kann auch der, der mit ihm „eins“ ist, weder Anfang noch Ende haben (Joh 10,30). Gottes Sohn „wurde“ also nicht, sondern war schon immer. Und längst bevor ihn auf Erden jemand kannte, existierte er in der Einheit mit dem Vater und dem Hl. Geist im Himmel. Aus diesem überlegenen und reichen Zustand der Präexistenz im Himmel ist Christus dann arm geworden, um der Menschen willen, damit wir Menschen durch seine Armut reich würden (2. Kor 8,9). Das Gewicht seiner Liebe zog ihn zu den Sündern hinab (Augustinus). Als über dem Stall von Bethlehem der Stern leuchtete, ging der Ewige in die Geschichte ein, und das Wort ward Fleisch. Doch führte diese Bewegung eindeutig nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten. Denn Christus ist kein Mensch, der Gott wurde. Sondern er ist der Gott, der Mensch wurde. Gott selbst kam herab, um unser Bruder zu werden. Er hat aber auch in seiner Knechtsgestalt als Mensch unter Menschen nie aufgehört Gott zu sein. Christus sagt schließlich von sich selbst, dass er über David steht und schon da war, bevor Abraham geboren wurde (Mk 12,35-37; Joh 8,58). Dass Christus aber erst durch seine Geburt, Taufe oder Auferstehung zum Sohn Gottes „erhoben“ worden wäre, steht im Neuen Testament nirgends geschrieben. Und es könnte dort auch nicht stehen, weil es einen Widerspruch beinhaltet, den „Ewigen“ als „geworden“ zu denken. Wenn Christus mit Gott „eins“ ist, und Gott „unendlich“, dann kann es für diese Unendlichkeit keinen Anfang geben, weil jeder Anfang eine Grenze bildete. Was einen Anfang hat, war vor diesem Anfang noch nicht da. Und mit Rücksicht auf diese zeitliche Beschränkung kann man‘s dann weder „ewig“ noch „unendlich“ nennen. Was aber weder „ewig“ noch „unendlich“ ist, ist auch nicht eines Wesens mit Gott, sondern ist als „spätere“ Setzung Gottes dem Ewigen nachgeordnet und von ihm abhängig. Hätte Gott seinen Sohn erst „adoptiert“, als er im Stall geboren und im Jordan getauft wurde, müsste man folgern, der Vater sei im vollen und ursprünglichen Sinne „Gott“, der Sohn aber nur in abgeleiteter Weise. Und der Sohn, der seine Gottheit dem Vater verdankte, stünde dann eindeutig unter dem Vater. Denn der Vater hätte keinen Ursprung. Der Sohn aber hätte seinen Ursprung im Vater. Und der Spätere gelangte mit dem Früheren nie auf Augenhöhe. Der Sohn wäre immer „weniger“ Gott als der Vater. Die Personen der Trinität stünden nicht auf gleicher Ebene, sondern Sohn und Geist wären als Geschöpfe des Vaters dem Vater untergeordnet („subordiniert“). Und mit diesem Wesensunterschied, mit diesem Ungleichgewicht fiele die ganze Trinitätslehre dahin. Wir kommen daher biblisch wie logisch zum selben Ergebnis – dass die Christenheit nämlich nicht an die Gottwerdung eines Menschen glaubt, sondern an die Menschwerdung Gottes. Mit dem Gott-Sein kann man nicht „anfangen“. Und wenn man Gott ist, kann man auch nie damit „aufhören“. Wenn das aber längst erkannt ist – und die Irrlehre der „Adoption“ schon vor Jahrhunderten widerlegt und verworfen wurde – warum brechen die Pocken dann immer wieder aus? Nun, bei den Theologen könnte die Absicht sein, sich durch eine Dekonstruktion der Trinitätslehre die Verständigung mit dem Islam zu erleichtern. Bei anderen wird es aber wohl daran liegen, dass sie die Seinsordnung und die Erkenntnisordnung verwechseln. Denn das ist ja richtig und wird von den Evangelien bestätigt, dass Jesus nicht schon am Anfang seines Weges als Sohn Gottes erkannt wurde, sondern erst am Ende. Jesu Zeitgenossen begriffen zunächst nicht, dass der Zimmermannssohn göttlicher Natur war. Man konnte ihm das nicht ansehen. Und viele fragten sich, wie er bei so geringer Herkunft zu so großer Vollmacht im Reden und Tun gekommen war (Mt 11,1-6; 13,53-58; 16,13-20). Erst nach dem Kreuz und im Rückblick darauf, dass der himmlische Vater sich in der Auferweckung Christi zu seinem Sohn bekannt hat, ging den Jüngern ein Licht auf! Wer Christus wirklich war, trat erst am Ende seines Weges zu Tage (Mk 15,39). Und so könnte man auf die Idee kommen, Jesus sei erst an Ostern zum Gottessohn „geworden“. Doch tatsächlich war er von Anfang an derselbe. Und an Ostern schwand nur die Blindheit der Jünger für eben diesen Sachverhalt. Der in der Knechtsgestalt verborgene Heiland ließ erst am Ende seines Weges seine volle Herrlichkeit sehen. Und so ließ er sich auch erst vom Kreuz her angemessen beschreiben – das ist die Erkenntnisordnung! Aber der Sachverhalt, der dann erkannt und beschrieben wurde, war durchaus nicht neu, sondern war (der Seinsordnung nach) schon immer so gewesen. Nicht Gott oder sein Sohn haben sich gewandelt, sondern die Menschen erlangten Kenntnis von ihrer Einheit – und sahen sie darum in neuem Licht! Gott hat sich in seiner Fülle erst nach und nach erkennen lassen. Und insofern machte seine Offenbarung „Fortschritte“. Der Dreieinige offenbarte aber im Laufe der Zeit nur das, was er von Ewigkeit her schon immer gewesen war. Er war „bei sich“ schon immer der Dreieinige, er war es aber „für uns“ erst, als er sich uns dreifaltig offenbarte. Gott selbst wandelte sich nicht, weil das Vollkommene durch jede Wandlung nur schlechter werden kann. Die Sendung des Sohnes war aber für Christus tatsächlich mit Wandlungen verbunden. Sein Weg hatte Höhen und Tiefen. Und um dem gerecht zu werden unterscheidet die Theologie die Präexistenz Christi vom „Stand der Entäußerung“ und dem dann folgenden „Stand der Erhöhung“. Die Präexistenz Christi ist von der himmlischen Herrlichkeit geprägt, für die wir keine Worte haben. Zum „Stand der Erniedrigung“ rechnet man dann aber seine Empfängnis und seine arme Geburt, die Beschneidung und seine gewöhnliche Erziehung, den Widerstand vieler Zeitgenossen, das Unverständnis seiner Jünger, sein Leiden, sein Sterben und sein Begräbnis. Der „Stand der Erhöhung“ umfasst dagegen Christi Höllenfahrt und Auferstehung, seine Himmelfahrt, das Sitzen zur Rechten Gottes und die Wiederkunft zum Gericht. Um die Welt zu erlösen, musste Christus in einer U-förmigen Bewegung durch die Welt hindurchgehen. Darum kam der Präexistente vom Himmel zur Erde, durchbrach das Unheil, das uns gefangen hielt, und er kehrte danach in den Himmel zurück. Das Durchlaufen dieser Stationen blieb ihm aber nicht rein äußerlich. Sondern Christus musste, um das Mensch-Sein auf sich zu nehmen, im Stand der Entäußerung auf den vollen und unaufhörlichen Gebrauch seiner göttlichen Majestät eine Zeit lang freiwillig verzichten. Als Mensch unter Menschen hat er von seiner göttlichen Majestät, Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart nicht jederzeit Gebrauch gemacht. Er durfte seine Herrlichkeit nicht allzeit sehen lassen – und hat bewusst davon abgesehen. Nur so, indem er unsre Schwäche auf sich nahm, konnte er uns das Heil verschaffen. Im Stand der Erhöhung dagegen wurde er aus dieser tiefen Erniedrigung wieder zum vollen, ununterbrochenen Gebrauch seiner göttlichen Majestät erhöht, damit sich vor ihm beugen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind. Christi Entäußerung erklärt, warum seine göttliche Natur so lange verborgen blieb und sich zunächst nur in der Vollmacht seiner Rede und in seinen Wundern verriet. Doch war seine göttliche Natur dabei nie geschwunden, sondern war nur verdeckt – und blieb auch in der Not des Kreuzes unverkürzt gegenwärtig. So wandelt sich Christi Gestalt, ohne dass sich Christus gewandelt hätte. Auf dem Berg der Verklärung wirkt er ganz anders als im Garten Gethsemane. Doch tatsächlich erfährt die Einheit des Sohnes mit dem Vater bei alledem keine Steigerung und keine Minderung, fängt nirgends an und hört nirgends auf. Gottes Sohn hat keinen Anfang und kein Ende, vielmehr ist er selbst Anfang und Ende. Er ist das A und das O, der Erste und der Letzte (Offb 22,13). Er bleibt sich gleich in Zeit und Ewigkeit. Und das ist sehr tröstlich. Denn anderenfalls – wenn die Einheit von Vater und Sohn einen Anfang gehabt hätte – wäre ja auch denkbar, dass sie irgendwann endete! Was nur zeitlich in Verbindung steht, kann mit der Zeit auch wieder gelöst werden! Doch so ist es zum Glück nicht. Denn Gott kann sich zwar von untreuen Königen distanzieren, von schlechten Propheten und Priestern. Er kann aber nicht zurücknehmen, was er durch seinen Sohn gesagt und getan hat. Denn Gott steht ja nicht im Widerspruch mit sich selbst. Wie er überhaupt „ewig“ ist, so ist es auch die Einheit von Vater, Sohn und Geist. Was die eine Person sagt oder tut, bindet immer auch die anderen, weil sie nicht nur in ihrem Wesen, sondern auch im Willen „eins“ sind. Und so darf man sich auf Gottes Heilsratschluss blind verlassen. Christus, der ihn verbürgt, steht am Anfang aller Schöpfung – und steht genauso an ihrem Ende. Sein Evangelium ist Wille und Beschluss des allmächtigen Vaters, der es keinem Geschöpf überließ, die gefallene Schöpfung zu erlösen. Und wenn sich sonst schon alles ändert auf dieser Erde, so doch nicht die Zusage, die Gott uns in Christus gab. Seine Gnade fängt nicht an und hört nicht auf, sie wurzelt in Gottes Wesen. Er hat unsre Rettung schon beschlossen, bevor wir geboren wurden. Und dies wissend und drüber staunend können wir nun in Gottes Treue so sicher ruhen wie in „Abrahams Schoß“. Da zum Gott-Sein die Ewigkeit gehört, kann Gott mit dem Gott-Sein weder anfangen noch aufhören. Hat er sich aber in Freiheit selbst dazu bestimmt, den Gläubigen gnädig zu sein, steht dieser Entschluss so fest wie der Allmächtige selbst. Und das ist gut so, das ist unsre Chance – und ist großen Jubel wert.
Bild am Seitenanfang:
La Sainte Trinité, miniature extraite des Grandes Heures d'Anne de Bretagne, Reine de France (1477-1514),
Ausschnitt, Jean Bourdichon, Public domain, via Wikimedia Commons
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