Kirchenzucht - eine offene Frage
Es gibt ein Problem, das zu allen Zeiten dringlich ist, das aber noch nie so unlösbar schien wie heute. Denn es besteht darin, dass sich die Gemeinde Gottes auf Erden reinhalten soll von allem, was sich mit der Gegenwart Gottes nicht verträgt – und dazu faktisch nicht in der Lage ist. Die Voraussetzung leuchtet ein: Wenn Gott bei uns wohnen soll, dann darf das gottwidrige Böse nicht bei uns bleiben. Wenn wir möchten, dass Gott mit uns Gemeinschaft hält, dürfen wir nichts tun oder dulden, das ihm abscheulich ist. Soll Gott uns nah sein, muss uns das Böse fern sein. Aber wie bekommen wir das hin? Natürlich ist Gott nicht zuzumuten, dass seine Gemeinde unrein lebt, Irrlehren duldet, Bosheit toleriert, sein Wort verdreht und ihm Schande macht. Denn jeder Christ ist ein Tempel des Heiligen Geistes – und die Kirche insgesamt natürlich auch. Die Gemeinschaft der Heiligen sammelt sich um das Heilige, an dem sie Anteil hat. Und wie eine Braut, die ihrem Bräutigam gefallen möchte, soll die Kirche Christus hübsch und reinlich gegenübertreten – ohne irgendeine Hässlichkeit, vor der er sich angeekelt abwenden muss. Doch wie soll das gehen, wenn Gottes Volk doch nicht bloß mit Heuchlern durchsetzt ist, sondern (recht betrachtet) überhaupt nur aus Sündern besteht? Wie sollen sich da unser Dreck und Gottes Reinheit unter demselben Dach miteinander vertragen? Jeder Fehltritt eines Einzelnen stellt die Gottesbeziehung der ganzen Gemeinschaft in Frage. Und wie man im Alten Testament nachlesen kann, hat das sehr spürbare Folgen. In Josua 7 wird erzählt, dass sich ein Mann namens Achan bei der Eroberung Jerichos am Gebannten vergreift, dass er also etwas von dem erbeuteten Silber und Gold stiehlt, das eigentlich zum Heiligtum (in den Tempelschatz) überführt werden muss (Josua 6,18-19.24). Keiner bemerkt den Raub, aber Gott merkt es. Und als die Israeliten die nächste Schlacht schlagen, steht Gott ihnen nicht mehr zur Seite, so dass sie kläglich scheitern (Josua 7,4-5). Normalerweise läuft das anders! Normalerweise lässt Gott sie jede Schlacht gewinnen. Und der Feldherr Josua (der begreift, dass etwas nicht stimmt) fragt Gott. Der aber antwortet: „Es ist Gebanntes in deiner Mitte, Israel; darum kannst du nicht bestehen vor deinen Feinden, bis ihr das Gebannte von euch tut“ (Josua 7,13). Durch ein Losverfahren wird festgestellt, wer der Übeltäter ist. Achan gesteht den Diebstahl. Das von ihm gestohlene Gut wird dem Tempelschatz hinzugefügt – und Achan gesteinigt. Damit ist es dann aber auch gut. Das gestörte Gottesverhältnis ist bereinigt. Die nächste Schlacht gewinnt Israel wieder. Und jeder versteht den Vorgang. Denn warum sollte Gott ein Volk unterstützen, das gegen seine Gebote frevelt, sein Heiligtum bestiehlt und ihm damit die Achtung schuldig bleibt? Ein Volk, das dergleichen dulden wollte, könnte nicht länger Gottes Volk sein. Wenn es sich davon nicht reinigt, steht alles auf dem Spiel. Denn Gott macht das Volk insgesamt haftbar für das, was in seiner Mitte geschieht! Alle zusammen sind für das verantwortlich, was sie in den eigenen Reihen tolerieren. Wer Gott hintergeht, ist nicht sein Freund. Und darum heißt es im Alten Testament oft, Israel solle das Böse „aus seiner Mitte wegtun“ (5. Mose 17,12; 22,21-24). Gott wird auf Dauer nicht dort wohnen, wo das Unrecht zuhause ist. Darum muss man die faulen Stellen herausschneiden, bevor sie um sich greifen und den ganzen Leib verderben. Wenn aber jemand meint, solche Härte sei nur im Alten Testament zu finden, irrt er sich. Denn auch Jesus will in seiner Gemeinde nicht jeden Wildwuchs dulden, sondern gibt klare Weisung, wie man sich um die Uneinsichtigen lange bemühen, sich zuletzt aber von ihnen trennen soll. Er sagt: „Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner“ (Mt 18,15-17). Das ist ein Verfahren, das behutsam beginnt, dann aber eskaliert – bis es mit einem Rauswurf endet. Denn auch im Leib Christi kann man nicht jede Fehlentwicklung mit Schweigen bedecken. „Einfach wegsehen“ ist da keine Lösung – und hat auch mit Liebe nichts zu tun. Denn wenn die christliche Gemeinde das Übel in ihrer Mitte nicht bekämpft, wird aus der Toleranz bald Akzeptanz, aus der Akzeptanz wird Normalität – und am Ende beansprucht die Sünde „Gewohnheitsrecht“. Man drückt beide Augen zu, sagt „Macht doch jeder…“, und nennt es Barmherzigkeit. Wer aber unter Gottes Dach duldet, was gegen Gott gerichtet ist (gegen sein Wort und seinen Willen), kann der wohl noch Gottes Freund sein? Und wenn er sieht, wie sich sein Nächster von Gott entfernt, wie kann er von Liebe reden, während er den Bruder in sein Unglück laufen lässt? Nein, wer seinen Nächsten liebt, muss ihn zurückrufen, warnen und ermahnen, damit er sich nicht aus der Gemeinschaft des Lichts in die Finsternis hinein verirrt! Und will ein Bruder davon absolut nichts hören, rät das Neue Testament, die Gemeinde solle sich von ihm trennen (2. Kor 6,14-18). Das ist dann das äußerste Mittel. Aber nach längeren Bemühungen kann es nötig werden, den Bösen aus der Mitte der Gemeinde zu verstoßen und ihn zu meiden (1. Kor 5,1-13; 2. Thess 3,6; Tit 3,10; Röm 16,17). Solche „Exkommunikationen“ hat Paulus mehrfach vollzogen (1. Tim 1,20). Und sie lassen sich begründen. Denn eigentlich wird dabei keiner aus der Kirche „hinausgedrängt“, der gern drin wäre. Sondern es wird nur festgestellt, dass der Betreffende seinen Standort jenseits der gemeinsamen Basis gewählt hat. Er selbst hat sich durch sein Reden und Tun abgesondert und ist jederzeit eingeladen zurückzukehren. Wie könnte man ihn auch abweisen (Lk 15,11-32; Joh 6,37; Mt 11,28)? Dass es aber Dinge gibt, die man als Christ nicht tun und nicht sagen kann, liegt einfach daran, dass die Kirche keine unbestimmte oder selbstbestimmte Größe ist, sondern einen Herrn hat. Was mit ihm und seinem Willen unvereinbar ist, damit darf sich auch die Kirche nicht arrangieren. Aber – Himmel! – wie schwer ist es, die faulen Äpfel auszusortieren. Und wer hätte das treffsichere Urteil, um es umzusetzen? Wie leicht tut einer dem anderen Unrecht, weil er den Splitter im Auge des Bruders sieht, nicht aber den Balken in seinem eigenen (Mt 7,1-5)! Und wenn wir alle „exkommunizieren“ wollten, die wir für schlechte Christen halten: Wer würde am Ende übrig bleiben? Das Problem ist hoch aktuell. Aber neu ist es nicht. Es zeigte sich schon in den ersten Jahrhunderten, als die Kirche im Römischen Reich immer weiter wuchs – und doch gleichzeitig verfolgt wurde. Denn die hohen Ansprüche, die man in der Urgemeinde hatte, ließen sich nicht mehr durchhalten. Überall strömten Hunderte und Tausende in die Gemeinden, die nicht alle so vorbildlich lebten wie die ersten Apostel. Das Christentum als Massenphänomen wurde unübersichtlich und konnte sein ursprüngliches Niveau nicht halten. Es gerieten auch Heuchler, Mitläufer und Opportunisten hinein, Irrlehrer, Wirrköpfe und Wankelmütige. Und zugleich sorgten Wellen der staatlichen Verfolgung dafür, dass auch treue Christen schwach wurden, wenn ihnen die Todesstrafe drohte, und ihren Glauben verleugneten. Einige opferten lieber den römischen Göttern, als in der Arena zu sterben. Und andere besorgten sich die Bescheinigung, dass sie geopfert hätten, ohne dass sie es jemals wirklich taten. Wenn die aber später ihre Schwäche bereuten und in die Gemeinde zurückkehren wollten – durfte man sie zurückweisen? Natürlich galt es, die Kirche rein zu erhalten! Aber durfte man jene, die aus Angst eingeknickt waren, der Verzweiflung preisgeben, nur damit ihr Versagen der Kirche keine Schande macht? Man tat sich schwer damit. Denn genau wie Mord und Ehebruch galt auch der Abfall vom Glauben als Todsünde, für die es eigentlich keine Vergebung geben kann. Das Volk Gottes muss das Böse aus seiner Mitte wegtun! Daran ist nicht zu rütteln. Offenkundiges Sündigen darf die Kirche in den eigenen Reihen nicht dulden, damit sie als Braut Christi keinen Flecken oder Runzel habe, sondern heilig sei und untadelig (Eph 5,27). Doch andererseits: Wenn die Kirche alle großen und kleinen Sünder hinauswerfen wollte, wer bliebe übrig? Und wenn die Kirche zur Ehre Gottes rigoros verfahren wollte, wo bliebe die Barmherzigkeit? Lange hat man diskutiert, welche Sünden unter welchen Bedingungen vergeben werden können – und wer darüber zu entscheiden hat. Und auch wegen theologischer Irrlehren hat immer wieder ein Geistlicher den anderen zum Ketzer erklärt. Manchmal war das um des Evangelium willen auch wirklich nötig. Denn manche Irrtümer sind ansteckend! Manchmal muss der Arzt einen Krankheitsherd entfernen, bevor die Krankheit den ganzen Leib erfasst! Wie jeder Organismus, muss auch die Kirche Wege finden, um Giftstoffe auszuscheiden! Sie kann nicht für alles „offen“ sein, was Christus ausdrücklich untersagt und verworfen hat. Da gilt es, christliche Milde und Güte mit der nötigen Disziplin und Strenge zu verbinden. Doch dieses Kunststück gelang nicht allzu oft. Denn am Ende war es das päpstliche Lehramt, das sich die Kompetenz anmaßte, trennende Linien zu ziehen. Das katholische Beichtinstitut regelte den Zugang zur Gnade – und den Ausschluss davon. Doch viele der Sittenwächter waren selbst krumme Hunde. Und der folgenreichste Fehlgriff war es dann, dass die Herren zu Rom meinten, man müsse zur Reinerhaltung der Kirche Martin Luther hinauswerfen. Absurderes ist gar nicht zu denken! Um die Christenheit zu schützen, exkommunizierte man den Boten des Evangeliums und verwarf damit eben die Botschaft, an der die römische Kirche hätte gesunden können. Doch – der Reformation sei Dank – die Christenheit kam wieder auf die Füße. Außerhalb des Katholizismus begann man vieles wieder richtig zu machen. Das alte Problem aber, wie man denn Gottes Volk so rein erhalten kann, dass Gott Freude dran hat, das kehrte immer wieder – und hat bis heute keine befriedigende Lösung gefunden. Calvin versuchte es in Genf und hatte wenig Glück dabei. Er wollte den Einwohnern der Stadt das Kartenspiel verbieten – und dazu auch das Tanzen, das Würfelspiel, das Theater und jedes Übermaß an Alkohol. Er wollte alles unterbinden, was nach ausgelassenem Vergnügen aussah, nach Völlerei, Vergeudung oder Sinnlichkeit. Aber Calvin hat sich damit nur ziemlich unbeliebt gemacht. Und bei den Lutheranern lief es nicht viel besser. Auch Luther fordert, „dass man offenbare, halsstarrige Sünder nicht zum Sakrament oder anderer Gemeinschaft der Kirche kommen lassen soll, bis sie sich bessern und die Sünde meiden.“ Und im Rahmen des Schlüsselamtes, das Gott seinen Jüngern anvertraut hat, ist das auch völlig korrekt (Mt 16,19; 18,18; Joh 20,23). Denn das Schlüsselamt besteht nicht darin, jede beliebige Sünde zu vergeben, sondern es besteht auch im Behalten der Sünde in Gottes Namen, wenn ernsthafte Reue fehlt. Es gibt also nicht nur einen Schlüssel zum Lösen, sondern auch einen zum Binden. Und der besteht nach N. Hunnius in dem „Bann, womit unbußfertige Sünder von der christlichen Gemeine abgesondert werden, damit sie, dadurch zur Buße geleitet, wiederum bei Gott zu Gnaden kommen mögen.“ So ist natürlich nur zu verfahren, wenn jemand alle Ermahnung in den Wind schlägt und an seinem Fehlverhalten beharrlich festhält! Nur der ist vom Abendmahl auszuschließen, der sich mit seinem Bekenntnis und seinem Leben als Ungläubiger und Gottloser erweist (Heidelberger Kat. Fr. 82-85). Der aber dann schon. Und so hat zuletzt auch Bonhoeffer noch gefordert, dass die Gemeinde, die nach außen von der Welt abgesondert ist, nach innen Gemeindezucht üben muss, damit das Evangelium nicht missbraucht werde, und die Leichtfertigen nicht ihres Heils verlustig gehen. Noch heute steht in den Pfarrämtern der kurhessischen Kirche die alte Registratur, in der (laut Rückenschild der Aktenordner) auch Vorgänge der „Kirchenzucht“ abzuheften sind. Ich habe darin aber noch nie entsprechende Akten gefunden. Denn faktisch hat man vor den Schwierigkeiten der Aufgabe resigniert. Ich sehe nirgends, dass man noch versuchte, die Kirche durch „Disziplinierung“ von schweren Sündern rein zu erhalten. Über die anzulegenden Maßstäbe wäre momentan keine Einigkeit zu erzielen. Und geeignete Richter, die die Geister zu scheiden verstünden, fehlen auch. Darum freut man sich, dass Jesus gesagt hat, man solle das Unkraut unter dem Weizen wachsen lassen (Mt 13,24-30.36-43). Denn damit lässt sich die Sache elegant beiseite schieben. Im Namen der Toleranz lässt man nun alle gewähren. Doch freilich – jenes andere Wort hat Jesus eben auch gesagt: Hört einer auf die Gemeinde nicht, soll sie sich von ihm trennen (Mt 18,15-17). Gebt das Heilige nicht den Hunden (Mt 7,6). Und so ist es keine Lösung, wenn man eine Aufgabe, der man sich nicht gewachsen fühlt, gar nicht erst anpackt. Josua hat sich noch gewundert, als Gottes Volk plötzlich seinen Feinden unterlag. Achan wurde gefunden – und das gestörte Gottesverhältnis bereinigt. Doch wenn heute Gottes Volk immer kleiner wird, wundert es niemand mehr. Und von all den Kirchenstrategen kommt keiner auf die Idee, Gott habe eventuell seine Unterstützung eingestellt. Nein, Gottes Wohlwollen setzt man als gegeben voraus. Und Achans Kircheneintritt würde man freudig begrüßen. Dass man aber vielleicht nicht gleichzeitig mit beiden befreundet sein kann – dieser Gedanke kommt ihnen nicht in den Sinn. Nun, schnelle Lösungen habe auch ich nicht zu bieten. Die Voraussetzungen wären erst noch zu schaffen, wenn man das denn wollte. Und darum muss ich es bei einer „Problemanzeige“ belassen: Wenn der Acker der Kirche genauso aussieht, wie das wüste Brachland daneben, kann das nicht im Sinne Jesu sein. Die Heiden sehen es mit Freude und spotten! Das Problem aber wenigstens zur Kenntnis zu nehmen, das Unkraut wieder „Unkraut“ zu nennen und die Irrlehre „Irrlehre“ – das wäre schon mal ein Anfang.
Bild am Seitenanfang: Fotografie des Verfassers
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