Die Verborgenheit der Kirche
Welcher Glaubensartikel ist wohl am schwersten zu glauben? Die Jungfrauengeburt vielleicht? Oder die Auferstehung der Toten? Fällt uns das mit der Schöpfung am schwersten? Oder Christi Himmelfahrt? Mancher zweifelt hier – und mancher da. Denn schließlich ist von alledem nichts zu sehen. Stünden uns das Geglaubte vor Augen, müssten wir nicht mehr dran „glauben“. Und insofern gehört ins Glaubensbekenntnis immer das, was man nicht sehen kann (Hebr 11,1). Eine Ausnahme scheint es aber zu geben. Das ist die Kirche. Und seltsamerweise (obwohl man von allen Glaubensgegenständen die Kirche mit ihren vielen Menschen, Gebäuden und Gebräuchen am besten sehen und greifen kann) fällt der Glaube hier besonders schwer, und der Zweifel ist besonders groß. Denn man sieht zwar die Menschen, die miteinander die „christliche Kirche“ bilden. Man sieht sie singen, predigen und Gottesdienst feiern. Aber, dass sie nun tatsächlich die „Gemeinschaft der Heiligen“ bilden und das „Gottesvolk des Neuen Bundes“, dass sie der „Leib Christi“ sind und sogar Christus selbst „als Gemeinde existierend“ (Bonhoeffer), davon sieht man wenig – sondern, ganz im Gegenteil, sieht man sehr viel Menschliches und Fehlbares. Je besser man die real existierende Kirche kennt (mit ihrem Personal, ihren Institutionen und all dem internen Gezänk), desto schwerer wird es, an eine „heilige christliche Kirche“ zu glauben. Gerade die „Insider“ haben mit diesem Glaubensartikel die größten Probleme. Denn an die „Gemeinschaft der Heiligen“ muss nicht nur „ohne“ Augenschein geglaubt werden, sondern stracks „gegen“ den Augenschein. Man möchte Jesu Wort abwandeln und rufen: „Selig sind, die diese Kirche sehen – und doch glauben!“ (vgl. Joh 20,29). Denn wer vom Neuen Testament ausgeht, erwartet, die Christenheit müsse eine friedvolle Gemeinschaft sein – einträchtig im Glauben und Bekennen, voller Tugend, Hoffnung und geschwisterlicher Liebe. Doch nach einem Rundgang durch theologische Fakultäten, Kirchenämter und Pfarrkonvente wird er sehr ernüchtert sein. Denn vom Wehen des Hl. Geistes ist da wenig zu spüren. Und viele der Gemeindeglieder tun nicht mal so, als ob ihnen der Glaube etwas bedeutete. Man könnte meinen, die im Neuen Testament beschriebene Kirche, diese so herrliche und untadelige Braut Christi (Eph 5,25-27) gäbe es gar nicht – sie sei bloß eine schöne Utopie und ein Wunschtraum! Woran liegt es aber? Wie ist das möglich, dass Kirche gleichzeitig so sichtbar – und so verborgen ist? Wie kann es sein, dass man im Telefonbuch tausend Pfarrer findet und tausend Gemeinden, und dennoch die „Communio sanctorum“ vergeblich sucht? Ein Teil der Antwort muss lauten, dass das Wesentliche an der Kirche „verborgen“ ist. Es ist „da“, ist aber nicht zu sehen, während das Unverborgene an der Kirche, das man sieht, nicht das Wesentliche ist. Was ist aber das Wesentliche? Nach einem Wort Martin Luthers ist die Kirche „nicht eine leibliche Versammlung, sondern eine Versammlung der Herzen in einem Glauben“ – und insofern die Gemeinschaft aller derer, „die im rechten Glauben, Liebe und Hoffnung leben“. Und selbst wenn die sich auf dieser Erde nie begegnen sollten, bilden sie doch eine Einheit durch den Hl. Geist, der sie alle gleichermaßen bewegt und geistlich miteinander verbindet. Etwas anderes ist aber die sichtbare Kirche mit ihren Gebäuden, Ämtern, Regularien, mit Orgeln, Talaren, Festgebräuchen – und mit vielen Pseudo-Christen, die nur auf dem Papier dazugehören. Denn das sind Dinge dieser Welt. „Darum,“ sagt Luther, „wollen wir die zwei Kirchen nennen mit unterschiedlichen Namen. Die erste, die natürlich, gründlich, wesentlich und wahrhaftig ist, wollen wir heißen eine geistliche, innerliche Christenheit. Die andere, die gemacht und äußerlich ist, wollen wir heißen eine leibliche, äußerliche Christenheit; nicht dass wir sie voneinander scheiden wollen; sondern zugleich, als, wenn ich von einem Menschen rede und ihn nach der Seele einen geistlichen, nach dem Leibe einen leiblichen Menschen nenne…“ (Walch 2. Aufl. Bd. 18, Sp. 1013-1019). Luther unterscheidet damit die eigentliche und wahrhafte Kirche (die er ohne zu zögern mit dem Reich Gottes gleichsetzt) von der irdischen Gestalt der Kirche, wie sie auf Erden besteht. Ihr erste Teil ist geistlich – den muss man glauben. Der zweite Teil ist leiblich – den kann man sehen. Luther macht aber nicht den Fehler, die beiden Teile auseinanderzureißen. Denn das funktioniert bei der Kirche genauso wenig wie beim Menschen, bei dem sich Seele und Leib ja auch nicht mal eben trennen lassen. Der unsichtbare und der sichtbare Teil der Kirche fallen nicht gänzlich auseinander, weil der unsichtbare Teil immer sichtbare Gestalt gewinnen will. Wo Menschen Gottes Wort innerlich annehmen, streben sie auch äußerlich zueinander und suchen die konkret sichtbare, irdische Gemeinschaft. Und wo immer sichtbare Gemeinschaften Gottes Wort unverkürzt bewahren und verkünden, wird Gottes Wort (unbeschadet dessen, dass sich viele Heuchler drunter mischen) auch immer wahrhaft Gläubige hervorbringen. Die Heuchler haben natürlich am Glauben keinen Anteil – und insofern auch nicht am Reich Gottes. Die sind tote Glieder der Kirche. Die wahrhaft Gläubigen aber, die am Reich teilhaben, werden immer danach streben, irdisch-sichtbare Gemeinschaften zu pflegen. Denn die geben sich nicht mit einer bloß geträumten Kirche zufrieden, sondern bestehen darauf, von sichtbaren Brüdern und Schwestern sichtbare Sakramente zu empfangen. Und so führt Luthers Unterscheidung der verborgen-geistlichen und der greifbar-leiblichen Kirche durchaus nicht zur Trennung der Teile, sondern es verhält sich wie beim Abendmahl: Obwohl es beim Abendmahl auf Christi Leib und Blut ankommt, braucht man zum Sakrament doch auch sichtbares Brot und sichtbaren Wein. Und wie die Kraft der Taufe nicht aus dem Wasser kommt, das ganz gewöhnliches Wasser ist, kann man die Taufe doch auch nicht vom sichtbaren Wasser trennen. Es handelt sich um zwei Seiten derselben Medaille. Aber nur die eine Seite ist sichtbar vor der Welt – die andere ist verborgen und wird nur im Glauben erkannt. Mit anderen Worten: Das Wesentliche an der Kirche ist unsichtbar und wird solange unsichtbar bleiben, bis bei der Wiederkunft Christi das Reich Gottes durchbricht. Dann wird zugleich mit Christus auch der irdische Leib Christi Gestalt gewinnen und wird von allen erkannt werden! Doch bis dahin hat die Kirche mit dem Reich Gottes nicht mehr Ähnlichkeit als ein Zimmermannssohn aus Galiläa mit dem allmächtigen Gott. Man verkennt die Kirche – und durch ihre vielen Fehler trägt sie viel dazu bei! Ihre Trägheit und Halbheit, ihre Untreue und Inkompetenz kann und muss man ihr vorwerfen! Doch bevor wir allzu sehr drüber schimpfen, uns an der Kirche zu Tode ärgern und dabei den Glauben verlieren: Müssen wir uns nicht mal fragen, ob es mit uns selbst denn besser steht? Es ist wirklich schwer, in der real-existierenden Kirche so viel mehr zu sehen, als man mit bloßem Auge erkennen kann! Aber ist das beim einzelnen Christen (bei ihnen und bei mir) denn anders? Gelingt es dem Einzelnen so viel überzeugender, Christus zu repräsentieren? Wenden sie es ruhig mal auf sich selbst an! Laut dem Epheserbrief sollen wir Christen allesamt Heilige sein, Erlöste, Begnadete und Geliebte, Gottes Kinder – von Gottes Geist durchdrungen. Aber sieht man uns das auch an? Wir sind dazu bestimmt, untadelig zu sein. Wir sind von Ewigkeit her auserwählt und mit Erkenntnis beschenkt. Wir wurden von Gott zu Erben eingesetzt, damit wir etwas seien zum Lobe seiner Herrlichkeit! Aber käme da jemand drauf, wenn er uns auf der Straße begegnet und in mufflige Gesichter blickt? Wenn wir im Bibelkreis zusammensitzen und einer den anderen anschaut, können wir oft selbst nicht glauben, dass wir Gottes geliebte Kinder sind! Denn ein jeder weiß doch um seine eigenen Gebrechen – und um die der anderen auch! Jeder weiß um seinen Kleinglauben, um seine vielen Inkonsequenzen und Fehltritte. Wir sind leider nicht besser, klüger oder sympathischer als der Rest! Von all den hohen Dingen, die das Neue Testament den Christen zuschreibt, sehen wir sehr wenig und können kaum glauben, dass von uns die Rede sei. Denn wir sind überwiegend krumm und alt, sind manchmal boshaft, neidisch, träge – und auch immer wieder rückfällig. Uns ist wahrlich nicht anzusehen, dass wir den Leib Christi bilden, dass wir wiedergeboren, erleuchtet und des ewigen Lebens teilhaftig sind! Wer uns im Bus begegnet, käme nicht drauf, dass wir zu so Hohem berufen sind! Aber sagt das Neue Testament nicht genau dies? Des Christen Leben „ist verborgen mit Christus in Gott“ (Kol 3,3). Und erst wenn sich Christus sichtbar offenbart in dieser Welt, werden auch wir Christen mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit (Kol 3,4). Jetzt „ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden“, sagt der 1. Johannesbrief (1. Joh 3,2). Denn tatsächlich gilt vom Einzelnen dasselbe wie von der Kirche im Ganzen. Das Wesentliche am Christen ist geistlicher Art – und daher unsichtbar. Das Leibliche an ihm ist aber sichtbar – ohne wesentlich zu sein. Was den Christen mit der Welt verbindet, sieht jeder – und findet ihn darum sehr gewöhnlich. Was den Christen aber mit Gott verbindet, das bleibt den Augen der anderen verborgen – und oft genug auch dem Gläubigen selbst. Luther sagt: „Es ist ein Christ auch wohl ihm selbst verborgen, dass er seine Heiligkeit und Tugend nicht sieht, sondern eitel Untugend und Unheiligkeit sieht er an sich. (…) Summa, unsere Heiligkeit ist im Himmel, da Christus ist, und nicht in der Welt vor den Augen, wie ein Kram auf dem Markte.“ So liegt es also in der geistlichen Natur der Sache, dass wir mit fleischlichen Augen weder die Kirche als Kirche erkennen noch den Christen als Christen. Was die wahre Schönheit der Kirche ausmacht, bleibt verborgen. Was wir von ihr sehen, ist oft sehr anstößig, menschlich und dumm. Und auch von uns selbst können wir nicht so hoch denken, wie (seltsamerweise) Gott von uns denkt. Dazu kommt aber noch eine zweite Erschwernis – dass nämlich dort, wo die Christenheit wirklich mal wunderbar schön ist, und wir das Bild nicht selbst verhunzen, eilig der Satan herbeikommt und die Christenheit mit Dreck bewirft. Denn schließlich will er nicht, dass jemand unsrer Botschaft hört und glaubt und dadurch zum Reich Gottes findet! Er weiß sehr wohl, dass Christus in die Welt kam, um des Satans Werke zu zerstören (1. Joh 3,8). Und so ist er seinerseits nicht faul, die Werke Christi zu sabotieren. Nichts stört ihn so sehr, wie die Ausbreitung des Reiches Gottes. Und da die Kirche eben dazu berufen ist, macht er sie zum vorrangigen Ziel seiner Anschläge. Er unterwandert sie mit so viel falschen Christen, dass man die echten kaum noch findet. Und um ihr Ansehen zu schädigen, verdirbt er jeden guten Ansatz. Recht hässlich und dröge soll die Kirche wirken, unglaubwürdig, korrupt und freudlos, rechthaberisch, langweilig, vorgestrig, plump und dumm. Und wahrlich: Der Satan macht einen guten Job! Das Evangelium leidet sehr unter dem Versagen derer, die es vertreten sollten. So geschickt ist unser Feind, dass wir vor lauter irdischem Schmutz keinen himmlischen Adel mehr an der Kirche erkennen. Unter all dem Menschlichen schaut kaum noch Göttliches heraus. Kirche säkularisiert sich selbst. Sie reduziert sich auf ihre Probleme und Skandale. Man braucht starke Nerven, um ihr die Treue zu halten! Und so steht die „heilige christliche Kirche“ dann doch nicht zufällig mit im Glaubensbekenntnis, weil man sie zwar besser sieht als das Übrige, weil man aber den groben Unfug, den man sieht, gar nicht glauben kann – und dennoch (gegen allen Augenschein) gut von der Kirche Christi denken soll. Mir persönlich fällt das schwerer als alle Wunder des Neuen Testaments zusammen! Wenn ich im Apostolikum irgendwo stocke und steckenbleibe, dann bei der „heiligen Kirche“! Und doch: Gottes viel geschmähtes Volk ist (unter dem Anschein des Gegenteils) ja trotzdem da. Und mit dem zweiten Advent, mit der Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag, soll es hier auf Erden auch sichtbar werden in großem Glanz. Heute ist unsre Kirche noch ein Korb mit vielen faulen Äpfeln. Da wächst ganz viel Unkraut unter dem Weizen (Mt 13,36-43). Und was wir über die Verborgenheit der Kirche und über die Anschläge des Satans sagten, darf wahrlich nicht zur Entschuldigung dienen! Es ist ein ewiges Ärgernis, dass wir so weit hinter unserer Berufung zurückbleiben, denn schließlich fallen alle Mängel der Christenheit auf Christus zurück – und wir dürfen uns nie dabei beruhigen, dass wir ihm so wenig Ehre machen! Aber die Kirche, dieses Aschenputtel, diese verheulte Schönheit mit der zwielichtigen Vergangenheit, hat trotzdem eine große Verheißung, die wir nicht vergessen dürfen. Denn sie soll der Brückenkopf sein, von dem aus das Reich Gottes diese Welt erobert. Und wenn’s soweit ist „werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich“ (Mt 13,43). Alle jene aber, die heute am Versagen der Kirche leiden, dürfen sich dessen trösten – ja sie müssen nicht resignieren und das Gesangbuch in die Ecke werfen! Denn trotz allem ist diese so fragwürdige Christenheit der Sauerteig, der nach und nach den ganzen Teig durchsäuern wird (Mt 13,33). Es ist nicht das Verdienst der Geistlichen. Und Kirche wirkt dabei nichts weniger als „heldenhaft“. Doch trotzdem ist sie der Punkt, wo Gott den Fuß in der Tür hat und sich in die Welt hineindrängt. Die verborgene, die wahre Kirche bewahrt allzeit den Funken, der das Feuer des Glaubens neu entzünden kann. Und selbst in ihren schlechtesten Zeiten ist die Kirche nie ohne ein paar treue Seelen gewesen, die das Evangelium weitertrugen. Denn wenn auch die Herde schmählich versagt, so doch nicht der Hirte, der sie führt. Die Saat, die Jesus ausgesät hat, ist in vielerlei Hinsicht verdorben: Vieles haben die Vögel gefressen, vieles haben die Dornen erstickt, vieles ist auf unfruchtbaren Boden gefallen (Mt 13,18-23). Wir selbst sind ja auch keine mustergültig-vorzeigbaren Christen! Doch, hey: Wenn Christus an dem Plan festhält, seine Kirche einst herrlich zu machen, wenn er diesen Mut nicht verliert – sollten wir ihn dann verlieren? Gewiss sind wir lausige Boten, die ihrem Herrn wenig Ehre machen. Und doch kommt Gottes Wort nicht leer zurück (Jes 55,11), sondern was es wirken will, das bewirkt es auch. Kirche ist zum Glück nicht der Menschen, sondern Gottes Projekt. Sie kann daher nicht scheitern. Vielmehr sie wird das, was sie bisher verborgen ist (auf geistliche Weise), einst öffentlich sein (auf sichtbare Weise). Das hässliche Entlein wird einmal zum schönen Schwan – uns inbegriffen! Und dann werden sich alle fragen, wie das passieren konnte. Wir aber erzählen dann noch einmal die Geschichte des Advents und sagen: „Wisst ihr, Gott wollte uns nicht allein lassen, er wollte Mensch werden. Mit zwölf Jüngern hat er seine Kirche angefangen in Niedrigkeit. Doch die waren das Salz der Erde. Und ja, komisch – so ist das dann alles gekommen…“
Bild am Seitenanfang: The Abbey in the Oakwood
Caspar David Friedrich, Public domain, via Wikimedia Commons
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