72 • Ostern unverkürzt

Lebt der Auferstandene nur in uns –                               Dieser Text als Video 

oder leben wir in ihm?

 

Als ich ein junger Vikar war, bekam ich einmal den Auftrag, in einer Grundschule der vierten Klasse Religionsunterricht zu erteilen. Bis dahin hatte die Klassenlehrerin Religion unterrichtet. Und weil das Thema „Ostern“ dran war, wollte ich erst einmal herausfinden, was die Kinder schon über Ostern wussten. Ich fragte sie darum, was das denn bedeute, wenn wir sagen, dass Jesus „auferstanden“ ist. Prompt gingen die Finger hoch und das erste Mädchen, das ich drannahm, sagte: „Dass Jesus auferstanden ist, heißt, dass er in uns weiterlebt!“ Ich war etwas überrascht von dieser Antwort. Aber das zweite Kind gab dieselbe Auskunft, und das dritte ebenfalls: „Auferstehung heißt, dass Jesus in uns weiterlebt, wenn wir fest an ihn glauben.“ Als ich das von vier Kindern übereinstimmend so gehört hatte, war mir klar, dass die Klassenlehrerin es ihnen eingeimpft haben musste.

Sie hatte sich die Osterbotschaft so zurechtgelegt, wie sie meinte, dass Kinder sie verstehen könnten. Und ein leeres Grab, ein auf übernatürliche Weise neu belebter Leichnam, eine leibliche Auferstehung hätte dabei nur gestört. Wunder sind schließlich schwer zu vermitteln in unserer Zeit. Die gestutzte Osterbotschaft dagegen – dass die Sache Jesu weitergeht, wo Menschen im Geiste Jesu handeln – die geht jedem leicht ein. Denn schließlich geht auch die Sache Maos weiter, wo man in seinem Geiste handelt. In diesem Sinne ist natürlich auch Nietzsche nicht tot. Und Mozart auch nicht. Man kann durchaus sagen: Der „Geist“ solcher Menschen lebt weiter in denen, die sich für ihr Werk begeistern und es in der einen oder anderen Weise fortführen. Es fragt sich nur, ob sich dieses Denkmodell auf die Osterereignisse übertragen lässt. Denn: „Jesus lebt!“ – heißt das nicht mehr, als dass Jesus eine bis heute lebendige Wirkungsgeschichte hat? „Jesus lebt!“ – heißt das nicht mehr, als dass etwas von seinem Geist in den Christen weiterlebt? Wird er etwa nur dadurch „am Leben erhalten“, dass wir an ihn glauben? Wär’s aus mit ihm, wenn wir ihn nicht „in uns“ leben ließen? Oder hat ihn Gott vielleicht doch durch die Auferstehung eingesetzt „zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht und Herrschaft“, wie es das Neue Testament sagt?

Ich hatte damals eine heftige Auseinandersetzung mit der Klassenlehrerin. Doch ist mir heute klar, dass sie nur vertrat, was auch viele Pfarrer vertreten. Denn es ist normal geworden, das Zeugnis des Neuen Testamentes dem modernen Denken anzupassen und das Sperrige darin auf gefällige Weise zu interpretieren. „Das mit der Auferstehung Jesu,“ heißt es, „muss man nicht so wörtlich nehmen, sondern mehr symbolisch.“ Und dass Jesus lebt, will man nur in „übertragenem Sinne“ gelten lassen. „Auferstehung“ heißt dann: Die Sache Jesu geht weiter, wo Menschen sich im Namen Jesu engagieren. Und die Frage, ob das Grab Jesu am Ostermorgen leer war, erscheint demgegenüber zweitrangig. Doch ich glaube, dass wir damit auf dem Holzweg sind. Und ich widerspreche diesem Trend, weil ich überzeugt bin, dass wir uns die Zumutung, die Ostern darstellt, nicht ersparen dürfen. Machen wir es uns nicht zu leicht. Denn Ostern ist in Wahrheit nichts Einleuchtendes – nichts, was uns leicht einginge. Und es kann auch nicht zu etwas Eingängigem gemacht werden. Denn an Ostern geschah etwas höchst Paradoxes, das den Rahmen unseres Vorstellungsvermögens sprengt. Ostern mutet uns zu, inmitten des Todes an das Leben zu glauben, inmitten der Absurdität an den Sinn, inmitten der Finsternis an das Licht, inmitten der Lüge an die Wahrheit. Ostern ist eine Wirklichkeit, mit der wir zu rechnen haben, obwohl wir sie nicht sehen können.

Und diese Spannung, den Widerspruch darin, sollten wir nicht umgehen, sondern aushalten. Denn das Paradoxe auszuhalten und das Unglaubliche zu glauben – mit nichts in der Hand als bloß mit Gottes Wort! – das ist nach biblischem Maßstab ganz normal. Denken sie nur einmal an Abraham. Der hatte Gottes Zusage, dass sein Sohn Isaak ihm reiche Nachkommenschaft schenken würde. Und dann befahl ihm Gott, eben diesen Sohn in die Wüste zu führen und dort zu töten. Oder denken sie an Noah. Gott befahl ihm, ein riesiges Schiff zu bauen, mitten auf dem trockenen Land. Noah machte sich damit lächerlich und wurde verspottet. Oder denken sie an Hiob. Er bemühte sich ein gottgefälliges Leben zu führen. Zum Dank nahm ihm Gott alle seine Kinder, seinen Besitz und seine Gesundheit. Und trotzdem sollte Hiob an der Güte Gottes festhalten. Absurde Zumutungen sind das! Und trotzdem ist keiner dieser Männer auf die Idee gekommen, Gottes Wort nicht wörtlich zu nehmen. Stellen sie sich vor, Abraham hätte gesagt: „Isaak zu töten erscheint mir unsinnig – Gott meint das bestimmt irgendwie symbolisch.“ Stellen sie sich vor, Noah hätte gesagt: „Das mit dem Schiff auf trockenem Land leuchtet mir nicht ein – Gottes Befehl hat sicherlich einen übertragenen Sinn.“ Nein! Hätten diese Männer es sich so leicht gemacht, hätten sie nie erfahren, was Gott vermag. Und darum meine ich, sollten auch wir es uns mit Ostern nicht zu leicht machen. Denn die Osterbotschaft ist von der selben paradoxen Art! In Anlehnung an ein Wort H. F. Kohlbrügges gesagt:

Wir wissen, dass man uns einmal mit viel Erde bedeckt, wenn wir tot sind – und sollen doch glauben, dass wir im Himmel tanzen werden. Wir wissen, dass uns die Würmer fressen – und sollen doch glauben, dass wir dem Herrn gegenübertreten. Wir haben dann keine Augen mehr – und werden doch den Herrn schauen. Wir haben keine Lippen mehr – und werden ihn doch küssen. Wir haben keine Zunge mehr – und werden doch mit den Engeln singen. Wir liegen dann auf dem Friedhof – und sind doch mitten im Paradiese. Ist daran etwa irgendetwas einleuchtend? Nein. Nur wenn uns das verwirrt, haben wir es verstanden. Und wenn wir es verstünden, ohne davon verwirrt zu werden, so hätten wir es gar nicht erfasst. Denn wo wir uns die Osterbotschaft so zurechtlegen, dass nichts Bestürzendes mehr daran ist, da haben wir ihr die Spitze abgebrochen. Man kann das natürlich machen. Man kann diese Botschaft reduzieren auf ein harmloses Sätzchen wie „Der Geist Jesu lebt in uns weiter“. Die Vernunft wird sich daran nicht stören. Aber der Glaube verkommt dabei zur Schöngeisterei, und der Auferstehungstag zum Frühlingsfest. Domestizierung des Evangeliums nenne ich das, Kastration der frohen Botschaft, Zerstörung großen Trostes und armselige Theologie.

Denn in Wahrheit ist Ostern viel mehr als nur die dröge Feststellung, dass Jesus nicht vergessen ist. Nein! Ostern ist Sprengstoff und Geheimnis, es ist Tanz auf dem Grab des Todes, Emanzipation von der Macht des Faktischen und Umwertung aller Werte. Ostern ist der Tag, da Gott die Welt vom Kopf auf die Füße stellt. Und darum möchte ich damit schließen, dass ich den Glaubenssatz jener Grundschullehrerin umdrehe. Denn Auferstehung heißt gerade nicht, dass „Jesus in uns weiterlebt“ – so als wäre unser Herz sein letzter Zufluchtsort. Sondern Auferstehung heißt umgekehrt, dass wir in ihm weiterleben. Nicht er lebt davon, dass wir seiner gedenken, sondern wir leben davon, dass er unser gedenkt. Nicht wir halten ihn am Leben, indem wir in seinem Sinne handeln, sondern er hält uns am Leben, indem er sein erlösendes Werk an uns tut. Er ist nicht darauf angewiesen, „in uns“ weiterleben zu dürfen, denn er herrscht über Himmel und Erde. Wir aber sind darauf angewiesen „in ihm“ leben zu dürfen und Glieder seines Leibes zu sein, denn nichts hat Zukunft, was nicht geborgen wäre in ihm.

Wir bekommen es am Ende nämlich nicht mit einem „symbolischen“ Tod zu tun, sondern mit einem sehr wirklichen. Und darum bin ich froh, dass die Bibel uns keine bloß „symbolische“, sondern eine sehr reale Auferstehung verheißt. Wir dürfen die Bibel darin wörtlich nehmen. Wem dabei schwindelig wird, weil er sich dergleichen nicht vorstellen kann oder weil er Gott das nicht zutraut, der mag an Ostern ein Hasen–, Eier– oder Frühlingsfest feiern. Ich aber bin gewiss, dass Gottes Macht weiter reicht als mein Vorstellungsvermögen, und freue mich daran. Denn was er tut, ist bestürzend, verstörend und herrlich, herrlich, herrlich!

 

- WEITER GEHEN ZU KAPITEL 73 -