89 • Ent-täuschung, Schwermut, Weltschmerz

Was verbindet den Glauben mit der Melancholie?           Dieser Text als Video  

 

Mir ist ein Gedicht begegnet, das kurz und nicht sehr „poetisch“ ist. Man kennt nicht einmal den Verfasser. Und wenn Johannes Brahms es nicht vertont hätte, wäre es wahrscheinlich längst vergessen. Mir aber macht es Eindruck, weil es so offen von Enttäuschung spricht. Gerade in unserer Zeit, die nur den Erfolg respektiert und alles Scheitern als peinlich empfindet, erscheint mir das bemerkenswert. Denn hier spricht einer seine Enttäuschung offen aus. Er ist enttäuscht von dieser Welt, weil sie nicht hält, was sie verspricht:

 

Ach, arme Welt, du trügest mich,

ja, das bekenn ich eigentlich,

und kann dich doch nicht meiden.

 

Du falsche Welt, du bist nicht wahr,

dein Schein vergeht, das weiß ich zwar,

mit Weh und großem Leiden.

 

Dein Ehr, dein Gut, du arme Welt,

im Tod, in rechten Nöten fehlt,

dein Schatz ist eitel falsches Geld,

dess‘ hilf mir, Herr, zum Frieden.

 

Unsere erste Reaktion ist vielleicht, dass wir über die große Traurigkeit dieser Zeilen erschrecken und uns spontan dagegen wehren: Ist das nicht zu schwermütig und zu melancholisch als dass man es als Beschreibung unseres Lebens akzeptieren könnte? Der Verfasser scheint in tiefe Depressionen geraten zu sein. Er sieht nur noch schwarz in schwarz. Und üblicherweise wehren wir uns dagegen mit aufmunternden Parolen. „Kopf hoch!“, pflegt man solchen Leuten zuzurufen: „Morgen kann alles schon wieder ganz anders aussehen!“ Ich fürchte aber, dass solche schnellen Tröstungen am Kern der Sache vorbeigehen würden. Denn unser Gedicht will nicht Ausdruck einer bloß vorübergehenden, subjektiven Stimmung sein, sondern will ganz nüchtern eine Wahrheit zusammenfassen, der sich jedermann jederzeit zu stellen hat: Dass nämlich unser Leben – wie der Prediger Salomo sagt – in weiten Teilen ein „Haschen nach Wind“ ist (Pred 1,14). Es ist ein vergebliches Jagen nach vergänglichen Gütern von zweifelhaftem Wert.

Oder stimmt das etwa nicht? Wir Menschen, insbesondere wenn wir jung sind, stürmen mit hochgespannten Erwartungen in das Leben hinein. Die Welt scheint uns wie ein Garten voller süßer Früchte, der nur dazu bestimmt ist, von uns erobert zu werden. Die Welt kommt uns vor wie eine Bühne, die nur auf unseren Auftritt wartet. Die Welt erscheint uns wie eine Heimat, in der wir uns auf ewig geborgen fühlen werden. Aber hält dann die Welt, was wir uns von ihr versprechen? Werden wir jemals satt an ihr? Bekommen wir je genug? Bietet uns dieses Erdenleben wirklich Sicherheit? Ist unser Glück von Dauer? Und gelingt es uns, in dieser Welt bleibende Spuren zu hinterlassen? „Nein“, sagt dazu die Bibel: „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.“ (Ps 103,15–16)

„Nein“, sagt die Bibel – und holt uns auf den Boden der Tatsachen zurück. Denn was jenes Gedicht zum Ausdruck bringt, das ist nicht Depression, sondern lediglich Realismus. Wer von dieser Welt dauerhaftes Glück erwartet, Erfüllung seiner Träume, Vollendung und Seligkeit, den muss die Welt tatsächlich „trügen“. Dem muss zuletzt als „falsches Geld“ erscheinen, was die Welt ihm zu bieten hat. Denn die Ehren, Güter und Schätze dieser „armen Welt“ mögen noch so glänzen, sie erweisen sich doch als wertlos, wenn es am meisten darauf ankommt – nämlich in der Todesnot. Spätestens hier kommt es zu der „Enttäuschung“ von der unser Gedicht spricht. Denn woran wir uns hängen und worauf wir bauen, das bleibt an der letzten Grenze zurück – und wir finden uns von aller Welt verlassen... Nur fragt sich, wer dafür die Verantwortung trägt. Ist es wirklich der Fehler der Welt, dass sie uns am Ende enttäuscht? Ist es ein Mangel der Schöpfung, den man dem Schöpfer ankreiden müsste? Oder könnte es vielleicht daran liegen, dass wir zu viel von der Welt fordern und etwas von ihr erwarten, was sie gar nicht leisten kann? Tatsächlich ist das der Punkt, auf den es ankommt, und an dem sich biblischer Realismus von allgemeinem Weltschmerz unterscheidet. Denn der Weltschmerz bleibt in seiner Enttäuschung stecken und schimpft auf die Welt, die ihm nicht bietet, was er sich von ihr versprach. Er meint, es sei ein Mangel der Schöpfung, dass sie seine Sehnsucht nicht befriedigt. Der biblische Realismus dagegen erkennt die Ursache der Enttäuschung darin, dass wir von der Welt erwartet haben, was nur Gott zu geben vermag.

Anders gesagt: Es ist nicht die Schuld dieser Welt, wenn wir in ihr vergeblich suchen, was nur bei Gott zu finden ist. Und es ist auch nicht Gottes Schuld, sondern es ist unsere eigene. Oder geht man in ein Schuhgeschäft, um Brötchen zu kaufen? Geht man in die Bäckerei und empört sich darüber, dass dort keine Schuhe angeboten werden? Nein. Es wäre Unrecht, dem Bäcker daraus einen Vorwurf zu machen. Und ebenso ist es Unrecht, der armen Welt vorzuwerfen, dass sie unseren Hunger nach Vollkommenheit, Verlässlichkeit und Glück nicht stillt. Denn ungetrübte Freude, Vollendung, Wahrheit und Gerechtigkeit – das hat diese Welt nun einmal nicht zu bieten. Wie sollte sie auch? Sie ist schließlich nur der Weg – und nicht das Ziel. Sie ist bloß eine Durchgangsstation auf unserer Reise zu Gott. Wer daher von der Durchgangsstation erwartet, dass sie schon so schön sein müsste wie der große Endbahnhof, wer den Weg mit dem Ziel verwechselt, der wird der Frustration nicht entkommen, bis er seinen Irrtum erkennt. Er wird sich selbst und die Welt überfordern, bis er merkt, dass man auf mehr hoffen kann als nur auf sich selbst und die Welt. Bis dahin aber wird er unnötig leiden. Und darum ist an unserem kleinen Gedicht auch die letzte Zeile die wichtigste, die sich vom Vorangegangenen abhebt.

Der ganze Text ist bis dahin eine Anrede an die „arme Welt“. Dann aber – in der letzten Zeile – wird plötzlich Gott angesprochen. Der Dichter wendet sich in der letzten Zeile weg von der enttäuschenden Welt und wendet sich hin zu Gott. Die Anklage gegen die Welt verwandelt sich unvermittelt in einen Gebetsruf. Denn der Schluss der Rede wendet sich an einen neuen Adressaten. Und eben damit nimmt uns das Gedicht in die Bewegung des Glaubens hinein. Es pocht nicht darauf, dass die Welt geben möge, was sie nicht geben kann. Das wäre sinnloser Trotz – das führte wirklich zum trüben Pessimismus. Vielmehr erkennt der Dichter den Irrtum, der ihn leiden macht, und wendet sich entschlossen an Gott, um von ihm den Frieden zu erbitten, den die Welt ihm nicht zu geben vermag. Er findet in Gott einen neuen, lohnenderen Gesprächspartner. Er findet in ihm das Gegenüber, das er mit seiner Sehnsucht nicht überfordert und findet damit zugleich den Weg heraus aus der Melancholie. Denn das ist der Weg zur Heilung des Weltschmerzes. Das ist der Weg heraus aus der selbstverschuldeten Frustration. Und es ist Einübung in eine Lebenshaltung mit neuen Vorzeichen. Denn der Glaube lehrt uns, wenig von uns selbst zu erwarten (und noch viel weniger von dieser „armen Welt“), alles im Übermaß aber zu erwarten von unserem Gott. Was die Welt uns nämlich nicht geben kann, nicht geben will und auch gar nicht geben soll – das hält der barmherzige Gott für uns bereit. Das aber zu erkennen, sich von der Welt frei zu machen für Gott, und dann den Frieden nirgendwo anders zu suchen als bei ihm – das ist Glaube…

 

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