Selbstfindung und Glaube

Selbstfindung und Glaube

Wissen sie, wer sie sind? Haben sie ihr wahres Selbst schon „gefunden“, sich selbst „entfaltet“ und „verwirklicht“? Solche Fragen sind sehr in Mode. Und während man früher meinte, es sei bloß eine pubertäre Phase, in der der Mensch nach seinem „wahren Ich“ sucht, gilt es heute als ein lebenslanger Prozess. Darum werden über „Selbstfindung“ und „Selbstverwirklichung“ viele Bücher geschrieben. Und zur „Selbsterfahrung“ gibt es Kursangebote verschiedenster Art. Viele sind auf der Suche nach ihrer „wahren Identität“ und beschäftigen damit auch Psychologen, Coaches und Therapeuten. Doch ist mir nie ganz klar geworden, wie das gemeint ist. Denn sonst, wenn man etwas sucht und finden will, setze man voraus, dass es das Ding gibt. Schlüsselbund, Brille und Geldbeutel sind irgendwo im Haus – ich weiß nur nicht wo. Die „Selbstfindung“ aber wird so verstanden, dass man das zu Findende erst im Prozess der Findung „entwickelt“. Das „Selbst“ wird nicht „entdeckt“ wie etwas Gegebenes, sondern entsteht scheinbar erst im Laufe der Suche. Und doch muss ja einer, der sein Selbst sucht, schon „da“ sein, um es suchen zu können. Nur kennt er sich offenbar nicht – und ist bei sich selbst noch nicht angekommen. Der Suchende will „zu sich finden“, und wenn man ihm rät, dazu die eigene Nasenspitze zu ergreifen, fühlt er sich nicht verstanden. Denn er will ja nicht wissen „wo“, sondern „wer“ er ist. Er will sich Unbewusstes bewusst machen, um sich selbst zu durchschauen. Und der Griff an die Nase hilft ihm dabei so wenig wie die Nennung seines Namens oder der Blick in den Spiegel. Denn offenbar ist es schwer, sich selbst auf die Schliche zu kommen. Der Mensch kann sich von außen sehen, kann sich zugleich von innen fühlen – und sich selbst immernoch „fremd“ sein. Kein Tier hatte jemals dieses Problem! Der Mensch hingegen ist sich selbst ein Rätsel. Und sogar das bleibt offen, ob er in der Selbstfindung ein schon Vorhandenes „findet“, ob er etwas in ihm Angelegtes „entwickelt“ – oder sich freihändig selbst „erschafft“. Denn manche unterstellen wirklich, sie könnten aus unbegrenzten Möglichkeiten wählen, wer sie sein wollen, und sich damit selbst eine Identität und einen Lebenssinn „geben“. Das ist nun ein seltsamer Gedanke. Denn wie kann ich mir selbst „geben“, was ich nicht „habe“? Und wie kann sich einer selbst „erfinden“, wenn er vorher noch gar nichts ist? Manche wollen sich in völliger Freiheit eine Identität „verleihen“, wie sie auch meinen, ihrem Leben Sinn zu „geben“. Aber kommt der Mensch wirklich als leeres Blatt auf die Welt, das sich anschließend wie von Zauberhand selbst beschriftet? Finden wir uns nicht immer schon vor als solche, die ungefragt ins Leben geworfen wurden – als durchaus schon so und so verortete, profilierte und limitierte Wesen? Eigentlich läge es näher, von einer „Selbstentfaltung“ zu sprechen, bei der Vorhandenes (das bisher eingewickelt und darum verborgen war) nach und nach „ausgewickelt“ und wie eine Tischdecke „entfaltet“ wird. Und jene, die ihre Identität suchen, fordern das auch gern. Man soll nur jedem ermöglichen, sich ungehindert zu „entfalten“, dann träte das Selbst so zu Tage, wie sich aus der Raupe der Schmetterling und aus dem Samenkorn die Blume entwickelt! Nur – wenn man das zu Ende denkt, hat es sehr wenig mit Freiheit zu tun. Denn aus einem Weizenkorn kann nie etwas anderes wachsen als Weizen. Und das ist gar nicht im Sinne des modernen Menschen, dass er bei seiner Selbstentfaltung so gar keine Wahl haben sollte! Nur – kann denn einer verwirklichen, was gar nicht in ihm steckt? Und wenn das, was in ihm steckt, vielleicht nichtmal „gut“ ist – sollte er‘s dann trotzdem „entfalten“? Das Projekt der Selbstfindung scheint mir widersprüchlich. Ich verstehe es nicht wirklich. Denn wie kann ein Künstler meinen, er sei sein eigenes Werk? Ist er denn die Mutter und zugleich das Kind, das die Mutter zur Welt bringt? Logischerweise müsste doch das, was sich selbst erschafft, schon da sein, bevor es „da“ ist. Und dieser unsinnige Fall kommt nicht vor. Denn tatsächlich sind wir schon da, bevor wir die Frage nach uns selbst stellen. Wir finden uns vor und merken auch recht bald, dass wir nicht alles sein können, was wir uns erträumen. Mit den eigenen Grenzen Bekanntschaft zu machen, ist ein zentraler Teil der „Selbstfindung“! Man setzt sich auch nicht in die Welt, sondern findet sich von fremder Hand hineingesetzt. Und obwohl man sich „vorfindet“, muss man dann trotzdem noch „zu sich selbst finden“, weil sich keiner sogleich über seine Identität im Klaren ist. Den eigenen Bauchnabel zu betrachten, führt aber nicht weiter. Denn der Weg zur Selbsterkenntnis beginnt tatsächlich nicht beim Selbst, sondern beim Anderen. Und dieser Weg führt auch nicht über Selbstbespiegelung und stetiges „Ich, Ich, Ich“-Sagen sondern über das „Du“-Sagen. Denn tatsächlich ist die Identität eines Menschen nicht frei „gewählt“, sondern ist ihm von außen „gegeben“ – und wird auch nur in der Beziehung zum Außen erfahren. Ich bin nicht meine eigene Kreation, sondern habe einen Schöpfer. Nur der kennt den Grund meines Daseins, weil er selbst der Grund meines Daseins ist. Und so liegt der Schlüssel zu dem Rätsel, das ich mir bin, bei ihm. Ich bin, was ich bin, durch meine Beziehung zu Gott. Und für einen Christen heißt das: Ich erfinde, wähle und bestimme mich nicht, dies und das zu sein. Sondern ich bin schon längst von Gott erfunden, gewählt und bestimmt – und komme darum auch nur bei ihm zu mir selbst. Ich finde mich, indem ich bejahe, was ich von Gott her sein soll. Ich erkenne mich als genau das, was ich in Gottes Augen bin. Ich bin als Hörender erst durch seinen Ruf wirklich geworden, verortet und definiert. Ja, ich bin als Ohr geschaffen, um Gott hören zu können, ich bin etwas, weil er mich anblickt, und wäre rein gar nichts mehr, wenn er wegschauen und von mir absehen wollte (Ps 104,29). Ich habe einen Namen, weil er mich bei diesem Namen gerufen hat (Jes 43,1). Ich erkenne mich nie ganz, bin aber von Gott erkannt (1. Kor 13,12). Und das genügt. Denn aus dieser Beziehung folgt alles Relevante, das über mich zu sagen ist. Und was unter Absehung von dieser Beziehung über mich gesagt würde, wäre garantiert falsch, weil dabei der Bezugspunkt fehlte, auf den es ankommt. Ich bin meiner selbst nicht mächtig. Ich soll’s auch gar nicht sein. Und wenn ich‘s töricht versuche, führt das nur in die Überforderung. Denn ich kann durchaus nicht alles sein, was ich gern wäre (kann ja nichtmal sein, was ich sein sollte), und weiß auch längst nicht alles, was ich dazu wissen müsste. Die Voraussetzungen und Folgen meines Daseins überschaut Gott allein. Ich bin eine Gleichung, die er allein lösen kann. Seit er mich fand, ist mein „Selbst“ aber gefunden. Und dass er mich kennt und mein Dasein bejaht, das ist genug. Denn nicht die Vollkommenheit legitimiert mich, in der ich mich durchschaue, mich kontrolliere und rechtfertige. Sondern Gottes Wille berechtigt mich zu diesem Da-Sein, das ich selbst nicht zu erklären vermag. Nicht mein Urteil kann mich gutheißen, sondern nur das Urteil seiner Gnade. Dass er mich aber gelten lässt, verleiht mir Gültigkeit. Von ihm gekannt, bin ich unverwechselbar – bin auf „höhere Weisung“. Und das genügt. Denn das verleiht mir Frieden, das ist mein Friede, wenn ich nicht mehr und nicht weniger sein will, als was Gott aus mir macht. Ich kann klein oder groß sein, wenn ich’s denn nur bin im Konsens mit ihm. Und diese Einwilligung in den Willen Gottes überfordert mich nicht, weil es ja nur bedeutet, den vergeblichen Widerstand gegen die einfache Wahrheit aufzugeben, dass ich Gottes Setzung bin – und auch genau nur in diesem Maß und in diesem Umfang da zu sein berechtigt bin. Meine Bedeutung ist die, die ich für Gott habe. Ich bin eine Fußnote im Kontext seines großen Romans. Und wenn er mich versteht, ist es nicht nötig, dass ich mich selbst restlos verstehe. Denn tatsächlich ist mein Kontext viel zu weit, als dass mein Verstand ihn erfassen könnte. Gott aber weiß sehr gut, warum er mich just an dieser Stelle in seinen Plan eingefügt hat. Er wollte mich hier nicht missen. Darum bin ich da. Und zu wissen, dass Gott den Grund kennt, genügt, um alle Fragenden an ihn zu verweisen – wie ich auch meine eigene Frage an Gott verweise. Als Bonhoeffer im Gefängnis saß, fragte er sich auch, wer er wirklich sei. Auf andere wirkte er ziemlich souverän. Er selbst kam sich aber kläglich vor. Andere bewunderten seinen Gleichmut. Er selbst aber fühlte sich krank wie ein Vogel im Käfig. Wer aber hatte Recht, wer war er wirklich? Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung driften auseinander. Bonhoeffer wagt nicht zu entscheiden, wo die Wahrheit liegen mag. Er kann das Rätsel der eigenen Person nicht lösen. Aber er kann es an den abgeben, der klüger ist. Und darum schließt er seine Überlegung mit dem Satz: „Wer ich auch bin, du kennst mich, dein bin ich, o Gott!“  Damit ist der nicht zu entwirrende Knoten durchgeschlagen. Die Frage wird an den weitergereicht, der sie zu beantworten vermag. Und das verwirrte Subjekt gibt sich damit zufrieden, bei Gott bekannt zu sein. Der Schöpfer, dem ich gehöre, wird schon wissen, wer ich und wozu ich bin! Seine Kenntnis umfängt meine Unkenntnis. Meine Rolle steht in seinem Drehbuch. Und gnädig wird er für mich eintreten. Denn die endlosen Schleifen der Selbstreflektion finden ja doch kein Ende. Der sich selbst Suchende hat sich nur in der Weise, dass Gott ihn hat. Sein So-Sein ist damit aber ausreichend klar beschrieben. Und jede weitere Auskunft muss ihren Bezugspunkt haben in Gott. Wer mich sucht, findet mich bei ihm. Denn das enthebt mich des Zwangs, nutzlos um mich selbst zu kreisen. Und die so vergeblichen Versuche der Selbstbegründung werden überflüssig. Denn das ist das wunderbare am Glauben, dass er uns von uns selbst wegreißt und uns außerhalb von uns selbst auf einen viel festeren Boden stellt (M. Luther, WA 40,1,589 “…rapit nos a nobis et ponit nos extra nos”). Ein Christ ruht nicht etwa „in sich“, er ruht in Gott. Der kann Auskunft geben. Ich aber bin der Nabelschau enthoben – und habe den Kopf frei, um für meine Mitmenschen da zu sein. Gott wollte mich. Er wird gewusst haben, warum. Ich aber muss mich nicht „erfinden“, sondern muss im Laufe des Lebens nur „herausfinden“, was Gott im Sinn hatte, als er es tat. Das ist dann noch schwierig genug. Denn welche Aufgabe Gott mir zugedacht hat, entdecke ich erst nach und nach. Gott muss erst „A“ sagen, damit ich darauf “B” sagen kann – und dabei meine eigene Stimme kennenlerne. Er muss mich vor Prüfungen stellen, damit ich meine Kraft erfahre. Er muss mir Raum geben, damit ich laufen lerne. Und indem er mir mein Ziel zeigt, begreife ich erst, dass ich ein Ziel habe! Doch so oder so bin ich als Setzung Gottes nicht umsonst auf der Welt. Ich muss das nicht erst beweisen, sondern muss meinen Ort in Gottes Plan nur finden: Bin ich der Schlüssel zu einem Schloss, das Pflaster zu einer Wunde oder das Messer für einen notwendigen Schnitt? Bin ich der Deckel für einen Topf, der Funke, der etwas entzündet, oder die Schraube, die etwas zusammenhält? Bin ich das Ohr für einen Ruf, die Stimme eines Verstummten oder der Zeuge für eine vergessene Wahrheit? Weil ich das herausfinden muss, bleibt das Leben spannend. Doch ein Christ wird nicht dran zweifeln, dass es zu seiner Lebensfrage eine Antwort gibt. Seine Selbstfindung besteht immer darin, von Gott gefunden zu werden. Er erkennt sich als von Gott erkannt, als von Gott hier oder dort „eingesetzt“. Und er kann seinen himmlischen Auftraggeber jederzeit bitten, bei der Entfaltung dessen zu helfen, was in seinem Leben entfaltet und verwirklicht werden soll. Ein Christ ist einer, der sich gewinnt, indem er sich an Gott verliert – und der es auch nicht lassen kann, das der Welt zu bezeugen. Er grenzt an Gott. Und eben das gibt ihm Profil. Ja, er könnte sich in der Demenz gänzlich abhanden kommen – und wenn er völlig verwirrt an die Himmelspforte klopfte, hieße es dennoch: „Na, den kennen wir doch! Solange er seinen Verstand beisammen hatte, hat er sich zu Christus bekannt. Nun bekennt sich Christus zu ihm. Dieser Niemand ist vor Gott ein Jemand. Und wenn ihn die Welt vergisst, bleibt seine Geschichte doch in Gottes Gedächtnis eingeschrieben. Vielleicht weiß er seinen Namen selbst nicht mehr, doch steht er im Buch der Lebenden. Dieser Mensch ging sich verloren, aber Gottes Gnade hat ihn gefunden, darum – Willkommen zuhause, Bruder! Komm herein, wir erzählen dir, wer du warst. Denn du findest dich bei Gott. Und sonst findest du dich nirgends.“

 

 

 

Bild am Seitenanfang: Echo and Narcissus (Ausschnitt)

John William Waterhouse, Public domain, via Wikimedia Commons