Gott macht Gefangene
Mit dem Glauben anzufangen, ist nicht schwer. Dabei zu bleiben, aber schon. Darum mahnt uns das Neue Testament, unser Glaube dürfe kein „Strohfeuer“ und keine „Laune“ sein, sondern brauche Beständigkeit. Denn wenn der Christ wankelmütig ist und sich wie ein Schilfrohr im Wind mal in diese und mal in jene Richtung neigt, hält sein Glaube Belastungen nicht Stand. Jesus vergleicht ihn mit der Saat, die auf felsigen Boden fällt und schnell aufgeht, die dort aber keine tiefen Wurzeln bilden kann und darum gleich abfällt und umfällt, wenn der Glaube in Bedrängnis kommt (Mt 13,20-21). Krisen bleiben aber bei keinem aus. Und unser Glaube bewährt sich nur, wenn er dann standfest und resistent ist, unerschütterlich, fest, beharrlichen und treu. Doch wie gewinnt er unbeirrbare Stärke, die nicht vom Kurs abkommt? Wie wird Glaube beständig? Beständigkeit ist das Vermögen, aus immer gleichen Voraussetzungen die immer gleichen Folgerungen zu ziehen – und sich darin nicht ermüden zu lassen, auch wenn die Umwelt meine Antwort nicht akzeptiert und die immer gleiche Frage hundertmal wiederholt. Beständigkeit hat ihr Recht darin, dass Überzeugungen, wenn sie gründlich geprüft wurden, ebenso wenig der Abnutzung unterliegen wie mathematische Regeln. Denn wenn meine Überlegungen heute richtig sind und morgen auch, gibt’s erst mal keinen Grund, warum sie übermorgen falsch sein sollten. Wenn sie sich nächste Woche auch noch als richtig erweisen, darf ich sie als „bewährt“ ansehen. Und kann ich die Sache beliebig oft prüfen, ohne dass je etwas anderes herauskäme, kann auch der „stete Tropfen“ wiederholten Zweifels meiner Überzeugung nichts anhaben. Denn solange ich bei klarem Verstand bin, ist es ja gar keine Gefälligkeit, dass ich dem Wahren zubillige, wahr zu sein, sondern schlichte Notwendigkeit. Wir sind von etwas überzeugt, wenn es uns beim besten Willen nicht gelingt, die Sache anders zu sehen. Wir „beschließen“ dann aber nicht, überzeugt zu sein (als hätten wir eine Wahl), sondern wir sehen uns gezwungen, diesen Standpunkt einzunehmen, weil die Wahrheit selbst dafür sorgt, dass wir nicht anders können. Und haben wir das erstmal festgestellt, mag’s ein anderer noch so oft bestreiten – unser Urteil bleibt doch bestehen. Denn wer mit Herz und Verstand geprüft hat, müsste korrupt sein, um zu leugnen, was er doch einsieht. Was passiert aber, wenn uns das Festhalten an Überzeugungen einen hohen Preis abverlangt, und unsre Beständigkeit schwere Leiden zur Folge hat? Bleiben wir auch dann noch bei der Wahrheit, wenn sich’s mit einer Lüge leichter leben ließe? Damit niemand zu schnell antwortet, will ich von Marie Durand erzählen. Sie wird 1711 in Frankreich geboren – also in einer Zeit, da die katholische Kirche herrscht und evangelische Christen blutig verfolgt. Familie Durand ist aber entschlossen, sich die in der Reformation erstrittene Glaubensfreiheit nicht wieder nehmen zu lassen. Sie lesen täglich in der Bibel, der Vater organisiert heimliche Versammlungen evangelischer Christen, und der ältere Sohn Pierre ist bald ein anerkannter Prediger. In dieser Familie wird die Wahrheit des Evangeliums hochgehalten. Und das prägt auch die Tochter Marie, obwohl die Verfolgung durch die Katholiken schwere Opfer fordert. Maries Mutter Claudine wird verhaftet und stirbt später im Gefängnis. Und auch ihr Vater Etienne verbringt 14 Jahre in Gefangenschaft. Marie selbst heiratet einen Freund der Familie – so wie es ihr der Vater bei seiner Verhaftung geraten hat. Aber auch der Ehemann wird nach wenigen Wochen inhaftiert und Marie sieht ihn nie wieder. All diese Leute haben nichts weiter verbrochen, als dass sie in Freiheit evangelisch bleiben wollen. Doch die katholische Kirche und der französische König tolerieren das nicht und setzen auf Gewalt. Mit gerade mal 19 Jahren wird Marie Durand gefangengenommen und mit dreißig anderen überzeugten Protestantinnen in einen großen Turm gesperrt, wo es dunkel ist und feucht. Sie soll ihren Bruder verraten, um dafür selbst freizukommen, weigert sich aber, das zu tun. Sie erfährt später, dass Pierre gefasst wurde – und aus der Ferne leidet sie mit ihm, bis er 1732 hingerichtet wird. Doch Maries Glaube wird dadurch nicht geschwächt, sondern nur weiter gefestigt. Und sie stärkt auch ihre Mitgefangenen, damit sie trotz unmenschlicher Haftbedingungen ihrem Glauben treu bleiben. Denn die Verlockung, sich durch Konversion zur römischen Kirche die Freiheit zu erkaufen, ist groß. Hinter den dicken Mauern des Turms ist es stickig und eintönig, kalt und dunkel, die Versorgung ist schlecht, viele werden krank, magern ab, liegen im Fieber. Und dem zu entkommen, wäre sehr einfach gewesen. Die Gefangenen hätten lediglich ihrem evangelischen Glauben abschwören müssen. Ein Übertritt zur katholischen Kirche genügte – man hätte sie sofort freigelassen! Aber die allermeisten widerstehen dieser Versuchung. Sie bleiben im Turm. Und auch Marie verrät nicht, was ihr heilig ist. Sie will lieber eine Gefangene ihres Glaubens sein als eine Heuchlerin in Freiheit. Darum wird in ihre Gefangenenakte eingetragen „Glaubensstand unverändert“. Und dabei bleibt es, nicht für ein, zwei oder fünf Jahre, sondern für volle 38 Jahre. Erst 1768 darf Marie Durand den Turm verlassen, ohne dafür konvertieren zu müssen. Und erst dann (und nur so) ist sie dazu bereit. Sie zieht zurück in ihren Heimatort, ist körperlich schwach, aber im Geist ungebrochen, und verstirbt 1776 im Alter von 65 Jahren. Nun – hätten wir das wohl auch so gemacht? Würden wir 38 Gefängnisjahre auf uns nehmen, bloß um nicht katholisch zu sein? Bewundern wir Marie wegen ihrer Tapferkeit – oder halten wir‘s insgeheim für Starrsinn? Haben auch wir Überzeugungen, die uns einen so hohen Preis wert wären? Die Versuchung eines Christen ähnelt oft der Einladung zu einem „krummen“, aber verlockenden Geschäft: „Tausche deine Integrität gegen Glück und tausche die erkannte Wahrheit gegen äußere Vorteile. Wandle dich von einem ehrlichen Menschen im Gefängnis zu einem Heuchler in Freiheit. Verkaufe deine Seele, um deine Haut zu retten. Wirf deine Prinzipien über Bord, um ein leichteres Leben zu haben. Stelle deine Bedürfnisse über Gottes Gebote. Gehe also nicht den richtigen, sondern den bequemen Weg…“ So eine Versuchung kann rasch kommen und ebenso rasch vorübergehen. Doch bei den Frauen im Turm war sie kontinuierlich gegeben – und das war besonders quälend. Denn es stand ihnen jederzeit frei, ihren Glauben im Gefängnis „zurückzulassen“, ihn dort abzulegen und mit einer Lüge auf den Lippen hinauszuspazieren. Nichts hinderte sie, als nur ihre Überzeugung. Und so gesehen waren Marie und die anderen gar nicht Gefangene der Wärter und der Mauern, sondern waren eigentlich Gefangene ihres Gewissens. Denn das Gewissen der Gläubigen ist gefangen durch Gottes Wort. Und um äußerlich dem Turm zu entkommen, hätten sich die Frauen innerlich von Gottes Wort trennen müssen. Auf diesen Handel mochten sie nicht eingehen. Dieses Angebot war täglich neu zu verwerfen. Und doch kam die Frage immer wieder auf. Denn eben darin lag das Kalkül der katholischen Despoten. Sie setzten darauf, dass sich der Widerstand der Frauen mit der Zeit abnutzen würde. Das lange Leiden sollte ihren Willen brechen, bis die Verlockung der Freiheit eines Tages zu groß würde. Man wollte ihren Glauben solange in Zweifel ziehen, bis sie ermüden und aufgeben. Das stete Angebot der Freiheit sollte sie mürbe machen, bis sie’s endlich leid sind, für ihre Überzeugung einen derart hohen Preis zu zahlen. Aber andererseits – wird ein schlechter Deal durch wiederholtes Anbieten wirklich attraktiver? Sollten die Frauen dem eigenen Urteil misstrauen, nur weil‘s eine feindselige Umwelt nicht gelten lässt? Natürlich gibt es einen gesunden Zweifel, der uns veranlasst, bei größeren Rechnungen lieber nochmal die Gegenprobe zu machen – denn „Irren ist menschlich“! Doch gibt es auch einen krankhaften Zweifel, der den Geist so verunsichert, dass er nicht mal bei dem bleibt, was er mehrfach erfahren und geprüft hat. So einer zweifelt dann ganz grundlegend an seiner Fähigkeit, etwas wahrzunehmen und verlässliche Schlüsse zu ziehen. Doch das ist gerade nicht das Problem von Marie Durand. Sondern im Gegenteil: Sie leidet viel weniger an ihren Zweifeln als an ihren Gewissheiten! Nicht irgendein Zweifel plagt sie, sondern gerade die erkannte Wahrheit hält sie eisern im Griff. Ihr Glaubensstandpunkt ist Marie eben nicht fraglich, sondern sie ist an das Evangelium gebunden und hat darum ihren persönlichen Standpunkt in dem feuchten Turm – und nicht draußen! Zweifel will man ihr einreden – und zu zweifeln wäre ihr erlaubt, wenn sie denn zweifeln könnte. Es würde ihr unmittelbar gelohnt! Doch das ist es ja gerade: Jesus Christus, der selbst die Wahrheit ist, hält jeder Prüfung stand. Und gegen die Wahrheit kann man nichts machen. Gegen die Wahrheit kann man sich nicht wehren. Denn wer solang prüfen darf, wie er nur will, ohne dass sich das Ergebnis ändert – muss der sich nicht irgendwann der Wahrheit beugen? Gehört es nicht zur geistigen Gesundheit, dass, wer durch sorgfältige Prüfung zu einer Überzeugung gelangt ist, sich anschließend auch durch Spott und Drohungen nicht mehr beirren lässt? Was tut der Dissens der Anderen zur Sache, wenn die Wahrheit selbst mich überwunden hat? Und was kümmert’s die Wahrheit, ob sie bei den Herrschenden beliebt ist? Natürlich können neue Argumente und neue Fakten auftauchen – dann ist der Mensch gefordert, die Sache erneut zu untersuchen. Wenn aber nicht, darf er nicht nur bei seiner Meinung bleiben, sondern muss es auch. Ist er in seinem Gewissen der Wahrheit überführt, kann er sie nicht leugnen – und Beharrlichkeit wird ihm leicht gemacht. Deshalb meine ich nicht, dass Marie Durand 38 Jahre lang jeden Morgen neu darüber nachgedacht hat, ob sie gerade heute lügen und den Turm verlassen sollte. Sondern ich vermute, dass diese Frau mit der Zeit gar nicht mürbe, sondern immer fester wurde, bis ihre Stirn hart war wie Diamant und Kieselstein (Hes 3,8-9). Denn wenn der Gegner uns zwingt, unsre Überzeugung immer neu zu bedenken – und sie sich trotzdem mit so großer Konstanz bewährt, dass uns das Prüfen langweilig wird – dann gewinnen wir nur immer mehr Vertrauen in unser Bekenntnis. Und irgendwann scheint es albern, sich dieselbe Frage immer wieder vorzulegen, als hätte man sie nicht längst geklärt. Nicht der Glaube ermüdet dabei, sondern der Zweifel! Und wenn unser Herz nicht gespalten ist, wird es zur Gewohnheit, so und so zu denken. Es wird ein Teil unsrer Identität, dass wir bestimmte Sätze für wahr halten und bestimmte Handlungsweisen ablehnen. Irgendwann „denken“ wir nicht bloß „so“ – wir „sind“ einfach „so“. Je länger wir unseren Glaubensweg gehen, desto weniger Lust haben wir, ihn zu verlassen. Und ich gebe zu, dass dann zwischen Altersstarrsinn und Beständigkeit nicht leicht zu unterscheiden ist. Doch Marie Durand war jung! Und trotzdem hat die Strategie der Katholiken bei ihr nicht verfangen. Sie immer neu mit der Freiheit zu locken, sollte ihren Glaubensstand immer neu in Zweifel ziehen. Aber die Rechnung ging nicht auf. Sondern, wie Paulus sagt, erwuchs aus der Bedrängnis Geduld, aus der Geduld Bewährung – und aus der Bewährung Hoffnung (Röm 5,3-5). Marie Durand zeigte sich resistent gegen das, was sie erschüttern sollte. Denn, ja, natürlich: Sich zu prüfen, ist berechtigt, sich zu prüfen, ist erlaubt. Aber ab einem gewissen Punkt wird’s albern! Bevor ich in Urlaub fahre, rüttle ich dreimal an der Haustür, um sicherzugehen, dass ich sie auch wirklich abgeschlossen habe. Aber fünfmal zu rütteln, wäre pathologisch – das mache ich nicht! Und wenn mich jemand zehnmal fragt, ob ich nicht katholisch werden will, werte ich das nicht mehr als Einladung, sondern als Belästigung. Denn der Fragende will ja offenbar nur, dass ich bei meiner vernünftigen Antwort nicht zur Ruhe komme. Er hofft, dass ich irgendwann aus reinem Überdruss unvernünftig antworte, nur um Frieden zu finden und ihn loszuwerden. Doch, wenn meine Überlegungen am Montag, am Dienstag und am Mittwoch stimmten – wie wahrscheinlich ist dann, dass ich am Donnerstag zu einem anderen Ergebnis komme? Meine Entscheidung scheint dann richtig zu sein. Und wenn ich dafür leiden muss, ist es eben so. Denn wir vermögen ja nichts wider die Wahrheit (2. Kor 13,8). Und leugnen wir sie, hat es nur den Effekt, dass wir uns ins Unrecht setzen. Darum ist es klüger, sich der Wahrheit zu ergeben als der „höheren Gewalt“, die sie ja wirklich ist. Das Gewissen eines Christen ist gefangen in der Wahrheit des Wortes, das ihn zum Glauben überwunden hat. Und die Macht dieser Wahrheit, die er nicht leugnen kann, ist identisch mit der Macht Gottes, der selbst die Wahrheit ist. Wenn darum Paulus mal wieder inhaftiert wurde, schreibt er in den Briefen aus der Gefangenschaft nicht nur, dass er seine Fesseln um Christi willen „in“ und „für“ Christus trägt (Eph 4,1; Phil 1,13), sondern, dass er ein „Gefangener Christi“ – und also „sein“ Gefangener ist (Eph 3,1; 2. Tim 1,8; Phlm 1,1.9). Das klingt seltsam. Denn natürlich sind es Griechen, Römer und Juden, die den Apostel einsperren. Er sieht sich aber als einen „Gefangenen Christi“. Denn wenn ich im Gefängnis sitze, weil ich mich zu Christus bekannt habe, und Christus doch gewiss nicht will, dass ich ihn verleugne (Mt 10,33), wenn er mich aber auch nicht befreit und meine Lage nicht ändert, obwohl er das könnte (vgl. Apg 5,17-24; 12,1-17; 16,23-40) – dann bin ich nicht bloß gefangen „um Christi willen“ und in Analogie zu Christi Leiden, nicht bloß, weil sein Wort mich bindet, sondern weil Christus selbst mich bindet. Und so bin ich eigentlich nicht der Gefangene irgendwelcher Menschen. Denn größer als deren Macht, ist die Macht Christi. Er ist es, dem ich nicht entkomme, denn dazu müsste ich mich von ihm trennen. Und das ist für Christen keine Option. Es wäre das denkbar schlechteste Geschäft. Denn welcher Gewinn wäre groß genug, um mir den Verlust Christi aufzuwiegen? Freilich, die menschliche Natur hätte gern beides: Das Glück der Erde – und den Segen des Himmels obendrauf! Ein Mensch aus Fleisch und Blut würde es vorziehen, sich da nicht entscheiden zu müssen – selbst Marie Durand! Muss man sich aber entscheiden, so gibt es nicht viel zu grübeln. Kann ich meine Fesseln nicht abschütteln, ohne dabei Christus zu verlieren, ist es besser, ein „Gefangener Christi“ zu bleiben. Und wenn Christus das wirklich will, sollte es mir eine Ehre sein. Denn so ist es dem Glauben gemäß. Nicht etwa der Gläubige hat die Wahrheit ergriffen, sondern die Wahrheit ihn. Die Wahrheit ist dabei der aktive Teil: Sie nimmt uns gefangen! Sie lässt uns keine Wahl! Und ihr gegenüber machtlos zu sein – genau das, was nach Schwäche klingt – genau das macht dann die Stärke und Beständigkeit unsres Glaubens aus.
Bild am Seitenanfang:
La Cour de la prison de la Grande-Force vue d'une cellule
Dumoulin, CC0, via Wikimedia Commons
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