Glaube als Nichtstun und Stillsein

Glaube als Nichtstun und Stillsein

Die Welt, in der wir leben, ist zunehmend hektisch und nervös. Ständig ruft jemand Alarm. Ständig erhebt man neue Forderungen. Überall müsste etwas getan werden. Und immer ist es kurz vor Zwölf. Einer zeigt auf den anderen und ruft: „Tue doch was! Siehst du nicht all die Probleme? Werde endlich aktiv!“ Atemlos verlangt man, wir sollten doch nun endlich die Welt retten. Wenn man die aber fragt, die sich gegenseitig mit Appellen überschütten, erzählen viele von Stress und Überforderung. Denn die Uhr tickt. Anscheinend droht der Untergang. Und wenn wir ihn nicht aufhalten – wer dann? Die Hütte brennt an hundert Ecken, doch die Menschen kommen mit dem Löschen nicht mehr hinterher. Und so sind dann viele erschöpft und depressiv, während andere weiter Alarm schreien und sie voranpeitschen mit immer neuen Warnungen und Ultimaten. Jeder soll sich für alles verantwortlich fühlen – für den Weltfrieden und die Menschenrechte, fürs Klima und die Artenvielfalt, für die Demokratie, die Umwelt und die Zukunft überhaupt. Der Mensch soll’s richten, der Mensch hat’s angeblich in der Hand. Aber stimmt das überhaupt? Ist die Menschheit denn allein mit diesem Planeten und all den selbstgemachten Problemen? Oder zeigt der wilde Aktivismus vielleicht bloß einen Mangel an Glauben und Gottvertrauen? Viele empfinden schon diese Frage als Provokation: „Ist der denn irre? Sollen wir etwa bei all den bedrängenden Problemen auf Gott vertrauen? Müssen wir uns nicht selber helfen? Was hat schon Gott mit dieser Welt zu tun? Glaubt mal lieber an euch selbst! Glaubt an die Vernunft, an die Wissenschaft und den Fortschritt! Glaubt an die Kraft der Natur und an das Gute im Menschen! Optimiert euch selbst! Aber hofft nicht auf Gott! Auf den ist kein Verlass!“ Doch – stimmt das denn? Ist Gott seiner Schöpfung gegenüber zum Zuschauer geworden? Ist er kein Akteur mehr? Ist er „unbekannt verzogen“? Füllt er seine Rolle nicht mehr aus? Und soll das nun die Lösung sein, dass der Mensch sich müht, Gott zu ersetzen und die Lücke durch eigenen Aktivismus zu schließen? Man könnte meinen, genau das sei das Programm unsrer Zeit: „Wir müssen allmächtig werden, um die Schöpfung zu retten, denn Gott tut ja nichts! Wir müssen allwissend sein, denn Gott ist ja nicht da! Wir müssen selbst für Gerechtigkeit sorgen, denn Gott fällt aus! Wir müssen unser Leben sichern, denn auf Gott ist kein Verlass!“ Aber stimmt das denn? Und wenn‘s doch offensichtlich ein Programm der Selbsterlösung ist – können wir dann als Christen auf dieser Welle mitschwimmen? Oder müssten wir nicht als solche, die mit Gottes Dasein rechnen, auch an dem Glauben festhalten, dass er seine Welt nach wie vor in Händen hat? Müssten wir nicht, statt den vermeintlich Abwesenden mit Aktivismus zu ersetzen, dem anwesenden Gott Raum geben, damit er tun kann, was er sich vorbehalten hat – im Richten und im Rächen, im Retten und Regieren? Tatsächlich besteht Atheismus heute nicht mehr darin, dass man Gottes Dasein mit großem theoretischen Aufwand und mit Pathos leugnet, sondern dass man sich einfach praktisch so verhält, als wäre er nicht da. Und wenn die Not groß ist, appelliert man dann an die Mächtigen und die Reichen, an die Wirtschaft und die Politik, an die UNO an die demokratischen Kräfte – oder gleich an die Vernunft. Nur wer an Gott appelliert, indem er betet, der wird ausgelacht. Denn Gott markiert bloß noch die Lücke, die der Mensch schließen muss, um die Bedingungen seines Daseins endlich selbst zu garantieren und glücklich zu werden aus eigener Kraft. Freilich, die Sache will nicht recht gelingen. Der Mensch, der Gott in seinem Job beerben möchte, hat sich übernommen. Doch worin besteht die Alternative? Etwa in Gottvertrauen und Gelassenheit? In Nichtstun und Stillsein? Sollten wir uns wirklich auf die Vorsehung jenes Gottes verlassen, von dem es in der Bibel heißt, dass er helfen will und helfen kann? Ja, tatsächlich. Vielleicht bin ich der Letzte, der es so sieht: Aber ich meine, dass wir dieser Entscheidung nicht ausweichen können, weil Panikstimmung und christlicher Glaube nicht vereinbar sind. Natürlich kann und soll ein Christ in aller Gelassenheit das Nötige tun. Gott gab uns Köpfe und Arme, damit wir etwas bewirken. Doch Hektik und Sorge, schrilles Alarmgeschrei und ängstlicher Aktivismus stehen uns schlecht zu Gesicht. Denn als Christen leben wir in der Gegenwart unseres Gottes, der helfen will und helfen kann. Dem läuft nichts aus dem Ruder. Und er will, dass wir ihm vertrauen. Denn wer panisch um sich schlägt, zeigt ja ganz offen, dass er auf Gottes Fürsorge nichts gibt! Als die Jünger mit dem Schiff auf dem See Genezareth in einen Sturm gerieten, schrien sie vor Angst (Mt 8,23-26). Jesus aber, der mitten im Sturm geschlafen hatte, zeigt dafür gar kein Verständnis, sondern tadelt ihren Mangel an Glauben. Jesus findet es unpassend, wenn seine Jünger panisch werden. Denn schließlich sind sie in der Hand des himmlischen Vaters, ohne dessen Zustimmung auf dieser Erde rein gar nichts geschieht (Mt 10,29-31). Jesus stillt den Sturm und beruhigt seine Jünger. Nur weil wir Menschen die Kontrolle verlieren, heißt das nicht, dass Gott sie verlöre! Und das gilt auch für unsere so aufgeregte Zeit, in der ständig rote Lämpchen blinken. Denn der Schöpfer ist ja noch da und hat die Zügel keineswegs aus der Hand gegeben. Es wird regiert. Gott entgeht nichts. Und wer an ihn glaubt, darf gelassen sein, ohne dass er deswegen untätig sein müsste. Wir sehen das nicht zuletzt an Martin Luther, der in wahrhaft chaotischen Zeiten lebte und zur Furcht mindestens soviel Grund hatte wie die Jünger auf dem See Genezareth. Man trachtete Luther nach dem Leben! Und doch wird sein Bild oft mit der Inschrift verbunden: „In silencio et spe erit fortitudo vestra” (Jes 30,15). „Durch stille sein und hoffen würdet ihr stark sein.“ Nun ist das kein Aufruf zu Untätigkeit und Fatalismus. Denn tatsächlich war Luther ein sehr aktiver und fleißiger Mensch. Doch passt das Motto zu ihm – und zu seinem Glauben. Denn der evangelische Glaube baut inmitten aller Tätigkeit doch ausdrücklich nicht auf die eigene, sondern auf Gottes Kraft. Ein gläubiger Mensch setzt generell nicht auf seine eigenen Aktivitäten oder seine eigene Güte, sondern auf Gottes Aktivität und Güte. Der Gläubige gründet seine Zuversicht auf jenen anderen, der mehr vermag und weiter denkt. Er vertraut darauf, dass Gott ihn leben lässt, dass Gott ihm Recht verschafft, dass Gott für ihn einsteht. Und so leistet der Gläubige zwar durchaus seinen Beitrag und tut, was er kann. Er versucht aber nicht, seines Lebens „Herr“ zu werden. Denn Gott ist sein Herr! Ein Christ lebt nicht „von“ sich selbst, „aus“ oder „für“ sich selbst, sondern lebt aus der Beziehung zu Gott. Und weil er weiß, dass der für ihn da ist, kommt er gar nicht auf die Idee, er müsse selbst das Ruder übernehmen und sich damit überfordern. Denn Gott ist ja da. Und somit besteht keine Lücke, die der Mensch in hektischer Betriebsamkeit schließen müsste. Natürlich hat der Christ seine Aufgaben – und soll darin nicht träge sein! Er hat seinen Auftrag im Bebauen und Bewahren der Schöpfung und in der Erhaltung des Lebens. Die tägliche Arbeit des Christen ist in Gänze ein Mit-Wirken mit Gott, weil Gott ihm erlaubt, sein Werkzeug und sein Mitarbeiter zu sein. Doch muss der kleine Mitarbeiter deswegen nicht die Geschicke des Unternehmens lenken und meinen, er sei der Chef, von dem alles abhängt. Denn dass Gott uns zur Mitarbeit aufruft, bedeutet ja nicht, dass er uns seine Schöpfung übereignet und uns die Zügel in die Hand gibt. Nein! Gott hat weiterhin alles im Griff. Und diese Zuversicht erlaubt uns, dasjenige, worauf wir Einfluss haben, in Gelassenheit zu tun – ohne uns dabei zu überheben. Denn am Ende ist doch alle Wahrheit Gottes Wahrheit (er ist der Inbegriff derselben), und wird selbst dafür sorgen, dass sie ans Licht kommt. Alle Gerechtigkeit verdankt sich seinem Willen (er ist der Inbegriff der Gerechtigkeit), und er wird auf lange Sicht kein Unrecht dulden. Was immer lebt, ist von Gott geschaffen (er ist die Quelle des Lebens), und solange er‘s nicht verwirft, wird das Leben bleiben. Insbesondere die Christenheit ist Gottes eigenes Projekt – und kann als solches gar nicht untergehen. Ist es also nötig, ängstlich an den Fingernägeln zu kauen? Ja, wenn’s anders wäre, und das Schicksal der Welt läge in unsren Händen – da wäre Panik angesagt, und ich wäre der Erste im Schreien, Zittern und Fluchen! Doch liegt die Welt in Gottes Hand. Und weil der treu ist, darf ein Christ so ruhig schlafen wie Christus schlief im Sturm auf dem See Genezareth. Was Gott wertvoll erscheint, wird er sich nicht nehmen lassen. Was ihm aber wertlos erscheint, verdient auch unterzugehen. Den Menschen kann vieles entgleiten – und wenn man die Nachrichten hört, ist uns das meiste schon entglitten. Doch Gott hat auch dort die Kontrolle, wo wir nur noch Chaos sehen. Und sein Arm ist nicht so kurz oder so schwach, dass er ohne unsre Hilfe nicht zum Ziel käme. Was ist das also für ein anmaßendes Gerede, dass wir ständig meinen, wir müssten die Welt retten? Wenn das Neue Testament nicht lügt, dann ist sie schon gerettet! Und der wilde Aktivismus, der das nicht sehen will, ist höchst ungesund. Denn Gott gibt uns Menschen genug Raum, um Mensch zu sein. Als begrenzten Wesen hat er jedem von uns begrenzte Aufgaben zugedacht. Wir unsererseits aber sollten auch Gott den Raum geben, Gott zu sein, statt uns dauernd in seine Befugnisse hineinzudrängen und hineinzupfuschen. „Durch stille sein und hoffen würdet ihr stark sein.“ Das ist ein gutes Motto. Und man kann leicht zeigen, dass es dem biblischen Glauben entspricht. Als Israel aus Ägypten zieht und am roten Meer entdeckt, dass es der Pharao mit einem großen Heer verfolgt, da jammert das Volk, schreit und fürchtet sich. Mose aber sagt, dass sie sich furchtlos auf Gott verlassen sollen: „Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein“ (2. Mose 14,14). Und auch später, wenn Israel in Bedrängnis gerät und Kriege führen muss, gilt doch immer, dass nicht eigentlich das Volk kämpft, sondern Gott für das Volk (2. Chr. 20,15.29; Neh 4,14). Als die Kundschafter das gelobte Land gesehen haben und von der militärischen Stärke der Bewohner berichten, murrt das Volk, zögert und zweifelt, ob Gott seine Pläne umsetzen kann. Mose aber mahnt erneut, dass man Gott vertrauen soll: „Der Herr, euer Gott, zieht vor euch hin und wird für euch streiten…“ (5. Mose 1,30-31). Später erobert Israel das gelobte Land. Es geschieht aber nicht durch die Übermacht der Waffen, sondern wiederum durch Gottes Hilfe (vgl. Jos 6, Ri 7). Gottes Volk soll offenbar nicht stark sein durch die gewöhnlichen irdischen Mittel, sondern durch seinen himmlischen Beistand. Und als David das vergisst und sein Volk zählen lässt, als er die Zahl seiner Krieger wissen will, um das Gefühl der Macht zu genießen, wird ihm das als Sünde angerechnet (2. Sam 24,1-25). Denn die Zuversicht der Gläubigen rührt nicht daher, dass sie sich selbst helfen könnten, sondern dass Gott ihnen hilft. Sie sollen sich nicht auf politische Bündnisse verlassen, nicht auf Reichtum oder Macht, Klugheit oder Wissenschaft, sondern Gottes Volk soll sich stets auf ihn verlassen. Und der Einzelne soll genauso verfahren und sich in den Willen Gottes ergeben. „Gott tue und mache, was er will“ sagt Jakob Böhme. „Was er will, das will ich auch; und was er nicht will, das will ich auch nicht.“ Soll ich gehen, will ich gehen. Soll ich stillhalten, will ich stillhalten, reich sein oder arm sein, tot oder lebendig. Denn anders als im Konsens mit Gott finde ich ja doch keinen Frieden. Sei also „stille dem Herr“, rät der Psalmist (Ps 37,7). Denn wenn Gott seine Heiligen auch wunderlich führt, führt er sie doch niemals falsch (Ps 4,4). Sei darum nicht stark nach eigenem Gutdünken, sondern sei stark durch deine Bindung an Gott. Hoffe nicht auf Menschen, sondern auf ihn. Denn wer sich so fest in Gott gründet und verwurzelt, wie ein Baum im Erdreich, der ist gleich weit entfernt von Vermessenheit und Verzweiflung. Vermessen kann so einer nicht sein, weil es Gott ist, der ihn trägt. Und aus demselben Grund kann er auch nicht verzweifeln. Wer aber Gott in dieser Weise vertraut und vertrauend auf Gottes Treue setzt – wie könnte Gott den enttäuschen, ohne als wortbrüchig dazustehen? Sagt Gott nicht in tausend Varianten, dass er seine Gläubigen schützen will? Wenn‘s aber der sagt, der nicht lügen kann – wird es dann nicht zwangsläufig so kommen? Freilich, es scheint, dass Gott manchen Gottlosen erst auf einem langen Umweg durch den Himmel führt, bevor er ihn zu Hölle schickt. Und genauso hat man den Eindruck, dass Gott manchen Gläubigen erst mal auf einer Rundreise durch die Hölle führt, bevor er ihm den Himmel schenkt. Doch zuletzt findet sich jeder dort, wo Gott ihm seinen Platz anweist. Es ist unmöglich, dass einer untergeht, der auf Christus baut. Und es ist unmöglich, dass einer gerettet wird, der Christi Hilfe ablehnt. Was soll also das Zappeln, Zittern und Zagen? Ein jeder tue getrost, was er tun kann, und helfe seinem Nachbarn so entschlossen wie möglich. Aber keiner mache Christus Konkurrenz, indem er den Erlöser spielt. Denn nur einer rettet unsre Welt. Der lässt sich diese Ehre nicht nehmen. Er will seinen Ruhm auch mit niemandem teilen. Und wenn seine Jünger auf dem See in einen Sturm geraten, sollen sie nicht herumheulen. Denn schließlich ist Christus immer mit an Bord. Wollte er nicht helfen, wären wir schon verloren. Will er uns aber helfen, sind wir jetzt schon erlöst. Liebte er uns nicht, so wär’s besser, nicht geboren zu sein. Liebt er uns aber – wer will uns dann scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist? (Röm 8,31-35). Was sagen wir also? Soll man die Hände in den Schoß legen? Nein, keineswegs. Gelebtes Gottvertrauen wird niemanden hindern, sinnvolle Schritte zu tun, für den Weltfrieden, für die Menschenrechte und den Umweltschutz. Es hat ja auch Luther nicht gehindert, die Reformation loszutreten! Gott will durchaus, dass wir in die Hände spucken und unsren Job machen. Wir sollen aber nicht seinen machen – und müssen es darum unterscheiden: Wir können Blumen gießen, Kinder erziehen und mit unsern Nachbarn Frieden schließen. Wir können aufrichtig reden und arbeiten und Treue halten. Aber bitte – die Welt retten, den Himmel auf die Erde holen, das Jüngste Gericht vorwegnehmen und uns selbst erlösen, alles wissen, alles steuern und perfekt werden – das können wir nicht und lassen es besser bleiben. Denn das ist Gottes Sache. Und wir halten dabei besser die Füße still und den Mund geschlossen. Denn die Ehre des Rettens und des Richtens lässt Gott sich nicht nehmen. Und dem Glauben fällt auch gar nicht ein, ihm darin Konkurrenz zu machen. „Der stille Gott macht alles still, und ihn als den Ruhigen anzuschauen, das heißt: Ruhe haben!“ (Bernhard). 

 

 

Bild am Seitenanfang: Martin Luther (Ausschnitt)

Lucas Cranach the Elder, Public domain, via Wikimedia Commons