98 • Gemeinschaft der Gläubigen

Kann Christ-Sein auch                                                     Dieser Text als Video 

ohne Gemeinde funktionieren?   

 

„Siehe, wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!“ – so sagt es der 133. Psalm. Und Dietrich Bonhoeffer, der mit diesem Psalmwort sein Buch über das „Gemeinsame Leben“ eröffnet, weist nachdrücklich darauf hin, dass es eine große Gnade ist, wenn wir als Christen in täglicher Gemeinschaft mit anderen Christen leben dürfen. Fein und lieblich ist es, wenn wir als Glaubensgeschwister einträchtig beieinander wohnen. Der Normalzustand ist es aber keineswegs! Denn eigentlich steht ein Christ als Fremdling in der Welt und muss darauf gefasst sein, ein Einzelner zu sein, so wie die Apostel am Anfang Einzelne waren in den heidnischen Ländern. Jesus selbst lebte ganz überwiegend unter Feinden – und als es drauf ankam, stand er alleine da, weil seine Jünger flohen. Wenn es aber schon Jesus so ging, können wir dann erwarten, unter Freunden zu leben? Wurden Jesu Jünger nicht ausgesandt wie Lämmer unter die Wölfe, ausgesät und ausgestreut unter Heiden und Spötter? Bis heute müssen viele Christen ihr Leben genau so verbringen – in der Vereinzelung, unter Verfolgung oder gar im Gefängnis. Sie sehnen sich nach der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen, die mancher über Monate und Jahre hinweg nicht erleben darf. Wir hingegen, die wir täglich mit anderen Christen vertrauten Umgang haben, sollten das hoch schätzen. Denn wenn sich die Gemeinde Jesu in dieser Welt sichtbar um Gottes Wort und Sakrament versammeln darf, dann ist das schon fast eine Vorwegnahme des Himmels. Ja, Bonhoeffer meint, die leibliche Gegenwart anderer Christen müsse uns eine Quelle unvergleichlicher Freude und Stärkung sein, weil die Nähe des christlichen Bruders ein leibliches Gnadenzeichen ist für die Gegenwart des dreieinigen Gottes. Warum aber ist das so? Und warum haben wir die Gemeinschaft der Anderen so nötig?

Könnten wir nicht auch alles mit uns selbst ausmachen, so dass jeder für sich alleine seinen Glauben lebte? Nein – das ginge nicht. Und in unserer hoch individualisierten Zeit kommt es besonders drauf an, dass wir verstehen, warum es nicht geht. Denn dass ein Christ des anderen so dringend bedarf, hat seinen Grund darin, dass der Einzelne sich das befreiende Wort, von dem sein Glaube lebt, nicht selber sagen kann. Ein Christ ist ein Mensch, der sein Heil, seine Rettung, seine Gerechtigkeit nicht bei sich selbst sucht und findet, sondern bei Christus. Darum lebt ein Christ überhaupt nicht aus sich selbst, nicht aus seiner eigenen Anklage und seiner eigenen Rechtfertigung, sondern lebt aus Gottes Anklage und Gottes Rechtfertigung. Des Christen Trost und Zuversicht liegen also nicht in ihm selbst beschlossen, sondern er findet beides im Wort Gottes, das von außen zu ihm kommt. Und wenn er gefragt wird, wo sein Heil ist, sein Trost und seine Gerechtigkeit, so muss er von sich weg verweisen auf das Wort Gottes, das ihm alles zuspricht und schenkt. Nach diesem Wort hungert und dürstet ein Christ! Weil Gott nun aber das befreiende Wort des Evangeliums in den Mund von Menschen gegeben hat, damit es weitergesagt werde von einem zum anderen, darum bedürfen wir so dringend der Gemeinschaft untereinander. Schließlich kann sich keiner selber taufen oder sich selbst im Glauben unterrichten. Keiner kann sich selbst das Abendmahl reichen, keiner kann sich selber segnen, keiner kann sich selbst Absolution erteilen, keiner kann sich selber mahnen und trösten – und eben darum braucht jeder Christ seine Glaubensgeschwister als Träger und Verkünder des göttlichen Heilswortes. Was wir uns selber sagen und womit wir uns selber trösten, das bleibt immer ein wenig ungewiss. Was uns aber Bruder oder Schwester in christlicher Vollmacht sagen, das ist gewiss und ist deutlich. Darum sollten wir unsere christliche Gemeinschaft hoch schätzen, weil sie unseren Glauben nährt und stärkt durch das Wort, das wir uns selbst nicht sagen können, und auch deshalb, weil wir erst unter diesem Wort in Frieden zueinander kommen.

Ein Christ kommt zum andern nur durch Christus, sagt Bonhoeffer, aber wo wir in Christus verbunden sind, da sind wir’s auch wirklich, und sind in ihm viel tiefer verbunden, als in irgendeiner anderen Gemeinschaft. Ohne Christus und außerhalb des Glaubens stehen wir alle miteinander in latentem oder offenem Streit. Ohne Christus stehen wir immer in Konkurrenzen, und der Weg vom einen zum anderen wird versperrt durch Geltungsbedürfnis und Eigeninteresse. Lebt aber statt meiner Christus in mir, so macht das den Weg zum Bruder und zur Schwester frei, denn wo Christus Herr ist, da müssen wir nicht mehr versuchen, übereinander zu herrschen, sondern können miteinander in Frieden leben in wechselseitigem Dienst und in Einigkeit des Glaubens. Nur in Jesus Christus sind wir in dieser Weise eins, in ihm sind wir es aber wirklich und bleiben es auch, denn wer hier und heute der Gemeinschaft Christi angehört, der wird einst auch bei ihm sein in der himmlischen Gemeinschaft. Darum, sagt Bonhoeffer, wer seine Glaubensgeschwister ansieht, solle wissen, dass er ewig mit ihnen vereint sein wird in Christus. Er solle sich aber auch dessen bewusst bleiben, dass er den anderen nicht Bruder und Schwester ist durch irgendwas, nicht durch Sympathie, durch menschliches Verständnis oder Kumpanei, sondern eben nur durch Christus.

Ich bin dem Mitchristen ein Bruder nicht, weil ich ihn netter finde als den Muslim von nebenan, sondern ich bin ihm Bruder durch das, was Christus an mir getan hat. Und der Mitchrist wiederum ist mir ein Bruder, nicht weil ihm irgendwas an mir gefällt, sondern durch das, was Christus an ihm getan hat. Was uns zu Geschwistern macht, das ist das gemeinsame Bekenntnis zu Christus als dem Herrn, dem wir Gehorsam und Gefolgschaft schulden und dem wir gemeinsam unsere Erlösung verdanken. Wenn wir das aber vergessen – wenn wir vergessen, worauf unsere Gemeinschaft in der Kirche gründet, und versuchen, diese Gemeinschaft mit einem anderen Klebstoff zusammenzuhalten, muss sie dann nicht zwangsläufig zerbrechen? Wenn es nicht mehr das Bekenntnis zu Christus ist, das uns zusammenhält, sondern nur die bürgerliche Nettigkeit, die Sympathie oder die Gewohnheit, wenn es nicht mehr Gottes Wort ist, das uns verbindet, sondern nur die Macht der Kirchenleitung oder das Geld – muss dann nicht alles schiefgehen in der Kirche? Ja – sagt Bonhoeffer. Denn in Wahrheit haben wir einander nur durch Christus. Und jede andere Form der Verbrüderung, die nicht von dieser geistlichen Natur wäre, sondern bloß menschlich-seelischer Natur, müsste im Raum der Kirche eine Lüge sein. Weil aber eine Illusion von Kirche schlimmer ist als gar keine Kirche, darum dürfen wir uns an diesem Punkt nichts vormachen, sondern müssen klar und nüchtern sehen, was die Reformatoren zu ihrer Zeit auch erkannten: Eine kirchliche Gemeinschaft, die nicht aus dem gemeinsamen Glauben erwächst, und die darum nicht wirklich Gemeinschaft im Geiste ist, wird keinen Bestand haben – und sie soll auch gar keinen Bestand haben. Denn die menschlichen Wunschbilder von Kirche und die menschlichen Bemühungen um Harmonie, Verständnis und Toleranz werden in der Kirche niemals den Frieden stiften, auf den es ankommt. Oder meint jemand, aus Kirchenrecht und Finanzverfassung, aus geschicktem Management und gezielter Disziplinierung könnte die Einheit der Kirche erwachsen?

Meint jemand, die Tradition oder der gemeindliche Eigennutz, das Geld oder das vertraute bürgerliche Milieu könnten uns den Heiligen Geist ersetzen? Dass sie’s nicht vermögen, liegt offen zu Tage, und wer Augen hat zu sehen, der kann es auf die betrüblichste Weise bestätigt finden. Denn Gemeinden kann nun mal auf keinen anderen Grund bauen, als auf den, der gelegt ist, in Jesus Christus. Soll aber die evangelische Kirche aus der Misere herausfinden, so hilft ihr dabei nicht Gruppentherapie und Beziehungspflege, sondern dann hilft ihr nur das Eine, dass nämlich dem Wort und der Wirklichkeit Christi Priorität eingeräumt wird vor allem anderen. Denn echte christliche Gemeinschaft verdankt sich diesem Wort, das Wort aber verdankt sich nicht etwa der Gemeinschaft, sondern verdankt sich dem, der’s geredet hat.

Freilich: Im Konfliktfall ist die Versuchung groß, die Ordnung umzudrehen und der Gemeinschaft Vorrang zu geben vor der Botschaft: „Lasst uns erst mal die Beziehungen kitten,“ heißt es wohlmeinend „dann können wir immer noch über Inhalte reden.“ Aber hätte die Reformation jemals stattgefunden, wenn Luther und die anderen Reformatoren sich auf diese Denkweise eingelassen hätten? Vor die Wahl gestellt, ob sie das Evangelium festhalten wollen oder die Gemeinschaft der katholischen Kirche, haben die Väter unserer Kirche die Gemeinschaft fahren lassen, um das reine Evangelium zu behalten. Und wenn diese Entscheidung gegen die Gemeinschaft auch ganz gewiss weh tat, so können wir doch als evangelische Christen schwerlich leugnen, dass sie richtig war. Denn aus dem Evangelium erwuchs sehr bald neue Gemeinschaft. Die Evangelische Kirche blühte auf! Hätten die Reformatoren aber das Evangelium preisgegeben, um die Gemeinschaft mit den Katholiken zu retten, – was hätte dann aus der zerstrittenen und entleerten Gemeinschaft noch werden können? Luther und die Seinen hatten Recht darin, dem Glauben Vorrang einzuräumen vor der Gemeinschaft. Und wer sich „evangelisch“ nennt, wird die bittere und heilsame Einsicht, die sie damals gehabt und durchgehalten haben, auch in der Gegenwart beherzigen müssen. Auch unsere kirchliche Gemeinschaft wird nur dann eine Chance haben, wenn sie eine echte Gemeinschaft im Glauben ist, und wenn sich alle Beteiligten gemeinsam beugen unter den einen Herrn und unter das Wort der Heiligen Schrift.

Denn billiger ist der Ausweg aus der Krise nicht zu haben. Freundlichkeit, Toleranz und Kompromisse werden uns nicht zur Einheit verhelfen. Moderatoren, Organisationsberater und Sozialtherapeuten werden nicht bewirken, was Christus in uns wirken muss. Und angestrengte Mitmenschlichkeit wird niemals ersetzen, was an Glaubensgemeinschaft fehlt. Rückt aber Christus wieder in der Mitte, und ist es sein Geist, der unter uns weht, so werden die vielen Unterschiede im Naturell der Menschen und in ihren Interessen ganz von selbst ihre trennende Kraft verlieren.

Ja: In diesem positiven Falle werden wir dann merken, dass christliche Gemeinschaft überhaupt nicht unser Werk ist, sondern eine wunderbare, von Gott in Christus geschaffene Wirklichkeit. Und je klarer wir dann den Grund und die Kraft unserer Gemeinschaft allein in Jesus Christus erken¬nen, desto ruhiger werden wir auch über unsere Gemeinden denken, für sie beten und für sie hoffen. Vielleicht kann man eines Tages wieder sagen: „Siehe, wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!“ Gelingt’s aber nicht, so dürfen wir uns daran erinnern, dass nicht nur die Reformatoren, sondern dass Jesus selbst die Einheit im Glauben wichtiger nahm, als jede bloß menschliche Gemeinschaft oder Verwandtschaft:

 

„Als Jesus zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden. Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter, und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“

 

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