94 • Konfirmation und religiöse Identität

Was bringt einem Getauften die Konfirmation?               Dieser Text als Video   

 

Die Konfirmation ist ein Schritt in die Selbständigkeit!

Konfirmanden befinden sich im Übergang von der Kindheit zur Jugend. Sie beginnen, nach und nach ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Lange haben die Eltern fast alles für das Kind entschieden – sie gestalteten sein Leben von der Kleidung und Ernährung bis zur Freizeit und Bildung. Nun aber übernimmt das Kind einen Bereich nach dem anderen in eigene Verantwortung – auch seine eigene religiöse Identität. Und weil das nicht leicht ist, versucht die Kirche gemeinsam mit den Eltern Hilfestellung zu geben: Den Konfirmandenunterricht.

 

Die Konfirmation ist nachgeholter Taufunterricht!

Konfirmandenunterricht ist zunächst einmal nachgeholter Taufunterricht. Denn in der Frühzeit der Christenheit war die Reihenfolge der Ereignisse eine andere: Erwachsene Menschen hörten zuerst vom Evangelium, interessierten sich dafür und wurden im christlichen Glauben unterwiesen. Dann – wenn sie verstanden hatten, worum es ging – trafen sie ihre Entscheidung und ließen sich taufen. Heute ist die Reihenfolge umgekehrt: Christen lassen ihre Kinder meist schon im Säuglingsalter taufen. Sie treffen damit stellvertretend für das noch unmündige Kind eine Entscheidung, wie sie es in anderen Lebensbereichen auch tun. Es gibt gute Gründe, die für die Kindertaufe sprechen – sie macht deutlich, dass die Taufe ein Geschenk ist und keine Belohnung für Geleistetes. Aber die Kindertaufe wirft auch Fragen auf. Denn wo bleiben dabei die Unterweisung im Glauben und die eigenverantwortliche Entscheidung? Zum vollen Christ–Sein gehört das unbedingt hinzu. Wenn es also der Taufe nicht vorangeht, so muss es ihr folgen und nachgeholt werden. Und darin liegt die Aufgabe des Konfirmandenunterrichts und der Konfirmation.

 

Die Konfirmation ist Suche nach der eigenen religiösen Identität!

Der Konfirmandenunterricht soll die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Jugendliche sich über ihr Verhältnis zu Gott, zum Glauben und zur Kirche klar werden können. Und das heißt zunächst einmal: Sie müssen zuverlässig und gründlich darüber informiert werden, was es mit alledem auf sich hat. Die Fragen, auf die man dabei stößt, sind teils „allgemeiner“, teils aber auch ganz „persönlicher“ Art: Bin ich ein Zufallsprodukt oder von Gott gewollt? Was tun Menschen, wenn sie beten? Warum steht in der Kirche ein Kreuz? Gilt „Du sollst nicht töten“ auch für Tiere? Haben alle Menschen einen „guten Kern“? War Jesus ein Mensch, ein Gott oder ein Halbgott? Wohin gehen wir, wenn wir sterben? Muss ich meine Feinde lieben? Glauben Muslime an den selben Gott wie Christen? Warum dürfen evangelische Christen in der katholischen Kirche nicht zum Abendmahl? Ist mein Leben von Gott vorherbestimmt? Gibt es den Teufel? Und was feiert man eigentlich an Pfingsten?

Das ist eine ganz zufällige Auswahl von Fragen. Aber jede kann wichtig sein, wenn man verstehen will, was es bedeutet, Christ zu sein. Und nur wenn man weiß, was ein Christ ist, kann man entscheiden, ob man einer sein möchte.

 

Die Konfirmation ist ein offener Prozess!

Der Konfirmandenunterricht soll den Jugendlichen helfen, im Gespräch mit ihren Altersgenossen und dem Pfarrer Klarheit über die eigene religiöse Identität zu gewinnen. Das geht natürlich nur, wenn sie sich frei fühlen. Frei nämlich, gegebenenfalls auch eine für die Eltern unerwartete Entscheidung zu treffen – und sich nicht konfirmieren zu lassen. Das muss möglich sein und darf von den Eltern nicht sanktioniert werden. Denn nichts bringt die Konfirmation mehr in Verruf, als wenn Jugendliche sich bloß „der Geschenke wegen“ oder „den Eltern zuliebe“ konfirmieren lassen. Wer für die Konfirmation und das Christ-Sein werben will, sollte das durch sein Vorbild tun – und nicht durch große Geschenke! Er raubt sonst den Jugendlichen die innere Freiheit und verführt sie zur Heuchelei.

 

Die Konfirmation ist ein Ja–Sagen zur eigenen Taufe!

Entscheidet sich jemand für die Konfirmation, so sagt er damit „Ja“ zu seiner Taufe. Er bejaht nachträglich, was seine Eltern einmal stellvertretend für ihn entschieden haben und stellt sich mit Bewusstsein auf das Fundament, das in der Taufe gelegt wurde. Was ihm schon damals geschenkt wurde, eignet er sich nun bewusst an. Er begreift, dass Gott ihm damals in der Taufe freundlich seine Hand entgegengestreckt hat, und schlägt ein. Das setzt keine „vollkommene“ Glaubensgewissheit voraus – wer könnte schon sagen, dass er die hätte? Aber es bringt zum Ausdruck, dass jemand bereit ist, sich mit Gott auf einen Weg zu begeben.

 

Die Konfirmation ist Befähigung zum Patenamt!

Es macht einen Unterschied, ob man seinen Lebensweg „mit“ oder „ohne“ Gott zu gehen versucht. Wer diesen Unterschied im Konfirmandenunterricht kennengelernt hat und sich entschließt, Ersteres zu versuchen, der wird von der Kirche in alle Rechte und Pflichten eines Christen eingesetzt. Er kann als Konfirmierter z.B. ein Patenamt übernehmen. Denn in der Konfirmation wird ihm bestätigt, dass er die nötige Reife und die nötigen Kenntnisse besitzt, um selbst Verantwortung für die christliche Erziehung eines Täuflings zu übernehmen. Er hat gelernt, über seinen Glauben Auskunft zu geben.

 

Die Konfirmation ist Hinführung und Zulassung zum ersten Abendmahl!

Wichtiger noch als die Befähigung zum Patenamt ist die Zulassung zum Sakrament des Abendmahles. In keinem anderen Geschehen ist die Gemeinde so unmittelbar mit Christus verbunden. Denn wer am Abendmahl teilnimmt, empfängt mehr als Brot und Wein. In und mit dem Brot und dem Wein empfängt er Christi Leib und Blut (also Christus selbst) – und zugleich das, was Christus für ihn erworben hat (Vergebung, Freiheit und Ewiges Leben). Einem so heiligen Geschehen darf man sich nicht leichtfertig nähern; nicht, bevor man weiß, was man da tut und was man empfängt; nicht, bevor man sich selbst prüfen kann. Denn nur sofern wir glauben (d.h. ernstlich die Vergebung begehren, die uns da angeboten wird) sind wir würdig, das Abendmahl zu empfangen. Da dies bei Kindern noch nicht vorausgesetzt werden kann, wird ihnen in der Regel kein Abendmahl ausgeteilt. Erst durch die Konfirmation werden sie in dieses höchste Recht eines Christen eingesetzt.

 

Die Konfirmation ist kein Ende, sondern ein Anfang!

Sich konfirmieren zu lassen bedeutet, die eigene Taufe und das eigene Christ–Sein bejahen. Es bedeutet aber natürlich nicht, alle Fragen geklärt zu haben und aller Zweifel enthoben zu sein. Christlicher Glaube ist kein sicherer „Besitz“ und religiöse Identität ist nie „fertig“. Vielmehr gibt es im Glaubensleben Bewegung, stetes Wachstum, Veränderungen und auch Rückschläge. Darum kann und will die Konfirmation „die Sache mit Gott“ nicht „erledigen“. Der Prozess des „Gott-Suchens“ wird durch sie nicht abgeschlossen, sondern erst recht eröffnet. Was für viele Lebensbereiche gilt, gilt darum auch im Blick auf den Glauben: Es ist wichtig, dass ein Mensch nicht auf dem Stand seiner Jugend stehen bleibt, sondern ein Leben lang weiter wächst und reift…

 

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