Was glaubt eigentlich Gott?

Was glaubt eigentlich Gott?

Ich bin bekannt dafür, dass ich Fragen beantworte, die keiner gestellt hat. Und diesem Ruf will ich wieder einmal gerecht werden, indem ich frage: „Was glaubt eigentlich Gott?“ Ha, werden sie sagen – damit hat er den Vogel abgeschossen! Denn viele wissen nichtmal, was sie selbst glauben! Wie sollen sie da wissen, was Gott glaubt? Glaubt Gott denn überhaupt etwas – weiß er nicht schon alles? Glaubt er am Ende an sich selbst? Oder sollte Gott etwa an sich zweifeln? Die Frage ist irgendwie schräg! Aber, ja, wenn wir schon mal dabei sind, sei immerhin festgestellt, dass Gott im umgangssprachlichen Sinn des Wortes wirklich nichts „glauben“ muss. Denn umgangssprachlich mangelt es dem „Glauben“ an Gewissheit. „Glauben ist nicht Wissen“, sagen die Leute. Und da Gott tatsächlich alles weiß, muss er in diesem Sinne nichts „glauben“. Ihm ist nichts verborgen, er muss nichts vermuten – und kann daher auch an nichts zweifeln, weil er volle Kenntnis hat von allem, was jemals war und sein wird. Wenn man aber dagegenhält, dass „Glaube“ in der Bibel etwas ganz anderes meint – nämlich kein unbestimmtes „Vermuten“, sondern ein vertrauendes Sich-verlassen auf einen vertrauenswürdigen anderen, auf den man baut, an den man sich hält und auf den man sich blind verlässt – dann wird’s davon auch nicht besser. Denn Gott muss sich ja (und kann sich) auf keinen anderen verlassen als auf sich selbst. Keiner steht fest, den Gott nicht selbst hielte. An wem also sollte Gott sich „halten“, oder wer sollte ihn „stützen“? Keiner ist so wahrhaftig wie er. Wem sollte Gott also „vertrauen“? Und wenn wir hinzufügen, dass Glaube auch etwas mit Gehorsam zu tun hat (mit der Beugung unter eine höhere Autorität), dann ist Gott erst recht aus dem Spiel. Denn über ihm gibt es ja keinen, dem er sich beugen könnte. Er selbst ist die höchste Instanz und das Maß aller Dinge. Und während sich alle anderen an ihm orientieren müssen, orientiert sich Gott nur an sich selbst. Glaube schließt auch Hoffnung mit ein, könnte man noch sagen. Aber Gott muss nichts hoffen. Allmächtig wie er ist, kann er alles „machen“. Und er braucht dazu nichtmal Geduld, weil er ja selbst über den Zeitverlauf regiert. Er weiß immer schon, wie’s ausgeht. Er muss sich zu niemandem flüchten. Er muss sich vor niemandem verantworten. Und Ehrfurcht könnte er höchstens vor sich selbst empfinden! Die Frage „Was glaubt Gott?“ scheint also komplett in die Irre zu führen. Und doch, nein – es stimmt nicht ganz. Denn Glaube im biblischen Sinne ist auch noch Hingabe und Zuwendung. Glaube ist treue Verbundenheit. Glaube ist fokussiert auf ein Gegenüber, dem man sich liebend zuwendet, um mit ihm im Gespräch zu sein. Und einen „Glauben“ in diesem Sinne hat tatsächlich auch Gott – in diesem Sinne ist der Ausdruck nicht verkehrt. Denn Gott glaubt immernoch an das Projekt, das er mit seiner Schöpfung begonnen hat, und bleibt dem Menschen zugewandt. Gott glaubt immernoch, dass es kein Fehler war, sie und mich zu erschaffen. Er glaubt an den Sieg seiner Liebe über unseren Hass. Und er ist überzeugt, dass Christus nicht vergeblich starb. Gott glaubt nach wie vor, dass er Dreck in Gold verwandeln kann. Er sucht den Dialog mit den ihm entfremdeten Menschen. Er glaubt, dass sein Heiliger Geist sie vom geistlichen Tod zum Leben erwecken wird. Und das heißt kurz gesagt: Gott glaubt, dass uns noch zu helfen ist! Er lässt sich davon nicht abbringen. Und in seiner unbegreiflichen Hingabe ist er überzeugt, dass es gut ausgeht. Er bleibt uns zugewandt. Er hört nicht auf, liebend und nachdrücklich auf uns zuzugehen. Und da hinein (in diese Bewegung, mit der er sich zuwendet) legt er sein ganzes Wesen, dafür gibt er sich her, dafür wird er sogar Mensch, ja dafür setzt Gott seine Ehre und seinen guten Namen aufs Spiel. Er glaubt, dass er Anspruch auf uns hat – und dass wir noch zu retten sind. „Auweh!“ könnte man da sagen: „Ist das klug, dass Gott sein Schicksal so mit dem unsren verknüpft? Weiß er nicht, wie es in uns aussieht, und worauf er sich da einlässt? Warum engagiert er sich für Menschen, die voller Bosheit sind und aus den Fehlern der Geschichte nichts lernen? Weiß er nicht, wie gierig und feige, vergesslich und schwach wir sind? Was macht er sich für vergebliche Mühe? Uns ist doch nicht mehr zu helfen! Wie kann Gott das glauben? Die Menschheit hat sich rettungslos verstrickt in die eigenen Kniffe. Sie ist durch und durch korrupt, hat ihre Seele verkauft – und lohnt darum keinen Aufwand mehr!“ Aber, nein. Gott widerspricht dem. Und selbst wenn wir an uns verzweifeln, tut er‘s doch nicht. Denn im Sinne erbarmender Zuwendung glaubt Gott an uns – und glaubt sogar an eine gemeinsame Zukunft! Er sieht da nicht gänzlich schwarz, sondern hält an uns fest. Und dass wir noch da sind, ist der beste Beweis. Längst hätte der Schöpfer sagen können: „Diese Menschheit ist für die Tonne! Ich stampfe sie ein, wische sie von der Tafel und verschmerze den Verlust. Es war vergebliche Liebesmüh, ich habe meine Geduld schlecht investiert. Das Experiment ist gescheitert!“ Aber, nein. Gott ruft nach uns! Gerade so, als hätten wir uns nicht seit 2000 Jahren dieser Zuwendung unwürdig erwiesen! Und auf den Geburtsstationen kommen sogar noch Kinder zur Welt. Gott hat’s mit uns noch nicht aufgegeben. Und die Pfarrer predigen von Gottes Güte, als hätten wir unserem Schöpfer nicht schon hundertmal ins Gesicht gespuckt. Unglaublich, dass Gott noch nicht an uns irre wurde. Unglaublich, dass wir in seinen Plänen weiterhin eine Rolle spielen. Wir hätten ja seinen Sohn kaum schlechter behandeln können. Wenn sein Wort erklingt, stopft man sich die Ohren zu. Die Mehrheit will nichts von ihm wissen. Und doch glaubt Gott nicht nur an eine Zukunft der Schöpfung im Ganzen, sondern macht sogar Pläne für jeden Einzelnen. Er schaut sich den Allerdümmsten an und sagt: „Aus dir mache ich im Himmel einen großen Lehrer.“ Er schaut sich den Verkrüppelten an und sagt: „Du wirst im Himmel ein eleganter Tänzer sein.“ Aus den schlechten Sängern will er einen wunderbaren Chor machen. Und gerade für die Loser hält er Ehrenplätze bereit, wenn sie zu ihm zurückkehren. „Ach, Quatsch!“ sagen da manche, „Das kann ich nicht glauben! Wenn ich Gott wäre, wär‘ mir das zu dumm! Dafür wär‘ ich mir zu schade!“ Aber das ist ja gerade der Punkt, dass Gott aus unerfindlichen Gründen glaubt, wir sollten‘s ihm wert sein. Er ist jener Gastgeber, dessen Haus unbedingt voll werden soll (Lk 14,15-24). Er ist der Hirte, der dem verirrten Lamm nachgeht (Lk 15,1-7). Er ist die Frau, die geduldig den Silbergroschen sucht (Lk 15,8-10). Er ist der Vater, der sich über die Heimkehr des verlorenen Sohnes unbändig freut (Lk 15,11-32). Gott hegt da Überzeugungen, gegen die man nichts machen kann. Er ist in dieser Hinsicht unbelehrbar, lässt keinen Einwand gelten und ruht nicht, bis er uns hat, wie er uns haben will. Wir halten zwar nicht fest an ihm. Er aber hält fest an uns. Wir sehen die Welt als einen rettungslosen Haufen voller Heuchelei und Unrecht. Wir wissen nicht, wie uns noch zu helfen wäre. Gott aber hat einen eisernen Besen – und wird ihn benutzen. Uns fehlte dazu der Durchblick. Für ihn aber gibt es keine Rätsel. Und im Evangelium sagt er: „Ich mache das schon! Wartet ab, ihr werdet sehen: Ich begradige alles, was heute noch krumm ist. Was nicht passt, wird passend gemacht. Ich lege das Falsche nieder und richte das Gute auf. Ich stoße die Gewaltigen vom Thron und erhebe die Niedrigen. Ich breche den Stolz der Stolzen und tröste die Weinenden. Ich kehre das Unterste zuoberst. Ich mache alles neu. Ich jage meine Feinde aus dem letzten Versteck. Und wer mir vertraut, der ist im großen Finale auch glücklich mit dabei…“ Ist Gott also ein hoffnungsloser Idealist? Sollte das unsre Botschaft sein? Ja! Gott ist ein Idealist. Aber eben einer mit scharfen Augen und eisernen Fäusten! Einer, der auch kann, was er will. Einer, der mehr Zeit hat als jeder andere – und einen viel längeren Atem. Der Bibel ist zu entnehmen, dass er keine Niederlagen akzeptiert und seinen Kurs niemals ändert. Widerstand ist zwecklos, denn Christus kam, um zu bleiben. Und nachdem er das Evangelium proklamiert hat, ist es für Gott Ehrensache, das Versprochene auch wahr zu machen. Denn seinem Glauben folgen Taten. Und was er einmal gesagt hat, nimmt er nicht zurück. Was Macht, Wissen und Ewigkeit betrifft, ruht Gott völlig in sich selbst. Doch was seine Hingabe und Liebe betrifft, ist er heftig in Bewegung. Wir aber sind das Ziel seiner großen Bewegung. Denn der Allmächtige hat sich in aller Freiheit selbst dazu bestimmt, dass er nicht ohne die Menschen sein will, und lässt nicht von uns ab. Schwerlich sind wir für ihn ein Gewinn. Und doch hält er‘s für gut, sich mit uns einzulassen und für unsre Rettung den höchsten Preis zu zahlen. Er schenkt uns nicht nur Aufmerksamkeit, sondern schenkt uns seinen Sohn. Gott wird Mensch unter Menschen, als ob er durch diese Verbindung wirklich etwas gewönne. Er ruft, bis wir antworten. Er will seine Herrlichkeit mit uns teilen, als ob ihn dieser Großmut nicht ärmer, sondern reicher machte. Ja, Gott verhält sich, als sei er dazu bestimmt, für uns da zu sein. Dieser wunderliche Herr will seinen Knechten dienen. Für uns zu leben und zu sterben, erscheint ihm lohnend. Bei uns zu sein, gefällt ihm besser, als ungestört für sich zu sein. Es ist seine Leidenschaft, aus ungeeignetem Material Heilige zu formen! Und in diesem Sinne „glaubt“ Gott wirklich etwas. Er hält es für der Mühe wert, die Gemeinschaft mit uns wieder herzustellen. Er geht dafür den langen Weg von Nazareth bis zu uns. Er geht ihn aber völlig unbeirrt und fragt niemand um Erlaubnis. Denn nicht bloß das gelobte Land, sondern die ganze weite Welt ist sein „Grund und Boden“. Jeder, der drauf wohnt, ist genau das, was er in Beziehung zu Gott ist. Keiner hat etwas, das er nicht von Gott empfangen hätte. Da ist niemand, der ihm nicht Gefolgschaft schuldete. Und auch für die, die ihn leugnen, bleibt er das maßgebliche Gegenüber. Selbst die komplett Ignoranten können sich dem Gespräch mit Gott nicht auf Dauer entziehen. Sogar die Toten werden ihm Rede und Antwort stehen. Denn, ob wir uns nun freuen oder nicht – der Himmel kommt zur Erden. Gott rückt uns auf die Pelle. Er sucht unsre Nähe und erhebt auf uns Anspruch, nicht weil er, sondern weil wir etwas davon haben! Was aber können wir tun, wenn wir uns von der ersten Verblüffung erholen? Nun, Widerstand ist zwecklos. Die Liebe, die nach uns greift, ist allmächtig. Und wir sollten uns ihr lieber jetzt ergeben als später. Denn wenn Gott glaubt, dass uns noch zu helfen ist, dann ist das auch so. Und dass wir uns selbst aufgeben sollten, während er es nicht tut, wäre doch irgendwie absurd. Aus unerfindlichen Gründen bedeuten wir Gott mehr, als wir uns selbst bedeuten. Was soll’s also? Müssen wir etwa drauf bestehen, der Erlösung nicht wert zu sein, wenn Gott das anders sieht? Und wenn er uns halten will, die wir doch ansonsten haltlos sind – sollten wir uns zum eigenen Nachteil dagegen wehren? Nein. Gott selbst appelliert an uns, eine Zuversicht zu pflegen, die nicht auf uns, sondern auf ihm beruht: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“. „Werdet Licht, denn euer Licht kommt“. Ergebt euch nicht in Resignation, sondern „freut euch!“ (Lk 21,28; Jes 60,1-2; Phil 4,4-5). Und wer bei Verstand ist, lässt sich das nicht zweimal sagen. Gott will durchsetzen, was zu unsrem Besten dient. Aufhalten wird ihn sowieso keiner. Und so bleibt uns nur, dafür zu danken, zu staunen – und uns in Ehrfurcht zu verneigen. 

 

 

 

Bild am Seitenanfang: Christus als guter Hirte (Angermuseum)

Lucas Cranach the Younger, Public domain, via Wikimedia Commons