Gottes Gerechtigkeit

 

Dass Gott „gerecht“ ist, versteht sich fast von selbst. Denn im Allgemeinen gilt als „gerecht“, wer geltenden Normen gemäß handelt. Gottes Wille unterliegt nun aber keiner vorgegebenen Norm, sondern ist selbst die oberste Norm. Es gibt kein von Gott unabhängiges „Sittengesetz“, dem er unterworfen wäre. Sein Wille ist selbst Gesetz. Und so ist, was Gott will, allemal „richtig“. Niemand stimmt so sehr mit dem Willen Gottes überein wie Gott selbst, darum ist auch nur er vollkommen „gerecht“. Und dass er „Unrecht“ täte, ist gar nicht denkbar. Da niemand Gott gegenüber Ansprüche hat, kann Gott auch niemandes Ansprüche verletzen. Er tut, was er will, und das, was er will, ist deshalb „recht“, weil er es will. Die Eigenschaft der „Gerechtigkeit“ kommt Gott also in jedem Fall zu. 

Doch ist damit noch längst nicht ermessen, was die Bibel unter „Gerechtigkeit Gottes“ versteht. Denn der Sprachgebrauch der Bibel weicht vom üblichen weit ab. Sie nennt nicht das „Gerechtigkeit“, wenn einer geltenden Normen gemäß jedem „das Seine“ zukommen lässt (= das, was er in Anbetracht seiner Leistungen oder Fehlleistungen verdient), sondern im biblischen Kontext meint das Wort „Gerechtigkeit“ Gottes heilschaffende „Gemeinschaftstreue“. Die Stuttgarter Erklärungsbibel (Ausg. 1992, Sacherkl. S. 28) sagt: 

 

„Im Gegensatz zum deutschen Begriff „Gerechtigkeit“, der auf die Erfüllung einer formalen Rechtsnorm zielt, geht es beim biblischen Verständnis von „Gerechtig-keit“ immer um die Beziehung zwischen Personen, die in dem „rechten“, beiden Seiten „gerecht“ werdenden Verhältnis zueinander stehen sollen. „Gerecht“ ist, wer sich der idealen Form einer solchen Beziehung – sei es zwischen Menschen oder zwischen Gott und Mensch – entsprechend verhält. (…..)

„Gerechtigkeit“ bedeutet demnach von Gott her: seine Treue und Verlässlichkeit (Ps 7,18; 22,32; 111,3; Dan 9,16), die Einlösung seiner Zusagen (Ps 11,7; Jes 45,19), sein rettendes, heilschaffendes Eintreten für sein Volk (Ri 5,11; Jes 41,10; 45,8; 51,6) und als dessen Folge die Gabe von Frieden, Wohlstand, Glück und Segen (Ps 48,11; Jes 48,18; 61,11; Hos 10,12); vom Volk Gottes her: Gehorsam gegenüber Gott und seinen Weisungen (5 Mo 9,4; Jes 1,21) und das Tun des Guten und Rechten (Hiob 35,8; Hes 3,20; Eph 6,14; Phil 1,11).“ 

 

Es geht im biblischen Begriff der Gerechtigkeit also nicht um das, was wir gewöhnlich mit dem Wort verbinden. Gottes Gerechtigkeit besteht nicht darin, jedem zu vergelten, was seine Taten verdienen, das Gute zu lohnen und das Böse zu strafen. Sondern nach biblischem Sprachgebrauch ist unter Gottes „Gerechtigkeit“ seine heilschaffende Macht zu verstehen. Die katholische Kirche des Mittelalters hatte diesen überaus positiven Sinn des Wortes aus dem Blick verloren. Und evangelische Theologen werden darum nicht müde darauf hinzuweisen: Gottes „Gerechtigkeit“ ist in der Heiligen Schrift fast gleichbe-deutend mit Gottes „Barmherzigkeit“ „Gnade“ und „Treue“. Nur darf man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Denn folgt aus dem Gesagten auch schon, dass der Gott der Bibel nicht angemessen zuteilt und vergilt, was ein Mensch verdient? Fehlt mit dem Begriff der „zuteilenden“ Gerechtigkeit auch zwangsläufig die Sache, die er beschreibt? Oder ist sie vielleicht gegeben – und findet nur einen anderen sprachlichen Ausdruck? 

Meines Erachtens ist das wirklich der Fall. Und der Bibelleser kann es kaum übersehen. Denn schließlich ist an zahllosen Stellen von Lohn, Strafe und Gericht die Rede. Schon in der biblischen Urgeschichte wird von Adam und Eva über den Turmbau zu Babel bis hin zur Sintflut reichlich „vergolten“. Oder werden Sodom und Gomorrha etwa nicht gestraft? Wird Hiobs Glaube nicht am Ende des Buches durch seine Wiederherstellung „gelohnt“? Der Psalmist sagt von Gott: „Gegen die Heiligen bist du heilig, und gegen die Treuen bist du treu, gegen die Reinen bist du rein, und gegen die Verkehrten bist du verkehrt.“ (Ps 18,26-27) Und Gott selbst verspricht, die Missetat der Väter heimzusuchen an den Kindern derer, die ihn hassen, aber Barmherzigkeit zu erweisen an den Nachfahren derer, die ihn lieben und seine Gebote halten (2. Mose 20,5-6). Gottes Volk hat jederzeit die Wahl zwischen Gehorsam und Ungehorsam. Doch Gott verschweigt auch die Konsequenzen nicht, sondern sagt: „Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch: den Segen, wenn ihr gehorcht den Geboten des Herrn, eures Gottes, die ich euch heute gebiete; den Fluch aber, wenn ihr nicht gehorchen werdet den Geboten des Herrn, eures Gottes, und abweicht von dem Wege, den ich euch heute gebiete, dass ihr andern Göttern nachwandelt, die ihr nicht kennt.“ (5. Mose 11,26-28) Auch im Neuen Testament ist diese „zuteilende“ Gerechtigkeit Gottes die erwartete Regel, deren gnädige Durchbrechung (eben darum!) Aufsehen erregt. Wiederum wird das Wort „Gerechtigkeit“ nicht auf Gottes Vergelten angewandt! Aber die Sache ist im Neuen Testament keine andere: Gott verspricht, (spätestens im Jüngsten Gericht) dem bösen Tun ein böses Ergehen und dem guten Tun ein gutes Ergehen folgen zu lassen. Wenn‘s aber gerade das ist, was man gemeinhin unter „Gerechtigkeit“ versteht, sollte man es dann nicht auch „Gerechtigkeit“ nennen? Das Abweichen vom Sprachgebrauch der Bibel ist hier kein Abweichen von ihrer Botschaft. Denn der Vater Jesu Christi gibt durchaus „jedem das Seine“ und tut es auf der Grundlage seiner Gebote. Er will das Gute, das er in seine Schöpfung gelegt hat, bewahren und fördern. Das Böse hingegen, das seine Schöpfung zerstört, will er hemmen und strafen. Solange Gott das Gute bejaht, ist gar nichts anderes denkbar, als dass er das Böse verneint! Er lässt jedem zukommen, was ihm gebührt, sei es nun Segen oder Fluch. Und er handelt darin zweifellos „gerecht“, weil er (1.) seinen Willen klar und unmissverständlich offenbart hat, weil er (2.) als Schöpfer und Erhalter seiner Kreaturen Gehorsam erwarten kann und (3.) schon vorweg alle Konsequenzen aufzeigt, die Erfüllung und Nicht-Erfüllung seines Willens haben werden.

Am Sinai hat Gott die Rahmenbedingungen seines Bundes verbindlich dargelegt. Und er zeigt sich schon darin gnädig, dass er einen solchen Bund überhaupt gewährt. Er ist ja mit großen Verheißungen verknüpft! Gott ist aber auch darin gerecht und treu, dass er anschließend unverbrüchlich zum Bund, zum darin gegebenen Wort und zu seinem erwählten Volk steht. Gott handelt jederzeit in vollkommener Übereinstimmung mit seinem geoffenbarten Willen! Nur zeigt sich leider, dass Gottes Volk nicht ebenso treu ist, sondern den Bund bricht, Unrecht tut, anderen Göttern huldigt und darüber letztendlich das gelobte Land verliert. Das Versagen des menschlichen Bundespartners wird im Exil anschaulich. Und Israel gibt seinem Gott die Ehre, indem es sich das Verschulden selbst anlastet und Gottes Gerechtigkeit ausdrücklich bestätigt. 

Allerdings ist das Versagen so allgemein, dass auch jenseits des alten Bundes-volkes kein Mensch übrig bleibt, der durch Erfüllung der Gebote (= durch Werke des Gesetzes) Gerechtigkeit erlangen könnte. Paulus sagt: „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer.“ (Röm 3,10) „…sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten.“(Röm 3,23) 

Wenn aber alle Menschen versagen – wie wirkt sich dann Gottes vergeltende und zuteilende Gerechtigkeit aus? Sie verliert die positive und segensvolle Seite, die sie haben könnte, wenn der Mensch treu wäre. Und übrig bleibt nur die düster-bedrohliche Seite dieser Gerechtigkeit. Denn da ist keiner so aufrichtig und gut, dass ihm die freundlichen Verheißungen des Gesetzes gelten könnten. Gemessen am Gesetz verdient kein Sünder einen Lohn, sondern jeder die maximale Strafe. Gibt Gott einem Sünder, was ihm gerechterweise zukommt, gibt er ihm den Tod. Gottes Wille zum Guten wird den Bösen notwendig zum Verhängnis. Und wer das erkennt (wie es der Mönch Martin Luther mit großem Schrecken erkannte!), wird diese – streng nach Verdienst zuteilende – „Gerechtigkeit Gottes“ nur hassen können. Denn mag das Gesetz Gottes an sich auch noch so gut und heilig sein, wird es dem Sünder doch zum Stolperstein. Gottes vergeltende Gerechtigkeit besiegelt seinen Untergang und ist insofern „zum Fürchten“.

Die gute Nachricht, die das Evangelium für Sünder bereithält, ist nun, dass es noch eine andere Art der „Gerechtigkeit Gottes“ gibt. Nämlich eine, durch die Gott nicht bloß gerecht ist, sondern gerecht macht! Hier wird Gott in dem Sinne „gerecht“ genannt, wie man Essen als „gesundes Essen“ bezeichnet. Nämlich nicht um einer Gesundheit willen, die das Essen selbst „hat“, sondern um der Gesundheit willen, die es „bewirkt“. Es geht dabei um eine Gerechtigkeit, die Gott mitteilt, und die der Mensch im Glauben ergreifen kann. Denn Gott hat durchaus keine Freude daran, seine missratenen Geschöpfe zu verdammen. Vielmehr hat er Freude daran, sie zu retten (Hes 33,11; Jes 55,7; Joel 2,12-13). Und er tut das indem er in Christus und durch den Heiligen Geist einen Weg öffnet, auf dem Sünder Gnade, Vergebung und Gerechtigkeit erlangen können. Gott beschließt, denen, die in der Nachfolge Jesu den Glaubensweg gehen, nicht zu geben, was sie mit ihrer Sünde verdienen, sondern das, was sie in ihrer Not brauchen. Statt zu vergelten, deckt er ihren Bedarf, und erweist sich darin als geradezu empörend großzügig. Denn womit hätte Zachäus wohl verdient, dass Christus sich ihm freundlich zuwendet (Lk 19,1-10)? Womit hätte der verlorene Sohn verdient, dass ihn der Vater so freudig wieder aufnimmt (Lk 15,11-32)? Womit verdient der Schalksknecht den großen Schuldenerlass, der ihm die Sklaverei erspart (Mt 18,23-35)? Und womit verdienen die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen, dass man sie von der Straße holt und zum festlichen Abendmahl lädt (Lk 14,15-24)? Womit verdient der Schächer am Kreuz, nach einem verpfuschten Leben in den Himmel einzugehen (Lk 23,39-43)? Und womit verdienen die Arbeiter, die erst kurz vor Schluss in den Weinberg kamen, den vollen Tageslohn (Mt 20,1-16)? 

Nach den Maßstäben vergeltender „Leistungsgerechtigkeit“ muss das von Jesus verkündigte gnädige Handeln Gottes ganz „ungerecht“ erscheinen. Denn Gott lässt Gescheiterten zukommen, was sie nötig haben, und schenkt ihnen durch Christi Hingabe am Kreuz eine Gerechtigkeit, die nicht sie selbst, sondern die Christus „für sie“ leistet. Gott bringt Sünder durch den Glauben in so enge Verbindung mit seinem Sohn, dass er ihr Unrecht Christus, und Christi Gerechtigkeit ihnen zurechnen kann. Da ihnen selbst alle Gerechtigkeit fehlt, lässt er sie teilhaben an seiner eigenen, göttlichen Gerechtigkeit. Eben das ist die Gnade, die in Christus erschienen ist! Und durch sie kommt eine positive Möglichkeit neu hinzu, die direkt an den biblischen Sprachgebrauch der heilschaffenden und schenkenden Gerechtigkeit Gottes anknüpft: 

Man kann diese schenkende Gerechtigkeit Gottes, die Sündern Gerechtigkeit schenkt, gar nicht hoch genug preisen. Und man muss sie sorgsam von aller „zuteilenden“ Gerechtigkeit unterscheiden, weil die schenkende Gerechtigkeit Gottes gerade nicht vergilt, sondern vergibt. Sie spricht den gerecht, der es – auf sich selbst gesehen – nicht ist (vgl. Röm 3,25-26). Aber ist damit alles obsolet, was oben über Gottes zuteilende und vergeltende Gerechtigkeit gesagt wurde? Wird sie durch das Evangelium restlos aufgehoben? Gilt jetzt in jeder Hinsicht nur noch Gnade? Derartiges zu behaupten, ist heute sehr in Mode. Man meint sogar es sei typisch „evangelisch“, Gottes Richten und Strafen als mittelalter-liches Missverständnis abzutun. Doch das entspricht weder der Theologie der Reformatoren noch der Botschaft des Neuen Testamentes. Denn dem ist immer beides zu entnehmen: (1.) Wer das Heil annimmt, das im Evangelium angeboten wird, der hat es auch. (2.) Wer’s aber ausschlägt und ablehnt, dem kann und wird es nichts nützen. 

M.a.W.: Der Sünder, der in den Neuen Bund nicht eintritt, verbleibt in seiner alten Misere. Lässt er sich das Gnädige nicht gefallen, das Christus an ihm tun will, bleibt er unter dem Zorn. Und infolgedessen ist der Vater Jesu Christi nun in zweierlei Weise „gerecht“ – indem er nämlich denen, die durch ihren Glauben im Neuen Bund stehen, gibt, was sie brauchen, und den anderen, die sich durch ihren Unglauben selbst davon ausschließen, weiterhin gibt, was sie verdienen. Dies Letztere hat Jesus keineswegs bestritten oder dementiert! Denn so sehr Jesu Heilswerk einen schützenden Raum der Gnade eröffnet, in den hinein sich Sünder retten dürfen, so klar bestätigt Jesus auch, dass jenseits dieses Raumes weiterhin die vergeltende Gerechtigkeit Gottes wirkt, die unerbittlich Strafwürdi-ges straft. 

Der Schalksknecht, der die von Gott erfahrene Gnade nicht an andere weitergibt, bekommt seine Hartherzigkeit vergolten (Mt 18,23-35). Die Gäste, die vom König zum Hochzeitsmahl seines Sohnes geladen werden, erfahren reine Gnade. Als sich darunter aber ein Gast ohne hochzeitliches Gewand findet, wird ihm das vergolten (Mt 22,1-14). Der Schächer, der zur Rechten Jesu gekreuzigt wird, erlangt die Gnade, die er braucht. Der Schächer zur Linken hingegen empfängt, was er verdient (Lk 23,39-43). Der verzweifelt betende Zöllner findet im Tempel Gnade und kehrt „gerechtfertigt“ heim. Der dünkelhafte Pharisäer hingegen geht – seiner Anmaßung entsprechend – leer aus (Lk 18,9-14). Auch sonst stehen in Jesu Verkündigung beide Ordnungen hart nebeneinander! Er preist die unverdiente Gnade, die der himmlische Vater den Unmündigen, Mühseligen und Beladenen zuteilwerden lässt (Mt 11,25-30), und verkündet im selben Atemzug, dass die unbußfertigen galiläischen Städte verdientermaßen in die Hölle hinuntergestoßen werden (Mt 11,20-24). Jenen Städten bestimmt Gott ein böses Schicksal, weil sie böse sind. Den Mühseligen und Beladenen aber bestimmt Gott ein gutes Schicksal, nicht etwa weil sie, sondern weil er (!) gut ist. Selbst im Jüngsten Gericht wird zunächst in das Buch der Werke geschaut – und erst dann in das Buch des Lebens! Nur jene, die durch Gottes Lamm in der Gnaden-ordnung stehen, sind Gottes vergeltender Ordnung entnommen (Apk 20,11-15)! 

Was soll man aber anderes daraus folgern, als dass für Jesus und das Neue Testament beide Ordnungen (statt sich abzulösen) zeitgleich nebeneinander in Geltung stehen? Nachdem das Evangelium in der Welt ist, hat Gott keineswegs aufgehört, im vergeltenden Sinne „gerecht“ zu sein! Er nimmt davon zwar alle aus, die in der Gnade stehen – das ist wahr und nicht hoch genug zu preisen! Aber wo man seine Gnade abweist, darf man sich nicht wundern, wenn Gott weiterhin denen Schlimmes tut, die Schlimmes tun, und die verneint, die ihn verneinen… 

Ein Christ weiß darum – und ist froh, im Raum der Gnade zu stehen. Er insistiert keineswegs auf dem Ergehen, das sein Tun verdient, sondern freut sich darüber, dass die Gnade Christi diesen Zusammenhang durchbricht und ihm das Verdiente erspart. Ein Christ ist „gerecht“ bzw. „gerechtfertigt“, weil er an der Gerechtigkeit Christi teilhat, weil seine Strafe getragen ist und Gott ihn freispricht. Diese spezielle Gerechtigkeit aber, mit der er Gott „recht“ ist, unterscheidet sich maßgeblich von allem, was gewöhnlich unter „bürgerlicher“ oder „ethischer“ Gerechtigkeit verstanden wird – und darf keinesfalls damit vermengt oder verwechselt werden. Die Gerechtigkeit eines Christen besteht nicht in einem der Rechtsnorm der Gebote entsprechenden Handeln, das er selber „erbringen“ und anschließend „vorweisen“ könnte. Seine Gerechtigkeit ist keine menschliche Qualität, die Gott anerkennen oder honorieren müsste. Und sie entsteht auch nicht daraus, dass er sich selbst mit Gründen verteidigt, entschuldigt oder rechtfertigt. Sondern ganz im Gegenteil setzt solche Gerechtigkeit voraus, dass der Mensch seine Schuld vollumfänglich anerkennt und auf jeglichen Versuch der Selbstrechtfertigung verzichtet. Die Gerechtigkeit Christi bleibt stets eine Leihgabe, an der er nur kraft seines Glaubens teilhat. Und wenn sie auch durchaus einen Impuls zu guten Werken einschließt, wird sie doch nie zur „vorweisbaren“ Gerechtigkeit im Sinne ethischer Perfektion. Christus selbst ist unsere Gerechtigkeit, die sich darum nicht an ethischen Normen, sondern ausschließlich an der Beziehung zu ihm festmacht. Christus ist es, der uns in seinen eigenen Gnadenstand mit einbezieht. Und genau so weit, wie wir in ihm, und er in uns ist, genau so weit sind wir auch „gerecht“. Man darf sich also nicht verwirren lassen. Ein Christ bringt zwar Gott das Vertrauen entgegen, das Gottes Treue gebührt, und den Dank, der Gottes Barmherzigkeit gebührt – in diesem Sinne lässt der Glaube Gott Gerechtigkeit widerfahren! Aber nicht um dessentwillen sind Christen „gerecht“ (weil ihre innere Haltung so gut und verdienstvoll wäre), sondern sie sind es allein um Christi willen. Sie leben nicht von ihrer eigenen Treue, sondern von seiner. Und das ist auch schon der Unterschied, auf den hier alles ankommt. Denn lasse ich Christus meine Gerechtigkeit sein, so brauche ich zu meinem Heil keine andere mehr – und finde Frieden inmitten großer Schuld.

 

Fazit: Die schenkende Gerechtigkeit Gottes setzt seine zuteilende Gerechtigkeit nicht für alle Sünder außer Kraft, sondern nur für die, die glaubend durch Christus der Gnade teilhaftig werden. Jenseits dieses Raums der Gnade bleibt es dabei, dass Gott dem Menschen vergilt, was seine Worte und Taten verdienen. Darum stehen im Ergebnis wieder eine positive und eine negative Möglichkeit nebeneinander: