Haben Christen und Muslime denselben Gott?

 

1. 

In letzter Zeit wird viel darüber diskutiert, ob Christen und Muslime denselben Gott haben. Und die Verwirrung diesbezüglich ist groß. Denn einerseits weiß man um die historische Verbindung beider Religionen, die sich beide auf den Gott Abrahams beziehen. Und andererseits weiß man um den tiefen Gegensatz, der Christen und Muslime jahrhundertelang in Konflikte gestürzt hat. Beide Seiten scheinen sich darin einig zu sein, dass es nur einen Gott gibt. Und doch erwächst daraus keine Nähe und Vertrautheit, sondern heftige Konkurrenz. Solche Konkurrenz ist in Zeiten der Globalisierung natürlich ein Störfaktor. Sie ist politisch nicht gewollt. Und sie wird von den weniger religiösen Zeitgenossen auch nicht mehr verstanden. Denn denen ist Glaube keine Herzensangelegen-heit. Und Wahrheiten kennen sie sowieso nur im Plural. Darum scheint ihnen, dass doch alle Religionen letztlich dasselbe meinen, und man die Unterschiede in den Glaubenssystemen und Riten nicht so wichtig nehmen muss. Ihr Lieblingsargument ist aber ein scheinbar ganz logisches und unwidersprech-liches, denn – so sagen sie – „Wenn Christen und Muslime überzeugt sind, dass es nur einen Gott gibt und daneben kein anderer existiert, dann haben sie zwangsläufig denselben Gott. Haben sie aber denselben Gott, so unterscheiden sie sich nur in den Formen der Verehrung. Und die sind doch bloß verschiedene Ausdrucksformen derselben guten Absicht, die einander gar nicht ausschließen, sondern ergänzen…“  Ja, wie man heute in „evangelisch“ und „katholisch“ nur noch Spielarten des Christlichen sieht, so will man „christlich“ und „muslimisch“ als Spielarten ein und desselben monotheistischen Glaubens begreifen. Und als Beitrag zur Versöhnung ist das vielleicht „gut gemeint“. Aber „gut gemeint“ ist noch nicht „gut gemacht“. Und darum müssen wir näher hinsehen, ob das Argu-ment denn auch wirklich leistet, was es leisten soll. 

 

2. 

Stimmt es, dass Christen und Muslime denselben Gott haben? Ich meine, dass sich schon in der Formulierung ein großes Problem verbirgt. Denn der Ausdruck “einen Gott haben“ ist doppeldeutig. Und das Argument leuchtet nur darum ein, weil der Ausdruck einmal so und einmal anders verwendet wird. „Einen Gott haben“ kann nämlich heißen, faktisch in der Gegenwart eines einzig-wirklichen Gottes zu leben (auch wenn man davon vielleicht nichts weiß). Oder „einen Gott haben“ kann heißen, bewusst an ihn zu glauben, ihn zu erkennen, zu bekennen und zu verehren. Im ersten Fall wird nur die Wirklichkeit Gottes festgestellt. Alle Menschen haben denselben Schöpfer. Und ihre religiöse Haltung spielt dabei keine Rolle. Denn in diesem Sinne „haben“ auch die einen Gott, die gar nicht an ihn glauben – oder an hundert verschiedene Götter glauben. Sie alle leben faktisch in der Gegenwart eines einzig-wirklichen Gottes, sie mögen es wissen oder nicht! Doch im zweiten Sinne meint „einen Gott haben“ etwas ganz anderes! Denn man kann den Ausdruck auch so verstehen, dass, wer einen Gott „hat“, zu ihm in bewusster Beziehung steht. Und dann heißt „einen Gott haben“, mit Herz und Gemüt an ihm zu hängen, ihn zu lieben und zu fürchten, seinen Segen zu erbitten, ihn zu erkennen und vor der Welt zu bezeugen. Diese zweite Bedeutung des Ausdrucks ist von der ersten völlig verschieden! Jenes populäre Argument gewinnt aber seine Schlagkraft daraus, dass es heimlich von der ersten Bedeu-tung des Ausdrucks zur zweiten übergeht und sich damit die Schlussfolgerung erschleicht. Am Anfang der Beweisführung wird „einen Gott haben“ im ersten Sinn des Ausdrucks verwendet und entsprechend richtig geurteilt. Denn tatsächlich leben alle Menschen in der Gegenwart des einzig-wirklichen Gottes. Doch dann wechselt man von einer Bedeutung des Ausdrucks zur anderen und folgert, dass all diese Menschen, wenn sie einen Gott verehren, zwangsläufig auch jenen einzig-wirklichen meinen. Man unterstellt, dass sie automatisch den „richtigen“ Gott anbeten, weil ja gar kein zweiter zur Verfügung steht! Und das ist ein Fehlschluss, weil man vergisst, dass auch falsche Götter verehrt werden, die bloß menschliche Gedankenbilder und Illusionen sind. Wenn es nur einen Gott gibt, heißt das noch längst nicht, dass alle religiösen Menschen diesen einen auch kennen und verehren! Offenkundig wird der Denkfehler aber, wenn man das faule Argument auf den Begriff der Wahrheit überträgt. Auch da könnte man sagen: „Es gibt nur eine Wahrheit – die nämlich, die zutreffend beschreibt, was wirklich der Fall ist. Und eine andere, alternative Wahrheit gibt es nicht. Also haben alle Menschen dieselbe Wahrheit und wenn sie davon reden, meinen sie auch dieselbe. Alle haben die Absicht, die Wahrheit zu sagen. Es gibt auch nur eine. Und also sagen im Grunde alle dasselbe und drücken sich nur unterschied-lich aus…“ 

Merken sie, dass das so nicht funktioniert? Es klingt logisch, ist aber nicht logisch. Weil es nur eine Wahrheit gibt, folgert man, es gäbe zu ihr keine Alternative, und alle Menschen müssten darum derselben Wahrheit anhängen. Man vergisst aber, dass es zur Wahrheit jene Alternative gibt, die man Irrtum nennt! Genauso folgert man, weil es nur einen Gott gibt, gäbe es zu ihm keine Alternative, und alle religiösen Menschen müssten darum denselben verehren. Man vergisst aber, dass es zum wahren Gott jene Alternativen gibt, die man Abgötter und Götzen nennt. Und das Argument erweist sich damit als falsch. Denn wäre es gültig, müsste jeder, der die Wahrheit sucht, sie aus Mangel an Alternativen auch finden. Und jeder religiöse Mensch müsste aus Mangel an Alternativen den wahren Gott verehren, was offensichtlich nicht der Fall ist! 

 

3. 

Gehen wir also „zurück auf Anfang“ und setzen wir neu an mit der Frage, wie denn Menschen im Alltag klären, ob sie „dasselbe“ meinen oder „verschiedenes“. Ich denke, das übliche Verfahren besteht darin, dass wir uns auf beiden Seiten die Eigenschaften beschreiben lassen. Und solange alle genannten Eigen-schaften übereinstimmen, urteilen wir, dass es sich um denselben Gegenstand handeln könnte. Sobald aber auch nur eine Eigenschaft deutlich abweicht, gehen wir davon aus, dass es nicht derselbe Gegenstand ist, sondern nur ein ähnlicher. Ein Beispiel. Es treffen sich zwei Männer, und der eine erzählt: „Mein Auto ist blau, es hat vier Räder und wurde in Wolfsburg gebaut.“ „Toll“, sagt der andere, „das trifft alles auch auf mein Auto zu.“ Aber fahren sie deswegen dasselbe Auto? Nein – es reicht, eine einzige Differenz zu benennen, und schon ist klar, dass es verschiedene Autos sind. Denn wenn der eine z.B. sagt „mein Auto hat ein Automatikgetriebe“, und der andere „meins nicht“, ist die Sache schon geklärt. Sagt einer zum anderen: „Mein Lieblingsrestaurant befindet sich in der Innenstadt.“ Und der andere sagt „meins auch!“, so könnte es sich um dasselbe Restaurant handeln. Der erste sagt: „Bei meinem muss man zwei Wochen im Voraus reservieren!“ Sagt der zweite: „Bei meinem auch!“ Sagt der erste aber „es ist ein italienisches Restaurant“, und der zweite „nein, es ist ein chinesisches“, ist der Fall wieder klar… Vielleicht behaupten beide, ihr Lieblingsrestaurant sei das beste Restaurant weit und breit! Sie sind sich auch darüber einig, dass in einer Stadt nur ein Restaurant „das beste“ sein kann – es gibt ja nicht zwei „beste“! Aber wäre daraus zu folgern, dass sie dasselbe meinen? Meint nicht trotzdem der eine den Italiener, und der andere den Chinesen? Die Religionen sagen auch alle, sie verehrten den „wahren“ Gott, und das klingt, als sprächen sie von demselben. Aber der Eindruck entsteht nur, weil sie mit demselben Begriff sehr Verschiedenes bezeichnen, wie das auch sonst oft geschieht. Gehen sie nur mal in eine Filiale der AOK und fragen sie, ob es dort die günstigste Krankenver-sicherung gibt. Die Antwort lautet bestimmt „ja“. Stellen sie dieselbe Frage bei der Barmer, bei der Techniker-Krankenkasse und bei weiteren Anbietern. Die Antwort lautet immer „Ja, hier bei uns bekommen sie den günstigsten Vertrag!“ Aber folgt daraus etwa, dass alle Krankenkassen dasselbe verkaufen? Prüfen sie Parteiprogramme! Da werden sie finden, dass die SPD für „Gerechtigkeit“ und für „Sicherheit“ ist. Und – Überraschung! – die CDU ist auch für „Gerechtigkeit und Sicherheit“. Die Linken, die Grünen und die FDP sind alle für „Gerechtigkeit und Sicherheit“. Aber dürften wir daraus folgern, dass die Parteien sich einig sind und alle dasselbe wollen? Jeder merkt, dass die Parteien zwar dieselben Schlagworte verwenden, sich dabei aber ganz Verschiedenes denken! Wenn also Christen, Muslime, Esoteriker, Juden und Hindus alle dasselbe Wort verwenden, um von „Gott“ zu reden – was besagt das schon? In der Beschreibung Gottes mögen sich große Übereinstimmungen finden, wie es ja auch viele blaue Autos gibt, die in Wolfsburg gebaut wurden. Aber „derselbe“ Gott könnte es nur sein, wenn es keine wesentliche Differenz gäbe. Und die gibt es durchaus. Denn Christen beten immer zu dem dreieinigen Gott, und Muslime tun das nie. Christen haben durch Jesus im Heiligen Geist den Zugang zum Vater (vgl. Eph 2,18; Gal 4,6; Hebr 7,25). Und Muslime haben den nicht. Christen meinen auch nie einen anderen Gott, als den, der zugleich Vater, Sohn und Heiliger Geist ist. Und Muslime versichern ausdrücklich, dass sie diesen Gott nicht meinen und zu so einem nie und nimmer beten würden. Für beide Seiten sind das zentrale und unverzicht-bare Aussagen über das Wesen Gottes. Und da sie sich logisch ausschließen, können nicht beide Seiten gleichzeitig Recht haben. Denn entweder ist Gott dreieinig – oder er ist es nicht. Er ist aber nicht beides zugleich. Christen behaupten etwas von Gott, das Muslime kategorisch ausschließen. Und wenn es trotzdem nur einen Gott gibt, dann muss sich eine Seite in dem, was sie über ihn sagt, gewaltig irren. Die Schlussfolgerung kann nur lauten, dass es den Gott der anderen Religion, so wie sie ihn beschreibt, nicht gibt, weil der Gott, den es gibt, wesentlich anders beschrieben werden muss. 

 

4. 

Bestreiten wir damit, dass es in der Rede von Gott große Übereinstimmungen gibt? Keineswegs! Man kann dankbar anerkennen, dass sich hinsichtlich der Allmacht und Ewigkeit, der Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes viele Aussagen ähneln. Der Gott, den Christen verehren, ähnelt zweifellos dem, den Muslime verehren! Aber Ähnlichkeit ist nun mal nicht dasselbe wie Identität, sondern – ganz im Gegenteil – schließt Ähnlichkeit Identität aus. Man sagt nicht „Peter ähnelt sich selbst“, sondern „Peter ähnelt Hans“. Wir reden überhaupt nur von Ähnlichkeit, wenn die Gegenstände, um die es geht, unterscheidbar sind. Und erweist sich ihre Ähnlichkeit als „groß“, ändert das wenig. Denn wenn es das Original nur einmal gibt, muss das andere eine Kopie sein. Unbestritten haben Muslime und Christen dieselbe Absicht. Sie wollen den einen Gott verehren, der Himmel und Erde geschaffen hat. Doch steht nicht die Absicht in Frage, sondern der Erfolg. Und der kann unmöglich beiden Seiten zugesprochen werden. Denn man kann nur angemessen verehren, was man kennt. Wer aber den dreieinigen Gott nicht als Dreieinigen kennt, kann ihn als solchen auch nicht anbeten, sondern betet zwangsläufig zu einem Gott, der nicht der Vater Jesu Christi, sondern sehr „anders“ – und also höchst wahrscheinlich „ein Anderer“ ist. Man möge diese Feststellung nicht polemisch missverstehen! Wir gestehen der muslimischen Seite zu, dass sie im Blick auf uns Christen zu derselben Ein-schätzung gelangen muss! Und wir freuen uns sogar, dass sie der Wahrheit näher kommen als die Atheisten und Polytheisten. Aber solange das Wesentliche fehlt, ist knapp daneben leider auch vorbei. Wir können für Muslime beten und hoffen, dass sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Aber wir können nicht so tun, als ob sie sie schon hätten. Denn Christus ist die Wahrheit (Joh 14,6). Muslime verehren keinen Gott, dessen Sohn am Kreuz starb. Christen aber verehren keinen anderen, als gerade diesen. Warum sollten wir uns also einreden, wir seinen „Glaubensgeschwister“? Es ist schon viel, wenn jeder das Fremde in seinem Fremdsein stehen lässt und die abweichende Überzeugung respektiert. Denn da wird nichts anderes draus: Christen beten immer zum dreieinigen Gott. Muslime legen größten Wert darauf, dass sie das niemals tun. Diese Differenz muss man ehrlich benennen. Und wenn das dann gemeinsame Gebete und Gottesdienste ausschließt, ist daran gar nichts „schlimm“. Denn in Frieden und Achtung miteinander leben kann man natürlich trotzdem. Es müssen sich nur alle darüber im Klaren sein, dass Zwang und Gewalt in Glaubensfragen nichts ausrichten. In der Gotteserkenntnis muss alles durch Gott geschehen. Denn nur er kann Erleuchtung schenken! 

 

5. 

Sind wir soweit aber gekommen – wie steht es dann mit dem Judentum? Müssen wir die genannten Argumente nicht auch auf das Judentum anwenden und – ganz entsprechend – auch den Gott Israels vom dreieinigen Gott der Christenheit unterscheiden? Das wäre folgerichtig und unausweichlich, wenn da nicht Jesus Christus wäre, der seinen himmlischen Vater ganz offensichtlich mit dem Gott Israels identifiziert. Jesus lebt als Jude unter Juden! Wenn er in der Synagoge predigt, bezieht er sich selbstverständlich auf das Gotteswort des Alten Testaments! Und bei allem Neuen, das mit ihm beginnt, fällt es Jesus doch nie ein, dem Volk Israel einen „neuen Gott“ zu verkünden. Er redet von Gott zweifel-los „anders“ als die Pharisäer und Schriftgelehrten! Aber er redet von keinem „Anderen“. Ist also der Vater Jesu Christi nach Jesu eigener Überzeugung der Gott Israels, kann die Christenheit an dieser Auskunft „aus erster Hand“ nicht zweifeln. Der Gott des Alten Testaments ist auch der des Neuen! Darum kann man als Christ wohl bedauern, dass Israel seinen Gott nicht als den Dreieinigen erkennt, man kann aber nicht bezweifeln, dass es der Dreieinige ist. Jesus Christus bekennt sich zu ihm, also ist es auch derselbe Gott, an den wir Christen glauben. Und infolgedessen haben wir zum Judentum eine völlig andere Beziehung als zu den Muslimen. Es ist nicht die Glaubenslehre dieser Gemein-schaften, es ist allein das Zeugnis Jesu, das hier den Unterschied macht! Das aber können wir als Christen nicht ignorieren.

Ist das verwirrend? Vielleicht. Man kann hier auch leicht jemandem Unrecht tun. Und darum will ich mit der Bitte schließen, dass Gott allen vergeben möge, die aus Unkenntnis nicht richtig von ihm reden, und bald den Tag kommen lasse, an dem er auch den Letzten vom Irrtum befreit. Denn zumindest in diesem Wunsch können sich Juden, Christen und Muslime ganz einig sein…