Gottes Gnade

 

Wer den Charakter eines Menschen beschreiben soll, merkt schnell wie schwer das ist. Denn wenn wir die Person gut kennen, fallen uns zwar Eigenschaften ein, die zu ihrem Wesen dazugehören. Aber eigentlich müsste man jede dieser Eigenschaften noch einmal näher erklären. Schließlich kann ein Mensch durchaus „tierlieb“ sein – und Katzen mag er trotzdem nicht. Man kann ihn sehr „gesprächig“ finden – aber vor dem Frühstück gilt das noch nicht. Vielleicht ist er eine „Frohnatur“ – aber wenn er getrunken hat, wird er dennoch melancholisch. Und während ihn seine Kinder immer als „spendabel“ erleben, ist er Bettlern gegenüber sehr geizig. So „höflich“ er sonst auftritt – wenn er belogen wird, kann er ziemlich aus der Rolle fallen. Und überhaupt ist er generell „nett“, wenn nicht am Vortag sein Fußballverein verloren hat. Keiner seiner Freunde findet ihn sonderlich „hilfsbereit“, doch – seltsam! – der hübschen Nachbarin geht er immer gern zur Hand. Ist der Mensch deswegen aber „kompliziert“? Oder ist die Beschreibung „widersprüchlich“? Nein. Ich finde sie ganz normal und glaubhaft. Denn die Person ist ja wirklich „so und so“. Aber eben nicht zu jedem, zu jeder Zeit und in jeder Beziehung. Und wenn man ihren Charakter mit Gewalt auf drei oder vier Eigenschaften reduzieren wollte, wäre das zu pauschal. Denn die näheren Bestimmungen, wann, wie und in welcher Hinsicht sich eine Eigenschaft zeigt, gehören zum Bild dazu. Und wenn man sie unter den Tisch fallen lässt, ist der Mensch nicht mehr treffend beschrieben.

Doch warum erzähle ich das? Nun, weil es sich mit Gott ganz ähnlich verhält. Und weil alles Reden über Eigenschaften Gottes in die Irre führt, wenn man nur ein paar Wesenszüge aufzählt und meint, damit sei es getan. So zu verfahren wird schon einem Menschen nicht gerecht! Wie sollte es also genügen, um das Wesen Gottes zu erfassen? Natürlich können wir der Bibel eine Liste von Adjektiven entnehmen, weil da steht, dass Gott allgegenwärtig und ewig ist, barmherzig und treu, heilig und weise, gerecht und gut. Aber man muss dazusagen, worin sich das jeweils zeigt, und wann eine Eigenschaften Gottes von wem auf welche Weise erfahren wird. Denn schließlich wissen wir von Gottes Heiligkeit nur, weil er sich in konkretem Tun als heilig erweist. Und wir wissen von seiner Gnade nur, weil er gegen konkrete Menschen Gnade walten lässt. Gott ist nicht abstrakt „gerecht“, sondern indem er Gerechtigkeit übt. Und er ist nicht anders „barmherzig“, als in seinem barmherzigen Wirken. Es bleibt auch vieldeutig, wenn man ihn „weise“ nennt, ohne zu erklären, wie sich das äußert. Und so hängt die Beschreibung Gottes unmittelbar mit seinem Wirken zusammen – und mit der Erfahrung der Menschen, auf deren Leben er eingewirkt hat. Denn die sind es, die dann anderen von Gott erzählen, wie z.B. die Verfasser der Psalmen und des Neuen Testaments. Von denen hat wohl jeder Gott gesucht. Doch erst in Jesus haben sie ihn gefunden. Und daraus folgt ihr Jubel: „Gelobt sei unser Gott, der sich nicht verborgen hält, sondern zugänglich wird in seinem Sohn!“ Dieselben Menschen machen die Erfahrung, dass Gottes Sohn sie trotz ihrer Schwächen nicht verdammt. Und sie jubeln wieder: „Gelobt sei unser Gott, der sich über Sünder erbarmt – wenn einer bereut, was er getan hat, wird er nicht abgewiesen!“ Sie erleben, wie der Gekreuzigte ihre Lasten auf sich nimmt und in der Auferstehung ihren Tod überwindet. Und dankbar singen sie: „Gelobt sei Gott, der uns gnädig diesen Ausweg schafft und uns Liebe erweist, obwohl wir Feinde waren!“

„So und so“ hat Gott getan, darum nennen sie ihn „gütig“! „So und so“ hat er geredet, darum nennen sie ihn „freundlich“! „So und so“ hat er sie gerettet, darum preisen sie seine „Barmherzigkeit“! Die Eigenschaften, die sie Gott beilegen, erwachsen unmittelbar aus ihrer persönlichen Erfahrung. Und so reden sie nie von Gott, ohne zugleich etwas über sich selbst zu sagen – und über die konkreten Taten, in denen sich Gottes So-Sein manifestiert. Die Bibel käme gar nicht auf die Idee, Gottes Wesenszüge von dem zu trennen, worin sie sich zeigen. Denn sie berichtet von lebendigen Beziehungen. Und wenn Gott den ersten Christen in Jesus „nahe“ kommt, und sie daraufhin diese Nähe preisen, folgert daraus niemand, Gott sei nun automatisch auch jenen „nahe“, die Christus gar nicht kennen. Sondern man folgert nur, dass jeder, der zu Jesus in Beziehung tritt, dieselbe Chance hat. Wenn den Jüngern vergeben wird, preisen sie die erfahrene „Gnade“, folgern aber nicht, dass Gott nun generell auch jedem anderen gnädig sei, sondern nur, dass Jesus jedem dieselbe Möglichkeit eröffnet. Denn Gott ist, wie er ist, in konkreten Beziehungen – und nicht unabhängig davon. Er ist nicht pauschal „gnädig“, sondern genau in der Weise, die das Evangelium beschreibt. Und wenn er Sündern weit entgegenkommt, dann doch nicht auf beliebigen Wegen, die sie sich aussuchen könnten, sondern genau so, wie es das Evangelium sagt. Nicht irgendwie, sondern indem er Mensch wird, ist Gott gnädig. Nicht irgendwo, sondern in Christus wird er zugänglich. Und das auch nur, wo sein Sohn Glauben findet! Indem er unsere Reue gelten lässt, ist Gott barmherzig. Und indem er uns bei Christus Zuflucht schenkt, ist er Liebe. Als Begnadigte nennen wir ihn dann „gnädig“ – und bezeugen damit genau das, was wir erfahren! Aber es „verallgemeinern“, als wär’s nun für alle selbstverständlich – das dürfen wir nicht. Denn pauschale Beschreibungen treffen allenfalls bei Gegenständen zu. Einen großen Stein, den ich kaum heben kann, wird auch mein Nachbar nicht „ganz leicht“ finden. Und fühlt sich die Oberfläche für mich „steinhart“ an, ist sie wohl auch für andere Menschen nicht „weich“. Ein Gegenstand ist eben „so“ – er kann nicht anders. Gott als Person kann aber jederzeit anders! Und so kann ich aus der eigenen Erfahrung von Gnade keine generelle Prognose für andere Menschen ableiten, sondern nur eine begründete Hoffnung. Denn schließlich hängt alles von der Beziehung ab, in der einer zu Gott steht. Wenn Gott den Jakob liebt, hindert ihn das nicht, den Esau zu hassen (Röm 9,13). Wenn er Mose erwählt, kann er den Pharao dennoch verwerfen. Und wenn er dem Petrus verzeiht, besagt das noch nichts über Judas. Gott wirft nicht alle in einen Topf und schert nicht alle über einen Kamm. Er erbarmt sich, wessen er will, und verstockt, wen er will (Röm 9,18). Und das hätte die Theologen hindern müssen, aus dem freudigen Bekennen der erfahrenen Gnade einen allgemeinen Lehrsatz abzuleiten. Doch leider ist (mit wachsender Entfernung von der biblischen Zeit) genau das passiert. Denn die in der Bibel gepriesenen „Eigenschaften“ Gottes wurden von der Gottesbeziehung getrennt, in der sie sich zeigen. Man machte allgemeine Lehrsätze daraus, wie man Lehrsätze bildet über das Gewicht und die Härte eines Gesteins. Man trug die Gnade sozusagen als „unveränderliches Merkmal“ Gottes in seinen Reisepass ein. Gott wurde als „gnädig“ definiert, damit ein für allemal festgeschrieben sei, „wie er nun mal ist“. Und was als beglückende Erfahrung begann, wurde damit dem Allgemeinwissen zugeschlagen – bis der Jubel der Erlösten zur „Binsenweisheit“ herabsank. Denn auf die konkrete Beziehung kam es gar nicht mehr an. Wasser ist „nass“ und Feuer ist „heiß“, Stahl ist „hart“ und Butter ist „weich“ – na und Gott, der ist eben „gnädig“! Man wusste nicht mehr wann, wie und worin es sich zeigt. Aber dass Gott „Liebe“ sei, das wusste jeder. Es war keine Erfahrung mehr, aber jedes Schulkind lernte, dass Gott „gütig“ sei – wie der Esel eben „dumm“ ist, der Wolf „böse“, die Biene „fleißig“ und der Fuchs „schlau“. Doch auf welche Weise der „liebe Gott“ „lieb“ zu sein gedachte, wurde darüber vergessen. Und vergessen war auch, auf welchem Weg einer zu Gott kommen muss, um seine Tür offen zu finden. Vergessen war, was dem „barmherzigen Gott“ diesen Namen eingetragen hatte. Und vergessen war auch, dass man Barmherzigkeit (genau wie Liebe und Zorn) nicht jenseits einer Beziehung, sondern nur in einer Beziehung erfährt.

Bei allem Missverstehen blieb natürlich richtig, was das Evangelium bezeugt. Es ist immer richtig, dass Gottes Volk ihn für seine Treue lobt und ihm die Gnade dankt, die es täglich erfährt. Wo Gott sein Wort gibt, kann man ihm blind vertrauen! Aber durch ihre grenzenlose Verallgemeinerung wurde selbst die herrliche Botschaft von der Gnade „falsch“, weil das, was in der Glaubensbeziehung stimmt, nun mal nicht in jeder Beziehung stimmt. So wie Gott Jesu Jüngern begegnet, so muss er nicht allen begegnen. Und wenn der Hirte gütig ist gegen seine Schafe, muss er nicht auch gütig sein gegen die Wölfe! Doch eben das wurde nicht mehr verstanden, sondern man meinte, wie ein großer Stein immer und für jeden Menschen „hart“ und „schwer“ ist, müsse Gott nun auch immer und gegen jeden „gnädig“ sein. Und wenn sich das im Alltag nicht bestätigte, bemerkte man nicht etwa den eigenen Irrtum, sondern meinte, damit sei die biblische Botschaft widerlegt! Denn wie hätte jenes Zerrbild Gottes den Realitätstest bestehen können? Hinsichtlich der vielen Kriege und Katastrophen scheint Gott überhaupt nicht „lieb“ zu sein. Und beharrlichen Übeltätern ist er auch keineswegs „gnädig“. Nicht in jeder äußeren Not kommt er uns „barmherzig“ zu Hilfe. Und viele, die sterben, können darin kein Zeichen göttlicher „Güte“ erkennen. Die Beschreibung Gottes, die aus der Glaubensbeziehung der Jünger kam, wurde geprüft, als ginge es um einen allgemein beobachtbaren Sachverhalt. Und siehe da: am Schicksal ausgerotteter Völker ließ sich Gottes Güte nicht belegen. Und auch in der grausamen Natur manifestiert sich keine allumfassende Barmherzigkeit! Empört folgerte man, der angeblich so freundliche Gott weiche entweder von seinen Prinzipien ab – oder es gäbe ihn gar nicht! Aber hatte das Neue Testament denn wirklich gesagt, Gott sei milde und nett in jeder Weise? Hatte es nicht gesagt, er sei milde genau in der vom Evangelium beschriebenen Weise? Ist denn im Evangelium Barmherzigkeit versprochen gegen alle und jeden? Ist sie nicht nur jenen zugesagt, die sich nach Barmherzigkeit ausstrecken und sich im Glauben an Christus halten? Als man Gottes Gnade zur Selbstverständlichkeit erhob, machte man sich von Gott ein falsches Bild, das leicht zu widerlegen ist. Und viele meinen darum, Gott sei tot – und jeder denkende Mensch müsse Atheist werden. Doch die vermeintliche Widerlegung trifft nicht wirklich den Gott der Bibel. Denn der hat nie versprochen, allen Menschen auf die von ihnen gewünschte Weise gnädig zu sein, sondern wenn, dann ist er gnädig auf seine eigene Weise. Gott hat nicht versprochen, auf jede Art barmherzig zu sein, sondern nur auf seine Art. Er will auch nicht in beliebiger Form zugänglich werden, sondern im Wort der Hl. Schrift. Nicht irgendwie kommt Gott uns nahe, sondern in Christus. Und er erleuchtet auch keineswegs alle, sondern nur jene, die den Weg der Nachfolge gehen. Gott erfüllt seine Verheißungen und – unverbrüchlich zu ihnen stehend! – erweist er seine Gnade. Wer‘s aber so nicht haben will, dem erweist er dann eben keine Gnade. Denn Gott liebt die Sünder nicht zu ihren, sondern zu seinen Bedingungen. Und darum lässt sich seine Gnade auch nicht ablösen von dem Tun, in dem er sie erweisen will. Sie kommt zum Menschen nicht in beliebiger Form (nicht als Lottogewinn, als ewige Jugend und Rausch des Glücks), sondern Gottes Gnade kommt in Christus – oder gar nicht. Darum ist der Allmächtige den Anhängern fremder Religionen auch nicht auf andere Weise gnädig, als dass er sie zu Christen macht. Er ist Sündern nicht auf andere Weise gnädig, als dass er sie zur Buße führt. Und er ist Atheisten nicht anders gnädig, als dass er sie ihres Irrtums überführt. Gott veranstaltet kein Wunschkonzert. Er gibt den verirrten Seelen nicht, was sie sich erträumen, sondern, was sie wirklich brauchen. Und so wird die Gnade Gottes nicht in beliebiger Währung ausgezahlt, sondern stets so, dass sie eine verlaufene Seele zurückholt in die Gemeinschaft mit Gott. Wem an dieser Gemeinschaft aber gar nicht gelegen ist, der braucht nach Gnade nicht weiter zu fragen, weil die ja in Gottes Gemeinschaft besteht. Seine Gnade findet diesen Ausdruck oder keinen, weil Gott mit seiner Gnade nicht irgendwas, sondern sich selbst schenkt. Und weil das im persönlichen Kontakt geschieht, kann mich der Blick ins theologische Lehrbuch auch noch nicht des eigenen Gnadenstandes vergewissern. Denn je nachdem, wie der Mensch sich zu Gott stellt, lernt er ihn von der einen oder von der anderen Seite kennen. Ich kann nicht schlussfolgern: die Bibel nennt Gott „gnädig“, also ist er allen „gnädig“, und weil ich zu „allen“ gehöre, muss er auch mir „gnädig“ sein! Auf diese Weise missversteht man das Geschenk der Gnade als pauschalen Anspruch und pocht darauf, dass der „Grundsatz“ der Gnade nun gefälligst auch auf die eigene Person anzuwenden sei. Doch so läuft das nicht. Denn das Evangelium sagt nur, dass Gott sich derer erbarmt, die mühselig und beladen zu Christus kommen. Und wer von diesem Versprechen etwas haben will, muss sich erstmal fragen, ob er denn wirklich so ein Beladener ist und sich der Gnade bedürftig weiß. Wer das ehrlich bejahen kann, darf kommen – und wird Gott gnädig finden: das ist versprochen! Wenn einer aber „nein“ sagt oder „mir doch egal“ – was geht den das Evangelium an? So einer beruft sich vergeblich darauf, dass in theologischen Büchern so viel von Gnade steht! Und er wiegt sich in falscher Sicherheit. Denn Gnade ohne Glaubensbeziehung gibt es nicht.

Nun gebe ich gerne zu, dass die bei anderen Merkmalen Gottes keine so große Rolle spielt. Denn Gott ist nicht nur manchmal, sondern immer und in jeder erdenklichen Beziehung „ewig“ und „weise“, „allmächtig“ und „allwissend“. Bei diesen Eigenschaften ist auch ziemlich egal, wie sich der Mensch dazu verhält. Doch Gottes Gnade, seine Liebe, Güte und Barmherzigkeit hätte man nie derselben Kategorie zuordnen dürfen. Denn gnädig zu sein, ist nicht etwa Gottes „Natur“, sondern sein Wille. Er ist nicht gnädig, weil er das wesensmäßig „müsste“, sondern weil er sich in Freiheit dazu entschließt. Und auch dann gibt es nichts, das ihn zur Gnade verpflichtet, außer der Treue zu dem Wort, das er gab. Dieses Wort steht so fest, dass der Glaube in der zugesagten Gnade vollkommene Ruhe findet! Aber wenn der Unglaube meint, sich darauf berufen zu dürfen als wär‘s ein Blankoscheck für jeden, erwächst daraus nur falsche Sicherheit und falsche Erwartung. Der gnädige Gott rettet die Seinen – das bleibt allzeit wahr! Aber er rettet sie nicht vor dem Gerichtsvollzieher oder vor dem Altwerden, sondern aus einer anderen Not, die Gott viel schlimmer findet. Der gnädige Gott liebt die Seinen! Aber das heißt nicht, dass wir ihn erfolgreich auf unsere Seite gezogen hätten, sondern dass er uns sehr wirkungsvoll auf seine Seite zieht. Der gnädige Gott meint es auch gut mir uns! Aber er zeigt das nicht dadurch, dass er uns mit irdischen Freuden verwöhnte, sondern dadurch, dass er uns zur Last unseres Kreuzes entsprechend starke Schultern schenkt. So bleibt die Gnade, was sie ist, und niemand kann sie hoch genug loben! Aber wir sollten künftig präziser von ihr reden. Gnade ist die „ungeschuldete herablassende Zuwendung eines an Macht und Stellung unendlich Überlegenen zu einem bedingungslos auf ihn Angewiesenen“ (H. H. Eßer). Gottes Gnade überwindet also ein bestehendes Gefälle durch die freie Initiative des Überlegenen, der eine Gemeinschaft sucht, die nur dem Unterlegenen nützt. Gott beugt sich weit herunter, um an den Bedürftigen Fürsorge zu üben. Er lässt Gnade walten in der Form einer durch Christus bestimmten Gottesbeziehung. Und so ist Gott selbst die eigentliche Gnadengabe. Wir aber können darüber nur staunen und danken, nochmal staunen und nochmal danken – und uns herzlich dran freuen ein ganzes Leben lang.