Gottes Schönheit

Gottes Schönheit

"Wie ein Gesicht schön wird, dadurch, dass es Seele,

so die Welt dadurch, dass sie einen Gott durchscheinen lässt."

F. H. Jacobi

Ist ihnen mal aufgefallen, dass nur die wenigsten Menschen wirklich „schön“ sind? Viele wären‘s gern – und das sieht man auch. Denn sie pflegen, schmücken und stylen sich mit Kleidung, Frisur, Fitness und Kosmetik. Man sieht dann ganz gut, welchem Ideal sie gleichen möchten und welches Vorbild sie kopieren. Dem einen gelingt es besser, dem anderen weniger. Und manchem muss es genügen, nicht direkt hässlich zu sein. Denn es kann ja keiner etwas für sein Gesicht. Doch dann gibt es eben auch solche, die uns einfach so durch Schönheit überraschen, ohne dass sie sich groß drum bemühten – es ist eine Freude sie anzusehen! Und verblüfft fragt man sich, was deren Schönheit eigentlich ausmacht. Denn was wir „schön“ nennen, erkennen wir zwar und können uns meist darüber einigen, was ein schöner Garten ist, ein schönes Pferd oder eine schöne Melodie. Aber es begrifflich auf den Punkt zu bringen und objektive Maßstäbe zu benennen, fällt doch schwer. Denn irgendwie sie die Geschmäcker ja verschieden. Und Geräte, mit denen man Schönheit messen könnte, haben wir noch nicht erfunden. Wohl gibt es eine Theorie des Schönen, die man „Ästhetik“ nennt. Aber die meisten würden sagen, sie hätten das einfach „im Gefühl“. Sie betrachten eine Landschaft, ein Gemälde, eine Blume oder eine Yacht unter Segeln und sagen „Oh, wie schön…“ Sollen sie ihr Urteil begründen, verweisen sie aber darauf, dass einfach „alles zusammenpasst“. Und so hat Schönheit offenbar etwas mit der Harmonie der Teile in einem größeren Ganzen zu tun. Beim Körperbau sind es die Proportionen, die stimmen müssen – da ist dann alles so bemessen, wie es im Verhältnis zum Rest sein muss. Man sieht nicht zu große Ohren, die alles ruinieren. Und man empfindet das Gesamtbild als „schön“, weil man nichts hinzutun oder wegnehmen könnte, ohne dadurch die Harmonie der Teile zu stören. Man nennt etwas „schön“, wenn jede Änderung den Eindruck schwächen und der Vollkommenheit etwas abbrechen müsste, während umgekehrt, wenn mir etwas „hässlich“ erscheint, ich meist auch sagen kann, welches Element nicht passt. Auf den ersten Blick denkt man „Hey, was für eine attraktive Frau!“ Aber dann macht sie den Mund auf, hat eine quakende Stimme – und schon ist der ganze Eindruck ruiniert. Ein Mann macht lange einen guten Eindruck. Aber dann zeigt er ein dümmliches Grinsen. Ein Musikstück fesselt uns. Aber dann sind da ein paar Schnörkel zuviel – und alles ist verdorben. Das Werk drückt nicht aus, was es sich auszudrücken bemüht. Es verfehlt sein Ziel vielleicht nur knapp, zeigt mir aber doch nicht die intendierte „Schönheit“, sondern bloß einen gewissen Grad der Annäherung. Wenn dann aber ein Künstler wirklich mal erreicht, was die anderen nur erstreben, rufen wir „Wie schön!“ Denn dann fällt uns auf, dass dieses Werk keiner Verbesserung mehr fähig ist. Das anschaulich „Schöne“ ist der vollkommene Ausdruck des Guten, das es ausdrücken will. Es berührt uns als überraschende Begegnung mit der sonst immer nur angestrebten Vollkommenheit. Und so weckt das Schöne unser Wohlgefallen durch die Einheit im Mannigfaltigen und die perfekte Harmonie der Teile. Das Schöne lässt das Wesen der Dinge sinnlich in Erscheinung treten, weil die sinnliche Form ganz und gar bestimmt ist von der dahinter stehenden Idee – und diese Idee (durch das Schöne ins Sichtbare gewendet) im Schönen ihren vollkommenen Ausdruck findet. Weil uns das aber eine Ahnung davon gibt, wie der Himmel wohl sein muss, verwechseln manche die Erfahrung des Schönen mit einer religiösen Erfahrung. Denn tief in uns haben wir einen Sinn für das Vollkommene, dem wir in der Welt fast nie begegnen, das uns aber, wenn es begegnet, umso tiefer berührt. Schön ist, was einer positiven Idee entspringt und diese Idee so vollkommen ins Sichtbare oder Hörbare übersetzt, dass einer, der es wahrnimmt, weniger eine Erfahrung des Sichtbaren oder Hörbaren als eine Erfahrung der darin ausgedrückten positiven Idee gewinnt. Er wird weniger berührt vom Anschaulichen, als von dem, was es veranschaulicht. Denn das Schöne ist die vollkommene Übersetzung der Idee in die sinnliche Erfahrung. Es ist jene Übereinstimmung des Seins mit dem Sollen und dem Wollen, die uns begeistert, weil diese Übereinstimmung so selten ist – und wir nicht anders können, als sie zu bewundern. Wir hätten soviel Schönheit vielleicht gar nicht für möglich gehalten! Begegnet sie uns aber trotzdem, kann das ästhetische Empfinden eine religiöse Dimension bekommen. Denn wie in uns ein Sinn für das Gute und Gerechte liegt, der uns mit Gott als dem Inbegriff des Guten und Gerechten verbindet, und wie wir einen Sinn für die Wahrheit haben, der uns mit Gott als dem Inbegriff der Wahrheit verbindet, so haben wir auch einen Sinn für das Schöne, der uns auf Gott verweist, als den Inbegriff und die Quelle aller Schönheit. Denn wenn Gott die Schönheit der Kreatur genauso geschaffen hat wie das bewundernde Auge des Betrachters, und die Musik genauso geschaffen hat wie das Ohr des Hörers – wie könnten wir uns da Gott selbst ohne Sinn für Ästhetik und ohne Schönheit denken? Müssen wir nicht ganz im Gegenteil annehmen, dass so, wie sich in aller irdischen Güte Gottes Güte zeigt, in aller Wahrheit Gottes Wahrheit und in jeglicher Kraft Gottes Kraft – dass so auch alles Schöne auf Erden ein Abglanz von Gottes eigener Schönheit ist? Der die Vernunft schuf, wird doch selbst nicht ohne Vernunft sein! Der uns als Personen schuf, wird selbst kaum „unpersönlich“ sein! Schuf er aber die ganze Palette der Farben, Formen und Töne, schuf er die Vielfalt der Mineralien, Blumen und Schmetterlinge – können wir uns da Gott selbst etwa stumpf vorstellen, blass oder eintönig? Nein, Gott selbst muss über die Maßen schön sein. Und die Bibel bestätigt das auch. „Mein Gott, du bist sehr herrlich,“ sagt der Psalmbeter, „du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast“ (Ps 104,1-2). Und die Weisheit Salomos bestätigt, dass an der Größe und Schönheit der Geschöpfe ihr Schöpfer erkannt wird „wie in einem Bild“ (Weish 13,5). All seine Werke loben den Herrn und bezeugen seine Herrlichkeit (Sirach 42,15ff.). „Gott lässt in der Schönheit der Natur seine eigene widerstrahlen“ (P. Althaus). Und wer hier auf Erden von dem Grandiosen überwältigt ist, das er sieht, gewinnt immer auch eine schwache Ahnung von der unsichtbaren Herrlichkeit, die als Quelle dahinter steht. Denn wenn das ihre entfernten Wirkungen sind – wie muss dann erst der Ursprung sein? Gottes Erde ist sehr schön, sagt Philipp Spitta, doch: „Wenn am Schemel seiner Füße und am Thron schon solcher Schein, o was muss an seinem Herzen erst für Glanz und Wonne sein?“ (EG 510,5). Das Werk spricht für den Meister. Und obwohl wir heute gar nicht mehr Gottes ursprüngliche Schöpfung vor Augen haben, sondern nur eine durch den Sündenfall schwer beschädigte und eingetrübte Schöpfung, enthält die doch immernoch mehr Schönes, als unser Herz zu fassen vermag. Und wenn nicht schon daraus auf Gottes Schönheit zu schließen wäre, ergäbe sich dasselbe aus seiner Vollkommenheit. Denn das Vollkommene ist ja gerade das restlos in sich Stimmige, in dem das Wollen und das Sein zur Deckung kommen, weil keins der vielen Teile zu einem anderen in Spannung steht. Eben die Harmonie, von der wir sagten, dass sie zur Schönheit gehöre, findet sich bei Gott im höchsten Grade. Denn er tut immer, was er will, er redet, was er denkt, und hält, was er verspricht. Was Gott äußerlich tut, ist stets ein vollkommener Ausdruck seines inneren Wesens. Keine seiner Eigenschaften, keines seiner Worte und Werke steht im Widerspruch zu einem anderen. Und wer auch nur das Geringste hinzutun oder wegnehmen wollte, würde alles nur schlechter machen. Denn Gott bedarf keiner Korrektur und keiner Ergänzung. Wo immer er handelnd oder redend in Erscheinung tritt, ist er ganz Ausdruck seines Wesens. Er ist in völliger Übereinstimmung mit sich selbst. Und wenn wir‘s nicht erkennen, liegt das nur an unsren trüben Augen. Denn Gott muss „schön“ sein in einem für uns unbegreiflichen Maße. Wenn wir davon aber selten reden, hat das nur den einen, trivialen Grund, dass wir Gott leider nicht sehen. Unsre Sinne taugen nicht, um ihn zu erfassen. Und so können wir, wo uns die Anschauung fehlt, auch nicht viel sagen. Wir können zwar überzeugend auf Gottes Schönheit schließen. Aber es nützt wenig, einander davon vorzuschwärmen, wenn doch aktuell noch keiner von uns diese Schönheit sieht. Ja, wie die Bibel bezeugt würden wir eine direkte Begegnung mit Gott gar nicht verkraften. Seiner Größe und Herrlichkeit unvermittelt gegenüberzutreten, wäre „erschlagend“ im wahrsten Sinne des Wortes. Es wäre zuviel Strom für unsre schwachen Leitungen. Wir könnten diesen Eindruck weder aufnehmen noch verarbeiten (2. Mose 33,20; Jes 6,5; 1. Tim 6,16; Joh 1,18). Und so behandeln wir tatsächlich ein Thema, von dem weder sie noch ich viel verstehen. Warum schweigen wir dann aber nicht – und lassen es dabei bewenden? Der Grund ist, dass wir mit der irdischen Schönheit nur gut umgehen können, wenn wir sie als einen Fingerzeig verstehen, der uns auf himmlische Schönheit verweist. Und dazu muss uns die himmlische bewusst sein. Denn sonst bleibt unsere Aufmerksamkeit am Irdisch-Schönen kleben und lässt sich davon fesseln, statt weiter zu wandern zu Höherem. Und das wäre fatal. Denn all die irdischen Manifestationen des Schönen sind ja nicht selbst das, was uns fasziniert, sondern haben am Schönen nur vorübergehend Anteil. Der himmlische Glanz ist ihnen eine Zeit lang „geliehen“, sie dürfen ihn „spiegeln“. Sie sind aber nicht Schönheit „an sich“ und „auf Dauer“, sondern sind bloß etwas Sinnliches, durch das Gottes Schönheit hindurchscheint. Und das erklärt, weshalb unser Sinn für das Schöne in der Welt zwar viel Nahrung bekommt, dabei aber in der Welt keine Ruhe findet. Denn tatsächlich soll uns das irdisch Schöne (genauso wie das Wahre und das Gute) über alles Irdische hinausführen – und soll uns einen Vorgeschmack geben auf den Herrn des Himmels, der die Substanz all dessen in seiner Person vereint. Der Genuss irdischer Schönheit soll uns Appetit machen auf das, woran wir einst im Himmel satt werden. Ja, eigentlich soll die Schönheit der Geschöpfe unsere Gottesliebe wecken. Denn Gott selbst ist aller schönen Dinge Schönheit und aller lieblichen Dinge Lieblichkeit, er ist das Leben in allem Lebendigen und die Größe in allem Großen. Wir aber machen immer wieder den Fehler, dass wir im Bewundern der Gabe den Geber vergessen – und das Werk mehr loben als den Meister, dessen Geist im Werk seinen Ausdruck findet. Wir verfallen dem Irdisch-Schönen und jammern anschließend, weil es vergänglich ist. Dabei wäre es viel sinnvoller, den Fuß zu suchen, der auf Erden so schöne Spuren hinterlässt! Das Schöne ersehnend sollten wir verstehen, dass alle sichtbare Herrlichkeit nur ein schwacher Abglanz der unsichtbaren ist – bloß ein Gleichnis, bloß eine Ahnung dessen, was uns bei Gott erwartet. Um das Vollendete aber wirklich zu schauen, müssen wir erst selbst vollendet werden. Und darum gehört das Schauen der Schönheit Gottes erst zur kommenden Welt, die wir in Zuversicht erwarten am Ende der Zeit. Und diese kommende Welt ist auch schon treffend beschrieben, wenn wir sagen, sie bestehe „im Schauen der Schönheit Gottes“. Denn genau das wird den Himmel ausmachen, dass wir Gottes unverstellte Schönheit sehen und ihn dabei genauso klar erkennen, wie wir heute schon von ihm erkannt sind (1. Kor 13,12; 2. Kor 5,7). Ergänzen muss man nur noch, dass wir auch in eigener Person Christus gleichgestaltet und somit überaus „schön“ sein werden (Röm 6,5; 8,29; 2. Kor 4,4; Hebr 1,3; Kol 3,10). Kein Christ muss fürchten, die Ewigkeit zu verbringen als ein Hässlicher unter tausend schönen Engel! Keiner muss fürchten, als ein Schandfleck dem Himmel Eintrag zu tun! Vielmehr werden wir uns (eingehüllt in das Gewand der Gerechtigkeit Christi) sehen lassen können. Im Glanz der Herrlichkeit Gottes stehend werden wir diese Herrlichkeit nicht trüben, sondern widerspiegeln, und werden insofern auch selbst „schön“ sein. Denn – was anderes passiert wohl im Himmel, als dass die Erlösten werden, was sie von Anfang an sein sollten? Zum Bilde Gottes sind wir geschaffen und haben unsre Ebenbildlichkeit lange genug mit Füßen getreten! Die Vollendung eines Christen aber ist die Vollendung des Bildes Gottes in ihm. Und so ein vollendetes Bild des Allerschönsten kann selbstverständlich nicht hässlich, sondern kann auch seinerseits nur „schön“ sein. Natürlich haben wir heute noch keine Ahnung, wie das aussieht – es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden (1. Joh 3,2; Kol 3,3-4). Doch so oder so werden wir in der Ewigkeit nichts Hässliches sehen – und werden auch nichts Hässliches sein. Sondern im Gegenteil: Alle, die hier auf Erden mit ihrem Erscheinungsbild nicht zufrieden waren, finden sich dort mehr als entschädigt. Und schon allein das ist eine gute Nachricht und ist schon für sich genommen ein Evangelium, dass auch in Bezug auf unsre persönliche Erscheinung eines Tages das Schöne über alles Hässliche siegen wird.

 

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Bild von Jeff Jacobs auf Pixabay