Nicht glauben können?

 

Sie haben den Satz bestimmt schon mal gehört: „Ich würde ja gerne glauben, aber ich kann es nicht.“ Manchmal klingt aus diesen Worten Trotz heraus – und manchmal Traurigkeit. Aber was soll man antworten? Soll man entgegnen: „Doch, du kannst es, jeder kann es, du musst es nur wollen?“ Wenn der andere aber beteuert, er sei „religiös unmusikalisch“ und habe einfach keinen Draht zu Gott – soll man dann argumentieren oder appellieren, werben, streiten oder ihn einfach nur bedauern? Das ist schwer zu entscheiden, denn der Satz ist keineswegs so eindeutig wie er klingt: „Ich würde gerne glauben, aber ich kann es nicht.“ Vielleicht meint der Betreffende, er sei außer Stande das für wahr zu halten, was er denkt, das Gläubige für wahr halten (1). Vielleicht will er nur sagen, er sei außer Stande zu fühlen, was er meint, das Gläubige fühlen (2). Oder er bekundet, dass er nicht glauben könne, weil er nicht glauben will – und auf das ganze Thema keine Lust hat (3). 

Im ersten der drei Fälle hält der Mensch einfach die Glaubensinhalte nicht für wahr. Und wenn er trotzdem anfügt, er würde gern glauben, wünscht er sich natürlich nicht, etwas Falsches für wahr zu halten (um dann im Irrtum zu leben), sondern er wünscht sich, dass wahr wäre, was er für unwahr hält. Der Satz „Ich würde gerne glauben“ ist dann etwa so gemeint, wie wenn der Arzt zum Patienten sagt „Ich wünschte, ich müsste ihr Bein nicht amputieren“. Er bekundet eine Abweichung seines Wollens vom Wissen, wobei doch schon außer Frage steht, dass er dem Wissen Vorrang einräumen und das Bein amputieren wird. „Ich würde gerne glauben“ bedeutet in diesem Fall nur: „Ich wollte, es wäre anders, aber Gott existiert nun mal nicht.“ Und so jemanden müsste man fragen, woher er das eigentlich so genau weiß.

Ganz anders liegt jener zweite Fall, wenn jemand mit Gottes Dasein rechnet und bloß die innere Erfahrung nicht macht, von der er meint, dass sie zum Glauben gehört. Während er den Glaubensinhalten verstandesmäßig zustimmt, spürt er doch keine Hingabe, keine Ehrfurcht, keinen Trost und kein Vertrauen, weder Reue noch Liebe. Nicht der Inhalt, sondern der Vollzug des Glaubens ist sein Problem. Denn die Dinge berühren ihn nicht so wie sie andere berühren. Da die anderen ihre Gemütsbewegung aber „Glauben“ nennen, folgert er, dass er offenbar keinen hat. Und mit ihm wäre darüber zu reden, ob er nicht den Glauben mit bestimmten Lebensäußerungen und Ausdrucksformen des Glaubens verwechselt, die vielleicht gar nicht jeder haben muss.

Kommt aber ein Dritter und sagt denselben Satz, „Ich würde gerne glauben, aber ich kann es nicht“, so ist bei ihm das „Nicht-können“ vielleicht nur ein beschönigender Ausdruck dafür, dass er nicht glauben will. Denn wenn Gott existiert, wäre der Mensch selbst nicht mehr die höchste und letzte Instanz. Zugleich mit Gottes Dasein müsste er auch Gottes Autorität anerkennen – und wäre nicht länger „Herr im Haus“. Das mag nicht jeder. Und so ist es bei vielen nur ihr Widerwille gegen diese Konsequenz, der ihnen den Glauben scheinbar „unmöglich“ macht. Natürlich führen sie andere Gründe ins Feld und sagen, sie dächten zu rational und zu wissenschaftlich! Die Fehler der Kirche sollen schuld sein, die Widersprüche der Bibel oder das Leid der Welt. Man will aus ehrenwerten Gründen ungläubig sein! Doch eigentlich geht‘s nur darum, dass ihnen Gott nicht zu nahe tritt, sondern immer schön „fraglich“ bleibt und „auf Abstand“. Was das Herz nicht will, das lässt der Kopf nicht ein. Und so finden diese Leute immer einen Grund, warum sie Gott aus dem Weg gehen, und wollen entschuldigt sein durch die „Unmöglichkeit“, unter den gegebenen Umständen zu glauben. 

Ja, so vieldeutig ist das leider, wenn einer sagt, er könne nicht glauben. Für manche ist es nur eine Ausrede, und für andere eine tief empfundene Not. Doch was kann man generell dazu sagen? Gibt es das überhaupt, dass einer unfähig ist zu glauben? Oder kann‘s jeder, wenn er nur will? Vom Neuen Testament her muss man mit einer schlechten und einer guten Nachricht antworten. Denn einerseits gilt, dass (von sich aus) überhaupt kein Mensch glauben „kann“. Und andererseits gilt, dass es (mit Gottes Hilfe) sehr wohl jeder „kann“. Die scheinbar widersprüchlichen Sätze haben aber ein und denselben Grund, weil nämlich der Glaube gar nicht unser Werk ist, sondern Gottes Werk in uns. Tatsächlich ist es Gottes Heiliger Geist, der in uns Wohnung nimmt und (auf den menschlichen Geist einwirkend) den Glauben in uns weckt. Ja, im Grunde ist es Gott selbst, der in uns an Gott glaubt! Der Glaube ist ein Geschenk dessen, auf den der Glaube sich richtet. Gott selbst flößt uns dieses Vertrauen ein. Und darum gilt, dass ohne den Heiligen Geist überhaupt kein Mensch glauben kann, sondern im Normalzustand der Sünde sind wir für alles Göttliche blind und taub, sind stolz und verstockt und gegen Gott verschlossen. So wenig sich ein Toter selbst zum Leben erweckt, so wenig können wir uns durch eigenes Fühlen, Wollen oder Tun zum Glauben erwecken. Nur Gott kann das! Und darum ist unser Glaube nicht unsere Tat, sondern Gottes Tat in uns. Er ist keine Möglichkeit, über die Menschen verfügen, sondern ist ein Wunder im strengen Sinne. Und insofern hat jeder Recht, der sagt, er könne nicht glauben. Denn aus sich selbst heraus kann’s überhaupt kein Mensch. Aus demselben Grund hat aber auch jeder Unrecht, der meint, er könne garantiert nicht glauben, bei ihm sei das ausgeschlossen und alles Bemühen vergeblich. Denn seine persönlichen Grenzen sind nicht Gottes Grenzen. Und da Gott allmächtig ist, gibt es keinen noch so verbohrten Heiden, den Gottes Geist nicht umschaffen und bekehren könnte, wenn Gott das will. Nicht nur des Menschen Schicksal, auch sein Herz ist in Gottes Hand (Spr 21,1; Ps 33,15; Röm 9,16; Phil 2,13)! Und wenn er will, kann er aus jedem Saulus einen Paulus machen. Die schlechten Voraussetzungen, die einer mitbringt, verhindern das nicht. Denn als Gottes Werk in uns wird der Glaube sowieso nicht ergrübelt, erfühlt, erlernt, beschlossen, befohlen oder geleistet, sondern von außen gegeben. Und daher kann jeder glauben, wenn’s Gott gefällt. 

Was bedeutet das aber für jene, die überzeugt sind, „religiös unbegabt“ zu sein, und doch gern glauben würden? Sind die zur Untätigkeit verdammt, weil zu glauben gar nicht in ihrer Hand liegt? Nur auf den ersten Blick scheint das so. Denn die Betroffenen müssen zwar einsehen, dass sie nicht erzwingen können, was Gott zu schenken sich vorbehält. Sie dürfen aber das, was sie bisher vergeblich zu „leisten“ versuchten, als Gabe Gottes erbitten. Und wenn sie das ehrlichen Herzens tun, wird ihre Bitte nicht vergeblich sein. Denn das Neuen Testament verspricht, dass man an Jesu Tür nicht umsonst klopft, und dass, wer ihn um Gutes bittet, nicht etwa Schlechtes dafür gereicht bekommt. Jesus sagt in Lukas 11,13: „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!“ Gott steht also diesbezüglich im Wort. Er hat diese Zusage gegeben, damit wir uns darauf berufen! Und so stimmt es zwar, dass sich niemand dazu entscheiden kann, künftig eine gesunde Gottesbeziehung zu haben. Die Beziehung muss ihm vom himmlischen Gegenüber gewährt werden! Doch ist unser himmlisches Gegenüber höchst willig, der Bitte zu entsprechen, wenn wir sie nur beharrlich vorbringen. Und Gott stellt auch sogleich irdische Mittel bereit, die uns weiterhelfen: Jeder Christ ist eine Anlaufstelle, jeder Kirchturm ein Zeichen! Und so ist dem Menschen, der glauben will, ein Weg gewiesen, den er problemlos gehen kann. Er darf unterscheiden zwischen dem, was in der Reichweite seines eigenen Willens liegt, und dem, was nur Gott zu tun vermag. Und beruhigender Weise wird nichts Unmögliches von ihm gefordert. Denn das, was Gott von ihm erwartet, kann er. Und das, was er nicht kann, ist sowieso Gottes Werk. Bestimmte Dinge unterliegen seiner willentlichen Kontrolle, so dass er sie tun kann. Und anderen Dinge soll er gar nicht versuchen, weil sie in Gottes Ermessen stehen. Nicht erzwingen kann man z.B. ein Überzeugt-Sein, wo man nicht überzeugt ist. Aber geduldig Gottes Wort zu studieren, das schon so viele überwunden hat, das ist eine Frage des Willens! Nicht erzwingen kann man ein Gefühl, das man nicht fühlt. Aber regelmäßig Orte aufzusuchen, die Gott geweiht und durchbetet sind, das ist eine Frage der eigenen Disziplin! Nicht erzwingen kann man einen Gast, der nicht kommen mag. Aber beiseite räumen, was diesem Gast im Weg steht und ihm den Platz versperrt, das kann man durchaus! Niemand kann sich den Heiligen Geist vom Himmel herunterbefehlen. Aber mit Menschen reden, die der Geist offenbar bewegt, das kann man sich zur Gewohnheit machen! Niemand kann eine Gotteserfahrung herbeizwingen, die ihm nicht geschenkt wird. Aber wer sie schmerzlich vermisst, kann lernen, sein Nicht-los-kommen-von-Gott als Gotteserfahrung anzuerkennen und zu würdigen! Niemand kann eine Beziehung führen, die das Gegenüber nicht will. Aber das konkrete Beziehungsangebot, das Jesus im Neuen Testament macht, kann jeder für sich in Anspruch nehmen und Gott bei seinen Verheißungen behaften. Ja, man darf Gott sogar lästig werden, indem man einfach nicht von seiner Tür weggeht. Und wenn man wirklich glauben will, kann man sich strikt weigern, etwas anderes zu glauben! Man wird dann so lange weltanschaulich nackt und arm dastehen, bis Gott sich erbarmt, einem doch noch das Hemd des Glaubens überzustreifen – und hat dann gewonnen! Dass der Mensch von sich aus nicht glauben kann, berechtigt ihn also keineswegs zu Untätigkeit. Denn es gibt vieles, was er willentlich tun kann. Und diese sehr konkreten Dinge haben das Potential, den Glauben in ihm zu wecken. Da es aber um sein eigenes Seelenheil geht – sollte es ihm die Mühe nicht wert sein? Versteht einer die Bibel nicht, muss er im Internet, in Büchern oder Bibelkreisen nach guten Erklärungen suchen. Kommt er mit seinem Ortspfarrer nicht klar, muss er den Weg auf sich nehmen und zu einer anderen Gemeinde gehen. Kann er nicht beten, muss er sich jemand suchen, der es mit ihm und für ihn tut. Und hat er intellektuelle Zweifel, muss er sich eben an den großen Denkern abarbeiten, denen es gelungen ist, klug und fromm, kritisch und gläubig zugleich zu sein. Ist ihm aber das Evangelium die Zeit und die Grübelei nicht wert, soll er nicht weiter jammern, er könne nicht glauben. Denn wenn der Mensch den Teil nicht tut, der in der Reichweite seines Willens liegt – warum soll dann Gott den Teil tun, der über die menschliche Reichweite hinausgeht? Mit welchem Recht kann einer sagen, der Glaubensweg sei für ihn nicht gangbar, wenn er‘s nicht ernsthaft versucht hat? Jesus verlangt keineswegs, dass man seine Lehre ungeprüft glauben soll. Sondern er sagt, dass, wer seinem Wort folgend den Willen des Vaters tut, dabei schon merken wird, ob diese Lehre von Gott ist (Joh 7,17)! Wer sich darauf aber nicht einlässt – was soll man auf dessen Meinung noch geben? Und wenn er nicht tut, was an ihm liegt, warum soll Gott tun, was bei Gott liegt? Macht er einen Bogen um all die freundlichen Christen, die ihm Hilfe anbieten, soll er auch nicht klagen, er könne nicht glauben. Sondern mein Rat wäre dann, dass er das Gegenteil versucht, um wenigstens ein ehrlicher Heide zu werden. Da nur Gott absolut ist, wird ohne ihn alles relativ sein, nichts endgültig, sondern alles vorläufig. Ohne Gott gibt es keinen wirklichen Unterschied zwischen gut und böse. Der Tod behält dem Leben gegenüber das letzte Wort. Und alles, was der Mensch liebt, geht genauso grundlos unter wie es grundlos entstand. Liebe ist dann bloß eine hormonelle Angelegenheit, und das Dasein hat nicht wirklich Sinn. Wenn aber einer damit leben kann, dann soll er’s tun, soll sich selbst auf Gottes Thron setzen und zusehen, wie’s ihm bekommt! Sieht er sich aber nicht in der Lage, Gott durch irgendetwas zu ersetzen, weil’s ihn vor solcher Anmaßung und vor der eigenen Gottlosigkeit gruselte – dann, herzlichen Glückwunsch, ist seine Flucht vor Gott gescheitert, und er kann sich geschlagen geben. Wenn der Versuch zeigt, dass er zum Heiden nicht taugt, wird sich der Rest finden. Und wenn dieser Mensch auch noch denken mag, der Heilige Geist sei ihm fern, ist der doch längst hinter ihm ins Zimmer getreten. Denn wenn das Glauben-wollen-und-nicht-können einen Menschen ärgert und quält, ist das ein gutes Zeichen. Die wirklichen Heiden quält es nämlich nicht. Die spüren keine Sehnsucht, sondern leben eindimensional ohne Gottesbeziehung. Sie sind dabei schmerzfrei und wissen nicht einmal, was ihnen fehlt, denn sie haben Gott nie kennengelernt. Jene anderen aber, die verzweifelt glauben wollen, zeigen damit, dass Gott sie längst berührt hat und schon am Werk ist. Denn man kann immer nur vermissen, was man kennt. So ein Mensch fühlt vielleicht nicht, was er meint, dass er fühlen müsste, und ärgert sich über sein sprödes Herz. Wenn er sich aber trotzdem weigert, Gott den Rücken zu kehren, ist das bereits eine gottgefällige Weise, mit Gott in Beziehung zu stehen. Wer Gott von Herzen sucht, ist längst kein Heide mehr. Das „ich würde gern glauben“ ist schon der Anfang seines Glaubens. Und wenn’s ehrlich ist, mache ich mir um diesen Menschen keine Sorgen mehr. Denn Gott übersieht die nicht, die ihn suchen und nach ihm rufen. Wer große Zweifel hat, muss sie also nicht verdrängen oder unterdrücken – er nehme sie einfach mit auf seinen Weg zu Gott! Und wer keine „frommen“ Gefühle hat, muss sie auch nicht simulieren oder heucheln – sondern er frage Gott, ob’s nicht vielleicht ohne geht! Wenn’s ihn quält, geistlich arm vor Gott zu stehen, kann er ihn bitten, ihn reicher zu machen. Und wenn Gott es für nötig hält, wird er ihm große Einsicht, tiefes Gefühl und feste Gewissheit schenken. Tut er’s aber nicht, darf man sich mit dem bescheiden, was Gott für angemessen hält. Denn der Glaube ist nicht mit seinen Lebensäußerungen zu verwechseln. Er ist weder ein intellektuelles noch ein emotionales oder moralisches Kunststück, das der Menschen „erlernen“ müsste. Sondern der Glaube bleibt Gottes Werk im Menschen. Er besteht letztlich in der gnadenhaften Einwohnung des Hl. Geistes. Und der findet seinen Weg auch in verwirrten Geistern, in kaputten Typen und verschreckten Seelen. Was ist also zu tun? In erster Linie soll man Gott immer wieder um den Glauben bitten. Denn es bleibt dabei: Nicht wir holen uns Gott, sondern er kommt zu uns. Er schuldet uns nicht, diese Beziehung einzugehen. Und doch steht er bereit, um zu helfen, wo wir uns selbst nicht helfen können. Denn wozu sonst hätte er den Hl. Geist in die Welt gesandt? Gott würde diesen Aufwand nicht treiben, wenn wir ihm gleichgültig oder von uns aus zu glauben in der Lage wären! Weil wir‘s aber nicht sind, und er es dabei nicht belassen möchte, darum spricht Gott nicht nur sein rettendes Wort, sondern öffnet auch unsere Ohren, so dass sie es hören. Er lässt die Botschaft vom Verstand zum Herzen gehen, bricht dort unseren inneren Widerstand und pflanzt den Samen des Glaubens hinein. Wer davon aber noch nichts fühlt, darf immer wieder in Demut darum bitten. Er kann zwar dem Wind nicht befehlen, dass er wehen soll. Aber er kann an seinem Schiff schon mal die Segel setzen – und das Übrige vertrauensvoll Gott überlassen. Der lässt sich in dieser Sache nichts nehmen. Er will aber herzlich gern geben. Und das sei ihm gedankt in Ewigkeit.