Gottes Handeln und "natürliche Erklärungen"

 

Gespräche über den Glauben verlaufen oft nach eintönigen Mustern, durch die sie immer wieder in denselben Sackgassen enden. Denn sobald ein gläubiger Mensch Erfahrungen auf Gott zurückführt, tönt es von der Gegenseite, für jede dieser Erfahrungen gebe es doch eine „natürliche Erklärung“ – und von Gott zu reden, habe man darum keinen Anlass. Gläubige Menschen sehen ihr gesamtes Leben von Gottes Handeln durchdrungen – und ungläubige widersprechen, weil ihnen eine religiöse Deutung des Daseins nicht nötig scheint. Sie meinen, die Menschheit habe in der Vergangenheit nur deshalb an Götter geglaubt, weil sie die wahren Ursachen der Phänomene nicht kannte. Und heute sei das überholt. Denn im selben Maße, wie Naturwissenschaft die wahren Zusammenhänge aufdecke, würden religiöse Erklärungen überflüssig.

Zur Illustration wird gern auf Gewitter verwiesen: Als die Menschen noch un-wissend waren, machten ihnen Blitz und Donner großen Eindruck. Und weil sie das imposante Geschehen nicht anders erklären konnten, sahen sie darin das Zürnen einer Gottheit, die Blitze vom Himmel schleudere. Als Benjamin Franklin dann entdeckte, dass es sich um die Entladung elektrostatischer Spannungen handelt, wurde die religiöse Erklärung überflüssig. Erkenntnis trat an die Stelle des Glaubens. Und so, meinen die Kritiker der Religion, werde sich das in allen Lebensbereichen fortsetzen, bis mit den letzten Wissenslücken auch die letzten Rückzugsorte Gottes verschwinden. Sie unterstellen, sobald eine „natürliche Erklärung“ gefunden sei, sei damit jede „übernatürliche“ obsolet, und Gott aus dem Spiel. Entsprechend verfahren sie dann mit allem, was frühere Generatio-nen aus Gottes Hand zu empfangen glaubten, und sagen:

 

Früher meinte man, die Geburt eines Kindes sei von Gott geschenkter „Kinder-segen“. Doch heute weiß man, wie Kinder nach den Gesetzen der Biologie und der Genetik aus der Vereinigung ihrer Eltern hervorgehen. Und also – sagen sie – hat Gott nichts damit zu tun.

Früher meinte man, wenn jemand stirbt, habe Gott ihn aus dem Leben abbe-rufen. Heute weiß man spätestens nach einer Obduktion, welche medizinischen Gründe zum Tod geführt haben. Und also – sagen sie – hat Gott nichts damit zu tun.

Früher dachte man, der Mensch verdanke sein tägliches Brot dem Schöpfer, der Regen fallen und die Ernte wachsen lässt. Heute weiß man, wie sich gute Ernten mit Agrartechnik und Düngung erzwingen lassen. Und also – sagen sie – hat Gott nichts damit zu tun.

Früher glaubte man, die biblischen Bücher, seien vom Heiligen Geist inspiriertes Wort Gottes. Heute weiß man, wie die antiken Autoren ihre menschlichen Gedan-ken in menschliche Worte fassten. Und also – sagen sie – hat Gott nichts damit zu tun.

Früher hielt man Jesus für den übernatürlichen Sohn Gottes und den Sohn einer Jungfrau. Heute erkennt man in ihm einen Wanderprediger, der aus bestimmten Strömungen der jüdischen Religionsgeschichte hervorging. Und also – sagen sie – hat Gott nichts damit zu tun.

Früher meinte man, im Schicksal zeige sich Gottes Führung und Vorsehung. Heute sieht man Umstände und Zufälle am Werk. Und also – sagen sie – hat Gott nichts damit zu tun.

Früher dachte man, der Glaube eines Menschen sei eine übernatürliche Wirkung des Heiligen Geistes. Heute benennen Psychologen psychische Faktoren, die zu einer religiösen Einstellung führen können. Und also – sagen sie – hat Gott nichts damit zu tun.

Früher sah man die Welt als Gottes Schöpfung an. Heute erklärt man sie aus Urknall, Evolution und Naturgeschichte. Und also – sagen sie – hat Gott nichts damit zu tun.

Das Schema ist beliebig oft wiederholbar, denn jedes Kind kann der Argumenta-tion folgen, die schon bei Blitz und Donner so logisch erschien: Entweder ist etwas von Gott gewirkt – dann hat es keine „natürlichen Ursachen“. Oder es hat „natürliche Ursachen“ – und ist dann nicht von Gott gewirkt. Man denkt in schlich-ten Alternativen und lässt „irdische“ und „himmlische“ Wirkmächte auf gleicher Ebene miteinander konkurrieren. Findet sich dann aber für jede irdische Er-fahrung eine irdische Ursache, scheint die Hypothese „Gott“ widerlegt – und die Religionskritik feiert einen leichten Sieg. Aber stimmen die Voraussetzungen, auf deren Grundlage er errungen wurde? Hat jedes Ereignis nur eine Ursache? Und sind alle denkbaren Ursachen auf der gleichen Ebene angesiedelt, so dass sie zueinander in Konkurrenz stehen?

Schon wenn ein Schüler, der Aufforderung des Lehrers folgend, seinen Namen niederschreibt, erweisen sich die Dinge als komplizierter! Denn der entstandene Schriftzug verdankt sich unmittelbar dem Stift (1.) und mittelbar der Hand des Schülers (2.). Er verdankt sich aber zugleich dem Wunsch des Schülers, den Lehrer positiv zu beeindrucken (3.), und der verbalen Aufforderung des Lehrers (4.). Wer wollte nun so töricht sein, eine dieser vier Ursachen für die „wahre“ Ursache zu erklären – und zu folgern, die anderen drei hätten mit der Sache nichts zu tun? Wenn sich das Denken in groben Alternativen aber schon bei einer simplen Schreibübung nicht bewährt, wie soll es dann komplexen Sachverhalten wie einer Geburt, der Entstehung einer biblischen Schrift, einer Glückserfahrung oder einem Todesfall gerecht werden?

Monokausales Denken nach dem Schema „entweder Gott – oder Natur“ verfehlt die Wirklichkeit. Denn der Hinweis auf „natürliche Ursachen“ könnte ein Handeln Gottes nur ausschließen, wenn feststünde, dass Gott die „natürlichen Ursachen“ nicht als Instrumente mittelbaren Wirkens nutzt (wenn Gott also entweder un-mittelbar wirkte, oder gar nicht). Doch worauf sollte man diese Annahme stützen, da Glaube, Bibel und Theologie seit jeher das Gegenteil bezeugen? Warum sollte ausgerechnet Gott, der die Kausalität persönlich erfunden hat, die damit gegebenen Möglichkeiten verschmähen? Er tut das nicht, sondern – wie ein kurzer Blick in die Bibel beweist – bedient sich Gottes Handeln sehr oft „natür-licher“ Mittel. Gott erreicht, was er will, nicht vorrangig oder ausschließlich durch Wunder, sondern er nutzt Menschen und Völker als seine Werkzeuge, die ihre eigenen, ganz menschlichen Zwecke verfolgen, und dabei doch (wissend oder unwissend) Gottes Pläne verwirklichen. Wenn es dann aber heißt, Mose habe Israel aus Ägypten geführt, und zugleich: Gott habe Israel aus Ägypten geführt – ist das dann ein Widerspruch? Natürlich nicht! Die Vorstellung, Gott handele entweder unmittelbar oder gar nicht, ist falsch. Und die Folgerung, wo ein irdischer Kausalzusammenhang vorläge, sei (darum!) der Himmel nicht im Spiel, ist es auch. Schon zu biblischer Zeit wussten die Bauern, dass sie pflügen, säen und bewässern müssen – und sie haben ihre Ernte dennoch als Gabe Gottes angesehen. Die Leser des 1. Buch Mose verstanden sehr gut, dass es die Bosheit der Brüder war, die Joseph nach Ägypten brachte – und sie erkannten darin dennoch Gottes Führung. Die Propheten machten sich keine Illusionen darüber, aus welch irdischen Motiven die Babylonier gegen Israel in den Krieg zogen – und sie sahen darin trotzdem ein Strafgericht Gottes. Mit anderen Worten: Die plumpe Alternative zwischen göttlichem und menschlichem Handeln (gemäß der irdische Ursachen himmlische ausschließen, und umgekehrt) wird dem religiösen Denken nicht gerecht. Gläubige Menschen sind darüber schon seit Jahrtausenden hinaus. Sie wissen, dass Gott sowohl außerhalb als auch innerhalb „natürlicher“ Wirkzusammenhänge zu handeln vermag. Und will man im ersteren Falle von Wundern reden, heißt das nicht, dass Gottes Wirken sich auf „Unerklärliches“ beschränkte. Nein! Gott ist am „Erklärlichen“ nicht weniger be-teiligt! Er handelt im Weltgeschehen überhaupt nicht punktuell („ab und zu“, „hier und da“), sondern das Weltgeschehen insgesamt ist Gottes Handlung – und nichts ist darin enthalten, das sich nicht direkt oder indirekt seinem Wirken ver-dankte. Wollen wir also über falsche Alternativen hinauskommen, und das Ge-spräch mit den Kritikern der Religion auf eine fruchtbare Ebene heben, sollten wir mit ihnen über Mobilees sprechen – und die Sichtweise des Glaubens anhand einer solchen Bastelei erklären:

Was trägt das Mobilee zu unserer Thematik bei? Nun: Es veranschaulicht die Absurdität der eingangs dargestellten religionskritischen Alternative, die ein Geschehen entweder „Gott“ oder der „Natur“ zuschreiben möchte. Denn wenn wir Gott als allmächtigen Schöpfer begreifen, dann ist er der Haken, an dem das Mobilee hängt. Und „rein natürliche“ Ereignisse gibt es in der Welt dann ebenso-wenig, wie es im Mobilee Teile gibt, die nicht direkt oder indirekt am obersten Haken hingen. Die Verbindung muss nicht unmittelbar sein – sie kann, je nach Größe des Mobilees, durch beliebig viele Querhölzer vermittelt sein. Aber wer könnte sagen, ein bestimmtes Teil sei an diesem oder jenem Querholz befestigt – und hinge deshalb (!) nicht an dem Haken? Man kann nicht einmal sagen, die vom Haken weiter entfernten Teile seien weniger von ihm „abhängig“ als die näheren, denn jedes Teil ist so völlig „abhängig“ wie alle Verbindungsstücke, die ihm die Kraft des Hakens vermitteln. Es hängt auch kein Element „teils“ am Querholz, „teils“ am Faden und „teils“ am Haken, sondern jedes einzelne hängt mit 100% seines Gewichtes am Faden, zu 100% am Querholz und zu 100% am Haken. Sowenig nun die Querhölzer und Fäden des Mobilees mit dem Haken konkurrieren, sowenig konkurriert die Natur mit Gott. Und die Vorstellung, das Weltgeschehen ließe sich aufteilen in Vorgänge, die bloß natürlich sind, und andere, die auf Gottes Wirken zurückgehen, erweist sich damit als irreführend. Viel näher liegt die Annahme, dass von jeglichem Vorgang beides gilt. Die Sätze „Alles ist kausal erklärbar“ und „alles wird von Gott gelenkt“, stehen keineswegs im Widerspruch zueinander, sondern sind vereinbar, weil die Summe des Welt-geschehens mit der Summe der nach außen gerichteten Werke Gottes identisch ist. Gott kann diese Werke unmittelbar oder mittelbar vollbringen. Vielleicht hebt er dabei Naturgesetze auf, vielleicht gebraucht er sie auch nur auf eine Weise, die wir nicht verstehen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie ein Teil des Mobilees mit dem obersten Haken verbunden sein kann! Aber wie sollte die Entdeckung einer solchen Verbindung gegen die Existenz des Hakens spre-chen? Das entbehrt jeder Logik. Und der Streit zwischen dem gelben und dem grünen Männchen ist insofern überflüssig, als beide Seiten zugleich Recht und Unrecht haben:

Die gläubige Partei (gelb) bringt zu Recht alle Dinge mit Gott in Verbindung, weil es im ganzen Mobilee nichts gibt, das nicht an diesem Haken hinge. Die gelbe Partei hätte aber Unrecht, wenn sie deswegen Mittelursachen ausschließen oder ihre Erforschung hindern wollte.

Die Gegenpartei (grün) hat Recht, indem sie auf Mittelursachen verweist, die sich wissenschaftlich erforschen und in ihrer Wirkweise erklären lassen. Sie hat aber Unrecht, wenn sie folgert, in dem, was sie aufdeckt und versteht, habe Gott seine Hände nicht im Spiel. Um es noch einmal in eine Grafik zu fassen:

Die Kritiker der Religion haben Recht, wenn sie Erfahrungen und Phänomene mit natürlichen Abläufen in Verbindung bringen (= die grünen Ringe). Das ist als Beschreibung eines Ausschnittes (!) nicht falsch. Aber es wird falsch, wenn sie folgern, die „erklärlichen“ Erfahrungen und Phänomene hätten schon darum nichts mit Gott zu tun, weil sie „erklärlich“ seien. Denn mittelbar durch die natür-lichen Abläufe handelt Gott. Die religiöse Partei hat Recht, wenn sie Erfahrungen und Phänomene auf Gott zurückführt ( = gelbe Ellipsen). Sie hätte aber Unrecht, wenn sie deshalb bestreiten wollte, dass es zwischen Gott und dem Geschehen mehrere Zwischenebenen gibt, durch die sich Gottes Wollen und Regieren ver-mittelt.

Ein Skeptiker wird vielleicht einwenden, das im Mobilee veranschaulichte re-ligiöse Weltbild sei lediglich möglich und nicht zwingend richtig – man könne so denken, müsse es aber nicht. Und ich gestehe das zu. Warum greift man dann aber auf Gott zurück, wenn durch wissenschaftlichen Fortschritt die Rätsel immer weniger, und die Antworten immer mehr werden? Warum bleibt man nach dem Aufweis irdischer Wirkzusammenhänge nicht einfach stehen und gibt sich mit der nächstliegenden Erklärung zufrieden? Meine Antwort lautet: (1.) Weil die Fragen gar nicht weniger werden. Und (2.) weil man nicht zur Ruhe kommt, solange man Erklärungsbedürftiges mit Erklärungsbedürftigem erklärt.

Zu 1.: Die Vorstellung, dass der wissenschaftlichen Forschung mit zunehmen-dem Fortschritt die Fragen ausgehen könnten, ist naiv, weil jede gefundene Ant-wort sofort zehn neue Fragen aufwirft. Und jeder, der wirklich wissenschaftlich arbeitet, wird das bestätigen. Seit man meinte, Zeus schleudere die Blitze vom Himmel, ist die Zahl der Fragen durchaus nicht geringer, sondern größer gewor-den, und der Umfang des Staunenswerten ist mit jeder wissenschaftlichen Ent-deckung (nicht etwa geschrumpft, sondern) gewachsen. Die Forschung ersetzt nur alte Rätsel durch neue, die noch größer sind. Wenn Religion also wirklich aus dem Staunen resultiert, haben wir heute nicht weniger, sondern mehr Grund religiös zu sein als früher!

Zu 2.: Gerade ein wissenschaftlich denkender Mensch wird verstehen, dass Reli-gion über die nächstliegenden Erklärungen hinausfragen muss. Denn wenn hinter einer Wirkung ihre Ursache sichtbar wird, ist damit das Feld des Er-klärungsbedürftigen nicht kleiner, sondern größer geworden. Wenn ein Mensch tot umfällt, kann man das damit erklären, dass ihn eine Pistolenkugel traf. Aber der Kriminalbeamte wird sich mit dieser Erklärung noch nicht zufrieden geben. Wenn es im Konzertsaal brausenden Applaus gibt, kann man es damit erklären, dass viele Menschen ihre Handflächen gegeneinander schlagen. Aber diese Auskunft wird dem Kunstkenner schwerlich genügen. Wenn mein Haus abbrennt, kann die Erklärung lauten, dass der Dachstuhl Feuer fing. Aber käme ich mit solch einer Erklärung zur Ruhe?

Religion besteht nicht darin, das Nächstliegende zu bestreiten, sondern unter Anerkennung des Nächstliegenden darüber hinaus zu fragen. Wer das versteht, wird deswegen nicht gleich religiös. Aber er ist dann auf der Ebene angelangt, wo die falschen Alternativen überwunden sind, und das eigentliche Gespräch be-ginnen kann!  

 

 

Wer den dargestellten Sachverhalt mit Schülern oder Konfirmanden be-handeln möchte, kann dazu den folgenden Dialog verwenden:

 

Paul und der Quatsch mit der Schöpfung

 

Paul kommt nach Hause. Endlich ist der Konfirmandenunterricht vorbei. Paul wirft die Bibel ins Regal und nimmt sich etwas zu trinken. Wieso ist eigentlich niemand zu Hause? Pauls Mutter ist einkaufen gefahren. Das weiß Paul. Aber wo ist sein Vater? Er hört es dumpf klopfen. Ach so! Der Vater ist in seinem Hobbykeller und repariert irgendetwas. Paul geht in den Keller.

 

Pauls Vater:

Na Paul? Da bist du ja schon.

 

Paul:

Ja, wir haben etwas eher Schluss gemacht. Was baust du da?

 

Pauls Vater:

Ach, das ist der alte Stuhl vom Dachboden. Ich bringe ihn in Ordnung und strei-che ihn neu an. Dann wird er gut in den Flur passen. Wie war der Konfirmanden-unterricht heute?

 

Paul:

Ach, na ja. Ich glaub’ das nicht, was der Pfarrer da immer von der Schöpfung er-zählt. Das kann doch gar nicht sein.

 

Pauls Vater:

Wieso? Was sagt er denn?

 

Paul:

Na, eben dass Gott die Welt geschaffen hat. Dabei haben wir doch schon in der Schule vom Urknall gehört. Eines muss doch gelogen sein: Entweder entstand die Welt durch den Urknall, oder durch Gott. Ich glaub’ der Pfarrer redet Quatsch.

 

Pauls Vater:

So, so. Komm Paul, halt mal den Stuhl gut fest, ich muss das hintere Bein etwas kürzer machen.

 

Paul greift den Stuhl und drückt ihn fest auf die Werkbank. Pauls Vater nimmt eine Säge und sägt einen halben Zentimeter vom Stuhlbein ab.

 

Pauls Vater:

So, prima. Danke Paul. Aber jetzt sag’ mir mal, wer das Stuhlbein abgesägt hat.

 

Paul:

Wie? Was ist denn das für eine komische Frage?

 

Pauls Vater:

Gar nicht komisch. Sag doch mal: Habe ich das Stuhlbein abgesägt, oder hat die Säge das Stuhlbein abgesägt?

 

Paul:

Äh, du natürlich, äh, ich meine die Säge. Da kann man doch gar nicht sagen „entweder - oder“! Das stimmt doch beides: Du hast das Stuhlbein abgesägt und die Säge hat das Stuhlbein abgesägt.

 

Pauls Vater:

Siehst du, so ist das mit der Schöpfung auch. Da kann man auch nicht sagen „Entweder Urknall und Evolution oder Gottes Schöpfung“. Da stimmt auch bei-des, denn wie ich diese Säge als Werkzeug benutze, so benutzt Gott den Urknall und die Evolution.

 

Paul:

Hm. Aber das mit dem „täglichen Brot“ ist bestimmt Quatsch. Der Pfarrer be-hauptet, Gott hätte uns nicht nur geschaffen, sondern würde unser Leben auch täglich erhalten, indem er uns versorgt und ernährt. Dabei weiß ich genau, woher unsere Lebensmittel kommen: Mutti kauft sie bei Edeka. Und zu Edeka kommen sie in einem großen Laster. Und der Laster kommt von großen Lebensmittelfabri-ken und Molkereien und Bäckereien... Da muss doch eines gelogen sein: Ent-weder kommt unser tägliches Brot vom Bäcker oder von Gott. Entweder - oder.

 

Pauls Vater:

Reich mir ‘mal den großen Hammer rüber, Paul. Auf der einen Seite ist die Stuhl-lehne aus dem Leim gegangen.

 

Paul gibt seinem Vater den großen Hammer. Der nimmt einen langen Nagel und treibt ihn mit drei, vier kräftigen Schlägen ins Holz.

 

Pauls Vater:

So, das hält jetzt wieder. Und nun sag mir einmal, Paul, wer den Nagel eben ein-geschlagen hat. Habe ich den Nagel eingeschlagen, oder hat der Hammer den Nagel eingeschlagen?

 

Paul:

Oh nein! Du schon wieder mit deinen komischen Fragen! Natürlich hat der Hammer den Nagel - ich meine - du hast den Nagel eingeschlagen. Aber doch auch der Hammer. Da kann man doch gar nicht sagen „Entweder - oder“. Da stimmt doch beides!

 

Pauls Vater:

Na eben. Beides stimmt. Deswegen stimmt es auch, dass unser Essen von Ede-ka kommt und dass es von Gott kommt. Ich benutze den Hammer, um damit den Nagel einzuschlagen. Und Gott benutzt die Bauern und die Bäcker und die Molkereien und die Lastwagenfahrer und die Lebensmittelhändler, um uns zu ernähren und mit allem Lebensnotwendigen zu versorgen.

 

Paul:

Mensch Papa, du redest wie unser Pfarrer. Der hat sogar behauptet, Gott würde die kranken Menschen gesund machen und man sollte sich bei Gott bedanken, wenn man wieder gesund wird. Der Torsten hat da angefangen zu kichern. Du weißt doch, Torsten ist der Sohn von Dr. Schulz. Er hat gesagt, sein Vater - und die anderen Ärzte - würden Menschen gesund machen. Aber nicht Gott.

 

Pauls Vater hat inzwischen angefangen den Stuhl anzustreichen. Und zwar dunkelblau, wie die anderen Dielenmöbel auch sind. Er sagt eine Weile gar nichts, sondern taucht nur immer wieder den Pinsel in den Farbtopf, streift ihn ab und streicht den Stuhl.

 

Pauls Vater:

Na Paul, inzwischen kannst du dir doch denken, was ich dazu meine. Schau her: Male ich den Stuhl an, oder malt der Pinsel den Stuhl an? Beides stimmt. Und so stimmen auch die beiden Sätze „Ärzte machen uns gesund“ und „Gott macht uns gesund“. Denn diese Ärzte sind Gottes Werkzeuge, wie dieser Pinsel mein Werk-zeug ist – ob sie es wissen oder nicht. Wie ich den Pinsel benutze, um den Stuhl anzumalen, so benutzt Gott die Ärzte, um unser Leben zu erhalten, wenn er das will. Aber ich glaube, die Haustür ist gegangen, Paul. Schau mal nach, ob Mutter vom Einkaufen zurück ist.

 

Paul läuft nach oben. Aber er ist nachdenklich geworden. Vielleicht muss er auch seiner Mutter einmal diese Fragen stellen.