33 • Gottes Liebe im Verhältnis zu seinem Zorn

Schließen sich Zorn und Liebe aus?                               Dieser Text als Video 

 

Es gibt Dinge, über die man in der Kirche ungern redet. Es gibt Themen, die man lieber vermeidet. Und wenn man davon eine Liste anfertigen würde, welcher Begriff stünde dann ganz oben? Ich bin ziemlich sicher, dass auf der Liste der unbeliebten Themen der „Zorn Gottes“ den ersten Platz belegen würde. Kein Wunder, wird man sagen: wer denkt schon gern an so etwas Unerfreuliches? Niemand. Denn spricht ein Pfarrer vom Zorn Gottes, so sehen die Menschen einen überdimensionalen, drohenden Zeigefinger vor sich. Sie spüren ihr schlechtes Gewissen, sie erinnern sich an ihre Versäumnisse und Fehler. Und sie ärgern sich über den Pfarrer, der ihnen anscheinend Angst machen will und dafür sorgt, dass sie sich schlecht fühlen. Das freilich wollen Pfarrer am wenigsten – und darum vermeiden es die meisten, vom Zorn Gottes zu reden. Sie wollen zwar die Menschen zur Buße bewegen, sie sollen umkehren von falschen Wegen – aber die Menschen sollen das nicht aus Furcht tun, sondern aus besserer Einsicht.

Darum reden viele meiner Kollegen am liebsten gar nicht von Gottes Zorn, sondern nur von Gottes Liebe und seiner großen Freundlichkeit. Sie zeichnen kein bedrohliches, sondern ein einladendes Bild von Gott, damit es den Menschen leichter fällt, sich auf diesen Gott einzulassen. Sie schweigen vom Zorn Gottes, damit nur niemand an seiner Liebe zweifelt. Denn das scheint ja ganz klar: Wenn Gott zornig ist, dann liebt er uns nicht, und wenn er uns liebt, dann kann er nicht zornig auf uns sein – oder?

Doch möchte ich an diesem Punkt Zweifel anmelden. Denn es klingt zwar auf den ersten Blick ganz logisch: wer zürnt liebt nicht, und wer liebt zürnt nicht. Aber stimmt es wirklich? Schließt Zorn wirklich Liebe aus und schließt Liebe Zorn aus? Ich meine da liegt ein Irrtum vor. Und es ist gar nicht schwer, ihn zu erkennen. Es genügt, die Sache anhand der eigenen Gefühle zu überprüfen. Schließlich war jeder von uns schon einmal zornig auf Menschen, die er liebt. Auf den Ehepartner, auf die Eltern, auf die eigenen Kinder vielleicht. Erinnern sie sich mal an solch eine Situation, in der sie zornig waren. Und fragen sie sich dann, ob sie, während sie zornig waren, aufgehört haben, ihren Partner oder ihre Kinder zu lieben.

Hat die Liebe wirklich aufgehört, als der Zorn da war? Nein? Dann geht es ihnen wie mir. Denn ich kann sehr zornig sein auf meine kleine Tochter, wenn sie z.B. gegen mein Verbot an Steckdosen herumspielt. Ich schimpfe dann sehr mit ihr. Und doch stellt das keinen Moment meine Liebe zu ihr in Frage. Im Gegenteil: Ich schimpfe mit ihr, weil mir so viel an ihr liegt, und streite mit ihr, weil sie mir so viel bedeutet. Denn wäre sie mir gleichgültig, so würde ich mich ja nicht aufregen, wenn sie etwas Gefährliches oder Falsches tut. Wäre sie mir egal, so wäre mir auch ihr gefährliches Fehlverhalten egal. Das ist es aber nicht. Und so entdecke ich an mir selbst, dass der Zorn die Liebe nicht ausschließt, sondern aus der Liebe erwächst. Ja, Zorn ist überhaupt nicht das Gegenteil von Liebe, sondern er ist fast immer Ausdruck verletzter, besorgter oder enttäuschter Liebe.

Zorn und Liebe schließen sich also keineswegs aus. Sie sind beide Ausdruck derselben tiefen Bindung, die ein Mensch zum anderen hat. Und der Zorn ist ein sicheres Zeichen dafür, dass diese Bindung noch besteht. Das kann man bei Ehekrisen beobachten. Solange Ehepartner miteinander streiten, kämpfen sie noch umeinander – da hat die Ehe noch gute Chancen. Wenn die zwei es aber aufgeben, zu streiten, und es aufgeben, zornig zu sein, wenn sie nicht mehr umeinander kämpfen, sondern gleichgültig werden – dann ist ihre Ehe so gut wie verloren. Der wahre Gegensatz der Liebe ist nämlich nicht der Zorn, sondern die Gleichgültigkeit. Die Liebe brennt heiß, und der Zorn brennt auch heiß – sie sind eng verwandt! – die Gleichgültigkeit dagegen ist kalt.

Wenn das aber bei Menschen so ist, könnte es sich dann bei Gott nicht ähnlich verhalten? In der Tat, ich meine, auch bei Gott liegen Zorn und Liebe eng beieinander. Darum sehe ich – im Unterschied zu vielen Pfarrerkollegen – keinen Grund, von Gottes Zorn zu schweigen. Im Gegenteil. Denn Gottes Zorn ist ein Zeichen dafür, dass wir ihm nicht gleichgültig sind. Ein negatives Zeichen – zugegeben –, aber doch ein deutliches Zeichen: Gottes Zorn ist Ausdruck seiner verletzten Liebe, die wir so oft missachten, die aber weiter um uns kämpft, gerade weil wir Gott so viel bedeuten. Sein Zorn ist nur deshalb so groß, weil seine Liebe zu uns so groß ist. Denn wir sind wie kleine Kinder, die an einer Steckdose spielen – an der Steckdose des Bösen. Und wie könnte das unserem Vater egal sein, wenn er uns liebt?

Darum meine ich, wenn Gottes Zorn verschwände, so wäre das kein gutes Zeichen. Würde Gott nämlich aufhören, das Böse zu hassen, so müsste man folgern, dass er wohl das Gute nicht mehr liebt. Würde Gott aufhören, der Sünde zu zürnen, die seine Schöpfung zerstört, so müsste man folgern, dass er dieser Schöpfung nicht mehr die Treue hält, sondern ihr gleichgültig gegenübersteht. Verschwände der Zorn, so müssten wir fürchten, die Liebe Gottes habe nachgelassen. Denn Zorn und Liebe sind beide Ausdruck der emotionalen Bindung an das Gegenüber, um dessentwillen es sich lohnt, zornig und gnädig zu sein.

Es gibt hier also keine Alternative: Entweder Zorn oder Liebe. Es gibt nur beides zugleich. Denn wie sollte Gott das Leben seiner Geschöpfe bejahen, ohne dabei die Sünde zu verneinen, die ihnen den Tod bringt? Wie sollte seine Liebe nicht streitbar brennende Liebe sein, wenn das, was er liebt, im höchsten Maße bedroht ist? Das ist unmöglich – und darum dürfen wir Gottes Zorn nicht missverstehen, als wäre er etwas Negatives. Denn Gottes Zorn ist nichts weiter als sein Wider-Wille gegen das Böse. Er ist Ausdruck dessen, dass Gott an der guten Bestimmung seiner Schöpfung beharrlich festhält. Wer daher wünscht, Gott möge von seinem Zorn ablassen, der verlangt, Gott solle von seinem Wider-Willen gegen das Böse ablassen und solle zuschauen, wie es die Schöpfung zerfrisst. In dieser Weise aber das Böse gewähren lassen hieße selbst böse sein – und das kann man von Gott kaum verlangen.

In Wahrheit gibt es nur einen Weg, wie der Gegensatz Gottes und des Bösen aufgelöst werden kann, nämlich durch Auflösung und Vernichtung des Bösen im Jüngsten Gericht. Bis Gottes Zorn aber zu diesem Ziel gelangt ist, kann niemand ernstlich wünschen, der Zorn möge nachlassen. Denn beharrte Gott nicht gegen allen Widerstand darauf, seine Schöpfung im Guten zu vollenden, hätte keiner von uns mehr etwas zu hoffen. Sollte Gott seinen zornigen Widerstand aufgeben und dem Bösen die Zügel schießen lassen, so würden wir es gewiss nicht wieder einfangen. Und so scheint die Sache ganz eindeutig: Gottes Zorn wendet sich gegen das Böse. Und darum ist dieser Zorn eine gute Sache, mit der wir eigentlich ganz einverstanden sein müssten. Denn nur der Böse kann etwas dagegen haben, dass Gott etwas gegen das Böse hat.

Da allerdings hat die Sache ihren Haken. Da berührt sie unser persönliches Problem. Denn das Böse ist nicht irgendwo, das Böse ist in uns. Die Bösen, das sind nicht die anderen, die Bösen, das sind wir. Und dadurch wird unser Verhältnis zum Zorn Gottes wieder zweischneidig und schwierig. Wir spielen nämlich in der Auseinandersetzung zwischen Gott und dem Bösen eine Doppelrolle: Wir sind einerseits Teil der guten Schöpfung, um derentwillen und zu deren Gunsten Gottes Zorn gegen das Böse eifert. Wir sind andererseits aber als Sünder Teil jener bösen Macht, gegen die der Zorn Gottes sich richtet. Und das bedeutet, dass wir Gott für und gegen uns haben.

Und wer will das schon? Wer in dieser Situation Gottes Zorn als berechtigt bejaht, muss sich darüber im Klaren sein, dass er damit Gottes negatives Urteil über den eigenen „alten Adam“ anerkennt und unterschreibt. Denn will ich, dass Gott gegen das Böse vorgeht, muss ich zugleich wollen, dass er gegen das Böse in mir vorgeht. Die Bejahung des Guten schließt für den Bösen also Selbstverwerfung ein. Und Selbstverwerfung geht uns gegen die Natur.

Sofern ich selbst betroffen bin, sofern ich Sünder bin, sträube ich mich gegen Gottes Zorn. Sofern ich selbst böse bin, wünsche ich, das Böse möge ungestraft bleiben. Und da beginnt dann tatsächlich ein Teufelskreis von göttlichem Zorn und menschlichem Starrsinn, da verhärten sich die Fronten immer weiter – bis Gottes Heiliger Geist den Teufelskreis aufbricht und einen Ausweg schafft. Wie das geschieht, ist leicht erklärt. Denn wir kennen solche Situationen aus der Familie:

Wenn kleine Kinder trotz deutlichen Verbots an einer Steckdose spielen, ziehen sie sich den Zorn des Vaters zu. Und oft genug reagieren Kinder dann mit Trotz. Sie verstehen nicht die Gefahr, die ihnen droht, und sie fühlen sich durch den Zorn des Vaters ungerecht behandelt, weil er ihnen scheinbar grundlos ein schönes Spielzeug vorenthält. Da beginnt der Teufelskreis von Zorn und kindlichem Starrsinn. Denn das uneinsichtige Kind wird immer wieder versuchen, an die Steckdose heranzukommen, wenn der Vater nicht hinsieht. Wie aber wird der Teufelskreis durchbrochen?

Das Kind gibt seinen Trotz auf, sobald es begreift, dass der Zorn des Vaters Ausdruck seiner Liebe und seiner Besorgnis ist. Wenn es einsieht, dass die Steckdose kein Spielzeug, sondern eine große Gefahr ist, versteht es auch, dass ihm nichts Schönes vorenthalten werden soll, sondern dass der Vater es vor Schaden bewahren will. Dann kann sich das Kind dem Verbot beugen und wird die Finger auch dann von der Steckdose lassen, wenn es unbeobachtet ist.

Mehr als diese schlichte Einsicht des Kindes wird auch von uns Erwachsenen nicht verlangt, wenn uns die Heilige Schrift zur Buße aufruft. Auch wir stehen an dem Punkt, wo es zu begreifen gilt, dass Gott kein missgünstiger Vater ist, der uns etwas vorenthalten will. Was seine Gebote verbieten, verbietet er uns aus Liebe. Und wenn er zürnt, zürnt er aus Liebe. Denn es ist ihm eben nicht egal, wenn wir böse und gefährliche Wege gehen. Es ist ihm nicht egal, weil wir ihm nicht egal sind. Und darum sollten wir seinen Mahnungen auch nicht mit kindlichem Trotz begegnen. Geben wir unseren Starrsinn auf, beugen wir uns dem Zorn Gottes und lassen wir die Finger von der Steckdose des Bösen. Schließen wir lieber vom Ausmaß des göttlichen Zorns auf das Ausmaß seiner Liebe zu uns – so werden wir Gott verstehen. Denn wenn er das Böse in uns verdammt, dann doch nur, weil er Gutes in uns legen will. Und wenn er die Sünde hasst, dann doch nur, weil er die Sünder liebt. Macht es Sinn, weiter bockig zu sein, wenn man das weiß?

 

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