Theologie der Tatsachen
Des Kaisers neue Kleider: "Aber er hat ja gar nichts an!"

Theologie der Tatsachen

Ist ihnen schon mal aufgefallen, dass sich viele Theologen einer blumigen und vieldeutigen Sprache bedienen? Statt etwas geradeheraus zu behaupten, benutzen sie Vergleiche, Metaphern, Bilder und Assoziationen, um Dinge zu „umschreiben“. Und sie sagen, so wär‘s auch in der Bibel üblich, weil dort vieles nur „symbolisch“ gemeint sei oder als „uneigentlicher Ausdruck“. Was da berichtet werde, müsse man als „Gleichnis“ verstehen – oder in „übertragenem Sinne“. Und so erzählen sie dann gern, was der Bibeltext „mit ihnen macht“ und welche Gefühle er auslöst. Die Sache selbst wird aber nicht recht greifbar. Denn sie reden mehr von inneren Einstellungen als von äußeren Fakten. Und wenn man sie fragt, ob es sich mit Gott und Teufel, Himmel, Hölle und all den anderen Dingen wirklich so verhält, wie‘s in der Bibel geschrieben steht – dann weichen sie der Frage aus und betonen, man dürfe Gottes Wort keinesfalls „wörtlich“ nehmen, sondern müsse es erst auslegen, aneignen und ins eigene Leben „übersetzen“. Sie bleiben nie bei dem, was dasteht, sondern graben immer nach einem verborgenen, angeblich viel tieferen Sinn. Und sie beteuern, man müsse das so machen. Denn die Bibel sei schließlich kein Tatsachenbericht, sondern das persönlich gefärbte Glaubenszeugnis früherer Generationen, die ihre fromme Erfahrung nicht anders ausdrücken konnten als in mythologischen Bildern und Wundergeschichten. Sie sagen, das Weltbild der Verfasser gehöre schon lange der Vergangenheit an. Und darum dürfe man das Erzählte auch nur zeichenhaft verstehen, allegorisch und metaphorisch – aber keinesfalls direkt, wie die Worte lauten. Sie finden es „naiv“, den biblischen Text so zu nehmen, wie er dasteht. Denn ihrer Meinung nach ist im Neuen Testament vieles „legendarisch“, „unhistorisch“, „zeitbedingt“, „redaktionell“ oder einfach „ungeschickt ausgedrückt“. Und wie man eine Nuss erst von der Schale befreit, bevor man sie isst – so trennen sie dann kunstvoll das Gesagte vom angeblich Gemeinten. Ob‘s aber wahr ist, wovon sie reden, erfährt man nicht. Denn sie bekennen sich nicht zu Glaubenstatsachen, die ihnen als Gegebenheit verlässlich feststehen, sondern erörtern nur individuelle „Zugänge“, „Sichtweisen“ und „Perspektiven“. Es geht ihnen weniger um Wahrheit als um Betroffenheit, weniger um Objektives als um Subjektives, weniger um Fakten als um Einstellungen. Und so weiß man am Ende nicht, ob sie von etwas Wirklichem geredet haben oder bloß von Ideen und Idealen. Denn „anrühren“ und „belehren“ kann uns schließlich auch ein Märchen. Das muss nicht wahr sein, um zu „ergreifen“ – es reicht, wenn’s „gut erfunden“ ist! Und manchen Theologen scheint die Bibel in dieselbe Kategorie zu rutschen. Fragt man sie aber, ob hinter all den Symbolen, Mythen, Sinnbildern, Projektionen und Chiffren auch noch Wahrheit steht, werden sie glitschig wie ein Aal: Will man wissen, ob Jesus wirklich Gottes Sohn ist, sagen sie dazu nicht „ja“ oder „nein“, sondern nennen es eine „Metapher“. Und seine jungfräuliche Geburt bezeichnen sie als „schwer zu interpretierendes Bild“. Die Auferstehung Christi soll ein bedeutsamer „Mythos“ sein, und sein Sühnetod am Kreuz eines von vielen „Deutungsmustern“. Der Zorn Gottes gilt als problematisches „Narrativ“. Und im leeren Grab sehen sie eine „Legende“. Die Sünde ist für sie eine „Denkfigur“, und die Trinität ein „Konstrukt“. Den Gottesdienst begreifen sie als sinnstiftende „Inszenierung“. Und konsequenterweise erteilen sie der Gemeinde keinen Segen, sondern „wünschen“ ihn bloß. Vergebung wird nicht vollmächtig zugesagt, sondern zögerlich „erbeten“. Im Abendmahl sehen sie kein wirksames Mittel zum Heil, sondern nur die äußere „Veranschaulichung“ von etwas innerlich Verborgenem. Und auch die Taufe soll nicht Gottes Tun sein, sondern bloß eines Menschen „zeichenhafte Handlung“. So wird ihnen letztlich alles zum Symbol, zur Umschreibung oder Vorstellung, zum Interpretament oder Gleichnis. Ob aber auch noch ein Gegenstand da ist, auf den die figürliche Rede verweist, bleibt offen. Denn von Tatsachen ist nirgends die Rede. Und der Hörer, dem nichts Greifbares mitgeteilt wird, fragt sich, ob‘s vielleicht nur eine rhetorische Performance ist. Denn es scheint zwar alles „pädagogisch wertvoll“. Doch zu der verbindlichen Behauptung, Gottes Wort sei eine Wahrheit, die für alle gilt – zu diesem Bekenntnis lässt sich der Prediger nicht hinreißen. Vielleicht entblößte er so viel von der eigenen Seele, dass die Gemeinde erröten muss! Doch um das Evangelium hat er sie trotzdem betrogen. Und mancher folgert, man müsse die Bibel nicht so ernst nehmen, denn auch die Theologen entnähmen ihr nur Bilder, Gleichnisse, Umschreibungen, Stichworte, Assoziationen und Denkfiguren. Man könne sich bei alledem etwas Erbauliches denken – aber um handfeste Realitäten handle es sich offenbar nicht.  Und das ist dann ein fataler Irrtum. Denn die Bibel enthält zwar Gleichnisse, Metaphern und Analogien. Doch berechtigt uns das nicht, sie in Gänze zum Gleichnis zu erklären und das komplette Evangelium irgendwie „symbolisch“ oder „allegorisch“ zu verstehen. Denn in der Bibel lässt sich zwischen „direkter“ und „übertragener“ Redeweise klar unterscheiden. Natürlich werden da Parabeln und Bildworte verwendet – und sogar Fabeln, in denen sich Bäume miteinander unterhalten. Aber Fabeln hat man auch schon zu biblischer Zeit als Fabeln erkannt. Und wenn Jesus Gleichnisse erzählt, leitet er sie entsprechend ein, indem er sagt: „Mit dem Reich Gottes verhält es sich wie...“ Das Gleichnishafte wird kenntlich gemacht. Und wenn die Psalmen von Gottes „Auge“ und von Gottes „Hand“ reden, weiß der Verfasser durchaus, dass Gott nicht solche Körperteile hat wie wir. Auch zu biblischer Zeit war man sich darüber im Klaren, dass Gott in anderer Weise „da“ ist als die Dinge dieser Welt. Er ist immer viel mehr, als menschliche Sprache zu sagen vermag. Himmel und Erde können ihn nicht fassen. Seine Gedanken sind weit höher als unsere! Wenn die Bibel aber dennoch von dem unanschaulichen Gott in anschaulicher Weise redet, dann nur, weil der menschliche Verstand dieser Krücken bedarf. Die Bibel redet von Gott in Begriffen dieser Welt, weil der Mensch keine anderen versteht. Entscheidend ist aber, dass die Bibel auch dort, wo sie Analogien und Metaphern gebraucht, für ihre Aussagen Wahrheit beansprucht und von nichts anderem redet als von harten Fakten. Sie wird nicht etwa „poetisch diffus“, weil‘s um nebulöse Dinge ginge. Sondern sie stellt auch in ihren Gleichnissen und Analogien verbindliche Behauptungen auf. Sie bezeugt Gottes Gegenwart als überwältigende Tatsache. Und – anders als manche Theologen – redet die Bibel nicht von subjektiven Ansichten, sondern von Realitäten. Das, was sie in Metaphern kleidet, ist nicht weniger „wirklich“, nur weil es in dieser Form gesagt wird. Denn so kennen wir es von der Alltagssprache doch auch! Wenn einer behauptet, dass draußen „die Sonne lacht“, weiß jeder, dass es ein bildlicher Ausdruck ist. Denn die Sonne besteht aus glühenden Gasen – und ist keine Person, die wirklich lachen könnte. Wenn „die Sonne lacht“, ist das also eine bildliche Umschreibung. Doch das, was umschrieben wird, ist durchaus kein Bild, sondern ist sehr real. Und es könnte klug sein, die Sonnencreme einzupacken, damit man sich keinen Sonnenbrand holt! Entsprechend verhält es sich aber auch mit den Gleichnisse Jesu und den biblischen Analogien. Denn auch die erheben den Anspruch – zwar nicht dem Bilde, aber der gemeinten Sache nach – wahr zu sein. Sie beschreiben metaphorisch. Aber was sie beschreiben, ist durchaus keine Metapher. Und wer es nicht ernst nehmen wollte, „weil’s doch bloß ein Gleichnis ist“, der hätte nicht verstanden. Denn die biblischen Symbole stehen für Realitäten. Gewiss sind sie als Zeichen nicht selbst die Sache, auf die sie verweisen. Aber deswegen anzunehmen, die bezeichnete Sache habe so wenig Substanz wie das Zeichen – das ist dumm. Und es verleitet dazu, dass man all das Wichtige, was die Bibel über Himmel und Hölle, Engel und Dämonen sagt, irrtümlich ins Reich der Sage schiebt. Weil sie figürliche Rede gebraucht, nimmt man nicht ernst, wovon sie spricht, und bemerkt den Irrtum erst, wenn einen die beschriebene Realität einholt. Wie kommt‘s aber zu diesem fatalen Missverständnis? Es hat seinen Ursprung wohl darin, dass Gottes Wirklichkeit und unsere Wirklichkeit tatsächlich nicht auf derselben Ebene liegen, sondern auf verschiedenen. Denn Gott „ist“ auf andere Weise als Menschen, Steine oder Pflanzen „sind“. Und wegen diesem Unterschied können wir Begriffe, die unserer Welt entnommen sind, nicht im gleichen Sinne auf Gott anwenden – so als wäre er nur ein weiteres Phänomen, das in der Welt auch noch „vorkommt“. Gott ist tatsächlich nicht in Raum und Zeit zu lokalisieren wie unsereiner. Doch – hier liegt der Irrtum – Gott ist deswegen nicht etwa „weniger wirklicher“ als seine Geschöpfe, sondern ist (ganz im Gegenteil) sehr viel „wirklicher“ als wir. Gott ist in der Tat anders. Aber der Unterschied liegt darin, dass er realer ist als alles, was wir sonst noch kennen. Und so wie unsereiner mehr Substanz hat als das, was er sich im Traum vorstellt, so hat Gott mehr Substanz als wir Menschen. Er ist kein „seiendes Ding“, das entsteht und wieder vergeht, sondern ist der Grund allen Seins. Gott ist die ungreifbare Wirklichkeit, die aller greifbaren Wirklichkeit zugrunde liegt. Und wenn wir einem flackernden Lichtschein an der Wand entsprechen, so ist Gott die helle Flamme, von der dieser Lichtschein ausgeht. Sind wir ein leises Rauschen, so ist er der entfernte Wasserfall, von dem es kommt. Und sind wir ein Spatz auf dem Dach einer Hütte, so ist Gott das Bergmassiv, das viele tausend Hütten trägt. In Gottes Schöpfung existiert überhaupt nichts, das sich nicht ihm verdankte! Wer wäre also „wirklicher“ als der, von dem alle Wirkungen ihren Ursprung nehmen? Wer wäre wirklicher als der, der ungeschaffen durch sich selbst da ist? Wer wäre wirklicher als der, der nicht dann und wann hier oder dort ist, sondern immer und überall zugleich? Alles Geschaffene ist nur möglich, Gott aber ist notwendig. Alles ist durch ihn bedingt, er aber ist unbedingt. Er ist „substanzieller“ als alles, wovon wir sonst noch reden. Verglichen mit seinem Ozean sind wir ein Tropfen am Eimer. Eben dieser Unterschied zwingt uns ja zur gleichnishaften Rede! Jener aber, den diese Rede meint, ist viel wirklicher als die Redenden – und tausendmal fester als der Boden, auf dem sie stehen. 

Wenn‘s aber so ist: was meinen dann jene, die mit einem Augenzwinkern sagen, die Bibel berichte nur „Mythen“ und keine Tatsachen? Sie erliegen einem großen Missverständnis. Weil die biblischen Bilder nicht auf die Realität verweisen, die ihnen geläufig ist, nehmen sie an, die Bilder verwiesen nicht auf Reales. Wenn sie dann aber Gottes Wirklichkeit nicht mehr bezeugen, hat ihre Theologie ihr eigentliches Thema verloren. Und da der Mut zur Metaphysik fehlt, müssen sie den Schwerpunkt des Glaubens in die Moral verschieben oder ins Gefühl. Weil sie von Gott nichts mehr zu sagen wissen, verlegen sie sich auf Geselligkeit, Ästhetik, Kultur und Politik. Weil ihnen die biblische Botschaft abhandenkam, reden sie mit erhöhtem Pathos von menschlichem Engagement und wollen immerzu „die Welt retten“. Doch die Überreste ihres christlichen Bekenntnisses müssen sie hinter einer Nebelwand aus Rhetorik verstecken. Denn der direkten Frage, ob das, was im Neuen Testament von Gott geschrieben steht, auch wirklich der Fall ist – so ganz im Ernst und ohne Ausflüchte – der müssen sie ausweichen. Sie wagen diese Frage nicht mehr zu bejahen, und bemühen sich daher, die Fragenden als „naiv“ zu disqualifizieren. Doch liegt das Problem auf ihrer Seite. Sie können viele Positionen referieren, nehmen aber nie einen Standpunkt ein. Und statt Christus nachzufolgen, spenden sie ihm wohlerwogenen Applaus. Sie haben Bildung, aber keine Religion. Und sie begreifen nicht, dass eine Meinung über den Glauben den Glauben nicht ersetzen kann. Sie spielen Kirche. Doch ohne Bekenntnis zu den Heilstatsachen stehen sie da wie der Kaiser ohne Kleider – und müssen sehr fürchten, dass jemand ihre Nacktheit beim Namen nennt...

Nun denken sie vielleicht, das sei ein Streit unter Theologen, der nicht jeden angeht. Doch das täuscht. Denn Menschen wie sie und ich sündigen ja nicht bildlich oder symbolisch, sondern wirklich. Und darum ist uns auch nicht mit bildlicher oder symbolischer, sondern nur mit wirklicher Vergebung zu helfen. Menschen wie sie und ich sind nicht in übertragenem Sinne verwirrt und verloren, sondern sind es wirklich. Und deshalb wäre uns mit einer bloßen Idee vom Heiligen Geist oder mit einer bloß gedachten Erleuchtung nicht gedient. Menschen wie sie und ich sterben in keinem übertragenen Sinne, sondern ganz real, leiblich und kläglich. Und darum brauchen wir auch keine gleichnishafte oder sinnbildliche Auferstehung, sondern eine wirkliche und handfeste. Mit dem realen Satan auf den Fersen brauchen wir keinen gedachten Erlöser, sondern einen sehr greifbaren. Und darum können mir jene Theologen gestohlen bleiben, die einen bloß metaphorischen Himmel verkünden. Ja – haben sie keine Tatsachen zu bekennen, mögen sie ihren Atem sparen. Denn das Leben ist zu kurz, um es einem Gott zu widmen, der nur eine schöne Vorstellung wäre. Sich im Gebet an einem Mythos zu wenden, lohnt die Mühe nicht. Und schöne Symbole retten auch niemandem den Hals. Denn die Bedrohungen, unter denen wir leben, sind zu konkret, um ihnen eine „Projektion“ entgegenzusetzen. Mit einem Evangelium, das aus positivem Denken und Gutmenschentum besteht, kann man ihnen nicht die Stirn bieten. Und darum bin ich ein Feind des theologischen Geschwurbels, hinter dem kein Bekenntnis steht. Das aber nicht, weil ich nicht auch ganz gut schwurbeln könnte, sondern weil in Floskeln und Phrasen kein Trost liegt. Mit blumigen Bildern ist den Menschen unter der Kanzel nicht geholfen – und den armen Sündern, die obendrauf stehen, noch viel weniger. Denn wer schuldig ist, braucht keinen gelehrten Vortrag über Vergebung, sondern braucht einen Mitchristen, der ihm Vergebung vollmächtig zusagen kann. Und wer verlassen ist, dem hilft kein Gott, den er sich erst noch herbeidenken und einbilden muss, sondern nur einer, der allgegenwärtig schon immer da ist. Ja, wäre der Teufel bloß an die Wand gemalt, könnten wir uns einen Erlöser daneben malen – und dürften zufrieden sein. Aber so stehen die Dinge nicht. Und darum darf die Gemeinde Prediger verlangen, die ihr Gottes Taten bezeugen. Wenn einer am Berg abstürzt, hilft ihm kein metaphorisches Rettungsseil, sondern nur ein reales. Wenn’s brennt, braucht er keinen symbolischen Feuerlöscher, sondern einen echten. Und gegen seinen Hunger hilft es auch gar nicht, wenn ihm der Kellner etwas vom Essen vorschwärmt, sondern satt macht ihn nur, was man ihm auf den Teller legen kann. Und in diesem Sinne darf die christliche Gemeinde jedem Koch misstrauen, der selbst mager und hungrig daherkommt. Unser Glaube lebt nicht vom Gerede der Theologen, sondern von den unverrückbaren Fakten, die Gott mit der Sendung seines Sohnes geschaffen hat. Wer sich aber mit weniger zufrieden gibt, ist selbst schuld. Denn das Evangelium ist eine Brücke, die unser Gewicht entweder trägt oder nicht trägt. Wenn uns aber jemand erzählt, das sei eine Frage des Standpunkts, denn die Brücke sei belastbar in einem übertragenen Sinne, und ihre Pfeiler seien ein schönes Gleichnis symbolischer Sicherheit – wir wären also (metaphorisch gesprochen) schon fast auf der anderen Seite, wenn auch nicht wörtlich und konkret: werden wir dann auf seine Brücke auch nur einen Fuß setzen? Ich jedenfalls fühle mich viel zu schwer für eine symbolische Brücke. Und ich danke meinem Gott dafür, dass er fester baut und deutlicher redet. Er gibt Verheißungen, die belastbarer sind als Stahl und Granit. Und so kann ich nur jedem empfehlen, sich im Bekenntnis zu diesem guten Gott nicht irre machen zu lassen – und nie mit weniger zufrieden zu sein als mit ihm selbst. 

 

P.S. 

Sollte jemand einwenden, „Tatsache“ könne nur sein, was sich als Tatsache erweisen lasse, so ist der leicht des Irrtums zu überführen. Denn was der Satz des Pythagoras sagt, ist sicher schon wahr gewesen, bevor Pythagoras es formulieren und anderen Menschen beweisen konnte. Auch ferne Galaxien entstehen nicht durch das Auge ihres Entdeckers oder durch das Teleskop, das die Entdeckung möglich macht. Und so kann etwas sehr wohl „Tatsache“ sein, ohne dass es ein Mensch dem anderen zu demonstrieren vermöchte. Was nicht alle gleichermaßen erfahren, kann doch für alle gleichermaßen gelten. Und wenn sich verborgene Aspekt der Wirklichkeit nicht jedem erschließen, sind sie wegen der subjektiven Unkenntnis einiger Menschen doch nicht „weniger wirklich“ – und werden dadurch, dass man sie zur Kenntnis nimmt, auch kein bisschen „wirklicher“. Natürlich kann, was den Gläubigen Gewissheit ist, von Außenstehenden nur als Hypothese eingestuft werden. Die öffentliche Verifikation bringt erst der jüngste Tag, der zeigen wird, dass unserer Wirklichkeit schon immer die Wirklichkeit Gottes zugrunde lag. Den Vorhang jetzt schon wegzuziehen, steht leider nicht in unserer Macht. Damit Glaube und Unglaube aber nicht aneinander vorbeireden, sollte man zumindest klarstellen, dass zwischen ihnen nicht subjektive Befindlichkeiten oder Geschmacksfragen strittig sind, sondern einander ausschließende Sachaussagen, die, wenn sie richtig oder falsch sind, für alle Menschen gleichermaßen richtig oder falsch sind. 

 

 

 

 

Bild am Seitenanfang: Ilustration of "The Emperor's New Clothes."

Vilhelm Pedersen (1820 - 1859), Public domain, via Wikimedia Commons