Warum glaubt einer, was er glaubt?

 

Der moderne Mensch hat mehr denn je die „Qual der Wahl“. Die verschiedensten „Sinnanbieter“ werben um ihn, der Kunde fühlt sich als König, er hat die Freiheit sich etwas auszusuchen – steht aber zugleich vor der Frage, ob sein persönli-cher Geschmack denn schon ein hinreichender Grund ist, um sich eine bestimm-te religiöse oder antireligiöse Überzeugung zuzulegen. Irgendetwas scheint doch mit diesem willkürlichen Verfahren nicht zu stimmen. Denn dass man zu einer Weltanschauung kommt, wie man sich einem Toaster oder ein Radio kauft (in-dem man in den Elektromarkt geht und sich unter 20 Modellen das hübscheste aussucht), kann doch wohl nicht sein. Bei unserer religiösen Überzeugungen steht zuviel auf dem Spiel! Wenn‘s aber nach Geschmack und Willkür nicht geht – wie denn dann? Warum glaubt einer, was er glaubt? Kommt der Mensch zu-fällig oder schicksalhaft zu seinem Glauben, durch Erziehung, durch Nachdenken oder Ausprobieren?  

Stellen wir die Frage biografisch, lautet die nächstliegende Antwort wohl wirklich: Ich bin Christ, weil man mich als Kind getauft hat, bin also evangelisch, weil meine Eltern es auch waren, und ich bisher keinen Grund sah, etwas daran zu ändern. Das klingt banal. Aber bei vielen wird es zutreffen, dass sie ihren Glau-ben einfach wie eine Familientradition übernommen haben. Nun ist gegen Tradi-tionen gar nichts zu sagen. Wenn sich etwas über Generationen bewährt hat, muss man das Rad schließlich nicht neu erfinden! Und trotzdem kann es nicht genügen, allein aus Gewohnheit beim angestammten Glauben zu bleiben. Denn mit derselben Begründung könnte man auch ein Leben lang dieselbe Partei wählen, die schon die Eltern wählten. Und das würde irgendwann schiefgehen. Denn die Einstellungen, die sich zur Zeit der Großeltern bewährt haben, können heute in die Irre führen. Die Rahmenbedingungen des Lebens verändern sich laufend. Was früher Erfolg versprach, kann heute ein Fehler sein. Und wer seinen Standpunkt selbst verantworten will, muss darum den Verstand einschalten, muss sich selbst ein Urteil bilden und Gewohntes hinterfragen. Aber wie macht man das, wenn es um den Glauben geht?

Am liebsten wär’s uns, wenn man uns Beweise vorlegte, dass diese Religion falsch und jene richtig ist. Wir wünschten, die kritische Vernunft könnte uns dies-bezüglich Sicherheit verschaffen, so dass wir garantiert richtig lägen. Wir würden lieber wissen als zu glauben! Doch leider ist die Vernunft nicht in der Lage, unter den vielen möglichen Weltanschauungen und Religionen die richtige herauszufin-den. Viele von ihnen sind mit Vernunftgründen weder zu beweisen noch zu wie-derlegen. Wenn der Verstand aber nicht ausschließen kann, dass vielleicht auch das Gegenteil wahr ist: Was machen wir dann?  

Von gar nichts überzeugt zu sein, ist auch keine Lösung! Denn man kann auf die Dauer nicht unentschieden leben! Und wenn Grübeln allein nicht weiterführt, liegt es dann nahe, Religionen einfach auszuprobieren und sie so auf ihre Funktion zu testen, wie man es beim Kauf einer Jacke machen würde. Man steht im Geschäft ja auch nicht stundenlang vor dem Kleiderständer und grübelt, ob eine Jacke wohl passen wird, sondern man schlüpft probeweise hinein und schaut, ob es irgendwo kneift, ob man sich darin gefällt und ob es sich gut anfühlt. Eine Le-benseinstellung muss man leben, um zu sehen, was sie taugt! Dann zeigt sich schon, ob sie zu den eigenen Bedürfnissen „passt“. Und wenn’s gut läuft, weiß man hinterher, was man gerne glauben würde. Aber ist man deshalb auch schon überzeugt?

Nein – zumindest bei den Klügeren meldet sich da eine innere Stimme, verdirbt uns den Spaß und sagt: Was dir gefällt, muss noch lange nicht wahr sein. Und die religiöse Frage lautet nicht, wie du Gott gern hättest, sondern wie er tatsäch-lich ist. Du kannst da nicht einfach nach deinem Geschmack urteilen! Du brauchst Gewissheit in diesem Punkt! Wenn die aber nicht aus der familiären Tradition erwächst, nicht aus der blanken Vernunft und nicht aus deinem sub-jektiven Empfinden – woher soll sie dann kommen, und worauf willst du deine Entscheidungen gründen? Der Mensch ist hier in der paradoxe Situation, dass er sich in Fragen entscheiden muss, die er mangels verlässlicher Informationen nicht entscheiden kann. Und viele von uns macht das ratlos. Die Wahl der richti-gen Religion scheint uns schlicht zu überfordern. Und doch kann niemand seinen Standpunkt diesbezüglich offen lassen. Denn das Leben zwingt uns ständig zu Entscheidungen, die eine Weltbild, ein Wertesystem und klare Prioritäten voraus-setzen…

Darf ich das Dilemma noch einmal zusammenfassen? 1. Der Mensch kann nicht nichts glauben, denn auch eine Entscheidung gegen den Glauben ist eine Glau-bensentscheidung, deren Richtigkeit er nicht beweisen kann. 2. Weil die religiöse oder anti-religiöse Überzeugung eines Menschen unweigerlich sein ganzes Leben bestimmt, will er gerade hier keine willkürliche Wahl treffen, sondern eine begründete. 3. Das familiäre Herkommen hilft ihm dabei wenig und liefert keine hinreichenden Gründe, weil Traditionen falsch oder überholt sein können. 4. Die Vernunft lässt den Menschen im Stich, weil sie nicht nur jeden Glauben, sondern auch jeden Unglauben in Zweifel zieht, etliche Positionen widerlegt, aber keine beweist. 5. Auch Wille und Gefühl liefern keine hinreichenden Gründe, weil das, was der Mensch gerne glauben würde, deshalb noch lange nicht wahr sein muss. 6. Es fehlen demnach zwingende Argumente, um eine Weltanschauung zu „wählen“, von deren Wahrheit man überzeugt ist. Offen lassen kann man die Frage aber nicht. Und eine Weltanschauung zu wählen, von der man nicht über-zeugt ist, macht erst recht keinen Sinn. Denn die eigentlich religiöse Frage ist ja gerade, worauf man sich im Leben und im Sterben unbedingt verlässt.  

Die Aufgabe begründeter „Religionswahl“ scheint somit unlösbar. Und darum halten sich viele Menschen einfach an das, was die Mehrheit glaubt. Sie lassen alles in der Schwebe. Und am gewissesten scheint ihnen noch, dass es keine Gewissheiten geben kann. Doch so logisch es auch klingt: Das ist ein Irrtum! Denn tatsächlich gibt es religiöse Gewissheit. Viele Menschen erfahren sie und strahlen sie auch aus. Ich meine aber, dass es mehr sein könnten, und dass Gewissheit nur darum so selten ist, weil wir ihr Entstehen durch unsere innere Haltung erschweren und verhindern. Der moderne Mensch blockiert sich an dieser Stelle selbst und geht mit falschen Voraussetzungen an die Sache heran. Denn solange er meint, seine religiöse Überzeugung selbst zu wählen (und sich vorstellt, in der souveränen Rolle des umworbenen Kunden zu sein, der Ange-bote prüft), solange wird er Gott nicht begegnen. Nicht erst durch eine negative Entscheidung, sondern schon durch seine Haltung verneint dieser Mensch die Realität Gottes. Denn die Haltung des souverän Wählenden kann nur ein-nehmen, wer um den unbedingten Anspruch Gottes auf seinen Glauben und seinen Gehorsam nicht weiß – und also den Bereich der Religion noch gar nicht betreten hat. Betritt er ihn aber, beugt er sein Haupt und erkennt Gottes unbe-dingten Anspruch, ist sofort klar, dass nicht der Mensch Gott, sondern Gott ihn wählte – und dass darum die Haltung des Kunden ganz unangemessen war. Solange ich Gott zum Gegenstand meines Urteils mache, bin ich ihm nicht be-gegnet. Wenn ich ihm aber begegne, dreht sich das Verhältnis um, und ich erkenne mich als Gegenstand seines Urteils. Dass einem dieses Licht aufgeht, ist aber wiederum nicht des Menschen Tun, sondern Gottes Tun an ihm. Denn Gottes Wahrheit ist überwältigend, überführend und mitreißend. Und gerade weil der Mensch nicht über sie bestimmt, sondern sie über ihn, entsteht Gewissheit. Denn wer von dem mächtigen Eindruck eines anderen erfasst und umgeworfen wird, braucht keine Gründe um am Boden zu liegen. Er zweifelt nicht an der Wirklichkeit dessen, der ihn zu Boden gebracht hat. Und wenn sich jemand er-kundigte, aus welchen Gründen er sich entschieden habe am Boden zu liegen, würde er über diese Frage wohl lachen. Denn er hat sich das ja nicht ausge-sucht, sondern Gott hat sich ihn ausgesucht und hat ihn verwandelt. Gott ist in dieser Sache der bestimmende Teil. Und anders kann es auch gar nicht sein. Denn wenn es Religion mit dem Unbedingten zu tun hat, dann ist dies Unbe-dingte auch nicht durch mein Ermessen und Wählen, Prüfen und Urteilen be-dingt. Solange ein Mensch aber den Vorbehalt macht, nach Geschmack wählen zu können, behandelt er das Unbedingte als Bedingtes und dementiert damit seine Geltung. In der Haltung des Kunden tut der Mensch so, als bräuchte Gott seine Zustimmung, um Gott sein zu dürfen. Und schon durch diese Haltung beweist er, dass er Gott nicht ernst nimmt. Wer so tut, als hätte er Gott gegen-über eine Wahl, bekundet damit, dass er Gott nicht kennt. Und das heißt im Blick auf das oben benannte Dilemma (dass wir wählen müssen, wo uns hinreichende Gründe fehlen), dass es sich um ein Scheinproblem handelt, für das es nur des-halb keine Lösung gibt, weil wir mit der Haltung, in der wir an die Frage heran-gehen, verhindern, dass wir eine Antwort bekommen. Wer ernsthaft meint, er könnte sich einen Gott aussuchen, findet in dieser Haltung weder Gott noch Gewissheit. Der Grund ist dann aber nicht, dass es solche Gewissheit nicht gäbe, sondern dass die Gewissheit, die es gibt, nicht von uns ergrübelt, sondern von Gott geschenkt wird. Sie ergibt sich nicht aus unseren guten oder schlechten Argumenten, sondern allein aus Gottes Tun und Gottes Geist. Und der Ausweg aus dem Dilemma sieht darum nicht so aus, dass man willkürlich und eigen-mächtig eine Entscheidung trifft, sondern dass man die Entscheidung bewusst an Gott abgibt. Die Gewissheit, die wir nicht erzwingen können, will erbeten sein, und die ersehnte Klarheit wird dann von dem geschenkt, um den es geht. Statt fruchtlos zu grübeln, falte man die Hände und sage schlicht und ehrlich: „Wenn du da bist Gott, dann öffne mir die Augen, ich stolpere im Nebel herum, darum hilf mir, dich zu finden.“ Nur so kann es gelingen, denn Gottes Wahrheit ist keine, die wir ergreifen könnten, sondern eine, von der wir ergriffen werden. Mit anderen Worten: Das große Rätselraten, was man auf dem großen Markt der Religionen denn wählen soll, endet nie durch den wohlerwogenen Beschluss, dies oder das gelten zu lassen. Sondern es endet, wenn Gott sich erbarmt, dem Menschen die Wahl abzunehmen und seine Blindheit zu heilen. So einer hat dann nicht ent-schieden, und doch ist die Sache entschieden, weil der Mensch gar nicht mehr anders kann, als den Gott zu fürchten und zu lieben, der ihn berührt hat. Man rechnet sich also nicht aus, welcher Glaube am wahrscheinlichsten stimmt und welcher die größten Vorteile bringt, sondern wenn’s echt ist, begegnet man einer Macht, die durch ihr unwidersprechliches Auftreten selbst den Hebel umlegt, so dass man dran glauben muss. Und erst dann, wenn einer (auch gegen seinen Willen!) nicht mehr anders kann, als Gott zu glauben, glaubt er wirklich. Denn Glaube fängt an, wo menschlich-angemaßte Souveränität gegenüber Gott auf-hört. Und wo sie aufhört, da „hat“ man dann keinen Glauben, sondern der Glaube „hat“ den Menschen. Gründe und Beweise braucht so ein Gläubiger nicht. Denn für ihn steht Gott groß und unübersehbar da, wie ein Elefant im Wohnzimmer, und er begreift gar nicht, wie so viele andere das Offensichtliche ignorieren können…

Was sollen wir aus alledem schließen? Zuerst, meine ich, sollten wir uns klar machen, dass die ganze Vorstellung vom „religiösen Markt“, von „Sinn-Anbie-tern“, „Kunden“ und „souveränen Kaufentscheidungen“ in die Irre führt. Denn sie spiegelt nur wieder, wie der moderne Mensch seine Rolle missversteht. In Wahr-heit stehen wir nicht vor einer großen Auswahl möglicher Weltanschauungen, wie wir im Laden vor 20 Radios stehen und uns fragen, welches wir nehmen sollen! Sondern nur solange wir uns Gott gegenüber eine Entscheidung vorbehalten, nur solange diese Illusion währt, stellt sich die Situation so dar. Und wenn Gott uns die Illusion nimmt, verschwindet zugleich die Ratlosigkeit. Denn in Wahrheit ist Gott kein Objekt meiner Erwägungen. Es ist gar nicht an mir, ihm evtl. Glauben zu schenken, so dass er ein Gott „von meinen Gnaden“ wäre. Nicht wir prüfen Gott, sondern Gott prüft uns, wandelt uns und schenkt uns durch seinen Geist die Entschiedenheit, die wir aus uns heraus nie bekämen. Bitten wir ihn also um seinen Geist und lassen wir darin nicht locker! Denn alles in der Schwebe zu lassen, ist die schlechteste Lösung. Ja, bevor einer sein Leben lang ein lau-warmer und halbherziger Christ bleibt, ist es sogar besser, er versucht etwas anderes zu sein. Denn das trägt zur Klarheit bei. Ist einer völlig unentschlossen, möge er doch versuchen, ob er Buddhist werden kann, Atheist oder Satanist. Wer mag, versuche an den sozialistischen Menschen zu glauben, an die Über-legenheit einer Rasse, an das Recht des Stärkeren, oder an sein Horoskop! Nur ewig halbgar und untätig möge er nicht bleiben – denn verderblicher als jene Irrwege ist die vermeintliche Neutralität, die es für eine gute Strategie hält, sich alle Optionen offen zu halten. Damit hält ein Mensch Gott auf Distanz, und diese Distanz wird ihm dann zum Verhängnis, weil Gott die gleichgültig Diffusen noch viel weniger mag als seine offenen Feinde (vgl. Offb. 3,15-16 / Mt 12,30). Wir können uns keinen Gott nach eigenem Geschmack ausdenken, sondern werden entweder mit dem leben, den es gibt, oder ohne ihn verloren gehen. Warum also glaubt einer, was er glaubt? Im Ernste glaubt der Mensch nur, wenn er nicht anders kann. Nicht anders zu können, ist dann ein hinreichender Grund, es zu tun. Und alles andere ist Gedankenspielerei.