Erg. 13 • Vorsehung und Führung

Was lehrt uns die Josefsgeschichte?

 

Der Begriff der „Vorsehung“ ist aus verschiedenen Gründen sehr aus der Mode gekommen. Ältere Menschen haben noch in unguter Erinnerung, dass Adolf Hitler sich gern als Instrument der „Vorsehung“ darstellte und seine „Sendung“ damit religiös überhöhte. Politisch Engagierte fürchten, der Vorsehungsglaube würde die Eigenverantwortung des Menschen ersticken und ihn „schicksalsergeben“ machen. Und auch Theologen vermeiden das Thema, weil es unangenehme Fragen nach sich zieht. Je deutlicher man sagt, dass Gott den Lauf dieser Welt lenkt, desto schwerer ist zu erklären, warum soviel Leid darin enthalten ist. Diese Verantwortung würde man lieber dem „Zufall“ oder der „Willensfreiheit“ des Menschen zuschreiben. Doch die Bibel verstellt diese Ausflüchte und hält ihren klaren Vorsehungsglauben dagegen:

„Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“ – so steht es schon im Alten Testament. Und auch Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass Gott das Weltgeschehen bis ins Detail bestimmt. Nicht einmal ein Sperling, sagt er, fällt auf die Erde, ohne dass es der Vater im Himmel weiß und will (Mt 10,29).

Das freilich versteht sich nicht von selbst und hat den Augenschein gegen sich. Denn das Leben wirkt nicht gerade wie ein „planmäßiger“ Ablauf. Sind die Wege der Menschen nicht arg verwickelt? Sind die Wechselfälle des Schicksals nicht unberechenbar? Sind wir nicht Spielball vieler, vieler Zufälle? Sieht unser Leben im Resultat wirklich nach göttlicher Ordnung und Führung aus?

Nun: Zweifel in dieser Sache sind nur zu verständlich. Und trotzdem sollten wir nicht vorschnell urteilen. Denn wenn wir den Plan nicht erkennen, der dem Geschehen zugrunde liegt, muss das nicht heißen, dass es keinen Plan gibt. Es könnte auch einfach daran liegen, dass wir die Zusammenhänge nicht so überblicken, wie Gott sie überblickt, und dass in unseren Augen chaotisch erscheint, was aus Gottes Perspektive durchaus seine Ordnung hat. Ja, die Bibel selbst kennt unsere Einwände und gibt uns für Gottes Vorsehung schöne Beispiele an die Hand:

Erinnern sie sich z.B. an die verwickelte Lebensgeschichte des Josef, die uns im 1. Buch Mose erzählt wird? Josef war einer der zwölf Söhne Jakobs und war des alten Vaters Liebling. „Den zieht der Vater vor. Der bekommt immer etwas geschenkt!“, sagten die anderen Brüder und waren nicht ohne Grund neidisch. Denn der Vater hatte Josef ein besonders schönes Gewand geschenkt. Und obendrein erzählte ihnen Josef eines Tages von den Träumen, die er gehabt hatte:

Die Getreide-Garben der Brüder auf dem Feld verneigten sich tief vor Josefs Garbe. Und auch elf Himmelskörper – Sonne, Mond und Sterne – verbeugten sich vor Josef. Mit solchen Träumen macht man sich nicht beliebt. Und außerdem hatte Josef die Unart, seine Brüder beim Vater zu verpetzen. Der Vater setzte ihn als „Spion“ gegen die älteren Brüder ein. Und das konnte auf die Dauer nicht gut gehen. Eines Tages, als Josef zu seinen Brüdern auf die Weideplätze kam, fassten sie den Plan, sich des ungeliebten Bruders zu entledigen. Sie rissen ihm das bunte Gewand vom Leib, tauchten es in Tierblut, schickten es dem Vater und meldeten, Josef sei von einem wilden Tier gefressen worden. Tatsächlich aber warfen sie Josef für kurze Zeit in eine Grube und verkauften ihn dann als Sklaven an eine Karawane, die auf dem Weg nach Ägypten war.

Dort in Ägypten wurde er an den hohen Staatsbeamten Potifar verkauft, für den Josef ein Landgut verwaltete. Doch unglücklicherweise fand auch Potifars Frau Gefallen an Josef. Der Israelit blieb standhaft, doch aus der enttäuschten Liebe der Frau Potifar wurde Hass. Sie beschuldigt Josef, er habe sich an ihr vergangen, und prompt landet Josef im Gefängnis. Er begegnet dort zwei Gefangenen des Pharaos und kann bei ihnen seine Begabung, Träume zu deuten, unter Beweis stellen.

Die Träume des Mundschenks und des Bäckers des Pharaos erfüllen sich, genau so wie es Josef vorausgesagt hat. Und als der Pharao selbst von Träumen geplagt wird, die ihm seine Weisen nicht zu deuten wissen, erinnert sich der Mundschenk an Josef. Josef wird vor den Pharao geholt, und interpretiert ihm nicht nur seine Träume von den sieben fetten und sieben mageren Kühen als Jahre guter Ernten und Jahre der Dürre, sondern er gibt zugleich Ratschläge, wie das Problem zu meistern ist.

So wird Josef zum „Wirtschaftsminister“ des Pharaos befördert, und nach dem Abstieg ins Gefängnis folgt eine unerwartet steile Karriere. Ein paar Jahre später herrscht auch in Israel Dürre, so dass der alte Vater Jakob mit seinen Söhnen Hunger leidet. Die Söhne ziehen darum nach Ägypten und kaufen Getreide beim Wirtschaftsminister des Pharaos, ohne in diesem hohen Herrn ihren Bruder Josef zu erkennen. Josef hingegen erkennt sie, ohne sich zu offenbaren, stellt sie mehrfach auf die Probe und lässt sie unter dem Vorwand, sie hätten ihn bestohlen, gefangensetzen. Zuletzt aber gibt sich Josef seinen Brüdern zu erkennen und lädt sie sogar ein, sich samt ihren Familien im fruchtbaren Ägypten anzusiedeln.

So gelangen die Stammväter Israels nach Ägypten, wo sie später zu einem großen Volk werden. Als aber der alte Jakob stirbt, da bekommen es die Brüder noch einmal mit der Angst zu tun und fürchten, Josef werde nun Rache an ihnen nehmen, weil sie ihn einst in die Sklaverei verkauften. Doch da sagt Josef den entscheidenden Satz, der die Quintessenz der gesamten Geschichte bildet: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk“ (1. Mo. 50,20).

Ja wirklich – es nimmt ein gutes Ende mit diesem Josef und er erkennt im Rückblick, dass sein verschlungener Weg nötig war, damit seine Traumdeutung eine Hungersnot in Ägypten verhindern konnte. So hatte es Gott gewollt und gefügt – und das es gelang, scheint im Blick auf die Vorgeschichte mehr als erstaunlich. Denn verwickelter als der des Josef, kann kaum ein Lebensweg sein. Von allen Menschen, die am Geschehen beteiligt sind, hat keiner auf das gute Ende hingesteuert. Keiner der Akteure behielt den Überblick, alle verfolgten nur ihre kleinen, egoistischen Ziele – und trotzdem haben all die großen und kleinen Fehler das gute Ende nicht verhindert, sondern herbeigeführt!

Man denke nur einmal an den alten Jakob, Josefs Vater. Warum hat er seinen „Lieblingssohn“ den anderen vorgezogen und verwöhnt? Hätte der Vater nicht wissen müssen, dass er damit Konflikte zwischen seinen Söhnen heraufbeschwor? Wer eines seiner Kinder bevorzugt, muss doch wissen, dass er den Neid der anderen weckt!

Und bei Josef war der pädagogische Fehlgriff offenkundig! Denn wie die Träume beweisen, bildet sich Josef gewaltig etwas ein. Josef wird überheblich und ist obendrein noch so dumm, den Brüdern von seinen Träumen zu erzählen, und sich ihren Hass zuzuziehen.

Es war schließlich damit zu rechnen, dass den Brüdern die menschliche Größe fehlen würde, um die Träume Josefs einfach zu belächeln. Josef war wirklich ein Angeber. War er nicht selbst schuld, wenn die Anderen ihn nicht mochten?

Freilich – auch die Brüder tragen Schuld. Wenn schon nicht um Josefs, so hätten sie doch wenigstens um des Vaters willen ihr Aggressionen zügeln müssen. Sie mussten wissen, wie es den Vater schmerzen würde, wenn sie ihm das blutige Gewand des Josef zusammen mit einer dicken Lüge auftischen.

Man sieht: In dieser Geschichte handeln alle aus niederen Beweggründen oder zumindest aus menschlicher Schwäche heraus – genau wie im richtigen Leben. Und doch schreibt Gott auf diesen krummen Linien gerade, verwandelt sozusagen Dreck in Gold und führt das Ganze zu einem guten Ende. Keiner der Akteure kann sich dabei ein Verdienst zuschreiben, denn jeder kochte sein eigenes Süppchen. Jeder spielte sein eigenes Spiel. Und doch trägt jeder – ohne es zu ahnen – seinen Teil dazu bei, dass die Heilsgeschichte ihren Gang nimmt, dass Gottes Plan aufgeht, und das Volk Israel nach Ägypten kommt.

Schließlich: Wenn die Karawane nicht nach Ägypten, sondern nach Babylon gezogen wäre, dann wäre Josef keiner Frau Potifar begegnet. Dann aber wäre er nicht im Gefängnis gelandet, hätte keine Träume des Pharaos deuten und seine Brüder nicht nach Ägypten holen können. Alles wäre anders gekommen! Wenn Potifar nicht im falschen Moment außer Haus gewesen wäre, wenn er seine Frau besser gekannt und durchschaut hätte oder sich seine Frau in einen anderen verliebt hätte: Alles wäre anders gekommen! Wenn Josef nicht die Bekanntschaft mit dem Mundschenk und Bäcker im Gefängnis gemacht hätte, wenn die beiden ihre Träume für sich behalten hätten oder Josef diese Begabung, Träume deuten zu können, nicht gehabt hätte: Alles wäre anders gekommen!

Keiner dieser Menschen wusste etwas von der Tragweite seines Tuns. Jeder dachte nur an seine Haut. Und doch haben sie alle – ohne es zu wollen oder zu wissen – Gottes Ziel erreicht. Ein Mensch durchkreuzte ständig die Pläne der anderen – und am Ende ging nur Gottes Plan auf. Josef aber ist der einzige, der das am Ende begreift, und auch die Ironie erkennt, die der Sache innewohnt. Denn am Anfang stehen diese ärgerlichen Phantasien Josefs, der träumt, seine Brüder müssten sich vor ihm verneigen. Dann versuchen seine Brüder die Erfüllung dieses Traumes zu verhindern, indem sie Josef nach Ägypten verkaufen. Und am Ende haben sie genau mit dieser Untat herbeigeführt, was sie verhindern wollten. Denn sie stehen vor Josef, dem Wirtschaftsminister des Pharaos, und verneigen sich vor ihm…

Gottes Vorsehung ist geprägt von einem eigenwilligen Humor! Und doch geht uns die Sache noch viel tiefer etwas an, weil es hier nicht um das Einzelschicksal des Josef geht, sondern zugleich auch um unseres. Es ist nämlich auch unser Leben ein unentwirrbares Geflecht von eigenen Entscheidungen und schicksalhaften Verkettungen, von schuldhaftem Verhalten, Irrtümern und sogenannten „Zufällen“. Ein heilloses Durcheinander ist unser Dasein – aus menschlicher Sicht. Und doch dürfen wir glauben, dass unser Leben zugleich, so wie Josefs Leben, Teil eines übergeordneten göttlichen Planes ist.

Es sieht nicht danach aus, weil vordergründig die Menschen handeln und man sich sagt: Wenn ich damals nicht mit dem und dem in die Schule gegangen wäre... Wenn ich in jenem Jahr nicht im Süden sondern im Norden Urlaub gemacht hätte... Wenn ich an jenem Morgen nicht verschlafen hätte... Alles wäre anders gekommen! In Wahrheit aber ist das wirre Geflecht von Zufällen, Entscheidungen und Zwängen nur der Vordergrund, und schaut man auf den Hintergrund, so ist es alles Gott Führung.

Diesen Hintergrund des Weltspektakels zu sehen, das sollten wir üben – und sollten darin nicht nachlassen. Denn es ist sehr tröstlich, auf Gottes unsichtbares Regieren zu vertrauen, und ist manchmal das Einzige, worauf man vertrauen kann. Denn anders als wir Menschen kann Gott auch auf krummen Linien grade schreiben und kann aus bösen Plänen gute Folgen erwachsen lassen, wie er es bei Josef tat.

Josefs Geschichte kann uns daher Mut machen, Gottes Vorsehung auch dort zu bejahen, wo wir sie nicht verstehen. Und sie sollte uns helfen, uns selbst weniger wichtig zu nehmen, weil doch mitten in dem Chaos, das wir anrichten, immer zugleich Gottes verborgene Hände tätig sind, die auf unmerkliche aber effektive Weise regieren, führen und ordnen. Es wird regiert! Dass wir’s aber ab und zu sehen und spüren und dem himmlischen Regieren auch dann vertrauen, wenn wir es nicht spüren, das verleihe uns Gott…