Erg. 50 • Von gebrochener Resignation

                                                                                             dieser Text als Video

 

Über Ostern zu reden, scheint leicht zu sein, weil eine gute Nachricht ja überall dankbar aufgenommen wird. Und wenn wir den Sieg des Lebens verkünden, dann gibt es weit und breit keinen, der etwas dagegen haben könnte. Keiner mag den Winter, keiner mag den Tod – und so lässt sich Einigkeit schnell erzielen. Doch dürfen wir annehmen, damit sei Ostern schon verstanden? Ich denke nicht. Denn ein tieferes Verständnis der Auferstehung gewinnt nur, wer auch das Kreuz kennt, wer es persönlich fühlt (auf dem eigenen Rücken) und weiß, dass diese Welt ein Friedhof ist. Für sonnige Gemüter, die schon aus Naivität positiv denken, ist Ostern eher nicht gemacht, sondern für die Gebeugten, die mit blutigen Händen aus dem Schlachthaus kommen und tausend Tränen vergießen über das große Würgen und Erwürgt-werden, das wir Geschichte nennen. Wer sich mit dem Lauf der Welt schon deshalb versöhnt, weil’s mal wieder Frühling wird und weil frisches Gras wächst über den Gräbern des vergangenen Jahres, dem hat Ostern eher nichts zu sagen – und den geht’s eigentlich auch nicht an. Aber für die Opfer, die nicht mehr lachen, für die hat Christus etwas tun wollen und wollte ihnen das Bleigewicht der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit von den Schultern nehmen. Denn diese Welt ist ein Friedhof, auch wenn überall schöne Blumen wachsen, und die quicklebendig herumlaufen sind trotzdem dem Tod geweiht. Sie singen und springen und laufen munter ihrem Grab entgegen. Wer sich damit aber abfinden kann und daran nicht leidet, weil er’s gar nicht begreift, was hat Jesus mit dem zu schaffen? Jesus kam zu den Mühseligen und Beladenen, die nicht erst am Ende des Lebens etwas begraben, sondern die täglich ihre Träume begraben, ihre Würde und ihre Liebe. Und deren Problem ist gar nicht zuerst und nicht nur der leibliche Tod am Ende, sondern der tägliche Tod, der innen stattfindet und Herzen mordet.

Ich denke an Eltern, die ihre Kinder scheitern sehen und nichts dagegen tun können. Ich denke an junge Frauen, die sich in Bordellen erniedrigen. Und ich denke an Menschen, die ein Leben lang verspottet werden, weil sie weder klug sind noch stark. Ich denke an viele Prediger, die es nicht so gut haben wie ich, weil sie für das Evangelium angespuckt und verhöhnt werden – und trotzdem weitermachen. Mir fallen Jugendliche ein, an denen so gar nichts hübsch ist, und die doch auch von irgendwem geliebt werden wollen. Und ich denke an all die anderen, die sich nicht verzeihen können, so zu sein, wie sie sind. Ja, Menschen müssen mit ansehen, wie ihr Bestes unter die Räder kommt, und müssen oft auch noch gute Miene machen zum bösen Spiel. Wer aber freut sich, wenn dabei das Gute und das Hoffnungsvolle im Menschen stirbt? Wer ist es, der die Herzen bluten macht, bis sie sich selbst hassen und aufgeben? Wenn wir ihn nicht aus der Bibel kennen, dann zumindest aus Goethes Faust, wo er Mephisto heißt und sich selbst treffend beschreibt, indem er sagt: „Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht; Drum besser wär's, dass nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz, das Böse nennt, mein eigentliches Element.“

Ja, das innere Bluten und Sterben kommt von diesem Geist, der stets verneint und der sich darauf berufen kann, auf eine schreckliche Weise auch noch Recht zu haben. Denn was unter den Bedingungen dieser Welt entsteht, ist samt und sonders mit Sünde behaftet und darum wirklich „wert, dass es zugrunde geht“. Dem Neuen Testament zufolge ist der Tod der Sünde Sold und ihr verdienter Lohn, so dass sich Mephisto dafür auf Gottes eigenes Gesetz berufen kann. Doch verborgen unter alledem, was an uns notwendig verneint werden muss – tief verschüttet unter Schmutz und Müll –, sind wir eben nicht nur von Adams und Evas Natur, sondern sind auch noch dazu bestimmt, Ebenbilder Gottes zu sein. Und das übersieht Mephisto! Nicht alles an uns ist wert, dass es zugrunde geht, denn unser Schöpfer meint es nach wie vor gut mit uns. Trotz allem hält er daran fest, dass wir Gefäße der Gnade sein sollen! Trotz allem will er mit uns seinen Himmel bevölkern! Und er zieht darum auch nicht die Konsequenz Mephistos, dass, weil das Leben nicht lohnt, es besser wäre, wenn‘s gar nicht erst entstünde, sondern ganz im Gegenteil erweist sich Gott als ein leidenschaftlicher und treuer Freund des Lebens. Gott sagt lauter „Ja“, als der Feind jemals „Nein“ rufen könnte! Und das nicht nur in dem alltäglichen Sinne, dass Gott die Zyklen der Natur aufrecht erhält, dass er den Frühling kommen lässt und immer neue Generationen von Menschen, sondern auch im Sinne jenes qualitativen Sprungs, den wir Auferstehung nennen. Denn Ostern bedeutet ja nicht, dass der gegenwärtig so erbärmliche Lauf der Welt eine ewige Fortsetzung fände, so dass wir auferstehend bloß zurückkehrten in unsere schäbige alte Haut, sondern Ostern bedeutet, dass alles bewahrt wird, was gut war, und sich zudem alles entfaltet, was wir noch gar nicht geahnt und noch nicht gelebt haben. Weil das aber nicht bloß unser leibliches Sterben betrifft, sondern ebenso unser alltäglich inneres Sterben, darum will Ostern nicht bloß einmal im Jahr gefeiert werden, sondern tagtäglich, so dass wir nicht nur mit einer realistisch gebrochenen Hoffnung herumlaufen, sondern zugleich mit einer österlich gebrochenen Resignation. Und so eine gebrochene Resignation äußert sich dann darin, dass wir bei jeder Niederlage des Guten, bei jedem Abschied und bei jedem Versagen draufschreiben „unverloren“. Etwas Gutes scheitert, und ein Zuversicht versandet, ein Christ aber sagt: „unverloren“. Treue wird enttäuscht, und Wahrheit verleugnet, ein Christ aber sagt: „unverloren“. Ein Lachen gefriert, und ein Lächeln erstirbt, ein Christ aber sagt: „unverloren“. Denn österlich leben heißt ja nicht bloß, auf allen Dingen den Schatten des Todes zu sehen, sondern auch auf allen die Morgensonne Christi. Christus ist der, der von allen Seiten mit Dreck beworfen wurde, und der doch mit noch soviel Hass und noch soviel Erde nicht zu begraben war. Ostern ist der Trotz Gottes gegen alles, was ihn verneint, es ist die Renitenz des Allmächtigen, der seine gute Schöpfung nicht preisgibt. Und die herrliche Ironie des leeren Grabes besteht darin, dass einzig und allein der Geist, der stets verneint, durch dieses Grab verneint und darin begraben wird. Der einzige, der wirklich stirbt und aus diesem Grab nicht mehr herausfindet, ist Mephisto, der große Freund des Sterbens! Gottes guter Wille hingegen lässt sich nicht beerdigen und ist darum mit all dem Guten, das er einschließt, „unverloren“. Gottes Wahrheit kann man vernebeln, aber der erbittertste Feind kann sie nicht ändern. Und alles, was man uns hier auf Erden wegnimmt, kann Gott uns im Himmel zurückerstatten. Solang der Allmächtige für uns ist, kann keiner gegen uns sein. Und gegen jeden Einwand behält Christus das letzte Wort. Kein Schaden ist so groß, dass er es nicht richten könnte. Und in keinem Schädel ist es so finster, dass Gottes Geist ihn nicht erleuchten könnte. Mephisto mag toben, aber er kann nicht mehr siegen. Denn gegen Ostern ist kein Kraut gewachsen. Es ist eine Bewegung, die niemand mehr aufhält. Und Christus, der da auferstanden ist, wird auch nicht ruhen, bis er dem ärmsten Tropf und der letzten vergessenen Seele seine helfende Hand gereicht hat.

Warum also zittern und zagen wir? Warum jammern und streiten wir? Warum sind wir nicht völlig gelassen? Wer Ostern verstanden hat, wird nicht mehr mit einer gebrochenen Hoffnung herumlaufen, sondern mit einer gebrochenen Resignation. Denn selbst das, was „für die Katz“ war, ist bei Gott „unverloren“. Und selbst in völliger Finsternis geht sein Licht niemals aus. Seit Ostern ist Gottes Güte unüberwindlich und kann auch durch noch so viele schlechte Nachrichten nicht widerlegt werden, weil unser Trost notorisch größer ist als unser Elend. Oder könnte einer von uns so arm werden, dass Christi Reichtum es nicht kompensierte? Könnte einer so dumm sein, dass Gottes Weisheit zum Ausgleich nicht genügte? Wäre jemand so restlos tot, dass Gott ihn nicht beleben könnte? Oder wäre vorstellbar, dass Gottes Gedächtnis irgendeine Seele vergäße? Nein! Gott ist von unbedingter Treue! Was er am Ostermorgen entschieden hat, macht niemand rückgängig! Darum ist das große Spiel gewonnen, und wir haben bloß noch nicht realisiert, dass wir auf der Siegerseite stehen. Die Tür ist offen, und die Gefangenen zögern bloß hinauszugehen, weil sie das helle Tageslicht nicht gewöhnt sind…

Wenn aber einer kritisch sein will und fragt, warum wir denn von dem neuen Leben so wenig fühlen, warum wir’s nicht stärker merken und spüren, so ist die Antwort ganz einfach: Wir spüren das neue Leben so wenig, weil wir noch zu sehr auf das alte fixiert sind. Wir erkennen nicht, was wir in Christus sind, weil wir gebannt auf das starren, was wir in Adam waren. Wir hinken dem Fortschritt Gottes gedanklich hinterher, weil wir immernoch viel zu viel von dieser Welt erwarten – und zuwenig von Gott. Wir hegen noch die törichte Hoffnung, wir könnten ungestorben auferstehen. Wir klammern uns an das, was wir kennen – nämlich an die eigene Kraft! Und diese Fixierung auf das Menschenmögliche, das keine Verheißung in sich trägt, die führt zu ständiger Frustration. Kleingläubig, wie wir sind, versuchen wir immer noch, uns selbst das Leben zu verschaffen, versuchen uns selbst zu rechtfertigen und uns selbst zu verewigen. Doch das hat noch nie funktioniert. Und auf diese Weise ist auch noch für niemanden Ostern geworden. Denn Gottes Wunder knüpfen nicht an die Vorlagen an, die der Mensch ihm eigenmächtig geben will. Gott wählt nie das zum Werkzeug, was aus sich selbst heraus schon groß ist, sondern er wählt, was klein ist. Gott füllt überhaupt nur leere Hände. Das ist seine Handschrift und sein ganz persönlicher Stil! Und darum knüpft Gott auch bei uns nicht an, wo wir uns stark fühlen, sondern dort, wo wir nichts erwarten, weil wir da nichts können. Gott hat Freude daran, nicht aus den von uns gepflegten Beeten, sondern gerade aus unserem Misthaufen unverhofft Großes wachsen zu lassen! Dreck in Gold zu verwandeln macht ihm den größten Spaß! Und die Folgerung, die wir ganz persönlich daraus ziehen sollten, ist, dass wir ihm einfach unsere gesamte Existenz zur Verfügung stellen – und ihn machen lassen.

Wir werden dann gewiss nicht auferweckt, bevor das Menschliche an uns vollständig gestorben ist. Wir werden nicht siegen, ohne vorher auf ganzer Linie gescheitert zu sein. Wir werden das andere Ufer nicht erreichen, wenn wir dieses hier nicht verlassen. Aber das macht nichts, denn Ostern bedeutete auch für Christus nicht, den Tod zu umgehen, sondern durch den Tod hindurchzudringen. Und wir sollten nicht erwarten, dass es uns anders ergeht als dem Herrn, dem wir folgen. Der Lauf der Zeit wird uns nach und nach entziehen, woran wir uns heute noch klammern. Was an uns „alter Adam“ ist, wird irgendwann untergehen, und unsere ganze persönliche Welt kommt unter die Räder. Unsere gesamte Menschen-Herrlichkeit wird schwinden wie eine Sandburg am Meer, wenn die Flut kommt und der Regen einsetzt. Aber das macht nichts. Denn wenn dann Mephisto kommt, lacht und zufrieden sagt „nun ist er tot“, dann ist auch Christus zur Stelle und ruft: „unverloren“! Ja, Mephisto bricht vielleicht unsere Hoffnung, doch Christus bricht unsere Resignation! Und wer beides weiß, kann damit leben, kann dankbar sein – und fröhlich noch dazu. Denn – komme, was da wolle! – wer im großen Durcheinander das letzte Wort behält, das ist seit Ostern kein Geheimnis mehr…