Erg. 28 • Von der Tugend des Respekts

Muss man ihn verdienen?

 

Zu den Tugenden, die in unserer Zeit außer Mode gekommen sind, gehört sicherlich der Respekt vor anderen Menschen. Früher wurde dieser Respekt durch höfliche Umgangsformen zum Ausdruck gebracht: Man grüßte sich auf der Straße und zog voreinander den Hut. Man legte Wert auf die korrekte Anrede und das formelle „Sie“. Man stand auf, wenn eine Dame das Zimmer oder ein Lehrer den Klassenraum betrat. All das war ein selbstverständlicher Teil der Erziehung – und entsprach einer hierarchisch gegliederten Gesellschaft.

Doch spätestens in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gerieten mit den Hierarchien auch die Umgangsformen in die Krise. Der Studentenbewegung erschien es hohl und verlogen, vor Würdenträgern einen „Bückling“ zu machen. Die Anerkennung von Autoritäten vertrug sich nicht mit dem neuen demokratischen Bewusstsein. Die Umgangsformen wurden lockerer. Man erzog die Kinder antiautoritär. Und seither gilt Respektlosigkeit als regelrecht chic. „Mein Kind ist selbstbewusst“ hört man nun Eltern prahlen, „es lässt sich von den Lehrern nichts gefallen!“.

Und selbst Senioren halten sich etwas darauf zugute, dass sie jedem ohne Scheu ihre abschätzige und beleidigende Meinung sagen. „Ich red’ halt, wie mir der Schnabel gewachsen ist!“, begründen sie das – und fahren dann fröhlich fort, andere Menschen herabzuwürdigen und verächtlich zu machen. Ja: Manche Senioren legen mit ihrem losen Mundwerk genau die Respektlosigkeit an den Tag, die sie der „Jugend von heute“ vorwerfen.

Was aber steckt dahinter? Und woher kommt die große Leidenschaft, jeden, der eventuell „etwas Besseres“ sein könnte, mit Schmutz zu bewerfen? Ist es die Neigung der Mittelmäßigen, alles Überragende auf ihr eigenes Mittelmaß herunterzuziehen? Ist es der demokratische Gleichheitsgrundsatz, der dahingehend missverstanden wird, alle Menschen seien gleich schlecht – und sollten darum auch gleich schlecht behandelt werden? Will man Selbstbewusstsein demonstrieren, indem man alle gering achtet, außer sich selbst? Oder rächen sich Menschen, die sich nicht anerkannt fühlen, indem sie auch ihrerseits niemand anerkennen?

Vielleicht spielt das alles eine Rolle. Entscheidend dürfte aber sein, dass man den Respekt, den man einem Menschen schuldet, abhängig macht von vorher zu erbringenden Leistungen: „Wer von mir respektiert werden will, soll erst einmal beweisen, dass er Respekt verdient!“ – so könnte man diese Haltung zusammenfassen. Wer sie vertritt, will nur den würdigen, der sich würdig verhält, und nur den achten, der Achtenswertes leistet. „Ehre, wem Ehre gebührt!“ – lautet das Motto. Doch was bedeutet das anderes, als jeden Menschen bis zum Erweis des Gegenteils für „nichtswürdig“ zu halten und ihm Achtung zu verweigern? Es läuft darauf hinaus, dass der Mensch sich eine respektvolle Behandlung erst „verdienen“ muss. Wenn ihm das aber nicht gelingt – bin ich dann wirklich berechtigt, auf ihn herabzuschauen?

Meist wirkt sich die Verknüpfung von Leistung und Respekt doppelt negativ aus, indem sie den Urteilenden zur Arroganz verleitet und den Beurteilten in die Depression treibt. Denn jeder Mensch hat den Wunsch, geachtet zu werden und sich selbst achten zu können. Wenn die Anderen aber seine Leistungen nicht sehen oder sie nicht verstehen, sie nicht anerkennen oder nicht würdigen – wie soll er dann das eigene Dasein bejahen können? In einer Gesellschaft, die Respektlosigkeit zum Normalfall macht, werden die Schwächeren permanent gekränkt, weil sie den Respekt, den sie brauchen, nicht erzwingen können. Auf fortgesetzte Kränkung reagiert der Mensch aber entweder depressiv, aggressiv oder selbstzerstörerisch. Vom Alkoholismus bis hin zum Amoklauf werden viele schreckliche Taten begangen, weil die Betroffenen sich nicht be-achtet und nicht ge-achtet fühlen. Dabei ließe sich das ändern, wenn in unserer Gesellschaft ein Konsens darüber bestünde, dass jeder Mensch – unabhängig von irgendwelchen Leistungen – Respekt verdient.

Es fragt sich nur, worauf dieser Respekt zu gründen ist. Auf Einsicht und Freundlichkeit vielleicht? Auf staatliche Gesetze? Auf eine wechselseitige Übereinkunft der Beteiligten? Oder auf ein positives Menschenbild? Ergibt sich auf diese Weise ein Respekt, der auch jene einschließt, die sich ganz offen ehrlos und würdelos benehmen? Oder müssen wir uns einreden, diese Leute hätten einen „guten Kern“, der bloß nicht recht zur Geltung kommt?

Nein: Ich denke, der christlichen Glauben hat eine bessere Antwort zu geben. Denn vom Glauben her kann man den Mitmenschen illusionslos sehen, als den Sünder, der er ist – und kann dennoch respektvoll mit ihm umgehen, weil man im Geschöpf den Schöpfer ehrt. Als Christ respektiere ich mein Gegenüber nicht aufgrund von Leistungen oder Qualitäten, sondern ich respektiere im Gegenüber den Willen meines Schöpfers, der auch diesen Menschen gewollt und geschaffen hat, ihn wichtig nimmt und liebt. Mag mir ein Mensch noch so nichtsnutzig und unsympathisch erscheinen: Jesus Christus ist doch für ihn gestorben. Er war es ihm wert. Wenn Gott aber einen so hohen Preis gezahlt hat, um diesen Menschen zu retten, dann steht es mir nicht zu, ihn zu verwerfen und zu verdammen.

Ich muss deswegen nicht jeden mögen. Und ich muss auch nicht gut finden, was er tut. Aber ich muss jeden Menschen insoweit respektieren, dass ich die Daseinsberechtigung anerkenne, die ihm sein Schöpfer zuerkannt hat. Er mag mich stören, dieser Mensch. Und doch nimmt er in dieser Welt nur deshalb Raum ein, weil Gott ihm Raum gegeben hat. Dem Geschöpf aber durch verächtliche Behandlung diesen Raum abzusprechen, hieße seinen Schöpfer zu kritisieren. Die Respektlosigkeit, mit der ich dem Geschöpf begegne, wäre zugleich Respektlosigkeit gegen den, der es gewollt hat. Und das verträgt sich nicht mit dem christlichen Glauben.

Mag ich einen Menschen auch „unmöglich“ finden – er hat trotzdem das Recht zu sein, weil Gott ihn schuf. Und diese Schöpfertat soll ich (innerlich und äußerlich!) tätig bejahen, indem ich dem anderen mit Achtung begegne. Denn wollte ich das Dasein des Anderen verneinen, indem ich heimlich denke „ach, wäre dieser Mensch doch nie geboren!“, so hieße das in Wahrheit, ihm den Tod zu wünschen und durch die Nichtachtung seiner Person gegen das 5. Gebot zu verstoßen (vgl. Mt 5,21-22!).

Respekt schulden wir also jedem – und sollten uns auch durch seine Fehler nicht davon abbringen lassen. Doch bedeutet das nicht, dass wir auf Kritik verzichten müssten, um respektieren zu können. Im Gegenteil: Die Kritik braucht den begleitenden Respekt, damit sie ohne Gesichtsverlust angenommen werden kann. Und der Respekt braucht die begleitende Kritik, um vor Missverständnissen geschützt zu sein. Missversteht nämlich jemand den erwiesenen Respekt als Zustimmung zu seiner problematischen Lebensweise, fühlt er sich in seiner Eitelkeit bestärkt oder meint er gar, man respektiere ihn aus Furcht, so darf und muss man diesen Irrtum aufklären:

Rabbi Samuel ben Sosratai ging nach Rom, als die Kaiserin ein Armband verloren hatte. Er fand es. Ein Herold zog durch das Reich und rief aus: „Wer das Armband innerhalb von dreißig Tagen zurückbringt, erhält eine Belohnung; wird es aber bei jemandem nach den dreißig Tagen gefunden, wird ihm der Kopf abgeschlagen!" Rabbi Samuel brachte das Armband nicht innerhalb der dreißig Tage zurück. Er tat es erst, als die dreißig Tage vorüber waren. Da sprach die Kaiserin zu ihm: „Warst du denn nicht im Reich?" Er antwortete: „Doch!" „Hast du den Ruf des Herolds gehört?" „Ja, ich habe ihn gehört." „Und was hast du ihn ausrufen gehört?" Er erzählte es ihr. „Warum hast du also nicht das Armband innerhalb der dreißig Tage zurückgebracht?" Er antwortete: „So dass du nicht sagen sollst, dass ich dich fürchte. Ich habe es zurückgebracht, weil ich Gott fürchte." Da sprach die Kaiserin: „Gelobt sei der Gott der Juden!"