Erg. 29 • Von der Tugend der Barmherzigkeit

Fünfe gerade sein lassen?

 

Mit der Forderung nach Barmherzigkeit rennt man im Allgemeinen offene Türen ein. Denn wer wollte schon als „unbarmherzig“ gelten? Es ist uns sympathisch, wenn Menschen Mitleid zeigen, wenn sie zu helfen und zu vergeben bereit sind. Denn jeder von uns war selbst schon einmal auf die Milde und Nachsicht anderer angewiesen. Prinzipielle Einwände gegen Barmherzigkeit hat wahrscheinlich niemand. Und trotzdem wird es schwierig, wenn diese Tugend nicht nur gepriesen, sondern im konkreten Fall angewandt werden soll. Da gerät sie nämlich schnell mit Forderungen der Gerechtigkeit in Konflikt, die ihrerseits auch berechtigt sind. Und was ist dann wichtiger? Die konsequente Anwendung des Rechtes – oder der barmherzige Umgang mit den Fehltritten anderer?

Diese Fragestellung wurde mir unerwartet wichtig, als ich vor vielen Jahren mit meiner Frau eine Motorradtour unternahm. Spät abends kam uns auf einer entlegenen Landstraße ein Autofahrer entgegen, der plötzlich schlingerte, seine Spur verlies und das Heck meines Motorrades streifte. Die Stoßstange verfehlte zum Glück unsere Beine und zerstörte nur den Seitenkoffer – weiter war nichts passiert. Der Mann roch sehr nach Alkohol, als er sich wortreich entschuldigte. Und da er um seinen Führerschein fürchtete, bat und bettelte er sehr, wir sollten doch die Polizei aus dem Spiel lassen. Nachdem er zugesichert hatte, den Seitenkoffer zu bezahlen, ließ ich mich überreden. Zum einen, weil wir bei Einbruch der Nacht in dieser verlassenen Gegend sehr lang auf die Polizei hätten warten müssen. Und zum anderen, weil ich „barmherzig“ sein wollte. Ich ließ den Mann also gehen.

Später kamen mir allerdings Zweifel an dem, was ich für „Barmherzigkeit“ gehalten hatte. Denn nach einigen Tagen erfuhr ich, dass der alkoholisierte Mann noch in derselben Nacht mit demselben Wagen einen zweiten, viel schwereren Unfall verursacht hatte. Was, dachte ich, wenn dabei jemand ums Leben gekommen wäre? Hätte ich diesen Todesfall dann nicht mitverschuldet, weil ich den angetrunkenen Fahrer aus missverstandener „Milde“ nicht aus dem Verkehr ziehen ließ? Tatsächlich hatte meine (etwas gönnerhafte) „Barmherzigkeit“ andere Menschen in Gefahr gebracht. Und ich begriff im Nachhinein, was jeder Richter und jeder gute Erzieher bestätigen kann: Dass nämlich Nachsicht an der falschen Stelle genauso verheerende Folgen haben kann wie übermäßige Strenge. Gerade im Umgang mit Kindern liegt es nahe, sich auf „Barmherzigkeit“ zu berufen, wenn man keine Lust hat, die Einhaltung sinnvoller Regeln durchzusetzen. Konsequenz ist bekanntlich mühsam – und Wegschauen sehr einfach. Es ist eine sehr fragwürdige „Milde“, wenn sie aus Trägheit erwächst. Doch andererseits – wo kämen wir hin, wenn wir niemals „Fünfe gerade sein ließen“? Und wie könnten wir als Christen, die wir doch täglich von Gottes Barmherzigkeit und Vergebungsbereitschaft leben, auf Güte und Milde verzichten? Gott ist schließlich großzügig mit uns! Kann er da nicht erwarten, dass wir es mit den anderen auch sind? Oft genug fordert uns das Neue Testament auf zu vergeben, wie uns vergeben ist (vgl. Mt 18,21ff.).

Und doch zeigt das Beispiel des alkoholisierten Autofahrers, dass eine pauschale, unterschiedslose „Milde“ großen Schaden anrichten kann, wenn die „großzügige“ Behandlung eines Menschen sein Fehlverhalten weiter fördert und bestärkt. Es kann schwerlich Gottes Wille sein, dass wir immer und überall beide Augen zudrücken. Denn in einem solchen missverstandenen Sinne ist auch Jesus nicht „barmherzig“ gewesen. Jesus war keineswegs nachsichtig mit den Pharisäern, sondern hat ihre Heuchelei heftig angeprangert (vgl. Mt 23,1-36). Er war auch nicht nachsichtig mit den Tempelhändlern (vgl. Mt 21,12-13) oder den Reichen (vgl. Mt 19,16-26). Und in der Bergpredigt zeigt er eine Strenge, die die Hörer zutiefst erschreckt haben muss (vgl. z.B. Mt 5,29-30).

Wenn Jesus aber auf der anderen Seite große Barmherzigkeit zeigt, mit dem Schächer am Kreuz (vgl. Lk 23,39-43) und der Ehebrecherin (vgl. Joh 8,1-11), mit den Zöllnern und Sündern (vgl. Lk 5,27-32), den Mühseligen und Beladenen (vgl. Mt 11,28) – ist das dann inkonsequent? Nein. Vielmehr zeigen all diese Berichte, dass Jesus klar zu unterscheiden weiß: Wo ein Mensch an seinem Fehlverhalten uneinsichtig festhält, da zeigt Jesus nie Nachsicht und Milde. Wo aber einer seine Schuld einsieht, da ist Jesus niemals streng. Wo ein Sünder keine Reue zeigt, da ist Jesus auch nicht nachsichtig, denn dort würde Nachsicht das Fehlverhalten nur weiter bestärken. Toleranz würde als Duldung des Bösen oder gar als Zustimmung missverstanden – und würde damit alles nur noch schlimmer machen! Wo aber ein Sünder umkehren will vom falschen Weg, seine Schuld gesteht und Reue zeigt, da ist Jesus niemals unerbittlich oder hart, sondern zeigt unermüdliche Geduld und Freundlichkeit, indem er den Umkehrenden ermutigt, ihn mit offenen Armen empfängt und auch den geringsten Fortschritt gelten lässt.

Mit anderen Worten: Die Barmherzigkeit, die Gott übt und auch von uns fordert, ist kein Prinzip, das man unterschiedslos auf alles und jeden anwenden könnte. Sie ist keine Toleranz gegenüber dem Falschen. Und sie kommt darum auch nur bei den Schuldbewussten richtig an, die sich der Barmherzigkeit bedürftig wissen. Barmherzigkeit nutz nur dem einsichtigen Täter. Dem Uneinsichtigen schadet sie sogar. Darum sollte diese Tugend streng unterschieden werden von ihrer fragwürdigen Zwillingsschwester, der billigen Kopie der Barmherzigkeit, dem Laissez-faire. Denn die Haltung eines prinzipiellen Laissez-faire, die einfach jedes Verhalten gelten lässt („Man darf das nicht so eng sehen“), beruht nicht auf Liebe, sondern nur auf einer Relativierung der Normen. Es ist eine Haltung voller Gleichgültigkeit. Denn wenn ich jemandem alles durchgehen lasse, heißt das nur, dass mir sein Schicksal egal ist.

Barmherzigkeit ist demgegenüber ganz anders: Sie nimmt die geltenden Normen ganz ernst und nimmt auch den Menschen wichtig, der gegen sie verstößt. Sie speist sich aus liebevollem Interesse am Anderen – und ist darum auch bereit, einen Konflikt auszuhalten, wenn es nötig ist, um den, der in sein Unglück läuft, zu stoppen. Barmherzigkeit leidet mit dem, der durch falsches Handeln sich selbst und anderen schadet. Doch eines tut sie – bei aller Liebe – nie: Sie freundet sich nie mit dem Fehler an, der begangen wurde, sondern freundet sich nur mit dem Menschen an, der ihn begangen hat.

Barmherzigkeit redet nichts schön. Sie nennt das Schwarze nicht weiß und tut nicht so, als wäre das Böse gut. Sie ist aber gern bereit, die Tat vom Täter so zu unterscheiden, dass sie die Tat verwerfen und den Täter trotzdem vorbehaltslos annehmen kann. Barmherzigkeit gibt keinen auf. Nur: Wo der Täter selbst diese Unterscheidung nicht mitvollzieht und stattdessen an seinem Tun festhält, da kann die Barmherzigkeit nicht zum Zuge kommen. Denn wenn der Täter die Tat gar nicht bedauert und sich nicht davon lossagt, wie könnte er dann Barmherzigkeit annehmen?

Die traurige Konsequenz ist, dass es weder bei Menschen noch bei Gott eine Vergebung ohne Reue geben kann. Der Schuldige selbst muss Vergebung wollen. Niemand kann sich verzeihen lassen, was er nicht für Schuld, sondern für „sein gutes Recht“ hält. Und praktisch heißt das: Jeder von uns muss, bevor er sich für oder gegen „nachsichtiges“ Verhalten entscheidet, prüfen, ob sein Gegenüber diese „Nachsicht“ auch richtig verstehen kann.

Sieht der Täter darin nur die Bestätigung, dass sein Normenverstoß „nicht so schlimm“ war, zeigt er keine Einsicht und dementsprechend auch keinen Willen zur Umkehr, so würde Barmherzigkeit ihn nur auf dem falschen Wege bestärken. Sie würde ihm mehr schaden als nützen. Ist dagegen der Normverstoß dem Täter in der Weise bewusst, dass er seinen Fehltritt bedauert, so schulde ich ihm als Christ alle nur erdenkliche Nachsicht, Geduld, Vergebung und Ermutigung. Dann nämlich bin ich gefordert, am Nächsten zu handeln wie Gott an mir handelt, und soll die Freundlichkeit, die mir wiederfährt, weitergeben an meinen Schuldiger, der sie genauso nötig hat wie ich.