Vom Sich-nicht-abfinden

 

Seit einiger Zeit beschäftigt mich die Frage, wie man mit Situationen umgeht, die ärgerlich und doch nicht zu ändern sind. Und ich vermute, dass ich nicht der Einzige bin, den das umtreibt. Denn vieles in der Welt ist ja „Fakt“, was nicht „Fakt“ sein sollte. Im großen wie im kleinen Maßstab geschieht viel Unrecht. Und obwohl wir es klar erkennen, müssen wir doch bei vielem sagen „Da kann man nichts machen, das ändern wir nicht…“ Wenn wir eine Weile erfolglos damit gehadert haben, setzt Gewöhnung ein. Man kann sich an der Realität ja nicht endlos „wundreiben“. Und so nimmt man‘s erst widerwillig hin, um es schließlich doch zu akzeptieren. Das Falsche siegt, weil es keiner mehr in Frage stellt. Es „ist nun mal so“. Darum zürnt man, ermüdet und stumpft ab, man resigniert und lernt schließlich, mit den Gegebenheiten zu leben… Aber ist das dann auch richtig – oder ist es nur praktisch unvermeidbar? Geschwister liegen im Streit, weil keiner über seinen Schatten springt. Und ganze Länder leben in Armut, weil die Machthaber korrupt sind. Menschen sterben, weil medizinische Hilfe nun mal Geld kostet. Und wenn Manager versagen, verlieren kleine Angestellte ihren Job. Verbrecher kommen davon, wo es an Beweisen fehlt. Und Kinder verwahrlosen, weil ihre Eltern sich nicht kümmern. Nichts davon ist neu – es ist der ganz normale Irrsinn! Aber was sagen wir dazu? Das ist halt so? Das änderst du nicht? Finde dich ab? Tatsächlich wär’s eine Überforderung, sich permanent aufzuregen. Denn wenn wir uns das Elend der Welt ständig vor Augen hielten, verlören wir alle Freude. Und von der Empörung allein würde auch noch nichts besser! Wenn wir aber resignieren – hat das Unrecht dann nicht gewonnen und genau die Akzeptanz erzwungen, die ihm nicht zusteht? Können wir überhaupt gute Menschen bleiben, wenn wir das Böse hinnehmen? Oder hat es uns damit schon halb auf seine Seite gezogen? Wir geraten hier in ein Dilemma. Wir fragen uns, wieviel Widerstand nötig, und wieviel Ergebung erlaubt ist. Und wir spüren, dass verschiedene Perspektiven durcheinander gehen. Denn einerseits fordert unser Realismus, die Tatsachen als Tatsachen anzuerkennen. Und andererseits fordert unser Gerechtigkeitssinn, dem Bösen die Daseinsberechtigung zu bestreiten. Wir sind gezwungen, mit dem umzugehen, was ist, obwohl es nicht sein sollte. Wir müssen die Existenz dessen anerkennen, dessen Legitimität wir leugnen. Und obwohl uns diese Doppelung zerreißt, können wir weder das eine noch das andere unterlassen. Denn ohne den ethischen Blick auf das Faktische gäbe es keinen kritischen Impuls zur Veränderung. Und ohne den realistischen Blick, der auf dem Teppich bleibt, ließen sich keine erfolgversprechenden Strategien entwickeln. Bewahren wir uns aber beides, so bleibt’s auch bei der ärgerlichen Feststellung, dass man in dieser Welt kein anständiger Mensch sein kann, ohne sich ständig an den Gegebenheiten zu reiben. Krishnamurti sagt zu Recht: „Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine zutiefst kranke Gesellschaft zu sein.“ Und doch wird der unangepasst Gesunde in einer Mehrheitsgesellschaft von Kranken bald als „verrückt“ gelten und in Schwierigkeiten kommen. Oder ist es nicht genau das, was mit Jesus geschah? In dieser Welt ist viel Nichtiges und Falsches, das trotz seines offenkundigen Unwertes Geltung beansprucht. Obwohl es Gottes gute Schöpfung verneint, kann es sich inmitten dieser Schöpfung lange behaupten. Und in seiner Verkehrtheit fordert es sogar, das Richtige möge sich ihm – dem Falschen – anpassen! Wir aber, was machen wir damit? Leiden wir dran, wie an einer nie heilenden Wunde? Beugen wir uns der Macht des Faktischen, um unsere Ruhe zu haben? Oder verweigern wir uns, um wenigstens innerlich im Dissens zu verharren? Es wird sie nicht wundern, wenn ich als Christ meine Antwort aus dem Evangelium ableite. Denn was berichtet das Neue Testament anderes, als dass diese verkehrte Welt überwunden werden soll, und dass Gott in Christus bereits die nötigen Weichen gestellt hat, um seine gefallene Schöpfung gesunden zu lassen und in das Reich Gottes zu überführen? Wir müssen nicht denken, dass nur wir allein mit den Gegebenheiten hadern. Auch Gott weiß, dass es mit dieser Welt nicht zum Besten steht! Und das Evangelium verkündet, dass er unterwegs ist, um alles, was nicht sein soll, ins Nicht-Sein zu befördern, und dem Guten, das heute noch fehlt, zu seinem Recht zu verhelfen. Auch Gott reibt sich am Zustand der Schöpfung! Und er hat durch seinen Sohn eine Revolution angekündigt, die mit der Menschwerdung des Sohnes begonnen hat. In Christus kommt, mit ihm beginnt die Zeit, in der die Leidtragenden getröstet, und die nach Gerechtigkeit Hungernden satt werden. In Christus kommt, mit ihm beginnt die Zeit, da die Barmherzigen Barmherzigkeit erlangen, und die Sanftmütigen das Erdreich besitzen. In Christus kommt, mit ihm beginnt die Zeit, da die Friedfertigen Gottes Kinder heißen, und die Verfolgten den Himmel erben. Denn all das, was die Seligpreisungen ankündigen (Mt 5,1-12), hat Christus durch sein Leben Sterben und Auferstehen ins Rollen gebracht. Gott hat angefangen, die verkehrte Welt vom Kopf wieder auf die Füße zu stellen. Und wenn‘s jetzt auch noch auf verborgen Weise geschieht (durch den Heiligen Geist und im Glauben), so wird das Reich Gottes doch einmal massiv und sichtbar hereinbrechen. Gott selbst hat‘s angekündigt – und wir wären schlechte Christen, wenn wir ihn nicht beim Wort nähmen! Denn was der Allmächtige verspricht (der nie etwas zurücknimmt, und dessen Entschlüsse niemand hindern kann), das ist schon so gut wie geschehen. Wir „hoffen“ also nicht bloß drauf, sondern wissen, dass es kommt. Und es wäre seltsam, wenn dieses Vorauswissen nicht schon heute unseren Blick auf die Dinge bestimmte! Darum sagte Bonhoeffer: „Die Kirche redet in der alten Welt von der neuen Welt. Und weil ihr die neue Welt gewisser ist als alles andere, darum erkennt sie die alte Welt allein aus dem Lichte der neuen Welt.“ Neue Welt heißt – für Christen ist das Ende der Geschichte nicht ungewiss, sondern wir kennen es bereits. Das Kommen Christi ist der Anfang vom Ende all dessen, was unsere Seelen heute noch wund macht. Mit Christus begann Gottes Reich unaufhaltsam unter uns zu wachsen. Und im Lichte seiner Zukunft betrachten wir unsere Gegenwart. Denn was Gott morgen zerstören wird – ist das nicht schon heute „nichtig“? Und was Gott für morgen ankündigt – ist das nicht durch diese Ansage schon heute „wirklich“? In Johannes 3,18 steht es sehr deutlich. Wer an den Sohn Gottes glaubt, wird nicht „irgendwann später“ gerettet, sondern ist es schon heute. Und wer den Sohn Gottes verwirft, wird nicht „irgendwann mal“ gerichtet, sondern ist es schon jetzt. Die alte Welt ist zwar äußerlich noch da und macht mächtig Eindruck. Aber in Christus ist sie eigentlich schon Geschichte. Die neue Welt hingegen ist noch sehr verborgen und kaum zu sehen. Aber in Christus ist sie doch schon da und bestimmt alle Zukunft. Sie sagen vielleicht: Die Menschen widerstreben dem! Nun, so ist es umso schlimmer für diese Menschen! Die Wissenschaft zeigt es nicht? Um so peinlicher für diese Wissenschaft! Das Unrecht will nicht weichen? Um so triumphaler wird es besiegt! Denn warum spricht Jesus von jenen Bäumen, denen die Axt schon an die Wurzel gelegt ist (Mt 3,10)? Warum erzählt er seinen Jüngern, während sie den Tempel bestaunen, dass dort kein Stein auf dem anderen bleibt (Mt 24,2)? Jesus will doch offenbar, dass seine Jünger die Gegenwart von der Zukunft her beurteilen und sich schon heute mehr am Kommenden orientieren als am Vergehenden. Er ist bei uns erschienen, um einen neuen Geist zu wecken, der nicht mehr im Bann der alten Logik steht. Denn das Böse, das uns heute quält, wird morgen nicht mehr sein und ist schon jetzt in Christus überwunden. Das Gute aber, das uns heute noch fehlt, steht bereits vor der Tür, denn es ist mit Christus gekommen und in ihm gegenwärtig. Was Gott verneint, ist schon so gut wie weg. Und was er verspricht, ist schon so gut wie passiert. Was stünde also einem Christen schlechter zu Gesicht, als dass er sich kleinlaut in das Falsche fügt? Und wie würden wir unseren Gott beschämen, wenn wir uns jetzt noch dem Bösen beugen wollten? Löst Gott unsere Ketten – und wir bewegen uns nicht? Zeigt er uns die Zukunft – und wir schauen nicht hin? Schenkt er uns den Sieg – und wir ergeben uns einem bereits geschlagenen Feind? Das wäre kläglich. Denn es mag ja sein, dass die Vernunft keine Hoffnung sieht. Aber das liegt an den Schranken der Vernunft! Es mag sein, dass sich die Wirklichkeit gegen Gott sträubt! Aber das ist nicht schlimm für ihn, sondern für die Wirklichkeit! Es mag sein, dass von Gottes Reich noch nicht viel zu sehen ist! Aber hat das Jesus gehindert, uns schon heute selig zu preisen? Nehmen wir doch bitte ernst, dass Gott uns in das Ende seiner Wege eingeweiht hat! Wir wissen, was Gott mit dieser Welt vorhat. Und erst, wenn wir das in unsere Betrachtung mit einbeziehen, sind wir in Wahrheit „Realisten“. Jesus will, dass wir den Roman der Weltgeschichte vom Ende her beurteilen. Und wenn wir’s tun, müssen wir uns nicht mehr kleinlaut mit schlimmen Verhältnissen abfinden, sondern dürfen wissen, dass Christus all dem Verkehrten, das uns quält, ein Verfallsdatum aufgedrückt hat. Wenn’s aber so ist – wieviel Bedeutung kann das Falsche dann haben? Wie leicht wiegt das, was nur noch eine Zeit lang besteht, um dann eine Ewigkeit lang überwunden zu sein? Und wie ungleich größeres Gewicht hat demgegenüber das Richtige, das nur noch ein kleines Weilchen fehlt, um dann eine Ewigkeit lang Bestand zu haben? Was wird aus einem begrenzten Defizit, wenn man „Unendlich“ dazu addiert? Wird’s in der Summe nicht „Unendlich“? So wird das vergängliche Falsche untergehen in der Unendlichkeit des Richtigen, dem es weichen muss. Und dies Richtige wiegt ungleich schwerer, weil es, wenn es Platz gegriffen hat, unendlich lange gilt und bleibt. Der Schriftsteller Unamuno hat gesagt „Was nicht ewig ist, das ist auch nicht wirklich.“ Und diese These ist nur ein klein wenig überspitzt. Denn wenn das Nicht-Ewige auch vorübergehend sehr „wirklich“ scheint, so hat’s doch keine bleibende Bedeutung und ist darum nicht letzte, sondern nur vorletzte Wirklichkeit… Natürlich hat das Böse Macht, unsere Herzen eine Zeit lang bluten zu lassen! Es füllt uns mit Bitternis und zornigen Tränen! Man müsste ein Narr sein, um das zu leugnen! Aber mit dem Blick auf das Kommende müssen wir diesem Druck nicht erliegen. Denn, wie Paulus sagt, werden „dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“ (Röm 8,18). So sind wir Christen also keineswegs Träumer. Was an dieser Welt verkehrt ist, das sehen wir in ungeschönter Hässlichkeit! Aber die realistische Wahrnehmung enthält keine Spur von Akzeptanz oder Resignation. Denn als Christen haben wir Gott mit auf der Rechnung, der – genau wie wir – das Gegebene grundlegend in Frage stellt. Und mit ihm an unserer Seite muss uns die eigene Ohnmacht auch nicht zu sehr deprimieren. Denn anders als wir muss Gott seine Wünsche nicht denen der Welt anbequemen, sondern kann, was nicht passt, passend machen. Der Ausgang des Konfliktes steht schon fest und kann in der Offenbarung des Johannes nachgelesen werden! Wenn wir den aber kennen – warum soll uns das Unrecht noch imponieren? Das Verkehrte ist doch heute schon ohne Zukunft. Was nicht sein soll, wird bald nicht mehr sein. Wir müssen uns nicht damit abfinden oder uns dran gewöhnen! Und wenn’s im Moment auch noch mächtig Schmerzen bereitet, steht sein Untergang doch vor der Tür. Sollten da ausgerechnet wir Christen die Herrschaft des Falschen anerkennen, die wir doch wissen, dass es nicht bleibt? „Die Kirche redet in der alten Welt von der neuen Welt. Und weil ihr die neue Welt gewisser ist als alles andere, darum erkennt sie die alte Welt allein aus dem Lichte der neuen Welt.“ Bonhoeffers Wort bleibt wahr. Und so erweisen wir uns gerade durch die Nicht-Anerkennung des Gegebenen als Kirche Jesu Christi. Denn „wahrnehmen“ und „anerkennen“ ist zweierlei. Die „alte Welt“, die wir wahrnehmen, ist ein Auslaufmodell. Die „neue Welt“ aber, die Christus ansagt, ist im Modus seiner Verheißung schon wirklich. Gottes Reich, das wir verkündigen, ist in der Verkündigung schon da. Es wirft mächtige Schatten voraus! Und zu wissen, dass Gott selbst vor der Tür steht, das schafft drinnen im Haus seiner Schöpfung eine neue Situation. Darum sehen wir als Christen, was alle sehen, und beklagen es mit den Leidenden. Wir beugen uns aber nicht, sondern sind und bleiben mit aller Wirklichkeit zerfallen, die nur ist, und nicht auch sein soll. Was nicht sein soll, das wird auch nicht bleiben. Und sofern es nicht bleibt, ist es schon jetzt im Schwinden und trägt die Signatur des bloß Vorläufigen. Genau wie alle anderen sehen wir Christen, dass das Misslungene misslungen, und das Tote tot ist. Aber das Verlorene geben wir deshalb noch lang nicht verloren, sondern trauen Gott zu, dass er es wieder herstellen kann. Wichtiger als die trübe Vergangenheit der Dinge ist die lichte Zukunft, die Gott ihnen schenken kann. Denn was uns entgleitet, ist für ihn noch nicht gescheitert. Und wenn Gott das Gute nicht aufgibt – warum sollten wir das dann? Lasst uns doch sehen wer Recht behält! Lasst uns doch sehen, ob Satan nicht am Ende das Lachen vergeht! Wenn er aber verlangt, wir sollten jetzt schon verzagen, so sagen wir „Nö!“ – und verweisen auf Jesus Christus, der den längeren Atem hat und ihn richten wird. Oder sollte das ein großes Wagnis sein, wenn wir drauf wetten, dass Gott Wort hält? Wir können’s gelassen tun und gewinnen dadurch ein christlich-guter Starrsinn, der alle Schwermut frech vertreibt und an die Übermacht des Bösen auch dann nicht glaubt, wenn der Augenschein dafür spricht. Seien wir beharrlich in dieser Zuversicht, die Berge versetzt! Und wenn wir uns mal wieder reiben an dem, was nicht sein sollte, denken wir dran, dass uns dieses Empfinden mit Gott verbindet – und dass es seinetwegen nicht ewig währen wird. Was schließlich könnte im Falschen richtiger sein als ein unbeirrt rebellischer Geist?