Erg. 21 • Sich in den Willen Gottes ergeben

Wann darf man resignieren?

 

Es gibt in unserer Gesellschaft ein ungeschriebenes Gesetz, das kaum je in Frage gestellt wird, und dieses Gesetz lautet: „Man darf nicht resignieren.“ Egal ob man alte oder junge Menschen fragt, Gläubige oder Ungläubige – darin sind sich eigentlich alle einig: Dass „Resignation“ etwas Schlechtes ist, und Hoffnung allemal etwas Gutes. „Man darf sich doch nicht hängen lassen!“ heißt es. „Man muss doch nach vorne schauen!“, „Wer wird denn gleich aufgeben?“, „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!“.

Jeder kennt diese aufmunternden Sprüche, mit denen einer dem anderen Hoffnung und Zuversicht einzuflößen versucht. Nur: Warum tun wir das eigentlich? Was ist so schlimm daran, wenn jemand seine Hoffnungen fahren lässt und sich in das Unabänderliche ergibt? Warum muss man ihn unbedingt davon abhalten, seine Träume zu begraben und sich in ein widriges Schicksal zu fügen?

Nun – ich weiß, dass solche Fragen ketzerisch klingen. Und dass man sie gerade von einem Pfarrer nicht erwartet. Dennoch möchte ich das allzu Selbstverständliche in Frage stellen und entgegen dem üblichen Zweckoptimismus ein Loblied singen auf eine rechte, christliche Bereitschaft zum Verzicht. Ich weiß: Verzichten, Loslassen, Wünsche aufgeben – das ist höchst unpopulär. Aber überlegen sie einmal:

Wenn Gott uns bestimmte Wünsche nicht erfüllen will, ist es dann gut, gegen seinen Willen anzuhoffen? Wenn es Gott ist, der mir dies oder das verwehrt, ist es dann nicht besser, zu wollen, was er will, von den eigenen törichten Träumen Abschied zu nehmen und sich ohne alle Bitternis in Gottes Vorsehung zu fügen?

Ja, eben das nenne ich christliche Bereitschaft zum Verzicht, wenn man es Gott überlässt, welche Wünsche er uns erfüllen mag – und welche nicht. Denn unsere menschliche Hoffnung richtet sich auf vielerlei (auch auf viel Fragwürdiges) und wir wissen nie genau, ob unsere Träume in Gottes Pläne hineinpassen. Passen sie aber nicht hinein, lässt Gott sie platzen, und halten wir dennoch stur an ihnen fest, so kann ein allzu beharrliches Hoffen gefährlich werden. Denn bewusst gegen Gottes Willen anzuhoffen, das heißt ja zuletzt: Sich mit Gott entzweien. Es heißt, ihm abfordern, was er nicht geben will. Es heißt aufbegehren und verlangen, dass Gottes Pläne meinen Plänen weichen sollen. Weil das aber nicht gut gehen kann, darum empfehle ich jene Bereitschaft zum Verzicht, die sich in den Willen Gottes fügt, weil sie ihm mehr Weisheit zutraut als sich selbst.

Dass es einfach wäre, sich in dieser Weise zu „fügen“, will ich nicht behaupten. Auch Jesus hat im Garten Gethsemane lange mit sich gerungen, bevor er zum Vater sagen konnte: „Dein Wille, nicht mein Wille geschehe.“ Und doch war dieser schwere Weg der Selbstauslieferung an Gott der einzige Weg, mit Gott eins zu bleiben. Jesus ist ihn gegangen. Gehen wir ihn auch?

Wir sind damit an einem heiklen Punkt angelangt, weil das, was ich „Selbstauslieferung an Gott“ nenne, missverstanden werden kann. Leicht könnte jemand folgern, „Glaube“ bestehe darin, dass man einfach alles hinnimmt wie es kommt und sich still in den Lauf der Welt schickt. Doch hätte er mich missverstanden. Denn ergeben soll sich ein Christ nur in den Willen Gottes – und keineswegs in jedes widrige Schicksal, das ihm und anderen widerfährt.

Gottes heilvoller Wille und der beklagenswerte Lauf der Welt müssen unterschieden werden. Denn unterschiedslos alles hinzunehmen, hieße ja auch das Böse hinzunehmen. Es hieße, sich auch an den Krieg und das Verbrechen, an den Hunger in der Welt und an die eigene Sünde zu gewöhnen. Und das sollen wir natürlich nicht.

Nein: Wir sollen durchaus dem widerstehen, was verkehrt ist in dieser Welt. Wir sollen dagegen ankämpfen und sollen uns dem Elend dieser Welt mit aller Kraft entgegenwerfen – denn das hat auch Jesus getan! Er hat Menschen provoziert, hat mit ihnen gestritten und ihr Leben auf den Kopf gestellt. Er hat radikale Veränderungen gefordert und hat damit Unruhe gestiftet. Seine Ergebung in den Willen Gottes hat ihn daran aber nicht gehindert, sondern im Gegenteil: Gerade die Hingabe an den Willen Gottes hat Jesus zum Widerspruch gegen den Zustand dieser Welt getrieben. Jesus hat mehr gehofft, hat mehr gewollt und mehr gekämpft als irgendein anderer Mensch. Und doch ließ er dabei seinen eigenen Willen ganz aufgehen im Willen Gottes. Nicht um seiner selbst willen tat Jesus, was er tat. Nicht, weil er privaten Hoffnungen nachgejagt wäre, sondern im Gegenteil: Nur weil er bereit war, auf alle persönlichen Hoffnungen zu verzichten, konnte er tun, was er zu tun hatte – und konnte sein Leben geben für uns Sünder. Nicht einem blinden Schicksal war er ergeben – aber Gott war er ergeben. Und eben darin sollten wir ein Vorbild unseres Glaubens finden, damit auch wir uns in den Willen Gottes fügen – uns aber keinesfalls fügen in den beklagenswerten Zustand dieser Welt.

Freilich: Wie unterscheidet man das eine vom anderen? Und was tut man im konkreten Fall, wenn das Leben wieder mal einen Weg verstellt, den man gerne gehen wollte? Woher weiß man dann, ob Verzicht angesagt ist oder Kampf, Ergebung oder Widerstand?

Eine pauschale Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Aber es gibt immerhin einen Satz, der uns bei der Entscheidung helfen kann. Ein kluger Mensch hat nämlich gesagt: „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen“. Und wenn man diese Einsicht auf unser Problem anwendet, ergibt sich daraus so etwas wie eine „Faustregel“. Unsere eigenen Wünsche (die oft nur auf Kosten anderer Menschen erfüllt werden können), sollten wir bereitwillig zur Disposition stellen. Aber auf Gottes Verheißungen und Geboten (die immer auch Hoffnung für andere Menschen einschließen) dürfen wir beharren.

Mit anderen Worten: Wenn der Wunsch, der mich umtreibt, eigennütziger Art ist, dann ist Zurückhaltung geboten und gegebenenfalls Verzicht. Erwächst der Wunsch aber aus der Sorge um andere Menschen oder kann ich mich dafür auf Gottes eigenen Willen berufen (kundgetan in Geboten, Weisungen und Verheißungen der Bibel!), so darf ich zuversichtlich sein im Hoffen und beharrlich im Träumen.

Wahrscheinlich gehören die meisten unserer Wünsche zur ersten Gruppe: Künstler hoffen auf ihren großen Durchbruch. Politiker hoffen, an die Macht zu kommen. Lottospieler hoffen auf das große Geld. Streitsüchtige hoffen darauf, endlich Recht zu bekommen. Geschäftsleute hoffen, die Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen. Und Sportler hoffen, einmal an der Spitze zu stehen. Das alles sind eigennützige Träume, wie sie jeder Mensch hat. Weil sie aber mit der eigentlichen christlichen Hoffnung nichts zu tun haben, sollten wir Wünsche dieser Art ganz Gott anheim stellen. Vielleicht mag er sie erfüllen. Mag er‘s aber nicht, so sollten wir bereitwillig und ohne Bitternis verzichten.

Ganz anders steht es dagegen, wenn wir leibliches Wohl oder seelisches Heil für andere herbeisehnen. Ist es mir ein Anliegen, dass andere geschützt, bewahrt oder gerettet werden, so darf ich unterstellen, dass ich darin mit Gottes Willen einig bin. Denn Gott meint es gut mit seinen Geschöpfen. Er hat versprochen, sie nicht sich selbst zu überlassen. Und auf die Hoffnung, die aus solcher Verheißung erwächst, dürfen wir um keinen Preis verzichten. Denn hier zu verzichten hieße, sich mit dem abzufinden, was Gott zuwider ist.

An den Krieg dürfen wir uns deshalb nicht gewöhnen und auch nicht an das Verbrechen, nicht an sexuellen Missbrauch und Folter, nicht an die Unerlöstheit und Gottferne dieser Welt. Hier zu resignieren, hieße Gottes Gebot und Verheißung preiszugeben. Darum gilt es an diesen Punkten beharrlich zu widerstehen, sich auch nicht beim Vorfindlichen zu beruhigen, sondern unablässig dem Bösen das Existenzrecht zu bestreiten in Wort und Tat.

Jesus hat auf diese „widerständige“ Weise gelebt. Tun wir es auch? Möge Gott uns Weisheit schenken, dass wir niemals unsere Pläne und seine Pläne verwechseln, dass wir lernen, eigennützige und uneigennützige Träume zu unterscheiden, uns Gott bereitwillig fügen, dem Bösen aber allezeit widerstehen.